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Im Porträt

Der Mitmenschliche

Ohne sie geht nichts in Werkstätten, Hobbykellern oder auf Baustellen: Zollstöcke. Für Thomas Albers sind es werbende Werkzeuge, die wie Visitenkarten wirken.

Thomas Albers sagt von sich, dass er in der zweitältesten Branche der Welt unterwegs ist — in der Welt der Zollstöcke. „Es gibt einen altägyptischen Zählstab aus dem Jahr 3000 vor Christus“, plaudert er begeistert beim Rundgang durch sein Unternehmen „Maßstab Diamant“ in Löhne. In der kleinen, hauseigenen Sammlung hat er etliche Exponate hinter Glas zusammengetragen, zu den ältesten zählen ein Hutmaß und ein Schuhmaß. Letzteres sei mindestens 150 Jahre alt. Sein persönliches Credo ist deutlich sichtbar im Empfangsbereich an der Wand angebracht: „Mit neuen Maßstäben unsere Welt besser machen.“ Albers fühlt sich der Gemeinwohlökonomie verpflichtet. Und lebt das Prinzip mit und in seinem Unternehmen vor. Eine besondere Rolle nimmt dabei seine Ehefrau Annette ein: „Wir teilen die gemeinsamen Werte und meine Frau hat alle Entscheidungen, auch die schwierigen, mitgetragen. Ohne sie wäre der Erfolg so nicht möglich gewesen.“

MOTIVATION, ETWAS ZU GESTALTEN

Die Begeisterung für die faltbaren Metermaße hat eher zufällig nach Albers Ausbildung zum Industriekaufmann bei der damaligen Küchenmöbelfabrik Tielsa in Bad Salzuflen begonnen. Als 21-Jähriger wechselte er zur Zollstockfabrik „Präsident“ nach Vlotho, begann im Vertrieb. Als „fördernd und fordernd“ beschreibt der Firmenchef die Zeit rückblickend. Er kletterte schnell auf der Karriereleiter nach oben, vom Verkaufs- über den Vertriebsleiter zum Prokuristen. Ab Oktober 1997 war Albers zweiter Geschäftsführer. Da aus seiner Sicht die Nachfolgeregelung nicht funktioniert hat, trennten sich im Juli 2000 die Wege und Albers startete am 1. August 2001 mit der Maßstab Diamant GmbH durch, zunächst mit einem Mitgesellschafter und seit 1. Oktober 2019 als Alleingesellschafter.

„Ich bin christlich geprägt und halte viel von Mitmenschlichkeit“, sagt der gebürtige Herforder über sein Grundverständnis. Die Motivation, etwas zu erreichen, zu gestalten, rühre auch aus seiner Kindheit her. Er komme „aus schmalen Verhältnissen“. Seine beiden berufstätigen Eltern hätten die Chance bekommen, in den 70er-Jahren in eine Sozialwohnung in Herford zu ziehen. Gemeinsam mit seinem Bruder hätten sie auf 64 Quadratmetern gelebt. „Ich wollte da raus, niemand sollte mir vorschreiben, was ich zu tun habe.“ Der große Vorteil war, dass immer viele Kinder zum Spielen da gewesen seien. Auch ein heute bekannter Unternehmer aus Vlotho habe dort gewohnt und sei seitdem einer seiner besten Freunde. Die Zeit der Ära Brandt mit deren Aufstiegsversprechen sei ihm positiv in Erinnerung geblieben.

 ANREGUNG IM KLOSTER GEFUNDEN

Für ihn als Chef und Arbeitgeber sei schnell klar gewesen, dass er wertschätzend führen, gewaltfrei kommunizieren, Talente finden und fördern wolle. Beim Firmenrundgang sind alle per Du mit dem Chef. Input habe sich Albers durch Seminare im „Team Benedikt“ geholt. Im Benediktiner-Kloster in Würzburg habe er Kurse besucht, sich entsprechend weitergebildet. Das Angebot wurde 2004 unter anderem von Pater Anselm Grün ins Leben gerufen. Auf das Thema Gemeinwohlökonomie sei er beim Unternehmenskongress „Sinn macht Gewinn“ im Jahr 2019 gestoßen. 

Initiiert von Christian Felber, versteht sich die Gemeinwohl-Ökonomie als „ein innovatives, nachhaltiges Wirtschaftsmodell mit dem Ziel einer ethischen Wirtschaftskultur“. Als Alternative zum gegenwärtigen Wirtschaftsverständnis baue sie auf den Werten Menschenwürde, ökologische Verantwortung, Solidarität, soziale Gerechtigkeit, demokratische Mitbestimmung und Transparenz auf. Hinter der Gemeinwohl-Ökonomie stehe die Überzeugung, dass die drängenden Herausforderungen unserer Zeit — von der Ressourcenknappheit über die Klimakrise, vom Verlust der Artenvielfalt bis hin zur größer werdenden Kluft zwischen Arm und Reich — nur ganzheitlich und systemisch zu lösen seien. 

Umgesetzt in seinen Unternehmensalltag bedeute dies für Albers beispielsweise, dass er Talente statt Mitarbeitende sucht. „Jeder hat Fähigkeiten in seinem Bereich. Ich suche Talente für Zahlen, für Kommunikation, für Entwicklung. Ich brauche Menschen, die hier ‚Bock‘ draufhaben.“ Dass ihm das gelungen ist, zeigen die Zahlen: Mit 30 Talenten erwirtschaftet Albers einen Umsatz im mittleren einstelligen Millionen Euro-Bereich.

Und auch bei einem anderen Thema, das bei vielen mittelständischen Unternehmen unter den Nägeln brennt, ist er einen Schritt weiter — bei der Nachfolge. Seit Anfang 2024 sind sein Sohn Jannis und Jonas Exner als Prokuristen Mitglieder der Geschäftsführung. Seine Tochter Nina habe sich für eine Karriere außerhalb des Familienunternehmens entschieden.

NACHHALTIGKEIT BEI ROHSTOFFEN UND TRANSPORT

Nachhaltigkeit zeige sich ebenfalls bei der Auswahl der verwendeten Hölzer für die rund 3,5 Millionen Zollstöcke und die etwa zwei Millionen Bleistifte für Zimmerleute und Co., das zweite Produkt, das sein Unternehmen anbiete. Ebenfalls im Programm: ein Wasserwaagen-Typ in verschiedenen Längen, der individuell mit Werbeeindrucken gestaltet werden kann.

Das Buchenholz für die Zollstöcke komme aus Deutschland und aus Tschechien. Dort würden in zwei Fabriken ebenfalls die Rohlinge gefertigt, „nach Vorgaben der Messgeräterichtlinie der Europäischen Union“. Diese besagt, dass es einen maximalen Versatz von 1,4 mm auf die Gesamtlänge von zwei Metern geben darf. Dann gelte ein Maßstab als geeicht. Aus jeder Charge von 150.000 Zollstöcken müssten 500 digital nachgemessen und die Daten archiviert werden. Überprüft werde die Messgeräte-Richtlinie jährlich von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt aus Braunschweig. 

Die Bleistifte aus Lindenholz werden in Lizenz in Rumänien produziert. Um den CO₂-Fußabdruck zu verringern, würde nur noch einmal pro Monat je ein Lkw mit den Vorprodukten zur Weiterverarbeitung in Vlotho angeliefert. „Zollstöcke sind Visitenkarten für die Unternehmen, die sie verteilen“, sagt Albers, „und können zusätzlich auch mit einem persönlichen Namen ergänzt werden.“ Zum Einsatz kommen wasserlösliche Lacke, die komplette Druckvorstufe wurde auf Laser umgestellt. Die bislang erforderliche Chemie sei damit komplett überflüssig.

Eine vierte Digitaldruckmaschine sei bestellt und soll nach einem Jahr Fertigungszeit im Sondermaschinenbau  im zweiten Quartal zum Einsatz kommen: „Technik auf höchstem Niveau“, freut sich Albers.

Hauptabsatzmärkte für die Produkte seien Deutschland, Österreich, die Schweiz und die Beneluxländer. Zu den Kunden zählten unter anderem Unternehmen aus der Holz-, Sanitär-, Baustoff- und Farbenbranche: „Praktisch alle, die etwas mit Bauen zu tun haben.“ 

PAPST-ZOLLSTOCK

Ein besonderer Zollstock hat es 2025 sogar bis nach Rom geschafft: Das Metermaß war mit dem Konterfei Papst Leos XIV und dem Spruch „Friede sei mit Euch“ bedruckt. Insgesamt 200 hat Albers produziert. Die Idee sei mit einer Pflegeschule aus Ostdeutschland und der christlichen Motorradgruppe „Jesus Bikers“ entstanden. Bei einer Motorrad-Wallfahrt nach Rom wurden die Biker vom Pabst empfangen — im „Gepäck“ hatten sie ein weißes, von BMW gespendetes Motorrad, das vom Papst signiert wurde und auf das er sich sogar kurz draufgesetzt hat — die Bilder gingen um die Welt. Und 100 Zollstöcke. „Leider durften die Zollstöcke aus Sicherheitsgründen nicht mit zur Audienz genommen werden“, bedauert Albers. Das Motorrad wurde zugunsten eines Hilfsprojektes versteigert. Mit dem Geld sollen Kinder aus Madagaskar unterstützt werden, die unter ausbeuterischen Bedingungen in Mica-Minen arbeiten müssen. Das Mineral sorgt für Glitzereffekte in Autolacken und Lippenstiften.

GESELLSCHAFTLICHER VERANWORTUNG GERECHT WERDEN

Momentan tüftelt Albers’ Team an einer „Zollstock-Garage“, einem magnetischen Halter, der das eine Zollstockende aufnimmt und überall angebracht werden kann: im Hobbykeller, im Servicefahrzeug oder in der Küche. Der Zollstock sei so immer griffbereit. Die kleine Halterung soll zum Patent angemeldet werden.

Mit dem 2009 übernommenen Werbemittelhandel „Speed Promotion“ will Albers seinen Kunden weitere Werbemittel „aus einer Hand“ anbieten. Ebenso biete die Agentur das komplette „Werbemittelmanagement“ für seine Kunden an — „Never out of stock“ lautet das Versprechen. 

„Es geht nicht um Wachstum um jeden Preis, es geht darum, unserer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden“, bringt Albers seine Überzeugungen auf den Punkt. Obszöne Aufdrucke würden sie deshalb nicht ausführen und auch Aufträge der AfD hätten sie schon abgelehnt: „Wir sind Demokratie-Freunde.“ 

Heiko Stoll

     

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