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Die Browser-Boys

Glenn Töws und Julian Götze haben das geschafft, wovon andere Start-up-Gründer träumen: Sie haben am „Y Combinator“-Programm teilgenommen. Drei Monate im Start-up-Mekka San Francisco, im „Summer-Batch 2025“. Als erste aus Nordrhein-Westfalen. Überzeugt haben sie mit ihrer Anwendung „stagewise“ — so heißt auch ihr Unternehmen. Mittlerweile arbeiten sie an einem Internetbrowser, der speziell für Webentwickler programmiert wird. Das Jahr 2025 stand bei YC unter dem Motto „year of AI agents“. Der Y Combinator, kurz „YC“, hat Unternehmen wie Airbnb, Stipe oder Dropbox in ihren Anfängen begleitet. 

Ihr Büro haben die beiden erfolgreichen Gründer seit Anfang Oktober 2025 im „ecos work spaces“ in Bielefeld, in der Nähe des Hauptbahnhofes. Über zwei Etagen verteilen sich Büros und gemeinsam genutzte Räume, inklusive einer Kaffeebar. Das Ambiente erinnert ein wenig an eine moderne Zahnarztpraxis oder Anwaltskanzlei, sehr clean und technisch. Die Beschreibung passt auch auf das Büro von Glenn und Julian, die sofort beim Start-up-typischen „Du“ sind und so eine lockere Gesprächsatmosphäre schaffen, Kaffee inklusive. Zwei Zimmerpflanzen und eine To-do-Liste auf einem Whiteboard versuchen, das Ambiente aufzulockern. „Wir sitzen permanent nebeneinander, synchronisieren uns alle fünf Minuten“, beschreibt Glenn die Arbeitsweise, „wir sind schnell und effizient, weil wir keine Mitarbeiter haben.“ Zum Ende des Arbeitstages bliebe nichts auf den Tischen liegen, keine Ablenkung. Auch deshalb hätten sie sich bewusst gegen ein Co-Working-Format entschieden. „YC ist kein Fan von Co-Working, es verwässert die eigene Firmenkultur“, begründen sie ihre Entscheidung. Durch Co-Working bestehe zumindest die Gefahr, abgelenkt zu werden, mehr mitzubekommen, als dem eigenen Projektfortschritt guttue.

TEMPO UND EFFIZIENZ

Das Thema Tempo und Effizienz zieht sich wie ein roter Faden durch die Biografie der beiden Gründer. Glenn, 26, hat Elektrotechnik mit dem Fokus auf Softwareentwicklung an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg am Standort Mosbach studiert. Er sei der erste Akademiker in seiner Familie, die in den 90er-Jahren aus Russland ausgewandert sei. Mit 17 Jahren sei er von zuhause, aus Rheda-Wiedenbrück, zum Studium ausgezogen, „mein Vater musste damals noch unterschreiben“. Das Studium sei auf drei Jahre angelegt, Semesterferien gebe es nicht, stattdessen Praxisphasen in Unternehmen. „Der Leistungsdruck war sehr hoch“, erinnert er sich rückblickend. Erste Berufserfahrungen habe er bei Rheinmetall und Miele gesammelt.

„Lernen kann helfen, um beispielsweise die Akkukapazität der Powerbank zu berechnen und so zu entscheiden, welche Geräte man mitnehmen kann“, beschreibt Julian seinen A-ha-Effekt während seiner Ausbildung zum Elektroniker für Betriebstechnik bei dSPACE in Paderborn. Der heute 25-Jährige sagt, dass er sich in der Schule gelangweilt habe, und nach dem Abi nicht wusste, was er studieren sollte. Sein Vater, selbstständig als promovierter Ingenieur, habe „im Keller ein Labor mit Mikroelektronik und Computern“, ein früher „Technikkontakt“. 

Während seiner Ausbildung habe er sich „in den Pausen“ selbst Programmieren beigebracht. „Die Web-Entwicklung hat mir so viel Spaß gemacht, um mich nach meiner Ausbildung als Software-Entwickler zu bewerben.“ Angefangen hat Julian beim Start-up „saasmetrix“ in der Founders Foundation in Bielefeld. Parallel dazu hat er sein Studium der technischen Informatik begonnen und als studentische Hilfskraft bei einem Mathematik-Professor gearbeitet. „Ich bin hungrig“, beschreibt er seinen Wissensdrang. Aktuell pausiere er mit seinem Studium, „zwei Prüfungen vor dem Abschluss“, um sich komplett um „stagewise“ zu kümmern.

Kennengelernt haben sich die beiden bei der Founders Foundation, zunächst beschäftigt mit ihren eigenen Start-up-Ideen. „Wir waren als Solo-Founder unterwegs, haben uns gut verstanden und uns deshalb regelmäßig getroffen, um uns ‚accountable‘ zu halten. Außerdem waren wir beide noch auf der Suche nach Co-Foundern“, beschreibt Julian die Phase. Nach dem dritten Treffen hätten sie beschlossen, zusammenzuarbeiten. Ende 2024 ist so „stagewise“ gestartet. Ihre ursprüngliche Idee: ein AI-basiertes Tool für Webentwickler anzubieten, mit dem sich Internetseiten leichter gestalten lassen. „Klicken, prompten und die App wird gebaut“, erklärt Julian die Anwendung. Mit ihrem Programm könnten Entwickler im Frontend beispielsweise Textfelder markieren und Farbe oder Schriftart ändern — ohne dass dafür der Code der Seite aufgerufen werden müsse. „Das, was im Hintergrund der Seite passiert, haben wir nach vorne geholt“, erläutert Glenn. Der Name „stagewise“ sei angelehnt an „staging“ was so viel bedeute wie „Vorschau einer Ansicht“. Das Wörterbuch nennt noch „bühnenerfahren“ und „bühnenwirksam“. „Die Website auf der Bühne“, wirft Julian als weitere Assoziation ein.

„MUTTER ALLER START-UP-SCHULEN“

In der Start-up-Szene sei der „Y Combinator“, „YC“, als „Mutter aller Start-up-Schulen“, wie Julian ihn nennt, bekannt. Gegründet im März 2005 von Paul Graham, Jessica Livingston, Robert Tappan Morris und Trevor Blackwell in San Francisco, wurden bislang über 5.000 Start-ups gefördert, die mit insgesamt 800 Milliarden US-Dollar bewertet werden. Etwa 80 Einträge deutscher Tech-Gründungen spielt die Website Stand heute aus. Erklärtes Ziel ist es, Start-ups zum Durchbruch zu verhelfen — unabhängig davon, in welchem Entwicklungsstadium sie sich befinden. Für drei Monate arbeiten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in so genannten „Batches“ in San Francisco an ihren Projekten, werden von Partnern, selbst erfolgreiche Gründer, betreut, tauschen sich untereinander aus. In jedes der am Programm teilnehmenden Start-ups investiert YC 500.000 US-Dollar.

„SOZIAL ISOLIERT“

„Nachdem unser erstes Produkt viral gegangen ist, hat uns die Founders Foundation ermutigt, uns bei YC zu bewerben. Und wir wurden sogar von YC-Alumnis angesprochen und bestärkt“, sagt Julian. Nach einer Online-basierten Kurzbewerbung und zwei zehnminütigen Online-Interviews hatten sie die Zusage — und mussten innerhalb von zwei Wochen Reisepässe beantragen, Flüge buchen, ein Appartement mieten und „investmentfähig werden“ — sie mussten eine amerikanische „.Inc“ gründen. Auch dafür gab es entsprechende Unterstützung durch Anwälte. Um die Kosten vorzustrecken, mussten sich die beiden Geld leihen. „Wir waren Pleite“, räumt Glenn ein. 

Die drei Monate in San Francisco beschreiben sie als intensiv und inspirierend. „Das Motto dort lautet ‚social excuse to work non-stop‘“. Die Haltung unter den insgesamt 167 Teilnehmenden beschreiben die beiden Ostwestfalen als „man geht gemeinsam vorwärts“, es gebe viel Unterstützung innerhalb der Community. „Alle hatten Spaß, Start-ups zu bauen“, sagt Glenn. Sie hätten dort beispielsweise einen 16-Jährigen kennenglernt, der mit 14 gegründet habe und dessen Start-up mit mehreren Millionen Dollar bewertet werde. „Die krassesten Leute der Welt kommen dahin“, lässt Julian seine Begeisterung durchblicken.

Neben der unkomplizierteren Finanzierung gebe es einen weiteren großen Unterschied im Vergleich zu Start-up-Treffen in Deutschland, findet Glenn: „Bei YC sind fast alle Start-ups technisch unterwegs. Alle Teilnehmer können programmieren, auch die Vertriebler. In Deutschland trifft man solche Leute eher selten bei Start-up-Events.“

Eine weitere Erkenntnis: „Von außen wirkt das Silcon Valley wie eine ‚black box‘. Kommt man aber mit den Entwicklern von Open AI oder Anthropic ins Gespräch, merkt man schnell, dass die auch nur mit Wasser kochen. Der große Unterschied ist, dass sie dort einfach ‚machen‘“, ergänzt Julian. Über sich selbst sagt er, dass er „zehnmal ambitionierter“ aus San Francisco zurückgekommen als er gestartet sei. Mit Auswirkungen auf ihr Geschäftsmodell: „Wir bauen jetzt einen Browser, der die komplette Web-Entwicklung revolutioniert.“

Heiko Stoll

     

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