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Im Porträt

Die Nostalgische

Mitten in Enger erfüllte sich für Arzu Ipek ein Traum: Seit dem Frühjahr führt die 42-Jährige das Spielzeuggeschäft „Memories“ am Kirchplatz. Ihre frühere Chefin in der Kita Taka-Tuka-Land brachte sie auf die Idee, ihre Liebe zu Spielwaren und Kindern zu verbinden. Heute steht die Mutter zweier Töchter hinter der Theke, berät Familien und Kinder, füllt Geburtstags- wie Taufkisten, Adventskalender und Weihnachtskörbe.

Die gelernte Architektin erweitert das Sortiment stetig: zuletzt um Schulbedarf, Holzspielzeug und Produkte regionaler Hersteller. Unterstützung bei der Gründung erhielt sie von der Wirtschaftsförderung und ihrer Vorgängerin. Trotz anfänglicher Herausforderungen bleibt Ipek optimistisch: „,Memories‘ soll ein Ort sein, an dem Kinder staunen, Erwachsene schwelgen und neue Erinnerungen entstehen — nicht nur zu Weihnachten, sondern auch online, denn ein eigener Webshop ist bereits in Planung.“

NOSTALGIE UND NEUANFANG

Wenn man Arzu Ipek in ihrem Laden am Kirchplatz 11 besucht, riecht es ein wenig nach Holz, nach Papier und nach Kindheit. Zwischen bunten Tonie-Figuren, liebevoll drapierten Kuscheltieren und handgefertigten Holzfahrzeugen steht die Einzelhändlerin hinter dem Tresen und lächelt. „Hier entstehen Erinnerungen“, sagt sie, und man glaubt ihr sofort. Seit dem 2. April ist „Memories“ ihr Geschäft — ein kleiner, feiner Ort, an dem Nostalgie und Neuanfang aufeinandertreffen.

Dabei war die Selbstständigkeit für Arzu Ipek ursprünglich kein Plan, sondern ein unerwarteter Zufall. Bis Anfang dieses Jahres arbeitete sie als Büroassistentin in der Kindertagesstätte Taka-Tuka-Land in Hiddenhausen. Dort kannte man sie als zuverlässige Kollegin mit großem Herz für Kinder und einer stillen Leidenschaft für schönes Spielzeug. „Meine Chefin erzählte mir im Februar, dass die Inhaberin von ‚Memories‘ eine Nachfolgerin sucht“, erinnert sich Ipek. „Und sie meinte, ich hätte das Potenzial, mich selbstständig zu machen.“

Diese Bemerkung ließ sie nicht mehr los. Wenige Tage später stand sie in dem kleinen Spielwarengeschäft im Herzen von Enger, lernte die damalige Besitzerin Sabine Jahnke-Wippermann kennen — und spürte, dass hier etwas Besonderes möglich sein könnte. „Schon beim ersten Besuch habe ich gemerkt, wie viel Liebe in diesem Laden steckt“, sagt sie. „Das ist kein Geschäft, das einfach nur Dinge verkauft — hier werden Erinnerungen geschaffen.“

VOM ARCHITEKTURBÜRO INS KINDERPARADIES

Dass sie einmal zwischen Puppen, Puzzles und Pokémon-Figuren stehen würde, hätte Ipek vor ein paar Jahren selbst nicht geglaubt. Nach ihrem Studium arbeitete die gebürtige Bünderin zunächst als Ingenieurin im Bereich Architektur — ein Beruf, den sie mit Leidenschaft erlernt hatte, den sie aber aus familiären Gründen früh aufgab. „Mit zwei kleinen Kindern war der Job als Architektin schwer vereinbar“, erzählt sie. „Deshalb bin ich damals in die Kita gewechselt.“

Heute schmunzelt sie darüber, dass gerade dieser Umweg sie zur Unternehmerin gemacht hat. Denn die Arbeit mit Kindern weckte wieder jene spielerische Neugier, die sie selbst als Mutter nie verloren hatte. Ihre beiden Töchter, fünf und sieben Jahre alt, sind heute ihre wichtigsten Ratgeberinnen. „Nevin und Melin testen fast alles, was ich einkaufe“, sagt sie lachend. „Sie wissen ganz genau, was bei Kindern gerade angesagt ist.“

EIN TRAUM MIT RÜCKHALT

Den Schritt in die Selbstständigkeit wagte Ipek nicht allein. Unterstützung erhielt sie von der Engeraner Wirtschaftsförderin Anja vor der Brügge-Schütte, die sie auch in die örtliche Kaufmannschaft einführte. „Dieser Austausch ist unglaublich wertvoll“, betont Ipek. „Man lernt von anderen, bekommt Tipps und fühlt sich nicht so allein.“ Auch ihre Vorgängerin Sabine Jahnke-Wippermann steht ihr weiterhin beratend zur Seite, ebenso die IHK-Gründungsberaterin Kathrin Teschke — und natürlich ihre Familie. Ihr Ehemann, anfangs skeptisch, steht inzwischen voll hinter ihrem Traum. Die finanzielle Starthilfe kam ebenfalls aus dem Familienkreis. „Ich bin sehr dankbar für diesen Rückhalt“, sagt Ipek. „Ohne meine Familie hätte ich das nicht geschafft.“

Über 20.000 Euro hat sie in den ersten Monaten in neue Ware investiert. Neben bekannten Marken wie Tonies oder Schmidt-Spiele erweitert sie das Sortiment stetig um besondere Nischenprodukte. Neu im Angebot ist zum Beispiel hochwertiges Holzspielzeug der Marke „Fagus“, das von Menschen mit Behinderung gefertigt wird. „Diese Produkte haben eine Geschichte, und das ist mir wichtig“, erklärt sie. Doch so liebevoll das Konzept ist — wirtschaftlich war der Start kein Selbstläufer. „Es läuft an, aber langsam“, gibt Ipek offen zu. Noch kann sie nicht von den Einnahmen leben. Um die Familie mitzufinanzieren, arbeitet sie vormittags wieder 15 Stunden pro Woche in ihrer alten Kita. Nachmittags steht sie im Laden, samstags den ganzen Vormittag.

ZWISCHEN HOFFEN UND DURCHHALTEN

„Ich wusste, dass der Anfang schwer wird“, sagt sie. „Aber ich bin überzeugt, dass es sich lohnt.“ Besonders jetzt im Herbst hofft sie auf ein starkes Weihnachtsgeschäft. Dafür hat sie sich Einiges einfallen lassen: selbst zusammengestellte Geschenkboxen, individuell befüllbare Adventskalender und eine Auswahl an saisonalen Dekoartikeln. „Ich möchte, dass die Leute hier alles finden, was Freude macht — vom Stift bis zur Lampe.“ Im Sortiment sind inzwischen nämlich auch Lampenschirme des jungen Engeraner Unternehmens InnoCreo. „Die laufen richtig gut“, freut sich Ipek.

HERZ GEGEN ALGORITHMUS

In einer Zeit, in der Kinder oft lieber auf Bildschirme als in Bücher schauen, sieht Arzu Ipek ihren Laden als Gegenentwurf zum Onlinehandel. „Ich glaube, wir verlieren etwas, wenn Kinder alles nur noch digital erleben“, sagt sie ernst. „Spielzeug bedeutet für mich Begegnung — miteinander reden, sich austauschen, kreativ sein.“ Trotzdem weiß sie, dass sich die Realität des Einzelhandels verändert hat. „Man muss heute beides können — stationär und online“, sagt sie pragmatisch. Deshalb plant sie für das kommende Jahr einen eigenen Webshop. Der soll nicht nur Produkte verkaufen, sondern auch Geschichten erzählen — über nachhaltige Marken, lokale Kooperationen und Familien, die Freude am Spielen teilen.

Doch am wichtigsten bleibt ihr der direkte Kontakt. Regelmäßig veranstaltet sie im Laden kleine Events, um Kinder und Eltern zusammenzubringen: Lesestunden mit der Kinderbuchautorin Rabea Funke, Kamishibai-Theater, Kinderschminken. „Das sind die Momente, die in Erinnerung bleiben“, sagt sie. „Wenn die Kinder mit leuchtenden Augen dasitzen, weiß ich, warum ich das alles mache.“ Die Termine kündigt sie auf Instagram unter #memories.enger sowie auf ihrer Website an. Der Laden ist mittwochs bis freitags von 15.00 bis 18.00 Uhr und samstags von 10.00 bis 14.00 Uhr geöffnet — Zeiten, die bewusst auf Familien abgestimmt sind. „Viele Eltern kommen nach der Arbeit oder mit ihren Kindern am Wochenende vorbei“, erzählt sie. „Das passt gut.“

EINE GRÜNDERIN MIT HALTUNG

Arzu Ipek ist keine Frau, die große Reden über Unternehmertum hält. Aber sie verkörpert genau das, was für erfolgreiche Existenzgründungen von großer Bedeutung ist: Bodenständigkeit, Mut und eine tiefe menschliche Motivation. „Ich will etwas Eigenes schaffen, das anderen Freude bringt“, sagt sie. Dass der Weg dorthin Kraft kostet, verschweigt sie nicht. Aber sie lächelt, wenn sie davon erzählt. „Manchmal fügt sich einfach alles“, meint sie — und man spürt, dass dieser Satz für sie mehr ist als nur ein Sprichwort. Er beschreibt eine Haltung: offen bleiben, Gelegenheiten erkennen, und dann den Mut haben, sie zu ergreifen. So steht sie also in ihrem kleinen Laden, umgeben von klassischem und modernen Spielzeug, und verkauft Dinge, die Kinderträume wahr werden lassen. Für manche mag das ein nostalgisches Geschäftsmodell sein. Für Arzu Ipek ist es die Erfüllung eines Herzenswunsches — und vielleicht der schönste Beweis dafür, dass sich Leidenschaft am Ende doch auszahlt.

Jörg Deibert, IHK

     

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