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Titelthema

„Es geht um eine realistische Abwägung von Chancen und Risiken“

Interview Frank Sieren ermuntert Mittelständler, in der ASEAN-Region zu investieren. Zwar ist China immer noch der „Platzhirsch“ in Asien. Mit der größten Freihandelszone der Welt, der „Regional Comprehensive Economic Partnership“ (RCEP), verändere sich aber auch die Rolle und das Selbstbewusstsein der zehn ASEAN-Länder gegenüber dem chinesischen Nachbarn.

Herr Sieren, seit mehr als 30 Jahren stehen
die Märkte Asiens als Wachstumstreiber der Weltwirtschaft im Fokus der deutschen Wirtschaft. Wie schätzen Sie die aktuellen Entwicklungen ein?

Asien mit China im Zentrum ist und bleibt die wichtigste Wachstumsregion der Welt.

Trotz der Wirtschaftskrise — Konsum und Investitionsstagnation, Jugendarbeitlosigkeit, Immobilienkrise, Re-Ideologisierung — ist es China gelungen, 2023 mit über fünf Prozent zu wachsen, einen Rekordhandelsbilanzüberschuss von knapp 700 Milliarden US-Dollar zu erwirtschaften, bei gleichbleibend hohen Devisenreserven von 3.200 Milliarden US-Dollar, sehr geringen Auslandschulden und ohne Inflation.
China hat in der Krise mit 18 Prozent Anteil an der Weltwirtschaft über 30 Prozent des Wachstums der Weltwirtschaft erzielt. Bei einem ProKopf-Einkommen von Bulgarien und noch vergleichsweise niedriger Produktivität ist da also noch viel Spielraum nach oben.
Allerdings wird es immer schwieriger, dieses Riesenschiff zu steuern, und die Konsumenten und Investoren werden selbstbewusster.

Wie beurteilen Sie die von der Bundesregierung favorisierten China Plus One-Strategie und die darin geforderte Diversifizierung in den vielfältigen asiatischen Märkten?

Es ist sowohl als Unternehmen, aber auch als Staat, stets sinnvoll nicht zu abhängig von einem Markt, einem großen Kunden oder Land zu sein. Insofern ist mehr Diversifizierung eine Binsenweisheit.
Berlin sollte dabei aber realistisch bleiben:
Sie können die Chancen, das Volumen und Potenzial von China nicht mal eben durch Vietnam ersetzen.
Ganz ASEAN hat nicht einmal die halbe Wirtschaftskraft Chinas. Aber all diese Länder folgen dem Modernisierungsweg Chinas. Und in Indonesien leben immerhin 270 Millionen Menschen. In Thailand über 70 Millionen.

Sind die zehn ASEAN-Staaten* auf insbesondere mittelständische Engagements und Investments heute schon ausreichend vorbereitet?

Immer besser, aber längst nicht ausreichend.
Darin liegt auch eine Chance: Die Unternehmen, die in den 80er Jahren — und zum Teil noch in den 90ern — nach China gegangen sind, kamen auch noch in ein Land, das unzureichend vorbereitet war. Als Belohnung für die Mühen winkten höhere Margen. Es macht also durchaus Sinn, nicht zu warten, bis der Markteintritt einer TUI-Pauschalreise gleicht.

Rund 3.000 Unternehmen aus NRW, darunter 250 aus Ostwestfalen, unterhalten bereits Geschäftsbeziehungen zu den ASEAN-Staaten.
Auf welche Herausforderungen müssen sich die marktteilnehmenden Unternehmen jetzt einstellen, um diese auf- oder auszubauen? 

Es geht nicht nur um Herausforderungen. Es geht um eine realistische Abwägung von Chancen und Risiken. Offensichtlich ist: Mit RCEP, der größten Freihandelszone der Welt, zu der die ASEAN-Länder, aber auch Japan und Australien gehören, integrieren sich die Länder stärker.
Es wird also einfacher, aus China für ASEAN zu arbeiten. Und aus ASEAN für China. Gleichzeitig werden die ASEAN-Länder auch selbstbewusster gegenüber dem Platzhirsch China.

Wie wird sich der deutsche Mittelstand in den nächsten zehn Jahren in den ASEAN-Staaten behaupten können?

Das hängt davon ab, wie wettbewerbsfähig er ist. Von selbst geht das nicht. Doch wenn ich in Deutschland überhaupt jemandem noch etwas zutraue, dann dem deutschen Mittelstand. Allerdings wird es nicht einfacher, weil auch die ASEAN-Firmen zunehmend nicht mehr nur Partner sind, sondern auch Wettbewerber. Wie schnell das gehen kann, sehen wir in der chinesischen E-Auto-Industrie. Da müssen die Unternehmen noch wachsamer werden als bisher. Die brauchen Frühwarnsysteme und müssen mehr schauen, was die Kunden wollen.

Welche Rolle soll der Staat dabei spielen?

Wünschenswert wäre, wenn die Bundesregierung nicht nur Diversifizierung predigt, sondern die Mittelständler dann auch beim Risiko in den Ländern mehr unterstützt. Es gibt in diesen Ländern Risiken, die kann man mit mittelständischer Innovationskraft nicht lösen, da braucht man schon mal den breiten Rücken eines Staates, auch wenn er derzeit so breit nicht ist.

Ines Ratajczak, IHK

 

* Brunei, Indonesien, Kambodscha, Laos, Malaysia, Myanmar, Philippinen, Singapur, Thailand, Vietnam

     

Zur Person

Frank Sieren gilt als seiner der führenden deutschen Chinakenner. Er lebt seit 30 Jahren in Peking.

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