Ostwestfälische Wirtschaft

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Politik und Standort

Mit KI gegen graue Bärte

Es sind gute Nachrichten aus der Region: Die Zahl der aktiven Start-ups in Ostwestfalen-Lippe steigt gegenüber dem Vorjahr um sechs Prozent, von 320 auf 340. 

Damit zeige sich nach dem Einbruch im Jahr 2023 wieder ein positiver Gründungstrend. Gingen 2022 noch 53 Neugründungen an den Start, waren es 2023 lediglich 32. Im Jahr 2024 wurden 47 Start-ups gegründet, für 2025 beläuft sich die Prognose auf 53. Im Bereich Software sind 21 Prozent der Gründerinnen und Gründer tätig, 13 Prozent im E-Commerce und neun Prozent in der Industrie. In den zurückliegenden zehn Jahren, ab 2014, habe sich die Zahl der Start-up-Gründungen in Ostwestfalen-Lippe somit mehr als verdoppelt. Zusammengefasst wird die Entwicklung im „OWL Startup-Monitor 2025“, der gemeinsam von der in Bielefeld ansässigen Founders Foundation in Kooperation mit dem „Startup-Verband“ aus Berlin veröffentlicht wird. Es ist die fünfte Studie ihrer Art. Deutschlandweit sind nach Verbandsangaben etwa 23.000 Start-ups aktiv. „Wir waren lange Zeit der Hidden Champ, es hat sich viel getan, die Region hat sich zum spannenden Start-up-Ökosystem entwickelt“, sagt Anna-Luisa Korte, Director Brand & Content bei der Founders Foundation. 

NÄHE ZUM MITTELSTAND

In der Region sind Bielefeld mit 91 und Paderborn mit 62 Start-ups die entsprechenden Hochburgen. Grundsätzlich seien aber in allen Teilen OWLs diese innovativen Gründerinnen und Gründer aktiv und präsent. Als „Mittelfeld“ bezeichnet Jannis Gilde, Projektleiter Research beim Start-up-Verband, die beiden Zentren der Region. Unter den 56 Städten mit mindestens 150.000 Einwohnern belegt Paderborn Platz 21 und Bielefeld Platz 37. Die Start-up-Aktivität pro Kopf liege in OWL mit 16,4 auf einem ähnlichen Niveau wie in strukturell vergleichbaren Regionen; im Münsterland beträgt sie 17,6, im Ruhrgebiet 14,0 oder in der Metropolregion Hannover 15,5. Die Region Aachen sticht mit 24,8 Start-ups pro 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner hervor, so die Untersuchungsergebnisse.

Eine Besonderheit in Ostwestfalen sei, dass die meisten Gründerinnen und Gründer über Berufserfahrungen im Mittelstand verfügen (55 Prozent im Vergleich zu 39 Prozent im Bundesschnitt). Diese Vorerfahrung im Mittelstand bringe Vorteile bei B2B-Geschäftsmodellen, von der Kooperation bis zum Vertrieb. In Ostwestfalen entstünden 84 Prozent der Start-up-Umsätze im B2B-Bereich (deutschlandweit: 75 Prozent). „Oft entstehen Gründungsideen aus Herausforderungen, denen die Gründer:innen im Beruf begegnet sind“, heißt es dazu in der Studie. 

Ein weiteres wichtiges Standortargument ist die Nähe zu Kunden, die von 38 Prozent positiv bewertet wird (bundesweit: 15 Prozent). Die Anzahl der Kooperationen mit etablierten Unternehmen stieg in OWL entgegen dem Deutschland-Trend an, von 55 Prozent in 2023 auf 68 Prozent in 2025 (Deutschland 2023: 61 Prozent; 2025: 56 Prozent).

NEUES PRODUKT DURCH KI-TOOL

Ein Beispiel für die regionale Zusammenarbeit liefert die Dr. Wolff Group mit dem Start-up „unfuture“, beide aus Bielefeld. Letzteres ist nach eigener Aussage eine „KI-Transformationsberatung für radikal effizientere Prozesse im Mittelstand“. 

Für die Dr. Wolff Group bestand laut Tim Widmayer, Head of AI, die Herausforderung, Kundenfeedback auszuwerten. Als sich Dennis Cutraro, Gründer und Managing Partner von unfuture, vorstellte, lautete Widmayers erste Reaktion „ah, noch eine KI-Beratung“. Das änderte sich schnell: „unfuture hat uns einen Prototypen hingestellt, das bekommt man sonst bei keiner Beratung.“ Cutraro und Mitgründer Ingo Rossdeutscher verfügen „über echtes Know-how, beide haben technischen Hintergrund“, nennt Widmayer weitere Pluspunkte, und ergänzt: „Sie wollen immer cutting edge sein — wir auch.“ Cutraro und Rossdeutscher waren beide Gründer des B2B-Software Start-ups „Valuedesk“ aus Bielefeld. Cutraro ist darüber hinaus noch „Investor & Advisor in AI Start-ups“. „Wir versetzen uns in die Lage des Gegenübers. Wie lautet deren Problem, wie kann ich es lösen?“, beschreibt Cutraro die Herangehensweise. Am Anfang ginge es darum, Expertise aufzubauen, anschließend darum, die Lösung skalierbar zu machen.

Begonnen wurde die Zusammenarbeit im Oktober 2024, gemeinsam wurde „ProductLens“ entwickelt, „ein AI-Tool, das Large Language Models (LLMs) nutzt, um aus Massen an Kundenrezensionen neue Insights für die Produktentwicklung und Kommunikation zu gewinnen“, beschreibt Widmayer das Ergebnis. Erkenntnisse ließen sich so in über 20 Ländern für über 300 Produkte, verteilt über alle Dr. Wolff-Marken hinweg gewinnen und auswerten — Alpecin, Plantur, Bioniq, Karex, Linola, Vagisan, Alcina. Das Monitoring sei bislang sehr aufwändig gewesen: „Es war vorher schlicht unmöglich, die Massen an Kundenrezensionen zu unseren Produkten regelmäßig und methodisch auszuwerten: wir brauchten für ein Produkt circa einen Werktag — das hat sich wirtschaftlich nicht gerechnet.“ ProductLens ermögliche es dem Unternehmen, „so nah wie nie zuvor an unseren Kunden zu sein“.

Wie die Datenanalyse der Kundenrezensionen bereits zu einem neuen Produkt geführt hat, erläutert Widmayer an einem Beispiel: „Im Fall ‚Grey Attack Bart + Schläfen‘ konnten wir mithilfe von ProductLens einen neuen Anwendungsfall unseres ‚Grey Attack Coffein + Color Shampoos‘ identifizieren, und daraus ein erfolgreiches, innovatives Produkt entwickeln. Das Tool ist mittlerweile nicht mehr aus dem Arbeitsalltag unserer Produkt- und Marketingmanager wegzudenken. Es ist tief in unsere Produktentwicklungsprozesse integriert, sodass es immer wieder zu neuen Produktentwicklungen beitragen wird. Unsere innovative Wissenschaft bleibt Haupttreiber neuer Produktinnovationen bei der Dr. Wolff Group; ProductLens hilft uns vor allem dabei, diese wissenschaftlichen Durchbrüche in Produkte zu verwandeln, die bisher nicht addressierte Konsumentenprobleme noch gezielter lösen.“

DIREKTER ZUGANG ZU KUNDENBEDÜRFNISSEN

Auf die Frage, ob durch AI Klassische Marktforschung ersetzt wird, antwortet Widmayer: „Klassische Marktforschung betreiben wir bei Dr. Wolff sehr wenig; unsere Philosophie ist, dass wahre Innovation nicht durch Marktforschung entsteht, die fragt ‚Was wollen Sie?‘, sondern durch tiefes Verständnis unausgesprochener Kundenbedürfnisse — ähnlich wie Steve Jobs oder Henry Ford es formuliert haben.“ AI-gestützte Tools wie ProductLens passten perfekt zu dieser Philosophie: „Statt Kunden zu fragen, was sie wollen, analysieren wir, was sie tatsächlich erleben, welche Probleme sie haben und wo bestehende Produkte ihre Erwartungen nicht erfüllen. Wir beobachten echtes Verhalten und echte Erfahrungen in der realen Welt. Die Kombination ist entscheidend: Unsere wissenschaftliche Innovation bleibt der Haupttreiber — AI gibt uns die Insights, um diese Innovationen gezielt auf reale, oft verborgene Kundenprobleme auszurichten. Wir ersetzen klassische Marktforschung nicht, wir überspringen sie zugunsten eines direkteren, authentischeren Zugangs zu Kundenbedürfnissen.“

Um an der Kommerzialisierung des Tools zu partizipieren, wird sich die Dr. Wolff Group an der zu gründenden ProductLens GmbH beteiligen, sagt Widmayer.

An der Zusammenarbeit mit dem Mittelstand generell in der Region schätze Cutraro dessen gute Zugänglichkeit und schnelle Entscheidungen. Gefragt, ob es in der Region an einen „Start-up-Leuchtturm“ fehle, antwortet Cutraro: „Wir haben in Bielefeld durchaus starke Beispiele und Erfolge vorzuweisen — etwa Valuedesk, VisionAI, Synctive, Saasmetrics oder auch spannende Geschichten wie Unchained Robotics in Paderborn. Im nationalen Vergleich zählt jedoch keines dieser Start-ups aktuell zu den besonders schnell skalierenden oder kapitalstarken Unternehmen. Aus meiner Sicht könnte ein solcher Leuchtturm grundsätzlich in jedem Bereich entstehen. Wir haben in OWL hervorragend ausgebildete Menschen und eine starke industrielle Basis. Was hier eher fehlt, sind prägende Beispiele, sichtbare Vorbilder und ein höheres Ambitionsniveau innerhalb der lokalen Start-up-Szene — weniger die Kompetenz an sich.“

NACHHOLBEDARF BEI DEEPTECH-GRÜNDUNGEN UND FINANZIERUNG

In OWL können 79 Prozent der Gründerinnen und Gründer (bundesweit: 87 Prozent) einen akademischen Abschluss vorweisen, oft in Informatik (40 Prozent) oder Ingenieurwissenschaften (33 Prozent), so der Start-up-Monitor. 73 Prozent der studierten Gründerinnen und Gründer haben demnach ihren Abschluss in der Region erworben. Die Nähe zu Hochschulen nennen 94 Prozent der Befragten als positives Merkmal des regionalen Ökosystems. „Neben der gesammelten Berufserfahrung spielen Hochschulen sowohl als Ausbildungsort als auch als Raum für Gründungsinspiration eine zentrale Rolle für Startup-Ökosysteme“, heißt es dazu im Monitor. Trotzdem sei der Anteil der so genannten DeepTech-Gründungen mit fünf Prozent in OWL im Vergleich zu deutschlandweit elf Prozent „noch unterdurchschnittlich“. Als DeepTech-Gründungen definiert der „Startup Monitor“ Unternehmen, „deren Produkte auf neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen und eine grundlegend neue Technologie mit langer Entwicklungszeit auf den Markt bringen“.

Jannis Gilde vom Start-up Verband ordnet die Zahlen ein: „Wir sehen auf der einen Seite, dass gerade mit dem Standort Paderborn auch die forschungsnahe Gründungsförderung für die Region sehr wichtig ist. Gleichzeitig die Gründungen aber häufiger in Feldern wie Software oder Industrie stattfinden, die seltener DeepTech sind. Das ist ja erst einmal gar nichts schlechtes, sondern passt zum Profil der Region. Trotzdem kann man natürlich von anderen Standorten lernen. Aus meiner Sicht sind das insbesondere die Ökosysteme in Aachen, Heidelberg, Potsdam und Darmstadt, die neben München bei forschungsnahen DeepTech-Gründungen sehr stark sind“.

Auch beim Kapitalbedarf kämen in Ostwestfalen mehr interne als externe Lösungen zum Tragen. Lediglich 49 Prozent der Start-ups setzten auf oder planten mit externem Kapital, deutschlandweit sind es 63 Prozent. Etwa vier von zehn Gründerinnen und Gründer wollen ihr Start-up durch so genanntes Bootstrappting, also durch eigenes Kapital, aufbauen und liegen damit deutlich über dem Bundesschnitt. 34 Prozent der Befragten wollen sich das Potenzial der strategischen Investoren erschließen, bislang werde dieser Weg von sieben Prozent genutzt (bundesweit seien es zwölf beziehungsweise 35 Prozent). Fast zwei Drittel der Start-ups in OWL beschäftigen Mitarbeitende (deutschlandweit: 71 Prozent). Die Anzahl der Gründerinnen sei in OWL leicht von 15 Prozent in 2024 auf 17 Prozent in 2025 gestiegen (deutschlandweit: 20 Prozent).

Der Fachkräftemangel ist ein weiteres Thema, dass die hiesigen Start-ups stärker umtreibe als im Bundesdurchschnitt: In OWL sagen 36 Prozent der Befragten, dass sie einen großen Fachkräftemangel hätten, in Deutschland seien es 22 Prozent. Die Start-ups in der Region stellten stärker lokal ein, der Anteil ausländischer Mitarbeitenden liege bei 24 Prozent — deutschlandweit seien es 32 Prozent. Werde der Anteil Berlins und Münchens rausgerechnet, liege der Anteil ausländischer Fachkräfte bei 28 Prozent.

Eine stärkere Internationalität ist ein weiteres erklärtes Ziel des Start-up-Ökosystems. Bisher sei in nur 17 Prozent der OWL-Start-ups Englisch die Arbeitssprache (Deutschland: 37 Prozent). „Englisch als Arbeitssprache ist nicht nur für das Hiring internationaler Talente wichtig, sondern vereinfacht auch den Eintritt in internationale Märkte“, formulieren die Autoren des Monitors.

Um die Region bekannter zu machen, schlägt Cutraro vor, den Standort mittels Marketingkampagne als „echte Alternative bekannt zu machen“. Dabei kämen viele Leute aus Hamburg oder Berlin zurück, die ihre Wurzeln in der Region hätten. Es sei schwierig, diejenigen nach OWL zu bekommen, die keine Bindung hätten. Eine Möglichkeit sieht der AI-Experte darin, Hubs in Hamburg oder Berlin zu gründen — Mitarbeitende für OWL-Start-ups müssten ja nicht zwingend in der Region leben.

ZURIEDEN MIT REGIONALEM ÖKOSYSTEM

Die Zufriedenheit mit dem regionalen Start-up-Ökosystem fällt trotz rückläufigem Trend mit 69 Prozent in 2025 (2024: 76 Prozent) besser aus als im Bundesschnitt mit 57 Prozent (2024: 61 Prozent). Zusätzlich zu der schon genannten Nähe zu den Hochschulen bewerten die Befragten das Netzwerk zu anderen Start-up-Gründerinnen und -Gründern, die Kooperationsmöglichkeiten mit etablierten Unternehmen, wirtschaftspolitische Initiativen oder bezahlbare Immobilen als weitere Pluspunkte der Region.

Bei den Wünschen an die Politik rangieren sowohl in OWL als auch bundesweit der Bürokratieabbau an erster Stelle, gefolgt von Steuererleichterungen für junge Unternehmen, Digitalisierung von Verwaltungsdienstleistungen, Stärkung der Frühphasenfinanzierung sowie die Flexibilisierung der Arbeits- und Beschäftigungsregelungen.

Für den „Deutschen Startup Monitor 2025“ wurden 43 Fälle aus der Region ausgewertet, deutschlandweit waren es 1.846.

Heiko Stoll

     

TIPP

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Die IHK Ostwestfalen begleitet Existenzgründerinnen und -gründer sowie junge Unternehmen praxisnah und regional verankert: Von der ersten Geschäftsidee über die konkrete Planung bis hin zur Weiterentwicklung und technologischen Innovation bietet sie breitgefächerte Unterstützung. Dies umfasst individuelle Gründungsberatung, Hilfe bei der Erstellung von Businessplänen, Informationen zu Finanzierung und Fördermitteln sowie gezielte Hinweise zu Digitalisierung, Innovationsprozessen und Technologietransfer. Außerdem vernetzt die IHK Gründungsinteressierte mit Akteuren aus Wirtschaft, Wissenschaft und regionalen Netzwerken und organisiert Veranstaltungen wie Gründungstage und Workshops, die Orientierung, Austausch und Know-how vermitteln. Der jährliche IHK-Gründungsreport Ostwestfalen liefert kompakte Einblicke in die regionale Gründungslandschaft. Er wertet Gewerbeanmeldungen und Trends aus, zeigt die aktuelle Gründungsaktivität und branchenspezifische Entwicklungen und macht sichtbar, wie dynamisch die Gründungsszene vor Ort ist. 

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