Titelthema
„KI kann im Dienst des Humanismus stehen“
INTERVIEW Dr. Oliver Nahm sieht in generativer Künstlicher Intelligenz ein Werkzeug, das von Arbeit entlasten kann. Voraussetzung dafür ist, dass die Anwender ihr kritisches Denken beibehalten.
Herr Dr. Nahm, einer aktuellen Umfrage zufolge befürchtet jeder Dritte, seinen Arbeitsplatz durch den Einsatz von KI zu verlieren. Wenn das stimmt, welche Auswirkung hat dies möglicherweise auf Ausbildungsberufe – werden Berufsbilder „verschwinden“?
Es wird nicht so sein, dass wir ad hoc unsere Jobs verlieren. KI ist noch nicht so weit, wie manche es sich wünschen oder befürchten, je nach Perspektive. Die Entwicklung ist schwer kalkulierbar. Wir sollten uns vielmehr darauf konzentrieren, was uns als Menschen ausmacht — unsere Kreativität, unsere Fähigkeit zum kritischen Denken. Die Frage, die wir uns stellen müssen, lautet: ‚Wie kann KI dabei helfen, eine menschliche Gesellschaft zu erhalten?‘. ‚KI wird Menschen nicht ersetzen, aber Menschen, die KI nutzen, werden Menschen ersetzen, die KI nicht nutzen‘, meint dazu Professor Karim R. Lakhani von der Harvard Business School. Grundsätzlich ist es kein neues Phänomen, dass Jobs sich im Laufe der Zeit verändern oder sogar verschwinden und neue hinzukommen, denken Sie nur an Berufe, die es vor zehn Jahren noch nicht gab. Künstliche Intelligenz birgt ohne Frage viele Risiken, doch richtig eingesetzt kann sie im Dienst des Humanismus stehen.
Sie plädieren im Umgang mit Künstlicher Intelligenz für eine Mischung aus ‚Neugier gepaart mit einem kritischen Geist‘. Was bedeutet dies für den Bereich der Aus- und Weiterbildung?
Ich spreche vom ‚KI-Entdeckergeist‘: Man sollte sich selbst als Schöpfer begreifen und nicht denken, ‚Toll, KI macht meine Arbeit‘. Anwender sollten ihren proaktiven Geist behalten und KI als Werkzeug nutzen und sie so beispielsweise in ihre Ausbildung einbinden. Leider gibt es Indikatoren, die zeigen, dass Menschen bei der Nutzung von KI ihre Fähigkeiten zum kritischen Denken abgeben.
Was macht den Reiz solcher Sprachmodelle aus?
KI ist so etwas wie ein Echo der Menschheit, trainiert auf der Basis unserer Texte. Wir dürfen nicht vergessen, dass ihre Antworten wahrscheinlichkeitsbasiert sind. Sie liefern eine Basis, um weiterzudenken und wir erhalten die Chance, unsere Kreativität zu verbessern.
Gibt es schon konkrete Anwendungsfelder für KI-generierte Inhalte in der Aus- und Weiterbildung, beispielsweise Prüfungsfragen oder Ausbildungsordnungen?
Erste Inhalte werden derzeit bereits mit einigem Erfolg genutzt, um Prüfungsfragen in einfache Sprache zu übersetzen. Außerdem werden Chatbots erstellt, die die Lernenden individuell unterstützen. Die Anwendungsfelder sind breit, aber wir sind noch im Prozess, diese zu erschließen. Um hierbei zu helfen, startet das BIBB aktuell ein Forschungsprojekt, um die aktuelle Nutzung im Bereich der Berufsbildung zu untersuchen und zu unterstützen.
Ausbilderinnen und Ausbilder müssen eine „Ausbildereignungsprüfung“ ablegen. Muss der so genannte AdA-Schein zukünftig um eine KI-Komponente ergänzt werden?
Es ist unmöglich, etwas festzulegen oder zu regeln, das sich so schnell entwickelt wie KI. Es ist eine Technologie, die unsere Sprache spricht. Sinnstiftung, kritisches Denken, Kreativität — je besser ich als Mensch klassisch-humanistisch dastehe, desto besser kann ich KI einsetzen. Um für das Thema zu sensibilisieren, wäre die Qualifizierung durchaus eine Möglichkeit.
Wo ziehen Sie die Grenze für den KI-Einsatz in der Aus- und Weiterbildung?
Wichtig zu wissen ist, dass generative Künstliche Intelligenz durch ihre Grundstruktur anfällig für Fehler ist, so genannte Halluzinationen. Informationen werden nie ganz korrekt sein. KI hat kein impliziertes Wissen. Das muss immer klar sein.
Ein Blick nach vorn: Wie lehren und lernen wir im Jahr 2035?
Bildung wird viel individualisierter, beispielsweise durch entsprechende Lernbots. Die KI kann Wissen remixen aber nie über sich hinauswachsen.
Das Menschliche, Bedeutsame, Sinnstiftende passiert immer von Mensch zu Mensch und findet im Betrieb und in der Berufsschule statt. Ich freue mich, wenn diese menschliche Energie freigesetzt werden kann.
Heiko Stoll



