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Im Porträt

Die Schwestern für den Mittelstand

Das Beste aus zwei Welten zusammenbringen – einerseits die wertvollen Erfahrungen der älteren Generation, andererseits die innovativen Ideen der Jüngeren. Dieses Ziel verfolgen die Schwestern Ann-Christin und Anna-Lea Rinker mit ihrer im Mai 2025 gegründeten Beratungsagentur Rinker & Rinker, die in Bielefeld ansässig ist. Die beiden Gründerinnen begleiten mittelständische Unternehmen in die nächste Generation, ihr Fokus liegt dabei auf Nachfolgeprozessen. Im Kern geht es darum, Unternehmen wettbewerbs­fähig in die Zukunft zu führen und für junge Fachkräfte und potenzielle Nachfolgerinnen oder Nachfolger attraktiv zu machen. Inzwischen ist ihre Expertise so gefragt, dass sie Vorträge von Flensburg bis zum Bodensee halten.

Fünf Uhr morgens — nicht selten trifft man die Schwestern bereits um diese Uhrzeit im Büro an. Die jungen Frauen schätzen die Ruhe der frühen Morgenstunden: „Draußen ist noch alles still, man trinkt den ersten Kaffee und arbeitet die Themen ab, die vollen Fokus erfordern. So schafft man einiges weg, bevor die ersten Termine beginnen.“ Die 29-jährige Ann-Christin und die 26-jährige Anna-Lea sind Macherinnen mit einer Hands-on-Mentalität und der festen Überzeugung: „Wenn junge Leute ihren inneren Antrieb gefunden haben und das Feuer in ihnen brennt, dann hängen sie sich richtig rein.“ Und räumen so auf ihre Weise mit den Vorurteilen gegenüber der Gen Z auf.

Es gibt so einiges, dass die beiden gebürtigen Versmolderinnen eint — beide haben eine kaufmännische Ausbildung absolviert und anschließend BWL studiert. Während Anna-Lea viele Jahre im Familienunternehmen mitgearbeitet hat, das ihre Großeltern seinerzeit gegründet haben und das heute von ihren Eltern fortgeführt wird, hat Ann-Christin in einer Unternehmensberatung in Düsseldorf Berufserfahrungen gesammelt. Und dort gemerkt: „Viele Ansätze für den Mittelstand sind zu theoretisch und greifen daher nicht. So ist es schließlich zu unserer Gründungsidee gekommen, da wir genau das ändern wollen. Uns geht es darum, praxisnahe Lösungen zu entwickeln.“

Führung neu denken

Geprägt durch den Umstand, selbst in einem mittelständischen Familienunternehmen groß geworden zu sein, sei ihre Gründung direkt aus der Praxis entstanden: „Wir haben dort viele der Herausforderungen selbst erlebt. Unser Antrieb ist es, den Mittelstand in Deutschland, der jahrzehntelang von Familien mit viel Fleiß und harter Arbeit aufgebaut wurde, wettbewerbsfähig in die Zukunft zu führen und für junge Fachkräfte sowie potenzielle Nachfolgerinnen und Nachfolger relevant zu machen“, betonen die Unternehmerinnen. Ihr konkretes Ziel: Krankenstände reduzieren, Motivation steigern und die Arbeitgeberattraktivität erhöhen. „Wir gehören selbst der Gen Z an und sehen in vielen Firmen ein enormes Potenzial, das aktuell nicht genutzt wird. Viele junge Menschen wollen im Mittelstand arbeiten und Verantwortung übernehmen, treffen dort aber nicht auf die Rahmenbedingungen, die sie dafür brauchen, denn die Erwartungen an einen Job haben sich verändert. Die Realität ist, dass in vielen Unternehmen Führung heute noch so gelebt wird wie vor zehn oder zwanzig Jahren. Daher ist unser Standpunkt klar: Alle sprechen vom Fachkräftemangel, aber in Wahrheit haben wir ein ernstzunehmendes Führungs- und Strukturproblem.“

kleine Stell­schrauben reichen

Dass bereits kleine Maßnahmen im Arbeitsalltag große Wirkung entfalten können, zeigen die Rinker-Schwestern anhand des Themas Wissenstransfer. Durch Krankheit, Kündigung oder Verrentung sei es für Unternehmen entscheidend, kritisches Erfahrungswissen rechtzeitig zu sichern und an junge Mitarbeitende weiterzugeben. Wie wirksam dieser Ansatz ist, zeige ein Praxisbeispiel aus der Zusammenarbeit mit einem Kunden: Künftig könne dieser kostspielige Fehlproduktionen von Ersatzteilen vermeiden, weil das entscheidende Wissen nicht länger nur bei einzelnen Mitarbeitenden liege, sondern digital dokumentiert und für das gesamte Team zugänglich gemacht wurde. „Es waren nur kleine Nuancen, die darüber entschieden, ob ein Teil wirklich funktioniert. Worauf im Detail geachtet werden muss, war allerdings in keiner KI erfasst, sondern lag allein bei einem Mitarbeitenden, der den Job seit 30 Jahren macht. Was passiert, wenn dieser erkrankt oder vorzeitig in Rente geht?“, verdeutlicht Ann-Christin Rinker das Problem.

Ihre Schwester Anna-Lea ergänzt: „Wir befähigen Unternehmen, sich gezielt von innen heraus weiterzuentwickeln. Wir stärken Führung, schaffen klare Strukturen und sorgen dafür, dass die generationsübergreifende Zusammenarbeit im Alltag wieder funktioniert, immer mit klarem Praxisbezug.“ Inzwischen haben auch die Wirtschaftsverbände und Unternehmensnetzwerke die Brisanz des Themas erkannt. Bis 2035 gehen in Deutschland rund 20 Millionen Babyboomer in Rente. „Damit steht ein Großteil des Mittelstandes vor einem echten Umbruch. Viele Organisationen holen das Thema deshalb aktiv in den Mittelpunkt. Der Handlungsdruck ist da und die Bereitschaft, etwas zu verändern, wächst tagtäglich“, betonen die Gründerinnen.

Change-Prozess anschieben

Nicht immer sei dieser Change-Prozess einfach: „Manchmal ist es schwierig, langjährige Mitarbeitende von Neuerungen zu überzeugen. Sobald diese jedoch spüren, dass die Veränderungen echte Entlastung im Alltag schaffen, wächst auch die Offenheit. Entscheidend ist, alle Mitarbeitenden mitzunehmen, nur so wirkt Veränderung nachhaltig.“ Ihr Anspruch sei es, ihren Kunden einen Vorsprung zu verschaffen, der sich nicht nur strategisch zeige, sondern in alltäglichen Abläufen und vor allem betriebswirtschaftlich messbar sei. Besonders freuen sich die Gründerinnen darüber, dass ihre Expertise von Anfang an so gefragt war — inzwischen haben sie rund zehn Unternehmen begleitet und betreuen ganz unterschiedliche Branchen, vom Dienstleistungsbereich über das produzierende Gewerbe bis hin zum Handwerk. Aufgrund der multiplen Krisen, die die Wirtschaft derzeit umtreiben, hätten Unternehmen vieles zu bewältigen. Hier wollen die Schwestern unterstützen: „Durch strukturierten Wissenstransfer können 0,5 bis zwei Jahresgehälter eingespart werden. Dieses Potenzial im Tagesgeschäft sichtbar zu machen und entsprechend zu priorisieren, bleibt in vielen Unternehmen aktuell eine Herausforderung“, sagt Ann-Christin Rinker. Mittlerweile ist das Team um das Gründerinnen-Duo, das vom Center for Entrepreneurship der Hochschule Bielefeld beim Business Aufbau unterstützt wurde und bereits das NRW-Gründungsstipendium erhalten hat, um zwei freie Mitarbeitende gewachsen.

Extrameile drehen für den Erfolg

Für Gründungsinteressierte hat Anna-Lea Rinker so manchen Tipp parat: „Das Thema Gründen wird häufig romantisiert. Unsere Erfahrung ist aber, dass man dranbleiben muss und viel harte und konsequente Arbeit dahintersteckt.“ Auch Ann-Christin sieht das ähnlich: „Viele unterschätzen, wie viel Disziplin es braucht, aus einer ersten Idee ein funktionierendes Geschäftsmodell zu entwickeln. Langfristig zahlt sich die Extrameile immer aus, denn für Erfolg gibt es keine Abkürzung.“ Wichtig sei es, den Fokus zu halten. Ratschläge seien gut, könnten den eigenen Plan aber auch behindern, so die Erfahrung der Schwestern. „Gerade am Anfang nimmt man viele Themen mit, weil man wachsen will. In der Praxis haben wir aber gemerkt, dass Wachstum nicht durch mehr machen entsteht, sondern durch mehr Fokus. Die größten Fortschritte haben wir immer dann erzielt, wenn wir unsere Projekte konsequent verfolgt haben und nicht, wenn wir alles gleichzeitig versucht haben.“

Der Firmenname Rinker & Rinker ist übrigens eher nebenbei entstanden: „Wir waren noch gar nicht auf den Markteintritt eingestellt, da haben wir schon erste Projektanfragen bekommen. Uns war klar, dass wir lieber in der Praxis Ergebnisse kreieren wollen, anstatt zu lange in der Theorie zu verharren, um einen künstlichen Markennamen zu erfinden. Daher haben wir uns bewusst für die pragmatischste Lösung von allen entschieden und einfach unsere Nachnamen auf den Briefkopf gedruckt“, erzählen die beiden Schwestern und beweisen damit einmal mehr ihren fokussierten Ansatz. Sie verstehen sich als starkes Team, das sich gut ergänzt. Während Ann-Christin fortlaufend in Kontakt mit den Kunden ist, Markt- und Entwicklungstrends beobachtet, Vorträge hält und Projekte begleitet, verantwortet Anna-Lea den internen Aufbau mit Fokus auf Strukturen, Prozesse, Team und Produktentwicklung.

Auf dem Weg zu mehr Leistungsglück

„Unser größtes Vorbild ist unsere Oma Renate. Sie hat uns vorgelebt, was es bedeutet, als Familienunternehmerin Verantwortung zu übernehmen, mutige Entscheidungen zu treffen, hart zu arbeiten und dabei immer offen zu sein für Neues. Diese frühe Nähe zum Unternehmertum prägt uns bis heute“, erzählt Ann-Christin Rinker. Familie und Freunde seien es auch gewesen, die die Schwestern von Anfang an bei ihrer Gründungsidee unterstützt haben. „Sie hatten direkt ein gutes Verständnis dafür, was wir aufbauen, gleichzeitig aber auch einen hohen Anspruch, dass es Substanz haben muss“, erinnert sich Anna-Lea. Während ihrer Gründungsreise haben die Rinker-Schwestern zudem gelernt, dass man nicht alles allein lösen muss. „Wer sich traut, aktiv auf andere zuzugehen und um Unterstützung zu bitten, dem werden Türen geöffnet. Mut ist dabei die Grundvoraussetzung, denn nur wer losgeht, wird unterwegs die richtigen Menschen treffen“, sind sich beide einig. Im Gespräch wird schnell deutlich, dass die jungen Unternehmerinnen einen hohen Anspruch an sich und ihre Arbeit haben — könnte nach Leistungsdruck klingen, aber diesen spüren beide nicht: „Wir nennen es Leistungsglück, weil wir lieben, was wir tun. Unser starker innerer Antrieb hilft uns dabei, immer das bestmögliche Ergebnis für unsere Kunden zu erzielen.“

Silke Goller

     

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