Titelthema
Beschaffung in Südostasien
Textilien und Bekleidung
Mehr als zehn Prozent der deutschen Bekleidungs- und Schuhimporte stammen aus den ASEAN-Staaten. Wichtigste Lieferanten sind Vietnam, das eine gut ausgebildete Arbeiterschaft bietet, sowie Kambodscha, Indonesien und Myanmar. In diesen Ländern sind die Löhne niedrig, es gibt viele Arbeitskräfte sowie eine Tradition exportgetriebener Textilverarbeitung. Diese besteht weitgehend aus der Auftragsfertigung für ausländische Modemarken durch heimische oder andere asiatische Hersteller vor Ort.
Es findet aber auch Direktbelieferung heimischer Bekleidungsunternehmen an internationale Handelsketten statt. Nur vereinzelt haben die ausländischen Abnehmer auch eine eigene Fertigung vor Ort. Ein großes Defizit der Produzenten in den ASEAN-Ländern liegt in ihrer starken Abhängigkeit von Vorprodukten. Baumwolle, Textilien und Garne müssen jährlich für Milliardensummen eingeführt werden. Die wichtigsten Rivalen der südostasiatischen Produzenten sind das übermächtige China sowie Indien und Bangladesch.
Mineralische Rohstoffe und Metalle
Südostasien ist reich an mineralischen Rohstoffen. Vor allem Indonesien und die Philippinen verfügen über große Reserven an Nickel. Darüber hinaus gibt es dort unter anderem Kupfer, Zinn, Zink und Gold. In der ganzen ASEAN-Region nehmen Investitionen in die Rohstoffverarbeitung zu. Insgesamt soll es 160.000 Unternehmen in der Metallverarbeitung geben, die meisten davon in Thailand und Vietnam. Nur wenige ihrer Produkte genügen bisher allerdings internationalen Ansprüchen. Aber größere Branchenunternehmen kaufen moderne Prozesstechnik ein.
In Indonesien haben nach der Verhängung eines strikten Ausfuhrverbotes für Nickelerz im Jahr 2020 chinesische Unternehmen binnen weniger Jahre nahe den Förderregionen in Sulawesi und den Nordmolukken eine gigantische Edelstahlindustrie aufgebaut. Internationale Automobilkonzerne wollen von dort den Nickel für die Batterien ihrer Elektroautos beziehen, sind dabei aber auf die chinesisch-dominierten Lieferketten angewiesen.
Kunststoff
Die Erzeugung von Kunststoffen in Primärformen konzentriert sich in Südostasien auf wenige Standorte. Zu den wichtigsten gehören die Cluster in Singapur, Thailand und Malaysia. Von dort bezieht auch das bei Kunststoffen stark importabhängige Indonesien seine Grundstoffe zur Weiterverarbeitung. Größte Exporteure von Halbwaren aus Kunststoffen in der Region sind Thailand und Malaysia. Aber auch in Vietnam verarbeiten aktuell rund 3.300 Unternehmen Kunststoffe vor allem zu Verpackungen, Haushaltswaren und Baumaterialien. In der Vergangenheit waren die Erzeugnisse eher einfach und auf dem Weltmarkt wenig konkurrenzfähig.
Doch mit den zunehmenden Investitionen ausländischer Unternehmen und den steigenden vietnamesischen Exporten wachsen auch die Ansprüche an die Produkte.
Bisher wird Kunststoff in Südostasien kaum recycelt. Aber das drängende Müllproblem hat Technologien zur Wiederverwertung in den Fokus gerückt. Zudem arbeiten einige Firmen an Bioplastik aus heimischen Rohstoffen wie Maniok, Mais-stärke oder Zuckerrohr.
Nahrungsmittel
Südostasien ist für Europa seit Jahrhunderten Bezugsquelle für Nahrungsmittel. Früher waren dortige Gewürze wie Pfeffer, Ingwer oder Nelken begehrt. Später bauten die Länder der Region auf ihren fruchtbaren Böden gezielt sogenannte Cash Crops an, seien es Kaffee, Tee oder Palmöl. Zudem wurden die reichen Fischgründe für die Exportproduktion genutzt. Heute liefert Südostasien ein breites Spektrum an Agrarrohstoffen, aber auch an verarbeiteten Nahrungsmitteln nach Deutschland und in andere Länder Europas. Vor allem in Thailand und Vietnam ist eine leistungsfähige und exportorientierte Verarbeitungsindustrie entstanden. Zudem ist der zertifizierte Bioanbau stark angewachsen, insbesondere in Thailand. Regierungen fördern den ökologischen Anbau. Das winzige Singapur ist vor allem Standort für die Nahrungsmittelforschung. Indonesien will sich als bevölkerungsreichstes muslimisches Land in Zukunft als eine wichtige Bezugsquelle für halal-zertifizierte Nahrungsmittel positionieren.
Elektronik
Die ASEAN-Staaten werden als Bezugsquelle für elektronische Erzeugnisse immer wichtiger. Zwar liefert China den mit Abstand größten Teil der deutschen Elektronikeinfuhren. Die sechs großen ASEAN-Volkswirtschaften Indonesien, Thailand, Singapur, Philippinen, Malaysia und Vietnam rangieren zusammen aber gleich dahinter.
Die Region produziert fast das gesamte Elektronikspektrum. Deutsche Unternehmen beziehen von dort sowohl hochspezialisierte Einzelkomponenten als auch günstige Massenware.
Wichtigste Bezugsquelle in der ASEAN-Region ist Malaysia, das sich zu einem bedeutenden Standort für das Testen und Verpacken von Mikrochips entwickelt hat. Wichtiger Fertigungsort für Smartphones, Computer und Bildschirme ist Vietnam. Deutlich geringere Bedeutung hat die Elektronikindustrie in den industriell noch unterentwickelten Philippinen sowie in Indonesien mit seinem Branchencluster in der Freihandelszone Batam,
in Sichtweite zu Singapur. In beiden Ländern könnten die vergleichsweise niedrigen Löhne aber Investitionen in den Sektor anziehen.
Holz und Möbel
Alle Flächenländer Südostasiens verfügen über große Wälder und fruchtbare Böden in feuchtheißem Klima, die schnellen Holzwuchs fördern. Das sind ideale Voraussetzungen für die Möbelindustrie. Die mit Abstand größten Holzvorkommen gibt es in Indonesien: Etwa die Hälfte des Inselstaates ist bewaldet. Dort ist die kommerzielle Holzproduktion vor allem auf sogenannte Produktionswälder beschränkt. Das Holz für die heimische und ausländische Möbelproduktion stammt hingegen aus Naturwaldbewirtschaftung und Teakplantagen. Für das nur in Indonesien in größeren Mengen vorkommende Rattan herrscht ein Exportverbot. Die größte und exportstärkste Möbelindustrie der Region ist in Vietnam entstanden. Ein Großteil der dortigen 100.000 Branchenunternehmen produziert in den Industriezonen rund um Ho Chi Minh City. In dieser Gegend und anderswo in den ASEAN-Staaten fertigen ausländische Unternehmen gezielt für ihre Heimatmärkte. Denn dort finden sie einen großen Pool an günstigen Arbeitskräften und sind als Investoren willkommen, wenn sie Jobs schaffen.
Kontakt:
Niklas Mahlke, E-Mail niklas.mahlke@gtai.de, Tel. 030/200099 130



