Im Porträt
Die Palettenschieber
Was als Geistesblitz beim Grillabend begann, wurde zum Durchbruch in der Logistikbranche. Aus Eigenbedarf entwickeln Lars Wellerdiek und Ralf Schauties einen innovativen Palettenwechsler. Dabei wird nicht die Ware, sondern die Palette verschoben. Heute verkaufen die beiden Unternehmer aus Halle/Westfalen ihren „PARATUS Change“ in die ganze Welt und sind in ihrer Nische Marktführer – also alles Paletti.
„Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist“ — dieser vom französischen Schriftsteller Victor Hugo geprägte Leitspruch beschreibt den Erfolg des Unternehmens SW-PARATUS GMBH aus Halle/Westfalen wohl am besten. Und dahinter stehen zwei Menschen, die nicht nur unternehmerisch zueinander gefunden haben, sondern sich auch darüber hinaus im Privaten prächtig verstehen. Doch der Reihe nach.
Lars Wellerdiek, gebürtiger Bielefelder, absolvierte nach der Höheren Handelsschule beim damals noch existierenden Unternehmen Sommer Fahrzeugbau in Brackwede eine Lehre zum Industriekaufmann und arbeitete dort in der Materialwirtschaft. „Beschaffung, Lagerung und Transport von Produkten haben mich schon immer interessiert“, betont der heute 54-Jährige. Nebenbei studierte er European Management an der privaten Fachhochschule der Wirtschaft Paderborn und schloss als Diplom-Betriebswirt ab. Vor der Gründung der SW-Paratus GmbH war er rund zehn Jahre Leiter der Lagerlogistik eines international agierenden Leuchtmittelherstellers. 2015 lernte der zweifache Familienvater durch seine Kinder Ralf Schauties kennen, dessen jüngstes von drei Kindern in der gleichen Tagesstätte war — und die beiden Männer und deren Familien freundeten sich an.
Der heute 64-jährige Ralf Schauties ist in Halle-Bokel geboren, absolvierte auch die Höhere Handelsschule, erlernte ebenfalls den Beruf des Industriekaufmanns in Bielefeld, allerdings beim Unternehmen Dr. Oetker, und studierte auch Betriebswirtschaft, jedoch an der Fachhochschule Bielefeld und mit Schwerpunkt Marketing. Vor der SW-Paratus GmbH hatte er bereits mehr als 20 Jahre lang ein Metall-verarbeitendes Unternehmen geführt und zeichnete dort speziell für den Vertrieb verantwortlich.
TÜFTLER-EHRGEIZ GEWECKT
Man könnte meinen, dass es bei so viel Gemeinsamkeiten eigentlich kein Zufall gewesen ist, dass die beiden beruflich zusammenfinden, doch es war ganz anders. „Eines Abends beim Grillen saßen wir im Garten beim Bier, und Lars erzählte mir von einem Problem, mit dem er sich als Logistiker fast täglich herumschlug: Ware von einer Palette auf eine andere zu wechseln“, erinnert sich Ralf Schauties an den Abend im Sommer 2015, an dem die Geschichte der SW-Paratus GmbH ihren Anfang nahm. „Mein Tüftler-Ehrgeiz war geweckt. Ich wollte unbedingt, dass wir eine Lösung finden.“ Und das taten sie auch.
Was als abendliches Brainstorming begann, entwickelte sich rasch zu einem leidenschaftlichen Projekt. Die revolutionäre Idee: Statt die Ware zu bewegen, wird mechanisch die Startpalette mit der Zielpalette unter der Ware weggeschoben. So gelingt ein sicherer Palettenwechsel in unter 30 Sekunden. „Wir haben unzählige Stunden damit verbracht, Prototypen zu entwickeln, zu bauen und im Alltag eines Distributionslagers zu testen“, berichtet Lars Wellerdiek.
Bald war klar: Es funktioniert — und zwar noch viel besser als anfangs gedacht. Die beiden Gründer ahnten, dass die Erfindung nicht nur Lars Wellerdieks Problem löst, sondern auch vielen anderen Unternehmen das Leben erleichtern würde. Deshalb waren sie bereit und gingen das Risiko ein, einen sechsstelligen Betrag in die Produktion von Musteranlagen & Co. zu investieren.
2016 meldeten sie ihre Erfindung zum Patent an und begannen nebenberuflich, sie zu vermarkten. „Als wir dann im Frühjahr 2017 unsere Anlage zum ersten Mal auf der LogiMAT in Stuttgart präsentierten, der weltweit größten Messe für Logistik, wurden wir regelrecht überrannt. Die Nachfrage war enorm. Wir haben sogar unser Ausstellungsstück verkauft“, erinnert sich Lars Wellerdiek.
Von da an nahm die Entwicklung so richtig Fahrt auf: Aus einer Idee wurde ein Unternehmen — die SW-Paratus GmbH. S steht dabei für Schauties, W für Wellerdiek und Paratus ist der lateinische Begriff für „bereit sein“. Lars Wellerdiek und Ralf Schauties waren bereit, gaben ihre Jobs als Logistikleiter und Geschäftsführer auf, mieteten ein Büro in der Haller Innenstadt und holten den ersten Mitarbeiter an Bord. Mittlerweile sind es zwölf und die SW-Paratus GmbH mit ihrer Marke PARATUS® hat sich zu einem globalen Anbieter von Palettenwechslern entwickelt. Ihr Haupt-Produkt ist ihren Worten nach ein auf dem Markt einzigartiger Palettenwechsler, der einem komplett anderen Prinzip als herkömmliche Wechsler folgt, die die Ware zumeist heben und drehen, was beispielsweise energie- und personalintensiv sei. Ihr System sei hingegen rein mechanisch, kosteneffizient, einfach in der Anwendung und nahezu wartungsfrei. „Wir haben die branchenübergreifende Lösung, die dabei nicht nur Zeit spart, sondern auch besser für die Ware und die Gesundheit der Lagermitarbeiter ist.“ Damit hätten sie nicht nur ein wertiges Produkt, sondern einen echten USP, also ein wahres Alleinstellungsmerkmal.
Darüber hinaus vertreibt das Unternehmen mittlerweile noch weitere Anlagen wie Palettenmagazine und -ausrichter sowie Paletten und ergänzende Logistik-Services. „Wir haben die Entscheidung zur Unternehmensgründung bis heute keinen einzigen Tag bereut“, betonen die Beiden übereinstimmend. „Transport, Industrie, Handel, Pharmazie, Food — insbesondere in diesen Branchen muss täglich Ware umpalettiert werden.“
Der Hauptsitz des Betriebs mit den Büros für Geschäftsführung, Vertrieb und Marketing befindet sich in der Innenstadt von Halle gleich gegenüber dem Rathaus — die Wege zum Bürgermeister sind also kurz, bürokratische Hemmnisse ließen sich schnell besprechen. Die Produktion ist in Dissen in einem Metallbauunternehmen ansässig, mit dem die SW-Paratus GmbH kooperiert „Alles bei uns ist Made in Germany“, sind die beiden Firmeninhaber durchaus stolz darauf. Auch beim Thema Paletten arbeite man mit einem Unternehmen aus Ostwestfalen zusammen.
KREUZFAHRTSCHIFFE BESTÜCKT
Mit einem stetig wachsenden Team liefert ihre Firma ihren Aussagen nach gegenwärtig weltweit Lösungen für einen effizienten Palettenwechsel in nahezu allen Branchen und für jegliche Ware auf allen Palettenarten, egal ob aus Holz, Kunststoff oder Alu. „Mehr als 1.000 zufriedene Kunden vertrauen dabei auf uns und unsere Produkte“, erläutert Lars Wellerdiek. „Unsere Wechsler werden sogar auf Schiffen der MSC-Kreuzfahrtflotte in der Karibik eingesetzt.“ Den Firmenumsatz 2025 beziffern er und Ralf Schauties mit drei Millionen Euro. „Wir sind zufrieden“, antwortet Schauties auf die Frage nach dem Ertrag und lächelt dabei. Er gibt aber auch zu bedenken, dass sie sich auf dem bisherigen Erfolg nicht ausruhen würden. Sie seien zwar Marktführer in ihrem Segment und es gebe auch nur zwei bis drei ernsthafte Konkurrenten auf dem Weltmarkt, aber es sei insgesamt auch nur ein weltweiter Markt für wenige tausend neue Palettenwechsler pro Jahr. Zudem sei das Produkt beratungsintensiv, wodurch es zwar keine chinesischen Mitbewerber gebe, Beratung aber personal- und somit kostenintensiv sei. Auch im After-Sales-Geschäft wie im Zusatzprodukte- und Wartungssegment wolle man zukünftig noch wachsen.
Im Blickpunkt steht allerdings erst einmal der Ausbau des internationalen Geschäfts, insbesondere in die MENA-Region. Während in Deutschland und Europa aktuell wegen der geopolitischen Krisenherde, eine deutliche Kaufzurückhaltung spürbar sei, herrsche besonders in Nordafrika und den arabischen Ländern trotz der Krisen eine regelrechte Aufbruchstimmung. Eine IHK-Reise Anfang 2021 nach Dubai und in die Vereinigten Arabischen Emirate habe ihnen den dortigen Markt nähergebracht. „Für die internationale Unterstützung haben wir danach einen Vertriebler angestellt, der von Barcelona aus arbeitet“, heben die beiden Freunde unisono hervor. „Nur zur Unterschrift der anberaumten Geschäfte müssen wir selbst runterfliegen. Da sind die Scheichs eigen.“ Nebenbei könnten sie auch ihrem gemeinsamen neuen Hobby frönen, dem Golf-Spielen.
Um die Zukunft ist den Beiden nicht bange. „Wir schauen positiv nach vorn“, unterstreichen die Familienväter, wobei Ralf Schauties auch bereits Großvater ist. „Wir sind überzeugt davon, dass der Erfolg eines Unternehmens insbesondere von den Menschen bestimmt wird, die dort arbeiten. Unser Team besteht aus motivierten Fachleuten, die Ahnung von dem haben, was sie tun und ihren täglichen Aufgaben mit Freude nachgehen.“ Darüber hinaus steht eventuell auch schon ein Nachfolger parat: Lennard Friedrich Wellerdiek, der 25-jährige Sohn von Lars Wellerdiek. Er absolviert eine Ausbildung als Logistik- und Transportkaufmann und ist jetzt mittendrin in seinem BWL-Studium, habe Spaß am Thema Logistik und arbeite im Familienunternehmen als Werkstudent mit. Wenn das keine günstigen Voraussetzungen sind. Alles Paletti, sozusagen.
Jörg Deibert, IHK



