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Titelthema

Lateinamerika lockt

Geopolitische Verwerfungen, Sorgen um Lieferketten, neue Handelsabkommen – für deutsche Unternehmen gibt es viele Gründe, ihr Engagement in Lateinamerika zu verstärken. Die Region bietet Rohstoffe, hervorragende Bedingungen für grüne Energie und einen gewaltigen Binnenmarkt. Zwölf aussichtsreiche Branchen im Fokus zwischen Mexiko und Argentinien, untersucht von der Germany Trade & Invest.

El Dorado — der Rohstoffreichtum Lateinamerikas ist legendär. Bei vielen Vorkommen liegt der Subkontinent weltweit auf einem der vorderen Ränge. Das gilt besonders für Kupfer, Silber und Lithium, doch auch für zahlreiche weitere kritische Mineralien. Elektrifizierung, Rechenzentren und der steigende globale Wohlstand lassen die Nachfrage nach diesen Metallen nach oben schnellen. Die Projektpipeline in Lateinamerika ist prall gefüllt. Rohstoffriesen wie BHP, Rio Tinto und Glencore treiben milliardenschwere Investitionen voran. Neben den klassischen Bergbauländern Chile, Brasilien und Peru rückt dabei vor allem Argentinien in den Fokus. Kupfer und Lithium sollen zu neuen Zugpferden der Wirtschaft werden. Dabei locken die Vergünstigungen des Investitionsfördergesetzes RIGI.

Bei seltenen Erden bietet Brasilien gute Perspektiven. Das Land beherbergt fast ein Viertel der weltweiten Reserven, Förderung und Aufbereitung sind bislang aber noch wenig entwickelt. Neue Chancen bietet daneben der Sekundärbergbau.

ENERGIE AUS LATEINAMERIKA GEWINNT AN GEWICHT

Auch bei Öl und Gas gewinnt Lateinamerika an Bedeutung. Das Potenzial ist gewaltig, allen voran in Venezuela, dem ölreichsten Land der Welt. Misswirtschaft und Sanktionen ließen die Förderung in den vergangenen Jahren einbrechen, doch nun keimt Hoffnung auf eine Trendwende. Auch Guyana, Brasilien und Argentinien fahren ihre Produktion hoch. Brasilien könnte bis 2030 gar auf Rang 5 der weltweit größten Förderländer vorrücken.

Während der Krieg im Nahen Osten die Welt im Frühjahr 2026 in Atem hält und die Öl- und Gaspreise in die Höhe schießen, bieten sich in Lateinamerika alternative Bezugsquellen — und milliardenschwere Absatzmärkte für moderne Technik.

GRÜNE ENERGIE ALS STANDORTVORTEIL

Nicht nur bei konventionellen Energieträgern bieten sich Chancen. Bei der Energiewende nimmt Lateinamerika weltweit die Poleposition ein. Keine andere Region verfügt über einen so grünen Strommix. Länder wie Paraguay, Costa Rica, Uruguay und Brasilien erzeugen ihren Strom schon heute zu 90 Prozent aus Wasser-, Solar- und Windkraft sowie Biomasse. Diesen Wettbewerbsvorteil wollen sie nutzen — zum Aufbau der Wasserstoffwirtschaft, für Rechenzentren oder für mehr Wertschöpfung in der Industrie. Das Stichwort lautet „Powershoring“.

Besonders Brasilien setzt auf eine grüne Reindustrialisierung, unterstützt durch staatliche Programme wie Nova Indústria Brasil und einen neuen Rechtsrahmen für die Förderung von kohlenstoffarmem Wasserstoff, das heißt unter Einbezug der für Brasilien wichtigen Sektoren Biomasse und Zucker-Ethanol-Industrie. Damit verbessern sich die Chancen für die Umsetzung von Wasserstoffprojekten.

Allerdings verschiebt sich der Fokus auf den Binnenmarkt, darunter die Produktion von Vorprodukten für die Düngemittelindustrie und die Dekarbonisierung der Stahlindustrie, während milliardenschwere Projekte zum Export von grünem Wasserstoff nach Europa ins Stocken geraten sind. Gleichzeitig erweisen sich die Übertragungsnetze zunehmend als Nadelöhr für den weiteren Ausbau der Erneuerbaren. Immer häufiger müssen Anlagen abgeregelt werden. Im Umkehrschluss bedeutet dies wachsende Chancen beim Ausbau der Netze und Stromspeicher.

AGRARWIRTSCHAFT IM STRUKTURWANDEL

Eine Supermacht ist Lateinamerika auch in der Landwirtschaft. Bei der Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung spielt der Subkontinent eine Schlüsselrolle, darunter bei Soja, Rind- und Geflügelfleisch, Kaffee, Zucker und vielen weiteren Produkten. Dabei gibt es einen Druck hin zu mehr Mechanisierung, Automatisierung und Digitalisierung, denn die Bevölkerung in Lateinamerika wächst nicht mehr so schnell und viele Menschen ziehen in die Städte.

Chancen für deutsche Firmen bieten sich auch in der Nahrungsmittelverarbeitung. Wichtigster Absatzmarkt ist Mexiko. Brasilien, das bevölkerungsreichste Land Lateinamerikas, folgt nur an zweiter Stelle, da sein Markt stärker abgeschottet ist. Noch zumindest: Denn mit dem EU-Mercosur-Abkommen entsteht eine der größten Freihandelszonen der Welt.

INFRASTRUKTUR ÖFFNET SICH FÜR PRIVATE INVESTOREN

Auch beim Ausbau der Infrastruktur bieten sich Chancen. Angesichts knapper Kassen setzen viele Länder der Region auf private Betreiber beim Bau und Betrieb von Straßen, Bahnstrecken und Häfen. Der Vorteil für Anbieter aus Deutschland: Die Kunden aus der Privatwirtschaft setzen mehr auf Langlebigkeit und Qualität.

Dies gilt auch für die Wasserwirtschaft. In Brasilien stehen 2026 große Ausschreibungen an. Laut Angaben des Branchenverbands ABCON/SINDICON summieren sich die wichtigsten geplanten Projekte auf umgerechnet rund 5,2 Milliarden US-Dollar. Ein Großteil davon entfällt auf den unterentwickelten Nordosten des Landes. Ein Grund für den starken Investitionsschub ist ein neuer gesetzlicher Rahmen für die Wasserversorgung. Bis 2033 sollen 99 Prozent der Bevölkerung Zugang zu sauberem Trinkwasser und 90 Prozent Zugang zur Abwasserentsorgung erhalten.

Auch die anderen Länder der Region investieren kräftig, darunter Kolumbien und Peru. Dabei kommen auch deutsche Mittelständler wie Flottweg, Huber oder Phoenix Contact zum Zug. Das von Dürren geplagte Chile setzt verstärkt auf Meerwasserentsalzung, allen voran für den Bedarf des Bergbaus.

In der Kreislaufwirtschaft sorgt das steigende Umweltbewusstsein für Geschäftschancen, doch es besteht noch großer Nachholbedarf. Zu den Vorreitern zählt Chile, das 2023 ein neues Kreislaufwirtschaftsgesetz mit festen Recyclingquoten verabschiedet hat.

GESUNDHEITSMARKT MIT LANGFRISTIGEM POTENZIAL

Mit 670 Millionen Einwohnern ist Lateinamerika auch ein wichtiger Abnehmer von Medizintechnik. Eine alternde Bevölkerung, die Zunahme chronischer Krankheiten und der Ausbau der öffentlichen Gesundheitsversorgung kurbeln die Nachfrage an. Ein kleiner, aber fortschrittlicher privater Gesundheitssektor bietet gute Absatzmöglichkeiten für hochwertige Spezialprodukte. Mehrere deutsche Branchenunternehmen fertigen bereits in Lateinamerika, darunter vor allem in Mexiko, Brasilien, aber auch in der Dominikanischen Republik.

Kontakt: Fabian Nemitz, Germany Trade & Invest Amerika,E-Mail: fabian.nemitz@gtai.de

     

TIPP

Mehr Informationen in der Broschüre „Branchenguide 2025 — Lateinamerika und Karibik — Neue Geschäftschancen nutzen!“ sowie jährlich aktualisiert in der Online-Publikation „Der neue Blick auf Lateinamerika“.

Die Broschüre steht als Download zur Verfügung: www.gtai.de

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