Ostwestfälische Wirtschaft

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Titelthema

Die Erlebniswelt vor Ort

Wenn in den Innenstädten die Lichter glitzern, der Duft von gebrannten Mandeln in der Luft liegt und die Menschen auf der Suche nach Geschenken für ihre Liebsten unterwegs sind, beginnt für den Einzelhandel die wichtigste Zeit des Jahres: das Weihnachtsgeschäft. Für viele Läden entscheidet sich in den Wochen vor dem Fest, wie das Jahr wirtschaftlich ausgeht. Doch gerade in Zeiten von Online-Konkurrenz, hohen Kosten und verändertem Konsumverhalten ist das kein Selbstläufer. Regionale Beispiele zeigen, wie sich der stationäre Handel mit klaren Konzepten behauptet. Und dass es sie noch gibt — die Einzelhändlerinnen und Einzelhändler, die ihr Geschäft mit viel Herzblut, Mut und Leidenschaft betreiben.

PORZELLAN BROCKMANN

Als die „wichtigsten Wochen“ im Jahr bezeichnet Caroline Brockmann die Adventszeit. Die Inhaberin führt in der fünften Generation das Ladengeschäft Porzellan Brockmann, ansässig in der Rathauspassage in Paderborn. „Mittendrin, aber trotzdem keine 1A-Lage“ beschreibt die 41-Jährige die Situation. Sie ist Einzelhändlerin mit Leib und Seele und sagt: „Schon mit neun Jahren wusste ich, dass ich eines Tages das Geschäft von meinem Vater übernehmen möchte.“ Dennoch hat sie sich vorher bewusst woanders ausbilden lassen. Nach einem dualen BWL-Studium kehrte sie 2010 zurück nach Paderborn: „Mir ging es darum, mal raus aus Ostwestfalen zu kommen. Auch habe ich meine Praktika bewusst nicht im Einzelhandel gemacht.“

JEDER TAG IM EINZELHANDEL IST ANDERS

Die Leidenschaft für ihren Beruf beschreibt die Geschäftsfrau so: „Ich arbeite gerne mit Menschen zusammen, im Einzelhandel ist jeder Tag anders und die Branche ständig im Wandel. Ich beschäftige mich mit neuen Produkten, überlege mir, was ich einkaufe und wie ich die Ware bestmöglich präsentieren kann.“ Dennoch will Brockmann die angespannte Stimmung im Einzelhandel nicht verhehlen: „Die Einzelhändler sind unter Druck. Egal, wo man hinhört und egal in welcher Branche. Es kommen nicht mehr so viele Menschen in die Städte und wenn, dann kaufen sie gezielter und bewusster.“ Mit ihrem Standort in der Rathauspassage ist Brockmann zufrieden, den Mix aus inhabergeführten Geschäften wie beispielsweise einem Juwelier, mehreren Modegeschäften, einem Woll- und Kinderladen und einer gastronomischen Auswahl hält sie für gelungen.

SPASS AN SCHÖNEN DINGEN

Einerseits sei es so, dass die Menschen in große Anschaffungen wie E-Autos, Wärmepumpen oder auch größere Reisen investieren, an anderer Stelle aber aufs Geld schauten und sich fragten, ob sie bestimmte Dinge wirklich bräuchten: „Das sind meine Beobachtungen, die man natürlich nicht verallgemeinern kann. Ich würde aber sagen, dass das Shoppen als Belohnung gerade ausgebremst ist“, betont Brockmann. Ihr Geschäft profitiere davon, dass die Menschen weiter Spaß an schönen Dingen hätten und gutes Essen zelebrieren, sowohl das Kochen als auch das Genießen stünden im Vordergrund. Und hier komme ihr Sortiment ins Spiel: hochwertige Messer und Schleifgeräte oder auch Pfannen seien bei den Kunden beliebt. Porzellan hingegen laufe im Vergleich nicht so gut: „Die klassische Aussteuer gibt es nicht mehr und immer weniger Menschen kaufen das Geschirr fürs Leben“, weiß die Expertin.

ZUTATEN: BERATUNG UND KNOW-HOW

Die Online-Shops sieht Brockmann als Mitbewerber, denen man sich stellen müsse. „Meine Aufgabe ist es, den Leuten einen Grund zu geben, warum sie bei mir kaufen sollten.“ Beratung, Fachwissen und Vertrauen nennt Caroline Brockmann als „Zutaten“. So bieten sie und ihr dreiköpfiges Team an, Schleifgeräte oder Messer auszuprobieren, selbst Pfannen können Kunden mit nach Hause nehmen, um sie dort zu prüfen. „Alle Produkte, die ich ins Sortiment aufnehme, testen meine Mitarbeiterinnen und ich im Vorfeld. Wenn uns etwas nicht gefällt, kaufen wir es nicht ein. Das ist etwas, was unsere Kunden schätzen. Sie haben Vertrauen in uns und unsere Expertise. Und freuen sich über die Beratung und unser Know-how. Und selbstverständlich packen wir Geschenke ein, liefern nach Hause und bieten einen Abholservice“, nennt Brockmann einige Vorzüge des lokalen Einzelhandels.

„WIRD IMMER EINZELHANDEL GEBEN“

Ihr sei bewusst, dass die Branche gerne totgesagt werde, kontert aber: „Ich bin tief in meinem Herzen davon überzeugt, dass es den Einzelhandel immer geben wird. Dem Online-Wettbewerb muss man begegnen, ich habe mich aber bewusst dagegen entschieden, weil mir dazu die Manpower fehlt und der Preiskampf im Netz einfach zu groß ist.“ Caroline Brockmann schiebt einen kleinen Exkurs ein und erzählt von ihren Vorfahren — auch diese hätten über alle Epochen hinweg, seit 1869, mit unterschiedlichen Herausforderungen wie Krieg, Währungsreform oder Wettbewerbern zu kämpfen gehabt. „Als meinem Großvater in den 70er Jahren der Kaufhof direkt vor die Nase gesetzt wurde, hat er es dennoch geschafft, sein Geschäft zu erhalten. Mein Kampfgeist resultiert aus diesen Geschichten, denn ohne den stationären Handel würde viel verloren gehen“, ist Brockmann überzeugt. Um auf politischer Ebene etwas zu erreichen, engagiert sich die Unternehmerin in der IHK-Vollversammlung.

KRITIK AN VERMIETERN

Persönlich ärgert sie sich über Baustellen, Pläne für eine autofreie Innenstadt und auch über den ein oder anderen Vermieter von Gewerbeimmobilien: „Hier in Paderborn mussten in der Vergangenheit mehrfach gut funktionierende Geschäfte aufgeben. Grund dafür waren die Mietverträge, die seitens der Vermieter nicht verlängert wurden. Die Flächen wurden stattdessen zusammengefasst und in großer Quadratmeterzahl an Ladenketten vergeben. Durch dieses Vorgehen verschwinden immer mehr kleine Einzelhändler aus wirtschaftlichen Gründen. Denn den Inhabern gelang es nicht, passende Ladenlokale mit kleinerer Fläche zu einem wirtschaftlichen Preis zu finden. Für Paderborn bedeutet das, dass die Innenstadt nicht nur nach vorne zum Kunden, sondern auch hinter den Kulissen um ihre Individualität kämpfen muss“, macht sie ihren Unmut deutlich. Aufgeben ist für die Einzelhändlerin jedoch keine Option: „Ich bin Mutter, arbeite in Vollzeit und weiß, für wen ich die Nachfolge meines Vaters angetreten habe. In dieser Branche wird man sicherlich nicht reich, hat aber ein gutes Einkommen“, bricht Brockmann eine Lanze für die Selbstständigkeit. „Wir sind stolz auf unsere mittlerweile 156-jährige Unternehmensgeschichte. Und möchten auch in Zukunft die Menschen in Paderborn mit unserem Angebot begeistern.“

HERAUSFORDERNDES JAHR

Die konjunkturelle Lage im Handel ist angespannt. Viele Händler in Ostwestfalen stehen am Ende eines herausfordernden Jahres. Nach einer Phase hoher Inflationsraten wirken die gestiegenen Preise noch nach, zudem legen viele Verbraucherinnen und Verbraucher einen Teil ihres Einkommens auf die hohe Kante. Die Kombination aus Kaufzurückhaltung, gestiegenen Betriebskosten und veränderten Einkaufsgewohnheiten hat 2025 deutliche Spuren hinterlassen. 

WENIGER GELD FÜR WEIHNACHTSGESCHENKE

Angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Lage in Deutschland sendet der Handelsverband Deutschland (HDE) unterschiedliche Signale für die Entwicklung im Einzelhandel in der Weihnachtszeit: Insgesamt prognostiziert der Verband für die Monate November und Dezember ein Umsatzplus von 1,5 Prozent im Vergleich zu 2024. Damit setzen die Handelsunternehmen in den letzten beiden Monaten des Jahres insgesamt 126,2 Milliarden Euro um. Preisbereinigt geht der Verband von einem Nullwachstum im Vergleich zu 2024 aus. Würde ausschließlich der Online-Handel betrachtet, so könne dieser seine Weihnachtsumsätze um nominal 3,3 Prozent im Vergleich zu 2024 steigern, auf einen Umsatz von 22,2 Milliarden Euro. Preisbereinigt wäre das ein Wachstum um 2,3 Prozent.

„Das Weihnachtsgeschäft bleibt trotz eines schwierigen Umfelds und vieler Ungewissheiten stabil. Viele Händler aber blicken eher vorsichtig oder pessimistisch auf die mit Abstand umsatzstärkste Zeit der Branche“, sagt HDE-Präsident Alexander von Preen.

VERBRAUCHER FREUEN SICH AUFS FEST

Das zeige eine aktuelle HDE-Umfrage unter 300 Handelsunternehmen aller Größen, Standorte und Branchen: Demnach erwarten 80 Prozent der befragten Unternehmen zurückhaltende Verbraucher, 83 Prozent rechnen damit, dass die Kunden angesichts der Preisentwicklung stärker auf den Preis achten würden. Aber es gebe auch positive Vorzeichen: Nach einer vom HDE beauftragten und vom Handelsblatt Research Institut erhobenen Verbraucherumfrage unter mehr als 2.000 Personen freuen sich 73 Prozent der Verbraucher auf Weihnachten. Bei den Geschenkeinkäufen allerdings gebe demnach jeder im Durchschnitt 263 Euro aus — das seien 34 Euro weniger als im Vorjahr. Besonders beliebte Weihnachtsgeschenke seien Geschenkgutscheine, Spielwaren, Bücher, Kosmetik oder Körperpflegeprodukte.

ALARMSIGNAL IN RICHTUNG POLITIK

„Das Jahresende entscheidet bei vielen Unternehmen über die Bewertung des gesamten Geschäftsjahres. Wenn wie in unserer Umfrage 51 Prozent der Nicht-Lebensmittelhändler sich vor einem schlechteren oder deutlich schlechteren Weihnachtsgeschäft als im Vorjahr sehen, ist das ein deutliches Alarmsignal. Die Politik muss jetzt rasch ins Handeln kommen und bessere Rahmenbedingungen für die Binnenkonjunktur und den Einzelhandel schaffen“, so von Preen. Dabei müsse es unter anderem um die Senkung der Stromsteuer für alle, faire Wettbewerbsbedingungen mit Online-Plattformen und Händlern aus Fernost und einen entschlossenen Bürokratieabbau gehen.

HEIMAT SHOPPEN

Allen Problemen zum Trotz ist die Konsumlust weiter vorhanden, allerdings selektiver geworden. Zudem bleibt der Wettbewerb mit großen Online-Plattformen eine der größten Herausforderungen für lokale Händler. Doch gerade zur Weihnachtszeit bietet sich die Chance, bewusst ein Zeichen zu setzen und vor Ort einzukaufen: ob im Buchladen, beim Modegeschäft um die Ecke oder im Fachhandel für besondere Geschenkideen. Kurze Wege statt langer Lieferketten — jeder Einkauf stärkt regionale Wirtschaftskreisläufe. Persönliche Beratung statt anonymer Klicks — die Händlerinnen und Händler vor Ort wissen, was passt, was gefällt und was Freude macht. Doch um die Innenstädte zu stärken, reicht das Weihnachtsgeschäft allein nicht aus. Hier setzt die IHK-Initiative „heimat shoppen“ an — eine bundesweite Imagekampagne, die die Bedeutung des Einkaufens vor Ort sichtbar macht und den Einzelhandel wieder in den Blick der Gesellschaft rücken möchte. Unter dem Motto „Einkaufen, wo das Herz zu Hause ist“ erinnert sie daran, dass jeder Einkauf im eigenen Ort ein Beitrag zur Lebendigkeit unserer Innenstädte ist. Aber nicht nur das. Über die Gewerbesteuer der Unternehmen wird der Erhalt und der Ausbau der jeweiligen Infrastruktur vor Ort gesichert. „Wer in seiner Heimat einkauft, sorgt nicht nur für Umsatz, sondern auch für Begegnung, Service und Gemeinschaft. Lokale Händlerinnen und Händler schaffen Arbeits- und Ausbildungsplätze, engagieren sich in Vereinen, unterstützen Veranstaltungen und prägen das Gesicht unserer Städte und Gemeinden. Das alles geht verloren, wenn Umsätze dauerhaft ins Internet abwandern“, mahnt Marco Rieso, IHK-Referatsleiter Handel und Dienstleistungen. 

LOKAL EINKAUFEN

Zur Kampagne stellt die IHK Ostwestfalen ein kostenfreies Basispaket aus Werbematerialien zur Verfügung: Logonutzung, Plakate, Schaufensteraufkleber und Einkaufstaschen. Rieso: „Die Industrie- und Handelskammern rufen daher gemeinsam mit den örtlichen Werbegemeinschaften und Kommunen dazu auf, die Weihnachtszeit als Gelegenheit zu nutzen, die eigenen Innenstädte zu erleben und zu unterstützen. Wer lokal kauft, investiert in Lebensqualität — heute und für die Zukunft. Denn nur eine lebendige Innenstadt ist ein Ort, an dem man sich gerne trifft, flaniert und einkauft. Und Weihnachten ist der beste Moment, das zu zeigen.“

BUCHLADEN ALS BEGEGNUNGSORT

„Ein Buchladen muss ein Begegnungsort sein, nicht nur für Literatur“, sagt Anne Bröker. Anfang nächsten Jahres übernimmt die 26-Jährige die Buchhandlung LESBAR in Beverungen von Andrea Vrsaljko. Was sie dazu bewogen hat — trotz der trüben Stimmung im Einzelhandel — beschreibt die zukünftige Ladeninhaberin so: „Ich bin sehr froh, einen so wichtigen Ort wie die LESBAR weiterführen zu dürfen. Die Atmosphäre in der Buchhandlung und der Kontakt zu unseren Kundinnen und Kunden ist einfach einzigartig. Gleichzeitig war es für mich der richtige Moment, beruflich eine neue Richtung einzuschlagen — das hat mich bestärkt, diese Chance zu ergreifen und Neues zu lernen.“ Pläne hat die Nachfolgerin einige, so freut sie sich darauf, den Social-Media-Bereich der LESBAR weiter auszubauen und noch mehr Menschen für Bücher zu begeistern: „Schön finde ich auch, dass wir durch unser vielfältiges Team unterschiedliche Altersgruppen und Geschmäcker abdecken — so kann wirklich jeder etwas Passendes entdecken und sich bei uns wohlfühlen.“

WOHLFÜHLATMOSPÄHRE SCHAFFEN

Vrsaljko, die den Laden aufgebaut hat, beschreibt, was ihre Buchhandlung auszeichnet: „Unsere Kunden können in besonders gemütlicher und trotzdem großzügiger Atmosphäre in einem gut ausgewählten Sortiment stöbern, von Kinderbuch über Belletristik, Bildbänden, Geschenkbüchern bis zum Sachbuch. Nonbook-Geschenkartikel runden das Sortiment ab. Das LESBAR-Team ist sehr freundlich und berät kompetent. Was nicht in der Buchhandlung vorrätig ist, wird bestellt und kommt in der Regel über Nacht. Außerdem haben wir einen Onlineshop zur Direktlieferung sowie click und collect zur Abholung vor Ort.“ Wohlfühlatmosphäre, Kompetenz, Freundlichkeit und Service — das sei ihr „Rezept“ für einen gut gehenden Buchladen. „Wenn diese Punkte geboten werden, dann fühlen sich die Kunden gut aufgehoben“, so ihre Überzeugung.

MONATLICHER LITERATURTREFF

Um sich von den Online-Anbietern abzuheben, lässt sich das Team der LESBAR immer neue Aktionen einfallen. „Bei uns können Bücher haptisch erlebt werden — etwas sehr Wichtiges für Literaturliebhaber. Außerdem laden wir gern auf einen Kaffee oder Tee ein und lassen unsere Kunden genießen. Zudem veranstalten wir Autorenlesungen, haben einen monatlichen Literaturtreff und schließen unsere Kunden auf Wunsch zum ‚Buchgenuss nach Ladenschluss‘ ein. Auch ist es für uns selbstverständlich, an Marketingaktionen der Stadt Beverungen teilzunehmen. Zudem unterstützen wir alle regionalen Schulen mit Leseförderung sowie soziale Projekte, darunter den Beverunger Tisch.“

LOKALE HÄNDLER UNTERSTÜTZEN

Das nahende Weihnachtsgeschäft ist für die Buchhandlung finanziell ein bedeutender Umsatzbringer: „Für uns sind die Wochen vor Weihnachten extrem wichtig, da diese das Jahr tatsächlich wirtschaftlich tragen. Steigende Kosten und Verordnungen sorgen dafür, dass in den Monaten Januar bis November leider nicht viel Gewinn zu erwirtschaften ist“, so die Inhaberin. Dennoch liebt Andrea Vrsaljko ihren Beruf und weiß die LESBAR zukünftig in guten Händen bei ihrer Nachfolgerin Anne Bröker. Einen persönlichen Buchtipp aber hat sie noch für ihre Kundinnen und Kunden parat: „Ich kann mich gerade nicht entscheiden zwischen den neuen Büchern von Dan Brown, ‚The Secret of Secrets‘ oder Ken Follets ‚Stonehenge‘. Beide sind großartige Autoren und vermitteln in ihren Romanen Geschichte, Mythologie und Gegenwart gleichermaßen. Doch auch viele Independent-Verlage, mit nicht so übermäßig bekannten Autorinnen und Autoren, haben spannende Bücher im Programm. Schauen Sie am besten mal in Ihrer Buchhandlung in der Nähe vorbei, lassen Sie sich von den vielen tollen Büchern dort inspirieren“, ermuntert die 66-Jährige Menschen, die lokalen Händler in der Region zu unterstützen.

GLÜCKLICHE STÄDTE

Gibt es glückliche Städte? Andreas Reiter, Zukunfts- und Trendforscher des ZTB Zukunftbüros in Wien, hat Anfang Oktober beim 8. Bielefelder Markentag in der SchücoArena erklärt: „Glückliche Städte verstehen sich als Enabler. Sie schaffen Möglichkeiten und stärken Lebensqualität durch inspirierende soziale Orte.“ Er nennt Beispiele wie kleine 15-Minuten-Quartiere zum Entschleunigen im Alltagsstress und „urban Jungles“ auf Dachterrassen zum Aufenthalt in der Großstadt. „Städte müssen Anreize für autoarme Innenstädte schaffen wie kostenlose ÖPNV-Angebote, um die Menschen klimagerecht in die City zu bringen“, so Reiter. Für eine Caring-City, eine Stadt, die sich um das soziale Glück der Menschen kümmert, seien alle zum aktiven Mitgestalten gefordert.

BOULEVARD ALS URBANER KIEZ

Einen Weg zum Mitgestalten haben die Initiatoren des Projekts von der Interessengemeinschaft Neues Bahnhofsviertel Bielefeld e.V., gefunden. „Wir am Boulevard“ — diesen Namen trägt das neue Kommunikationskonzept, hier haben sich Anwohnerinnen und Anwohner, Unternehmen, Gastronomen, Kulturschaffende und Institutionen zusammengeschlossen. Ziel des Vereins ist es, den Boulevard als urbanen Treffpunkt und lebendigen Kiez zu stärken. „Wir wollen zeigen, dass der Boulevard mehr ist als eine Straße. Er ist das Herzstück eines Viertels, das sich neu erfindet“, sagt Vereins-Vorsitzender Alexander Kuhl. Geplant ist, Neuigkeiten, Highlights und Geschichten direkt aus dem Viertel auf die digitalen Kanäle zu bringen, um zu zeigen, wie der Boulevard jeden Tag ein Stück lebendiger wird. Zum Mitverfolgen, was das Viertel bewegt, können Interessierte die News auf den Social-Media-Kanälen verfolgen, darunter auf Instagram (www.instagram.com/wiramboulevard), auf Facebook (www.facebook.com/wiramboulevard) und auf TikTok (www.tiktok.com/@wiramboulevard).

Trends, Neueröffnungen oder Angebote werden unter „Daily Business“ zusammengefasst, unter „Open Airs & Außen Events“ finden sich Termine und Impressionen von Veranstaltungen unter freiem Himmel. Die „Wochenend-Highlights“ liefern Tipps zu Bars, Clubs und besonderen Locations. Porträts von Menschen, die den Boulevard prägen sowie Geschichten aus erster Hand bietet der „Blick hinter die Kulissen“. Parallel und unabhängig zur Kommunikationsinitiative gebe es am Boulevard aktuell viele Impulse und Ideen für neue Veranstaltungen und Eventkonzepte — denkbar seien Open-Air-Konzerte und Lesungen, ein Sommerfest mit Kulturprogramm, Kinderaktionen und Nachtmarkt oder Kooperationen mit der lokalen Gastronomie und Künstlerinnen und Künstlern, die das Viertel in eine urbane Bühne verwandeln. „Im nächsten Jahr soll das Bahnhofsviertel sichtbar wachsen — und ein urbanes Quartier werden, das Bielefeld ein neues Gesicht gibt“, verspricht Alexander Kuhl. Passend zur Weihnachtszeit soll es nun aber erstmal eine Nikolaus-Spendenaktion geben. Unter dem Motto „Schoko-Nikolaus oder liebevoll gepackter Schuhkarton“ ruft die Interessengemeinschaft zu Spenden zugunsten der Bielefelder Tafel und bedürftiger Familien auf. Entgegengenommen würden unter anderem neben Süßigkeiten oder kleinen Spielsachen auch Körperpflegeprodukte und haltbare Lebensmittel. Die Spender selbst würden selbst ein kleines Dankeschön erhalten, versprechen die Organisatoren. 

LEERSTÄNDE VERMEIDEN

Einkaufszentren und Outlets wie der Südring in Paderborn oder das Ravenna Outlet in Halle entwickeln sich ebenfalls weiter: Markenmix, Flächenkonzepte und Services werden an veränderte Kundenbedürfnisse angepasst. Gleichzeitig treten Leerstände auf, die durch Umnutzung, kleinere Shops oder neue Angebote kompensiert werden müssen.

Mit Blick auf die in den vergangenen Wochen geführte politische Debatte um Sicherheit in den Innenstädten macht der Handelsverband Deutschland (HDE) deutlich, dass es vor allem darum gehen muss, Leerstand in den Stadtzentren zu vermeiden. „Die sicherste Innenstadt ist eine Innenstadt ohne Leerstände und mit einem vitalen Einzelhandel. Die Geschäfte des Handels sind sichere Orte. Verödete Stadtzentren rutschen ab und erzeugen dunkle Angsträume. Deshalb werben wir als Handelsverband seit vielen Jahren für Maßnahmen zum Erhalt und zur Wiederbelebung von Innenstädten“, so HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth.

SCHNELL HANDELN

An die Politik gerichtet, schlägt der HDE deshalb konkrete Maßnahmen zur Stärkung der Handelsunternehmen und des Standortes Innenstadt vor: „Wir brauchen bessere Abschreibungsmöglichkeiten für private Investitionen in die Stadtzentren. Je schneller gehandelt wird, desto besser. Vernachlässigte Innenstädte wieder aufzubauen ist immer teurer, als vitale Zentren zu erhalten“, so Genth weiter. Die Politik muss aus Sicht des Verbandes jetzt handeln und die Einzelhändler entlasten. „Die Senkung der Stromsteuer muss auch für Handelsunternehmen kommen, das macht für die Branche jährlich 700 Millionen Euro aus. Zudem muss endlich ein wirkungsvolles Stoppschild gegen den unfairen Wettbewerb mit Plattformen und Händlern aus Fernost wie Temu und Shein her. Diese unfaire Konkurrenz, die sich nicht an unsere Regeln hält, muss rasch gestoppt werden. Ansonsten blutet der heimische Einzelhandel weiter aus“, so der HDE-Hauptgeschäftsführer weiter. Gute Rahmenbedingungen für den Einzelhandel seien ein wichtiger Punkt, um die Geschäfte vor Ort als sichere Orte für alle und Stabilitätsanker für Innenstädte zu erhalten.

MISTER

„Hier finden Männer, was sie nie gesucht haben“ — mit diesem markigen Slogan werden Kunden bei Mister begrüßt. Den „multibrandstore for men“ betreibt Oguzhan Ulucay, der sich von Freunden und Kunden schlicht „Ussi“ nennen lässt. Der 30-Jährige ist gelernter Einzelhandelskaufmann und hat seine Ausbildung bei einem Herrenausstatter in Büren absolviert. Der Verkauf von Mode ist für ihn zu einer Leidenschaft geworden. „Ich finde den Job echt cool und gehöre zu denen, die schon als Kind später einmal Chef werden wollten“, erzählt der Jungunternehmer. 2019 gründete er seinen ersten Store für Männermode in Büren, da war er 24 Jahre jung. Anfang Oktober folgte nun das zweite Geschäft in Salzkotten Am Wallgraben, in dem 200 Quadratmeter Fläche zum Shoppen einladen, in Büren stehen 120 Quadratmeter zur Verfügung.

AUS GÄSTEN WERDEN KUNDEN

In den Räumen einer ehemaligen Buchhandlung hat Ussi in Salzkotten einen stylischen Laden eingerichtet — Holzfußboden dominiert den hellen Raum, an den Wänden Stangen, die Hemden, Jacken und Hoodies beherbergen. Auf großen Holzwürfeln liegen Hosen, Mützen, Pullover, auch Geschenkartikel wie Weinflaschen oder Lakritz in Dosen sind hier zu finden. Eine rote Schwalbe, das DDR-Moped mit Kultstatus, dient als Eyecatcher. Vor den beiden Umkleiden stehen zwei Sessel, die zum Verweilen einladen. Bevor es aber ans Anprobieren geht, lädt Ussi seine Kunden auf ein Getränk ein. Das gehört zu seinem Konzept, so ist in Büren eine Bar im Geschäft integriert, und auch in Salzkotten lädt ein Tresen zum Entspannen ein. „Damit ernte ich häufig erstaunte Blicke. Ich möchte meinen Kunden jedoch einen Erlebniseinkauf bieten. Wenn dieser mit einem guten Getränk anfängt, kann mehr daraus werden. Daher sind diese für mich zunächst Gäste, die erst nach dem Kauf zu Kunden werden“, erklärt der Unternehmer die dahinterstehende Philosophie. Im Angebot sind diverse Kaltgetränke wie Bier, Cola oder Prosecco. Besonders stolz ist Ussi aber auf die Espressomaschine, die einen perfekten Cappuccino mit selbst aufgeschäumter Milch bietet. Das Konzept scheint aufzugehen — ein Ehepaar in den 60er Jahren verlässt nach dem Stöbern und einem Kaffee den Shop und lobt: „Schöner Laden. Top.“ Ein Kompliment, über das sich der Einzelhändler sehr freut. 

LAGE HAT POTENZIAL

Im Angebot zu finden sind Marken wie LACOSTE, LES DEUX, GABBA, DRYKORN, K-WAY, GARCIA, CHASIN. „Diese Marken stehen für Qualität, Stil und Authentizität. Wir bieten unsere Kollektionen des mittleren Preissegments bis hin zu Premium an. Wir bieten viel Casual-Kleidung an, hier findet jeder etwas, ob 17 oder 80 Jahre“, verspricht Ussi. Für den Standort Salzkotten hätten gleich mehrere Gründe gesprochen: Die kostenlosen Parkplätze direkt vor der Tür, starke inhabergeführte Einzelhandelskonzepte, ein engagiertes Stadtmarketing. „Mein erster Impuls für die Lage und das Ladenlokal ist stetig gewachsen. Schließlich ist nicht von der Hand zu weisen, dass eine Buchhandlung 25 Jahre in diesen Räumlichkeiten gewirtschaftet und aus Altersgründen geschlossen hat. Auch der offene Durchgang zum Schuhhaus Zehanciuc nebenan ist ideal“, freut sich Ussi über die gegenseitige Kundenfrequenz. 

IM AUSTAUSCH MIT BRANCHENKOLLEGEN

Seine Gründung zu Corona-Zeiten beschreibt der Einzelhandelskaufmann als turbulent. Mit dem IHK-Gründungsexperten Tobias Kaufmann an seiner Seite sei es ihm aber gelungen, die Banken von seinen Plänen zu überzeugen. Inzwischen verbindet die beiden Männer eine Freundschaft. „Tobias, der zu der Zeit gerade selbst neu als Gründungsberater bei der IHK gestartet ist, hat mich — durch seinen Background bei den Banken — unheimlich weitsichtig und mit viel Know-how beraten, Dinge relativiert und eine Mentoring-Funktion eingenommen. Er ist ein Teil dieses Ladens“, beschreibt der Jungunternehmer seine Verbundenheit. Mittlerweile steht er mit anderen Kollegen aus der Branche in engem Austausch: „Wir erzählen uns, welche Marken gut laufen und kommunizieren offen und ehrlich über Zahlen. Diese gegenseitige Unterstützung ist ein Glücksfall“, weiß er diese zu schätzen. 

BARKONZEPT SOLL BRÜCKE SCHLAGEN

Inzwischen habe er gelernt, sich mehr Zeit für Dinge wie die Buchhaltung oder den Einkauf der Ware zu nehmen: „Sonst räumt man nur hinterher“, weiß Ussi aus Erfahrung. Unterstützt wird der junge Unternehmer von sechs Mitarbeitenden, wobei er Leute mit Gastro-Erfahrung bevorzugt: „In der Gastronomie ist der Service das A und O. Wenn man aufmerksam ist, fällt es den Gästen auf. Und auch ich möchte, dass meine Kunden sich in meinen Geschäften wohl fühlen. Diese Brücke möchte ich mit meinem Barkonzept schlagen“, verrät der Gründer. Dass er damit polarisiert ist ihm klar: „Ich bin ein offener und klarer Mensch — das entspricht nicht immer jedem Geschmack, ebenso wenig wie mein Konzept. Doch das ist in Ordnung. Ich schätze es sehr, kreativ zu arbeiten, eigene Ideen einzubringen und selbstbestimmt meinen Weg zu gehen.“

Um neue Impulse zu erhalten, kandidiert Ussi nächstes Jahr für die IHK-Vollversammlung für die Wahlgruppe Handel. Sein Engagement begründet er so: „Ich besitze eine große Neugierde, die mich antreibt und zieht.“

BESONDERE AKTIONEN ZUR WEIHNACHTSZEIT

Und Ussi wäre nicht Ussi, wenn er zu Weihnachten nicht etwas Besonderes in seiner Bar anbieten würde — so gibt es im Advent neben Glühwein auch das Trendgetränk Hot Aperol. Am zweiten Advent ist sein Geschäft in Büren geöffnet, am dritten Advent der Ableger in Salzkotten. Sein Geschenktipp zu Weihnachten: „Cord ist angesagt, ebenso liegen Stoffhosen mit geradem Schnitt im Trend und Erdtöne ebenfalls. Auch Farben wie bordeaux und braun sind zurück. Und ein neuer Pullover oder ein neues Hemd geht bei Männern immer“, sagt er und schmunzelt. Rund zehn Prozent seines Jahresumsatzes mache er mit dem Weihnachtsgeschäft. Ussi will trotz aller Herausforderungen, die die Branche mit sich bringt, dem stationären Handel auch in Zukunft treu bleiben: „Das Thema E-Commerce fasse ich im Moment nicht an. Das wäre wie ein dritter Laden. Ich nutze aber Social-Media-Kanäle wie Instagram oder What’s App, um auf besondere Aktionen aufmerksam zu machen.“ Sollte er anderen Gründern Tipps geben, wären es diese: „Ich würde ihnen Mut machen und sagen‚ denkt weniger in Wünschen, sondern an das Ziel, das ihr erreichen könnt. Und bleibt euch selber treu.“ 

AUS MISTER SOLL EINE MARKE WERDEN

Sein eigenes Ziel hat Ussi klar definiert und fest im Blick: „Ich möchte, dass aus ‚Mister‘ eine Marke wird, ein Brand. All meine Ideen, mein Wissen und mein Tatendrang bringen mir nichts, wenn der der Gast nicht zum Kunden wird. Und diese entscheiden, wem sie ihr Geld geben und vor allem wofür sie es ausgeben. Dafür setze ich auf Zwischenmenschlichkeit, den Menschen brauchen Menschen“, ist er überzeugt, dass der Einzelhandel eine Zukunft haben wird. 

Silke Goller

     

HINTERGRUND

Die aktuellen Gewerbeflächenmieten in Ostwestfalen zeigen eine differenzierte Entwicklung: In Toplagen größerer Innenstädte sind Preise in einigen Fällen gesunken, da die Nachfrage nach klassischen Ladenflächen nachlässt und Leerstände auftreten. In Nebenlagen oder kleineren Städten bleiben die Mieten stabil oder steigen leicht. Dort profitieren die Geschäftsinhaber vom veränderten Kundenverhalten: gezielte Käufe in spezialisierten Läden führen zu einer höheren Frequenz abseits der Top-Lagen. 

„Der Markt sortiert sich neu: Gefragt sind vor allem kleinere, flexible Flächen in gut erreichbaren Lagen“, sagt Dr. Gerald Staacke von der IHK Ostwestfalen. Der Referent für Stadtplanung weiß: „Große Flächen ohne Erlebnischarakter haben es schwer — sowohl in Innenstadtlagen als auch in Einkaufszentren und Outletflächen.“ Um einen Überblick zu erhalten, hat die IHK jüngst ihren Mietpreisatlas herausgegeben, der Orientierung im Gewerbeimmobilienmarkt bietet.

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