Ostwestfälische Wirtschaft

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Zeit, dass sich was dreht

Im März startet die Saison, dann sind sie aus dem Stadtbild kaum wegzudenken – die Fahrradfahrerinnen und Fahrradfahrer. Längst sind die früheren Drahtesel keine reinen Fortbewegungsmittel mehr, vielmehr haben sie sich zum Lifestyle-Produkt entwickelt. Die E-Mobilität hat den Markt verändert, nach den Boomjahren während der Corona-Pandemie ist die Rabattschlacht vorbei, etliche Händler haben aufgegeben, andere kämpfen mit Überbeständen und Online-Konkurrenz. Zudem sind die Kunden anspruchsvoller geworden, neben einer großen Auswahl erwarten sie schnelle Verfügbarkeit und attraktive Preise. Doch nun konsolidiert sich die Fahrradbranche und es gibt viele Beispiele in Ostwestfalen, die beweisen – mit Alleinstellungsmerkmalen wie Testparcour, Ergonomieberatung oder gutem Service kann die Wende gelingen. Hinzu kommt ein geändertes Mobilitätsverhalten im urbanen Raum.

Im März startet die Saison, dann sind sie aus dem Stadtbild kaum wegzudenken – die Fahrradfahrerinnen und Fahrradfahrer. Längst sind die früheren Drahtesel keine reinen Fortbewegungsmittel mehr, vielmehr haben sie sich zum Lifestyle-Produkt entwickelt. Die E-Mobilität hat den Markt verändert, nach den Boomjahren während der Corona-Pandemie ist die Rabattschlacht vorbei, etliche Händler haben aufgegeben, andere kämpfen mit Überbeständen und Online-Konkurrenz. Zudem sind die Kunden anspruchsvoller geworden, neben einer großen Auswahl erwarten sie schnelle Verfügbarkeit und attraktive Preise. Doch nun konsolidiert sich die Fahrradbranche und es gibt viele Beispiele in Ostwestfalen, die beweisen – mit Alleinstellungsmerkmalen wie Testparcour, Ergonomieberatung oder gutem Service kann die Wende gelingen. Hinzu kommt ein geändertes Mobilitätsverhalten im urbanen Raum.

Das erste eigene Fahrrad ist wohl etwas, an das sich jeder erinnert, über alle Generationen hinweg. Und einer der Gründe, warum Axel Böse 2012 Jahren sein Unternehmen coolmobility gegründet hat — der Fokus liegt auf Kinder- und Jugendrädern. „Meine Idee war es, sich auf urbane Mobilität zu spezialisieren. Unser Name steht für coole und trendige Bikes sowie moderne und nachhaltige Produkte rund um das Thema Fahrräder“, erklärt der Unternehmer sein Konzept. Das Angebot umfasst vier verschiedene Marken, die jeweils ihren eigenen Charakter und Stil haben. Der gebürtige Flensburger, den es 1994 in den Vorstand der Bicycles AG nach Ostwestfalen verschlagen hat, hatte schon immer ein Faible für Fahrräder, was sich in seinen Jobs widerspiegelt. Und aufgrund der Historie als Fahrradhochburg sei Bielefeld für ihn eine besondere Stadt: „Ich denke da an die bekannten Hersteller wie Gudereit, Falter oder Rabeneick. Auch die Radrennbahn liebe ich“, schwärmt der ehemalige Geschäftsführer der BIKO Zweirad Marketing GmbH mit Sitz in Verl. Nach mehr als zwei Jahrzehnten in der Region fühle er sich hier verwurzelt. Gemeinsam mit Gleichgesinnten wie dem Bielefelder Geschäftsmann Matthias Wittich zählt er zu den Organisatoren der Messe Bike Ordertag NORD für führende Markenhersteller, die jedes Frühjahr im Bielefelder Lenkwerk stattfindet. 

NAH AN DEN KUNDEN

Der Hauptsitz der coolmobility GmbH — hier werden die Räder endmontiert — befindet sich in der Ludwig-Erhard-Allee in Oldentrup, zur Verfügung stehen 5.000 Quadratmeter Lager. Seit Sommer 2025 unterhält der Unternehmer zudem einen Showroom und Büros an der Kreuzstraße in Bielefeld: „Unser Standort im Gewerbegebiet ist zwar ein guter, dennoch lebt man dort in einer Art Blase. Man verliert den Bezug zur Stadt, wir aber wollten näher an unseren Kunden sein. Für junge Familien ist ein einfacher, hier in die Ausstellung zu kommen. Und auch wir schätzen die Nähe zu Agenturen, die kurzen Wege und sind nun mittendrin. All das wirkt sich positiv auf unseren Spirit und die Arbeitsatmosphäre aus“, erklärt der 58-Jährige seine Beweggründe für den zweiten Standort. Im Showroom stehen einige ausgewählte Fahrräder zum Testen bereit, zudem finden sich Bücher rund ums Fahrrad, Warnwesten, Schlösser und Ersatzteile. Für eine lässig-junge Atmosphäre sorgt eine Dschungelwand aus grünen Plastikblumen, auf der mit pinker Leuchtschrift der Schriftzug „ACADEMY“ prangt. Dahinter verbirgt sich die Marke mit den Lightweight Bikes für Kinder und Jugendliche, gestartet ist Böse jedoch mit der Marke S‘COOL und „klassischen“ Kinderrädern. Ursprünglich als reiner Onlineshop. Inzwischen beschäftigt der Firmeninhaber in Oldentrup rund 20 Mitarbeitende, hinzu kommen weitere elf Beschäftigte in der Innenstadt.

ULTRALEICHTE KINDER- UND JUGENDRÄDER

„Wir legen einen starken Fokus auf die Bedürfnisse unserer Kunden und entwickeln Fahrräder und Anhänger, die nicht nur funktional, langlebig und sicher sind, sondern auch einen coolen und modernen Stil verkörpern“, macht Böse deutlich. Von herkömmlichen Kinderrädern unterscheiden sich die Räder von coolmobility durch ihr ultraleichtes Gewicht, das bis zu 40 Prozent weniger als ein herkömmliches Bike beträgt. Einsteigermodelle wie die Schulräder gibt’s ab 200 Euro, die Jugendräder beginnen bei 400 Euro und können, je nach Ausstattung, bis zu 1.000 Euro kosten. Anfangs sei der Vertrieb ausschließlich über den Fachhandel gelaufen, einer der größten Abnehmer ist bis heute der Fahrradhändler Lucky Bike. Doch der Fahrradmarkt habe sich verändert, weiß Axel Böse: „Viele stationäre Händler stehen in Konkurrenz mit Online-Riesen wie amazon & Co und können mit den Preisen, die dort aufgerufen werden, nicht mithalten. Vielleicht ein Grund, warum immer mehr kleine Händler aufgeben und vom Markt verschwinden.“ Zudem habe sich die Nachfrage verschoben, hin zu E-Bikes. Bis 2019 habe coolmobility ausschließlich den Handel beliefert — ein Geschäftsmodell, das nicht länger funktioniert. „Wir haben überlegt, wie wir uns für die Zukunft aufstellen wollen, denn ohne Markenpräsenz wird’s dünn“, sagt Böse, der sich mit Jens Wiesehöfer einen Marketingexperten an die Seite geholt hat. Ihm ist es zu verdanken, dass das Unternehmen in Sachen Social-Media und Markenkommunikation immer besser aufgestellt ist, Kanäle wie TikTok, Instagram oder YouTube bespielt werden und damit eine hohe Reichweite erzielt wird. „Es geht darum, unsere Marken stärker sichtbar zu machen. Das Geschäft bzw. die Umfelder differenzieren sich immer weiter aus. Inzwischen liefern wir nur noch 50 Prozent an den stationären Handel. Die restlichen 50 Prozent wickeln wir im D2C oder über andere Partner, wie beispielsweise die Mietplattform bikeclub oder unsere internationalen Distributionen, ab“, beschreibt Wiesehöfer die Situation.

ÄNGSTLICHKEIT DER ELTERN SPIEGELT SICH IM KAUFVERHALTEN WIDER

Ein anderes Thema, das Axel Böse und sein Team umtreibt, ist das veränderte Nutzungsverhalten seiner jungen Kundschaft: „Viele Kinder sind früh, so zwischen zwei und vier Jahren, auf Laufrädern unterwegs. Der Umstieg auf ein richtiges Fahrrad fällt ihnen dann leicht. Allerdings lässt die Nutzung in der Grundschulzeit dann massiv nach, das Rad wird weniger im Alltag.“ Als Gründe dafür benennt er den Trend hin zu den umstrittenen Elterntaxis, die wachsende Sorge der Eltern vor möglichen Gefahren und verschobene Prioritäten hin zu anderen Hobbies. „Es fahren immer weniger Kinder mit ihrem Rad zur Schule oder in den Sportverein“, weiß Böse und sieht diese Entwicklung — nicht nur aus unternehmerischer Sicht — kritisch: „Kinder sollten ihren Aktionsradius erweitern dürfen, es geht zudem um Bewegung und Gesundheit. Als Eltern muss man die Sorge, dass etwas passieren könnte, aushalten.“ Der Radexperte macht sich auch über veränderte Mobilitätskonzepte Gedanken: „In Bielefeld gibt es positive Ansätze wie die Umgestaltung vom Kesselbrink oder Jahnplatz. Die Verkehrsführung ist in meinen Augen nett gemacht, aber Radwege allein reichen nicht aus. Ich finde es schade, dass das Thema zum Politikum verkommt. Es sollte vielmehr darum gehen, eine lebenswerte Stadt für alle anzustreben. Dazu müssten auch Kinder befragt werden.“ 

BRANCHE WARTET AUF ERHOLUNG

Pro Jahr werden bei coolmobility 60.000 Räder für die Serien „S'COOL und Academy“ produziert. Mittlerweile beträgt der Exportanteil 30 Prozent, geliefert wird in Länder wie die Niederlande, Belgien, Frankreich und auch Polen, Tschechien und Slowenien seien gute Märkte. „Diese Länder sind nicht in so einer Krisenstimmung wie wir hier in Deutschland. Zudem geben die Menschen in den osteuropäischen Ländern viel Geld für ihre Kinder aus“, sagt Böse. Generell sei die Lage der Fahrradbranche derzeit schwierig: „Nach dem Boom zu Covid-Zeiten mit der Euphorie für E-Bikes waren 2024 und 2025 Verlustjahre, der Fahrradhandel schwächelt und hat Überbestände. Die Kunden sind Rabatte gewöhnt. Geht man da mit, erzielt man aber keine Erträge“, fasst der Branchenkenner das Dilemma zusammen. In den vergangenen Jahren habe es viele Insolvenzen von Fahrradhändlern gegeben, auch in Bielefeld. „Einzig der Servicebereich läuft gut, wir alle warten auf eine Erholung des Marktes“, macht Böse deutlich. Als Produzent sei er von Asien abhängig, es gebe lange Bezugs- und Frachtzeiten: „Wir beziehen unsere Rahmen und das Zubehör aus Asien. Manchmal dauert es acht bis zehn Monate, bis wir die Ware erhalten. Das birgt ein hohes Risiko bei der Planung. Die Kosten für die Seefracht sind jedoch auf hohem Niveau stabil, damit kann man zum Glück kalkulieren.“ Trotz aller Herausforderungen bleibt Böse optimistisch: „Wir wollen noch besser werden und ostwestfälisch gesund wachsen. Dafür muss man auch mal eine Delle mitnehmen und ich halte es dabei mit der ostwestfälischen Tugend, nicht sofort die Flinte ins Korn zu werfen. Daher versuchen wir, andere Wege zu gehen.“ Auch in Sachen Jobrad-Leasing sieht der Unternehmer noch Luft nach oben: „Viele Firmen bieten ihren Mitarbeitenden diese Möglichkeit an, da könnte man auch ganze Familien einbeziehen. Nicht alle können sich die Anschaffung leisten und so könnte man Pakete schnüren. Wenn mehr Menschen Räder zur Verfügung hätten, wäre auch das ein Weg, um die Innenstädte vom Autoverkehr zu entlasten“, so seine Idee.

ZIELGRUPPE DURCH SOCIAL-MEDIA-KANÄLE ERREICHEN

Axel Böse beobachtet ständig Menschen und junge Familien, auch in seiner Freizeit: „Eine Berufskrankheit. Ich kann nicht anders“, sagt er und lacht. Das in dieser Generation beliebte Lastenrad sieht er beispielsweise nur als „Kurzzeiterscheinung“ für den Kindertransport: „Es ist eine eher kleine Gemeinde, von der es genutzt wird und für diese eine Alternative zum zweiten Auto. Ich sehe es aber als zusätzliches Transportmittel, mit dem Handwerker Waren in der Innenstadt transportieren oder Stromableser unterwegs sein könnten“, verweist Böse auf weitere Nutzungsmöglichkeiten, die weniger Autoverkehr zur Folge hätten. Um Aufmerksamkeit zu erreichen, setzt coolmobility, wie erwähnt, verstärkt auf Social-Media-Kanäle. Jens Wiesehöfer hat eine klare Strategie erarbeitet: „Wir nehmen unsere Kunden, also die Kinder und Jugendlichen, mit. Wir schauen genau hin, welche Botschaft auf welchem Kanal laufen soll. Wir haben diese in die fünf Säulen ‚Entertain‘, ‚Learn‘ ‚Promote‘, ‚Educate‘ und ‚Inspire‘ eingeteilt. Das kommt gut an bei den Kunden.“

LEIDENSCHAFT FÜRS RAD WEITERGEBEN

Ein besonderes Highlight war das Sommercamp, das die Macher von coolmobility im vergangenen Jahr auf die Beine gestellt haben. „Wir haben mit ausgewählten Kids ein Video gedreht, Skripte dafür geschrieben, gemeinsam einen Song komponiert und abschließend ein Kino gemietet, um es zu zeigen“, erzählt Wiesehöfer. Ein Projekt, mit dem über zwei Millionen Views erzielt wurden und das 2.000 Kommentare zur Folge hatte. „Wir sind selbst begeisterte Radfahrer und möchten diese Leidenschaft an Kinder und Jugendliche weitergeben“, betonen Böse und Wiesehöfer. Dazu passt ihr Slogan „Ride to grow“ perfekt — dahinter verbirgt sich der doppelte Sinn „Rad fahren, um zu wachsen“ und „das Recht zu wachsen“, auch was die eigene MobiIität betreffe. „Radfahren soll Bewegung, Spaß und Unabhängigkeit bringen, das liegt mir und meinem Team am Herzen“, sagt der Radfan Axel Böse.

MEHR FAHHRÄDER ALS EINWOHNER

In Deutschland gibt es mehr Fahrräder als Einwohner — knapp 89 Millionen, davon rund 16 Millionen E-Bikes. Diese Zahlen nennt der „Verband des Deutschen Zweiradhandels e.V.“ (VDZ), der Branchenfachverband unter dem Dach des in Berlin ansässigen Handelsverbands Deutschlands (HDE), in seiner aktuellen Marktdaten-Studie aus dem Jahr 2025. Der VDZ mit Sitz in Bielefeld, in Bürogemeinschaft mit dem Handelsverband Ostwestfalen-Lippe e. V., vertritt nach eigenen Angaben bundesweit rund 750 Fahrradfachhändler. Neben Geschäftsführer Jan-Erik Weinekötter und dem VDZ-Vorstand kümmert sich Hans-Peter Obermark um deren Anliegen. Jährlich würden 3,9 Millionen Fahrräder in Deutschland verkauft, darunter 2,1 Millionen E-Bikes. Zum zweiten Mal in Folge lag damit der Anteil der elektrisch angetriebenen Fahrräder über denen, die ausschließlich mit Muskelkraft betrieben werden. Für neue Fahrräder gaben Kundinnen und Kunden 2024 im Fachhandel durchschnittlich 890 Euro aus, für E-Bikes waren es 4.000 Euro. Den Gesamtumsatz des Fahrradhandels beziffert der VDZ auf 8,6 Milliarden Euro, von denen 6,3 Milliarden auf Fahrräder inklusive E-Bikes und 2,3 Milliarden Euro auf Textilien, Zubehör, Ersatzteile und Werkstatt entfielen.

GUTES PRODUKT IN SCHWIERIGEM MARKTUMFELD

„Es ist ein gutes Produkt, das sich in einem schwierigen Umfeld bewegt“, überrascht Fahrradmarkt-Experte Obermark angesichts der Zahlen mit der Einschätzung der Geschäftsentwicklung. „Zurzeit gibt es teilweise noch Überbestände, vor allem bei der Industrie und Händlern zumeist mit großem Online-Anteil. Diese bauen sich langsamer ab als viele es erhofft hatten.“ Dabei konnte sich der Fahrradfachhandel seit 2010 durch innovative Produkte und den „Siegeszug der E-Mobilität“ ein Umsatzwachstum erzielen, „das weit oberhalb des übrigen Einzelhandels lag“, so Obermark weiter. Einen besonderen Nachfrageboom löste die Corona-Pandemie aus: Die so genannte Inlandslieferung, definiert als „deutsche Produktion + Import — Export“, erreichte 2022 mit 5,45 Millionen Fahrzeugen einen Höhepunkt, ein Plus von 500.000 im Vergleich zum Vorjahr. Als Gründe für den Boom nennt er die Umschichtung der Ausgaben unter anderem von Urlaubsbudgets hin zu neuen E-Bikes. Der Lockdown im Einzelhandel und in der Gastronomie führten zur gestiegenen Nachfrage bei Fahrradhändlern und in Folge zu Warenengpässen durch „leergekaufte Lager“ Ende 2020 und 2021. Erst Ende 2022 füllten die Bestände der Hersteller und Händler wieder. Das Jahr 2023 sei von Überbeständen in nahezu allen Vertriebsstufen geprägt gewesen, so die Marktdatenstudie. Für 2024 gibt der VDZ für die Inlandslieferung einen Wert von 3,16 Millionen Fahrzeugen an. „Ich gehe davon aus, dass die Konsolidierung auch in diesem Jahr weiter gehen wird. Ab 2027 wird sich die Situation normalisiert haben. Dabei handelt es sich um ein Gesamtproblem der Branche, sowohl auf Handels- als auch auf Herstellerseite.“

FAHRRÄDER SIND BERATUNGS- UND SERVICEINTENSIV

Der Handel profitiere davon, dass Fahrräder beratungs- und auch serviceintensiv seien. Rund drei Viertel des Umsatzes würden vom stationären Fachhandel oder von Fachmärkten erwirtschaftet. Insbesondere Fahrradleasing mit vom Leasinggeber vorgegebenen Inspektionsterminen führe zu einer höheren Werkstattauslastung, ebenso die anspruchsvollere Technik insgesamt. „Je nach Leasingvertrag variieren die Bedingungen. Ich kenne Händler, die für die Abwicklung der Verträge extra Bankkaufleute eingestellt haben. Außerdem sind Zweiradmechatroniker als Fachkräfte stark nachgefragt.“ Hinzu komme, dass die Kunden heute sehr gut vorinformiert seien und eine entsprechende Auswahl an Rädern der unterschiedlichen Sortimente erwarten würden.

Händler könnten punkten, wenn sie beispielsweise einen Testparcour oder Ergonomie-Beratungen anbieten würden. Auch die Präsentation des Servicebereiches werde wichtiger — all das erfordere Platz und Kapitalbedarf und fördere so einen „Trend zu größeren Einheiten“, wie Obermark die Tendenz zur Filialisierung beschreibt. Dennoch würden auch kleinere Fachhändler von der gestiegenen Nachfrage nach Werkstattleistungen profitierten. Dieses „Nebeneinander“ würde aus seiner Sicht gut funktionieren, „wir erhalten so ein breites Serviceangebot“. Insgesamt werde die Branche professioneller.

Der Reiz des Fahrrades bestehe für ihn im geänderten Mobilitätsverhalten insbesondere im urbanen Raum. Der Trend zu sportiveren Rädern setze sich fort, die größten Wachstumsraten verzeichneten Gravel-Bikes, eine Art geländegängiges Rennrad, und Cargo-Bikes. Letztere würden nahezu ausschließlich mit Elektromotor verkauft und eigneten sich damit sowohl als Zweitwagenalternative für junge Familien als auch als Transportgefährt für Handwerker. „Angebot, Produktion und Nachfrage werden sich normalisieren, in Zukunft wird es weniger Rabatte geben“, skizziert Obermark die weitere Entwicklung im Fahrradfachhandel: „Jetzt heißt es Durchhalten.“

„SIND IM NEW NORMAL“

„Wir sind im ‚new normal‘“, sagt Christian Morgenroth, einer der Geschäftsführer der Lucky Bike.de GmbH, „ich blicke zuversichtlich auf das Geschäftsjahr 2026.“ Die Aussage gewinnt an besonderer Bedeutung, wenn der Mitgründer eines der nach eigenen Angaben größten Fahrrad-Handelsunternehmen Deutschlands die Entwicklung der vergangenen fünf Jahre Revue passieren lässt. „Es war eine Achterbahnfahrt. Wir hatten während der Corona-Pandemie einen Nachfrageboom, jedes Fahrrad fand sofort einen Käufer, es war ein klassischer Verkäufermarkt, es kam zu Lieferengpässen. Danach hatten wir zwei Jahre lang ein Überangebot, volle Lager führten zu Rabattschlachten. Es war der typische ‚Schweinezyklus‘“, sagt der studierte Betriebswirt. Mittlerweile würden sich Angebot und Nachfrage wieder im Gleichgewicht befinden. „Es ärgert mich, wenn der Abgesang auf die Branche in den Fachmedien und in Teilen der Wirtschaftspresse angestimmt wird. Das stimmt so nicht.“ Pro Jahr würden nach wie vor rund vier Millionen Fahrräder in Deutschland verkauft.

MARKT KONSOLIDIERT SICH

Zum Bilanzstichtag am 31. August 2025 hätten sie bei Lucky Bike rund ein Viertel weniger Fahrräder im Bestand gehabt als zum Stichtag 2024. „Die Quote der neuen, aktuellen Fahrräder wird größer, der Druck auf die Rabatte sinkt.“ Aktuell ist das Unternehmen an über 40 Standorten in Deutschland vertreten, ein eigener Online-Shop runde das Angebot ab. Die Verkaufs- und Lagerfläche beziffert Morgenroth auf über 130.000 Quadratmeter, mehr als 150.000 Markenräder hätten sie im Angebot. Den Kapitalbedarf pro Filiale beziffert er auf zwei bis sechs Millionen Euro. Mit rund 1.600 Mitarbeitenden würden jährlich rund 280 Millionen Euro erwirtschaftet.

„Es kommt zu einer Konsolidierung im Markt, auch auf Herstellerseite. Gefragt sind attraktive Produkte mit Alleinstellungsmerkmal. Nur Fahrräder ‚zusammenzuschrauben‘ reicht nicht mehr aus.“ Bislang seien sie mit ihren Fachhandelsgeschäften konzentriert in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg vertreten. „Es gibt noch weiße Flecken auf der Landkarte. Unser Ziel ist es, ein flächendeckendes Filialnetz in Deutschland zu errichten. So können wir unser Omnichannel-Konzept optimal umsetzen.“ Momentan sei das Angebot an Übernahmekandidaten von Fahrradfachgeschäften groß. Als Gründe nennt Morgenroth unter anderem anstehende Generationswechsel oder hohen Kapitalbedarf für Ware und Werkstattausrüstung. „Wir sind froh, wenn wir funktionierende Strukturen übernehmen können.“ 2026 sei für sein Unternehmen ein Jahr der Konsolidierung, „ab 2027 drücken wir wieder aufs Gaspedal“.

Dabei ist Morgenroth selbst „eher zufällig in die Branche gekommen“. Während seines BWL-Studiums in Ingolstadt standen er und sein Kommilitone Thomas Böttner vor der Frage, in welcher Firma sie während des Hauptstudiums ein Praktikum machen könnten. Da Böttner aus einer Fahrradhandelsfamilie stammt, sei die Idee entstanden, selbst ein Fahrradgeschäft zu eröffnen. Die Wahl fiel auf Leipzig, gestartet sind sie 1995, zunächst mit dem Verkauf von Gebraucht­rädern. Die Nachfrage in der Nachwendezeit „war riesig“, zunächst hatten sie nur samstags geöffnet, dann während des Sommersemesters, im Wintersemester wurde weiter studiert. Neuräder ergänzten das Angebot. Nach dem Studienabschluss ging die Expansion weiter, Dietmar Eickelmann und Christoph Rosenthal kamen als weitere Geschäftsführer hinzu. Die vier unterschiedlichen GmbHs wurden 2016 zusammengeführt, es erfolgte der Wechsel nach Bielefeld und 2020 wurde in der Stadt am Teuto die neue Firmenzentrale eröffnet.

Im Laufe der Jahre sei das Anspruchsverhalten der Kunden stark gestiegen. „Sie erwarten eine große Auswahl, schnelle Verfügbarkeit und einen attraktiven Preis. Im März startet die Saison: Die Kunden kommen mit der Erwartung am Samstagvormittag in den Laden, am Samstagnachmittag mit dem neuen Fahrrad die erste Tour starten zu können. Das ist für uns als Handel die Herausforderung, zum richtigen Zeitpunkt die richtige Ware in der gewünschten Farbe und Größe vorrätig zu haben.“ Beliefert würden die Filialen aus drei Zentrallagern und fünf weiteren Lagern. „Wir haben einen Pendelverkehr zwischen den Zentrallagern und den einzelnen Filialen“, unterstreicht Morgenroth ihre Sortimentsvielfalt.

„Kundenbindung erreichen sie heute nur über Service. Dazu gehört beispielsweise auch die Onlinebuchung von Werkstattterminen. Wir versuchen, die Professionalität der Autobranche abzubilden.“ In ihren Werkstätten würden zunehmend Zweiradmechatroniker arbeiten, im Verkauf schließe die Beratung längst Leasing- und Versicherungsverträge mit ein. „Das Fahrradleasing ist der Heilsbringer der Branche, der Megatrend der vergangenen fünf Jahre. Es ist für bis zur Hälfte des Gesamtumsatzes verantwortlich.“ Morgenroth ist der Meinung, dass durch diese Art der Gehaltsumwandlung „jeder gewinnt“. Kunden hätten die Möglichkeit, sich alle drei Jahre ein neues Fahrrad auszusuchen, die Händler profitierten von festen Serviceintervallen und Ersatzteilverkäufen.

Und dass ein solcher Tausch nach drei Jahren seinen Reiz haben könne, liege auch an den Entwicklungen auf dem Rad-Markt. „Gravelbikes sind immer noch Trend, es ist oft das Zweit-, Dritt- oder Viert-Rad, es ist Lifestyle.“ Bei den E-Bikes ginge das „Wettrüsten um immer größere Akkus und stärkere Motoren seinem Ende entgegen“. Gefragt seien vielmehr „leichte und smarte E-Bikes“, die als solche kaum noch zu erkennen seien. „Gewicht und Optik spielen wieder eine größere Rolle. Und auch bei der Technik tut sich viel: ABS für Fahrräder, App-basierte Systeme, die Display, Navi und Routenplanung integrieren oder automatische Schaltungen zeigen, wie digital und hochwertig die Branche mittlerweile arbeitet.“ Auch im sportiven Segment gebe es noch Luft nach oben. „Sportliche Nutzer fahren bislang kein E-Bike. Aber ein Rennrad mit kleinem Motor sorgt dafür, dass sie statt 100 Kilometer 150 Kilometer Strecke oder 500 Höhenmeter mehr schaffen.“ Es könnte das nächste „new normal“ für die Branche werden.

IM DIALOG MIT DEN KUNDEN

Transparenz, Kundenfreundlichkeit und Kundennähe sind für Radu Ciuca Themen, auf die er in seinem Fahrradfachgeschäft „WarRadu“ in Warburg Wert legt. Und das zeigt sich direkt beim Betreten seines Ladenlokals: An der Annahme steht eine elektrische Hebevorrichtung, mit der auch E-Bikes mühelos buchstäblich auf Augenhöhe der Kunden gebracht werden können. „Der Kunde kommt mit einem Platten, ich sehe aber, dass die Felge kaputt ist. Gemeinsam erstellen wir dann den Reparaturauftrag, im Dialog“, sagt der 42-Jährige. „Mir ist die persönliche Dienstleistung wichtig, die Kunden sollen sich nicht wie eine Nummer fühlen, sondern merken, dass sich der Chef persönlich um ihr Anliegen kümmert.“ Vor gut einem Jahr, im Mai 2025, hat der Zweiradmechatroniker sein Geschäft in der Diemelstadt eröffnet. Etwa 30 Fahrräder hat er bis zum Jahresende verkauft, von E-Bikes über „normale“ Fahrräder bis zu hin Kinderfahrrädern.

Er habe sich bewusst für die Marken Centurion, Merida, Velo de Ville und Ghost entschieden: „Das sind Hersteller mit langer Geschichte. Die Fahrräder der ersten drei Marken werden in Deutschland montiert, haben einen sehr hohen Qualitätsanspruch, eine sehr gute Verarbeitung und sehr gutes Design. Das Preis-Leistungs-Verhältnis passt ebenfalls.“ Er sei dankbar, dass sein Angebot so gut angenommen werde, zieht er eine erste Bilanz. Zu fünft kümmern sie sich um Kundenwünsche, Ciuca beschäftigt zwei Teilzeitkräfte und zwei Minijobber.

Einen besonderen Fokus legt er auf das Werkstattgeschäft, das den Hauptumsatz erwirtschaftet. Die Arbeit dort teilt sich Ciuca mit einem weiteren Mechaniker. Insgesamt vier Arbeitsplätze hat er eingerichtet, zwei ebenfalls als elektrische Hebevorrichtungen, zwei weitere mechanische. Letztere würden hauptsächlich für Fahrräder ohne Antrieb genutzt oder für solche Räder, bei denen das Team noch auf Ersatzteile warte. „Wir haben eine halboffene Werkstatt, die mit einer Plexiglasscheibe vom Verkaufsraum abgetrennt ist. So sehen die Kunden, dass wir professionell arbeiten.“ Transparent halt.

LEIDENSCHAFT VERMITTELN

„Ich bin leidenschaftlicher Zweiradfahrer“, datiert er seine Begeisterung bis in die Kindheit zurück. An die Nabe seines damaligen Bonanza-Rads hat er einen Plastikbecher geklemmt — „damit konnte man ein Motorgeräusch simulieren“. Seine Räder habe er immer selbst repariert, später kam die Faszination für Motorräder hinzu. Seine Ausbildung zum Zweiradmechatroniker hat er bei einem Motorradhändler in München abgeschlossen, eine Umschulung zum CNC-Fräser und -Dreher angehängt. Wissen, dass ihm beim heutigen E-Bike-Trend in die Karten spielt. „Es sind die Technik und die Innovationen, die mich beim Fahrrad begeistern. Sensoren für Drehmoment und Geschwindigkeit kannte ich schon aus dem Motorradbereich. Jetzt werden solche Sensoren auch bei Fahrrädern eingesetzt. Es gibt beispielsweise Antriebsstränge, die ein stufenloses Schalten ermöglichen. Auch ABS für Fahrräder gibt es mittlerweile.“ Für die Fahrt zur Arbeit nutzt er ein Carbon-Mountainbike.

In Warburg hat Ciuca mit seinem Angebot ein Alleinstellungsmerkmal. Da sich der Diemelradweg, vom „Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) als „ADFC-Qualitätsradroute“ ausgezeichnet, auch durch Warburg schlängelt, hat er sein Angebot um Leihräder erweitert und profitiert von Radtouristen, die unterwegs einen Werkstattstopp einlegen müssen.

„Die Branche kränkelt“, beschreibt er die momentane Stimmung. Es gebe sehr viele Fahrradleasing-Rückläufer aus der Coronazeit. Dies führe auf dem Gebrauchtmarkt dazu, dass es sehr günstige Angebote für fast neuwertige Räder gebe. Auch schauten Kunden angesichts der Wirtschaftslage stärker auf den Preis. Mit großen Handelsketten, die Fahrräder des Modelljahrs 2026 mit bis zu 40 Prozent Rabatt anbieten würden, könne er nicht mithalten.

Generell werde im Fahrradhandel zwischen Februar und September der Jahresumsatz erwirtschaftet. Der lange Winter habe in diesem Jahr den Saisonstart verzögert. Deshalb rechnet Ciuca mit bei der Geschäftsentwicklung mit einer „Seitwärtsphase“, ab 2027 dann mit „Aufschwung“. Perspektivisch, innerhalb der kommenden fünf Jahre, will er einen zweiten Standort eröffnen. Und dann, so der dreifache Familienvater, sei sein ältester Sohn 18 — und er hoffe natürlich, dass sein Radladen ein Familienunternehmen bleibt und er seine Begeisterung für Zweiräder an die nächste Generation weitergeben konnte.

RENNRAD-MEKKA FÜR VINTAGE-FANS

Hochglanz und blinkende Reklame sucht man an der Henriettenstraße 1 in Bielefeld vergeblich. Alt schlägt hier neu. Stahl schlägt Chrome. Das Radbuedchen ist ein Rennrad-Mekka für Vintage-Fans. Ein Zufluchtsort fernab von Leuchtstoffröhren-gesäumten Fahrradausstellungen und Teststrecken auf grauem Industrieboden. Ende 2021 haben die beiden Freunde Kevin Damm und Dennis Hennes den Laden im ehemaligen Sudbrack-Kiosk eröffnet. Wo früher Getränke und Zigaretten aufgereiht waren, hängen jetzt Laufräder und Werkzeug an den Wänden.

„Radbuedchen — vintage and steel bikes Bielefeld“ prangt als großer Aufkleber an den Fensterscheiben des „Buedchens“. Es ist keinesfalls ramschiger Trödel, der angeboten wird. Mit Geduld und Hingabe erstrahlen hier Stahl-Renner wieder im Glanz alter Tage. Liebhaber können echte Schätze entdecken. Mitten im Verkaufsraum steht ein Rennrad des Bielefelder Herstellers Gudereit. An einer Wand hängt ein Modell des italienischen Fahrrad-Pioniers Bianchi — natürlich in der markanten und bekannten türkisfarbenen Lackierung. „Mit der richtigen Wartung und Pflege fährt ein 30, 40 Jahre altes Fahrrad auf einmal wieder wie am ersten Tag. Das macht viel Spaß und zeigt, was für ein toller Werkstoff Stahl ist“, erklärt Kevin Damm.

Ein besonderes Schmuckstück hängt hinterm Verkaufstresen: ein Rennrad des Bielefelder Rahmenbauers Gerd Kalkühler. Auf seinen Rädern gewann der deutsche Bahnrad-Vierer 1976 bei den Olympischen Spielen in Montreal Gold. „Über unsere Community haben wir das Rad in Stuttgart aufgetrieben und es originalgetreu wiederaufgebaut“, berichtet Dennis Hennes. Es ist das einzige unverkäufliche Rad im Geschäft. Alle anderen Rennräder werden für den Weiterverkauf aufbereitet. Je nach Modell, Zustand und Seltenheit variieren die Preise — von einigen hundert Euro bis hin zu Rädern für 1.000 bis 2.000 Euro. Entsprechend divers ist auch die Kundschaft. „Wir haben Studenten, die sich bei uns für 400, 500 Euro ein gutes Fahrrad kaufen wollen. Und dann natürlich auch Liebhaber von alten Dingen. Wir haben einen Kunden, der kürzlich sein fünftes Rad bei uns gekauft hat“, erklärt Dennis Hennes.

Eingekauft werden kann immer samstags, dann hat das Radbuedchen regulär geöffnet. Ansonsten nach Absprache. Die Rennrad-Fans haben ihr Business im Nebenerwerb gegründet. Ihren Hauptberuf üben sie an einer Bielefelder Förderschule aus. Kevin Damm ist dort Schulleiter, Dennis Hennes Lehrer. Überhaupt verbindet die Pädagogen eine enge Freundschaft und noch mehr gemeinsame Interessen. Kennengelernt haben sie sich bereits vor knapp 20 Jahren in Werther, wo sie zusammen Handball spielten. „Mit dem Radbuedchen konnten wir uns einen Traum erfüllen und nebenberuflich einer gemeinsamen Leidenschaft nachgehen. Und das ohne großen wirtschaftlichen Druck“, beschreibt Kevin Damm die Arbeit mit den Rennrädern.

Freunde, Kollegen und schließlich Geschäftspartner. Der Eindruck täuscht nicht, dass zwischen den vier Wänden an der Ecke Henrietten- und Sudbrackstraße für die Beiden ein ganz persönlicher Wohlfühlort entstanden ist. Die Sofaecke, die mindestens genauso nach vintage schreit wie die Rennräder. Auch die kleinen Spielzeug-Actionfiguren, die gegenüber auf dem Regal stehen, wirken nur einen Moment etwas verloren und passen dann doch umso besser in diese Szenerie. Ein Ort, wo Perfektion Charme und Charakter weicht. Wo man alte, vergilbte Comics mag. Und alte Rennräder. Ein Lifestyle, der ankommt. Die Community wächst.

„Ich denke, dass wir in der Subkultur Fahrrad in Bielefeld inzwischen ganz gut bekannt sind“, schätzt Dennis Hennes. Verstärkt wird das durch ihr Engagement im Förderverein der Radrennbahn Bielefeld oder durch Community-Events wie gemeinsame Ausfahrten. Und immer mal wieder stattfindende Kooperationen mit der Marke Alpecin von Dr. Wolff, die direkt gegenüber ihren Sitz hat. Ihr Sparringspartner ist kein geringerer als Jörg Ludewig, ehemaliger Rad-Profi und Head of Sportsmarketing bei der Dr. Wolff Group.

Am letzten Mittwoch im Monat findet im Radbuedchen immer das „offene Schrauben“ statt. Hobby-Bastler können beim Werkstattabend unter Anleitung selbst an ihren Rädern schrauben. Wissen weitergeben, damit die Sachen eben nicht auf dem Müll landen, sondern weiter genutzt werden können. Auch das ist den beiden ein Anliegen. „Neben der Ästhetik und dem Preis unserer Rennräder ist Nachhaltigkeit ein ganz wichtiger Punkt. Wir setzen auf Langlebigkeit“, sagt Kevin Damm. So wird neben Schaltung und Bremsen im Radbuedchen auch an einer nachhaltigen und lebendigen Fahrradkultur für Bielefeld geschraubt.

Silke Goller, Tilo Sommer, Heiko Stoll

     

HINTERGRUND

Fahrräder – Massenverkehrsmittel Made in Bielefeld

Der Aufstieg der Bielefelder Fahrradindustrie begann mit der Absatzkrise eines anderen Wirtschaftszweigs — der Nähmaschinenindustrie. Seit 1860 wurden sie in Bielefeld gefertigt, Namen wie Baer und Rempel, Kochs Adler, Anker Werke oder Dürkopp stehen für diese Wirtschaftsepoche. In den 1880er-Jahren eroberten günstigere Maschinen der Firma Singer aus den USA Marktanteile. Den Beginn der Fahrradproduktion in Bielefeld datiert Dr. Udo Schlicht vom Historischen Museum auf das Jahr 1885: Damals fertigte Dürkopp das erste Hochrad. Fast gleichzeitig startete die Produktion von Fahrradsätteln durch die Firma Lepper, die für Bielefeld ebenfalls wichtige Fahrradkomponentenherstellung nahm ihren Lauf. „Die Nähmaschinenhersteller waren auf der Suche nach Alternativen. Für beide Produkte war feinmechanisches Wissen gefragt, es wurden viele Kleinteile verbaut, Präzision war gefragt“, nennt Schlicht einen Grund, warum der Wechsel gelang. Dabei handelte es sich bei den ersten Hochrädern um Luxusprodukte der damaligen Zeit. Etwa 350 bis 500 Mark kostete ein solches Gefährt, ein Facharbeiter verdiente zu der Zeit rund 1.000 Mark — pro Jahr.

Richtig Fahrt nahm die Produktion mit der Erfindung des „Niederrads“ auf, das zunächst als „safety bicycle“ in Großbritannien entwickelt und bis heute als Grundform des Fahrrads gefertigt wird. „Durch die ‚Niederräder‘ wurden Fahrräder günstiger, Ende des 19. Jahrhunderts kosteten sie 30 Mark. Damit wurden sie auch für Arbeiter bezahlbar und so zum ersten Massenverkehrsmittel.“ Bielefeld entwickelte sich neben Nürnberg und Chemnitz zum bedeutenden Fahrradproduktionsstandort, erläutert der promovierte Historiker. Der Trend zum Fahrrad setzte sich nach dem Ersten Weltkrieg weiter fort, in den 1920er-Jahren gab es über 50 Hersteller in Bielefeld: „Es waren viele kleinere Firmen, teilweise sehr kurzlebig“, betont Schlicht. Im gleichen Zeitraum kamen rund drei Viertel der deutschen Fahrradkomponenten aus Bielefelder Produktion.

Der Boom hielt bis in die 1950er-Jahre an, in der Mitte des Jahrzehnts setzten sich motorisierte Zweiräder durch, die Bielefelder Hersteller passten ihr Angebot an, Schlicht nennt Firmennamen wie Bastert, Wittekind oder Rixe. Der Wandel setzte ein, als in den 1960-iger Jahren Versandhändler wie Neckermann Fahrräder aus Asien importierten und die Preise entsprechend sanken. Viele heimische Firmen schlossen, Rixe im Jahr 1985.

Zeitlich parallel dazu setzte wieder ein „Hype um Fahrräder“ ein, so Schlicht, ausgelöst durch die Tour de France-Etappensiege von Dietrich „Didi“ Thurau 1977 und 1979 sowie eines „zunehmenden Umweltbewusstseins“.

Das Historischen Museum in Bielefeld zeigt in seiner Dauerausstellung anhand einiger Exponate die wichtigsten Etappen der Fahrradentwicklung, der Zulieferer und auch der Fahrradkultur. Beginnend von Fahrradsportvereinen, die sich dem „bürgerlichem Leistungssport verschrieben hatten“, über Arbeiterradsportvereine bis hin zur Bolbrinker Radrennbahn in Gadderbaum oder der Radrennbahn an den Heeper Fichten. Insgesamt mehrere hundert Fahrräder hat das Bielefelder Museum im Bestand, etliche davon im — noch nicht öffentlich zugänglichen — Schaumagazin.

Die IHK Ostwestfalen zählt in ihrem Bezirk aktuell rund 185 Unternehmen, die mit Fahrrädern handeln, Fahrradkomponenten oder komplette Räder herstellen.

Für Historiker Schlicht besteht der Reiz des Fahrrads im damit verbundenen Umwelt- und Fitnessaspekt: „In Städten kann man sich damit durchaus schneller bewegen als mit dem Auto.“ Im Historischen Museum kommt darüber hinaus ein sehr aktuelles Fahrrad zum Einsatz: ein E-Lastenrad für Dienstfahrten.

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