Standpunkt
Wirtschaft braucht mehr Diversifizierung
Die Weltwirtschaft ist im Umbruch: Globale Krisen, politische Spannungen und neue Handelsbarrieren stellen Unternehmen vor Herausforderungen, die lange kaum vorstellbar waren. Die Zeit der scheinbar grenzenlosen Globalisierung ist vorbei — und mit ihr die Gewissheit, dass etablierte Märkte wie die USA oder China immer uneingeschränkt zugänglich und berechenbar sind. Auch wenn beide Schwergewichte bleiben, gilt es gerade für unsere exportorientierte ostwestfälische Industrie, neue Märkte zu erschließen und Abhängigkeiten zu reduzieren.
Vor diesem Hintergrund wird das EU-Mercosur-Abkommen zu einem Lackmustest europäischer Handlungsfähigkeit. Nach 25 Jahren Verhandlungen wurde es unterzeichnet — um dann vom EU-Parlament mit einer außergewöhnlichen Konstellation, getragen von Stimmen deutscher Abgeordneter aus AfD, Linke, BSW sowie einer Mehrheit bei den Grünen, an den Gerichtshof überwiesen zu werden. Das bremst für Monate, womöglich Jahre. Für die Wirtschaft heißt das: Unsicherheit und verpasste Chancen.
Dabei geht es um sehr viel. Das Abkommen schafft eine der größten Freihandelszonen der Welt mit zusammen rund 700 Millionen Menschen. Die EU-Kommission sieht ein Potenzial, die EU-Exporte nach Südamerika jährlich um 39 Prozent zu steigern. Gleichzeitig würden Zölle auf über 91 Prozent der EU-Waren in die Mercosur Staaten entfallen. Für deutsche Unternehmen — insbesondere für kleine und mittlere Betriebe — eröffnet dies erhebliche Potenziale. Der Marktzugang wird spürbar erleichtert, neue Gelegenheiten entstehen vor allem in den Bereichen Automobil, Chemie und Maschinenbau. Auf der Beschaffungsseite verbessert das Abkommen den Zugang zu wichtigen Rohstoffen und Agrarprodukten.
Die EU-Kommission sollte jetzt Teile des Abkommens vorläufig anwenden, sobald die Voraussetzungen erfüllt sind. Auch wenn dieser Schritt politisch umstritten ist — er wäre ein wichtiges Zeichen, dass Europa handlungsfähig bleibt. Und dass die EU den neuen Realitäten Rechnung trägt.
Und dieses Signal gilt über Mercosur hinaus — auch andere Regionen bieten unseren Unternehmen Möglichkeiten, sich breiter aufzustellen: Indien, die arabischen Golfstaaten, Afrika und die ASEAN-Region sind weitere Pfeiler unserer Internationalisierung als Ergänzung zu USA und China. Dazu braucht es belastbare Partnerschaften, Marktöffnungen mit klaren Regeln, verlässliche Rahmenbedingungen. Nur so lassen sich Risiken streuen, Abhängigkeiten verringern und Wachstumspotenziale heben.
Natürlich bergen neue Märkte auch Risiken: Politische Unsicherheiten, Finanzierung und lokale Besonderheiten erfordern gute Vorbereitung. Hier unterstützt unsere IHK die ostwestfälischen Unternehmen aktiv und begleitet sie bei den Schritten ins und im Ausland mit Rat und Tat. Internationalisierung heißt heute: den Blick weiten, Chancen erkennen, Risiken streuen – und gemeinsam neue Wege gehen. Das Jahresmotto unserer IHK passt auch hier perfekt: Potenziale nutzen für ein starkes Ostwestfalen. Die EU darf der eigenen Wirtschaft nicht im Wege stehen.



