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„Guter stationärer Handel bleibt ein Schlüssel für die Zukunft der Innenstädte”

INTERVIEW Martin Knabenreich ist als Geschäftsführer der Bielefeld Marketing GmbH der oberste Werber der Stadt. Welche Vorstellungen der Stellvertreter des Vorstands der Bundesvereinigung City- und Stadtmarketing Deutschland e. V. von der Zukunft des stationären Handels hat, stellt der Fachmann ausführlich dar.

Herr Knabenreich, wie stellt sich nach Ihrer Einschätzung die aktuelle Lage des Einzelhandels insgesamt und insbesondere in Bielefeld dar? 

Die aktuelle Lage des stationären Handels ist aus meiner Sicht sehr angespannt. Die Kunden sind in Folge der diversen globalen Krisen zurückhaltend und enorm preissensibel. Der Handelsverband geht davon aus, dass die Konsumzurückhaltung auch mit abnehmenden Einkommenserwartungen zu tun haben. Dabei ist die Situation im Oberzentrum Bielefeld noch vergleichsweise gut. Hier liegt der Leerstand im einstelligen Prozentbereich. Was wir aus dem Umland und den Nebenzentren wahrnehmen, ist dagegen problematischer. Hier wird es zunehmend schwerer, Leerstände hochwertig neu zu besetzen.

Auffällig in Bielefeld ist, dass die Besucherzahlen in der Innenstadt nach Corona sogar leicht angestiegen sind, wie wir durch elektronische Passantenfrequenz-Messungen feststellen können. Bis zu 50.000 Passanten werden allein auf der Bahnhofstraße täglich gemessen. Mit anderen Worten: Die Menschen kommen in die Stadt, kaufen aber weniger.

Hat sich das Kaufverhalten geändert?

Natürlich nehmen wir insgesamt ein verändertes Kaufverhalten wahr. Der Onlinehandel ist eine enorme Konkurrenz für den innerstädtischen Handel und löst damit auch einen Veränderungsdruck aus. Kunden wollen sich vor Ort inspirieren und beraten lassen, Produkte vergleichen und anfassen. Hier liegen Herausforderung und Chance zugleich: Der stationäre Handel muss dieses Kauferlebnis bieten, das der Onlinehandel nicht ermöglicht. Wenn man sich die Neueröffnungen der vergangenen Jahre in Bielefeld ansieht, bestätigt sich diese Entwicklung. Ketten wie Dille&Kamille, Sostrene Grene oder auch die neuen Shoppingkonzepte im Loom sprechen eine junge Zielgruppe aus dem Umland an und ziehen sie in das Oberzentrum.

Ein weiteres Beispiel für eine erfolgreiche Verknüpfung aus Handel und Erlebnis ist sicherlich das L&T-Modehaus in Osnabrück, das geschickt Einkaufserlebnis, Sport und Gastronomie miteinander verknüpft und ein Anziehungspunkt für die gesamte Innenstadt ist.

Stationärer Handel hat also eine Zukunft, meinen Sie. Warum?

Guter stationärer Handel hat nicht nur eine Zukunft, sondern bleibt ein Schlüssel für die Zukunft der Innenstädte. Bei der Planung eines Stadtbesuchs geht es auch immer um attraktiven Handel und gute Gastronomie. Die Erwartungen an Innenstädte sind aber vielschichtiger: Basis erfolgreicher Innenstädte sind zunächst die Faktoren Sauberkeit, Sicherheit und Ordnung. Dazu kommt die sprichwörtliche „Hardware“ wie Stadtmöblierung, Grün, stimmungsvolle Beleuchtung, öffentliche Toiletten und Wegeleitsysteme. Ergänzend kommt die „Software“ aus Kunst, Kultur, Märkte und Stadtfeste dazu.

Die Innenstadt ist Ihre „Herzenssache“, wie sie es schon häufiger formulierten. Wer sollte sich die City noch zu seiner Herzensangelegenheit machen? Zukünftig wichtiger wird ein enger Austausch mit Bürgerinnen und Bürgern, vor allem auch jüngeren Menschen, die die Innenstadt zu ihrer Herzenssache machen müssen. Wir müssen hier kreativen und mutigen Ideen Raum geben. Allerdings wird das ohne verlässliche Investitionen des Staates nicht gehen. Erfolgreiche Förderprogramme müssen trotz knapper Kassen fortgesetzt oder neu entwickelt werden. Oberbürgermeister wie Claus Kaminsky in Hanau rechnen vor, dass die wirtschaftlichen Schäden von Leerstand und verödeten Innenstädten weitaus größer sind als die Investitionen in zukunftsfeste Innenstädte. Die Verantwortung für den öffentlichen Raum beziehungsweise die Innenstädte liegt allerdings bei allen Akteuren: Politik, Verwaltung, Handel, Gastronomie, Stadtmarketing und Stadtgesellschaft sind gleichermaßen gefordert, ins aktive Handeln zu kommen.

Spielt es dabei auch eine wesentliche Rolle, weil die Innenstädte als Lebensräume heute eine vielfältigere Aufgabe haben als früher?

Ja, auf jeden Fall. Die Nutzungen der Innenstädte werden vielschichtiger. Es geht immer weniger um das reine Einkaufen, sondern verstärkt um Begegnung, Inspiration, Zeitvertreib, aber auch um Bildung, Kultur und Wohnen. Die Zeit der reinen Einkaufsmeilen ist vorbei. Dennoch bleibt ein aktiver, lebendiger Handel ein zentraler Anziehungspunkt, der weiter gefördert werden muss. Da wir uns aber immer mehr in Richtung einer Erlebnisökonomie entwickeln, werden diese Konzepte an Bedeutung gewinnen und die Innenstadt der Zukunft prägen. Konkret geht es um sogenannte „Showrooms“, eine vielseitige Außengastronomie und „Third Places“, also Begegnungsorte wie Bibliotheken oder Kulturorte. Die Bielefelder Wissenswerkstadt ist ein solcher Ort, der gerade bundesweit Beachtung findet.

Welche Aufgaben sollten Kommunen auch übernehmen?

Die notwendigen Veränderungsprozesse sind oftmals langwierig, die Gespräche mit beteiligten Immobilienfonds zäh und die kommunalen Finanzen knapp. Die zentrale Frage ist, ob eine Kommune auch Schlüsselimmobilien aufkaufen und umgestalten soll. Hierfür gibt es zwar erfolgreiche Beispiele, wie in Hanau, wo die Innenstadt mitsamt einer ehemaligen Kaufhofimmobilie von der Stadt umgestaltet wurde. Dennoch können dieses nur Einzelfälle sein. Die Umgestaltung der Kaufhofimmobilie in Essen durch einen privaten Investor hin zu einer erfolgreichen Markthalle mit attraktiven Büroflächen zeigt, dass Innenstadtentwicklung auch durch Unternehmen im engen Schulterschluss mit der Stadtverwaltung inklusive dem Stadtmarketing funktionieren kann.

Apropos Stadtmarketing: Wie und wann ist es erfolgreich, wo hat es seine Grenzen?

Ein erfolgreiches Stadtmarketing setzt konsequent auf die Stärken einer Stadt und stellt diese kommunikativ ins sprichwörtliche Schaufenster. Es gibt aber auch klare Grenzen: Wenn es um Sauberkeit, Sicherheit, Ordnung und Attraktivität einer Stadt geht, kann Stadtmarketing beraten, mehr aber nicht. Hier sind dann die Stadtverwaltungen und kommunale Politik gefordert, die Innenstädte dem veränderten Nutzungsverhalten anzupassen.

Welche Initiativen oder Projekte haben Sie in letzter Zeit konkret gestartet, um die Attraktivität der Bielefelder Innenstadt zu steigern?

Die Bielefeld Marketing engagiert sich aktuell zusammen mit dem Bauamt und der Wirtschaftsförderung WEGE in einem gemeinsamen City-Team für die Aufwertung der Innenstadt. Dazu gehören zahlreiche Maßnahmen, von Weihnachtsbeleuchtung, über saisonale Blumendekoration, Straßenkunst, Stadtfeste, Altstadtmarkt, Abendmarkt, Zwischennutzungen von leerstehenden Ladenlokalen, Gesprächen mit Immobilienbesitzern und Investoren bis hin zu Werbekampagnen. Zuletzt wurde beispielsweise zum sogenannten „Niedersachsentag“ am 31. Oktober eine große Plakatkampagne im Osnabrücker Land gestartet und Zehntausende von Besuchern nach Bielefeld gezogen. Wichtig dabei ist der Austausch mit Händlern und vor allem den beiden innerstädtischen Werbegemeinschaften. Hier werden verkaufsoffene Sonntage abgestimmt, aber auch Verbesserungsvorschläge erarbeitet, die dann der Politik vorgelegt werden. Aktuell wird gemeinsam ein Maßnahmenpaket erarbeitet, das für zusätzliche Sauberkeit, Sicherheit und Ordnung in der City sorgen soll.

Zum Schluss noch eine angesichts des bevorstehenden Weihnachtsfestes unabdingbare Frage: Welche Bedeutung haben die Weihnachtsmärkte und wie schätzen Sie die Gefahrenlage ein?

Weihnachtsmärkte haben wirtschaftlich eine ganz besondere Bedeutung für die Innenstädte, da sie oftmals über bis zu fünf Wochen Menschen in die Städte ziehen und im Idealfall den Handel stärken. Shoppen und der Besuch des Weihnachtsmarktes ergänzen sich optimal. Für viele Schausteller und Gastronomen sind Weihnachtsmärkte die wichtigste Einnahmequelle des Jahres. Darüber hinaus sind Weihnachtsmärkte aus einem guten Stadtleben nicht mehr wegzudenken. Freunde, Nachbarn und Bekannte treffen, den Duft von Glühwein und gebrannten Mandeln wahrnehmen und die Stadt von ihrer besinnlichen Seite kennenlernen. Weihnachtsmärkte sind außerdem ein enormer Imagefaktor für eine Stadt. Natürlich liegt eine besondere Herausforderung auf der Frage der Sicherheit. Hier treffen verschiedene berechtigte Interessen aufeinander. Einerseits sollen Weihnachtsmärkte gegen Terrorgefahr geschützt werden, andererseits müssen Rettungswagen, Lieferanten und Müllfahrzeuge weiterhin in die Innenstädte kommen können. Rechtlich längst geklärt ist, dass die Maßnahmen gegen Terroranschläge Aufgabe von Polizei und Staat sind. Dennoch fühlen sich die Kommunen hier oft nicht ausreichend unterstützt. Am Ende geht es um komplexe Sicherheitskonzepte, die zwar eine zusätzliche Belastung für die Veranstalter darstellen, in der heutigen Zeit für einen friedlichen Weihnachtsmarktbesuch aber unabdingbar sind.

Jörg Deibert, IHK 

     

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