Ostwestfälische Wirtschaft

Herausgeberin
Industrie- und Handelskammer
Ostwestfalen zu Bielefeld

Verlag, Anzeigenvermarktung und Layout
durch amm GmbH & Co. KG



LogoEin Service der amm GmbH & Co. KG

Titelthema

Kontinent der Möglichkeiten

Als Produktionsstandort oder als Rohstofflieferant – Lateinamerika bietet heimischen Unternehmen eine Vielzahl an Betätigungsfeldern, wie die Beispiele des Bielefelder Verbindungsspezialisten Böllhoff und des Herforder Schokoladenproduzenten Weinrich zeigen

Mit dem VW-Käfer fing alles an

Die enge Lieferbeziehung zu Volkswagen und deren Anforderung, vor Ort zu produzieren, war bereits 1964 für den Verbindungsspezialisten Böllhoff mit Sitz in Bielefeld der Grund, in Brasilien aktiv zu werden. Zuvor hatte VW eine neue Produktionsstätte für das Modell Käfer in Brasilien und in Mexiko eröffnet. „Wir waren mit unserem HELICOIL® Gewindeeinsatz bereits in einer Anwendung im Käfer vertreten. Also folgten wir, damals ‚nur‘ mit eigenen Standorten in Deutschland und Österreich vertreten, VW nach Brasilien und Mexiko. Seither hat sich unser Unternehmen zu einem führenden Anbieter für Verbindungselemente entwickelt, die der brasilianische Markt in den Branchen Automotive, Land- und Baufahrzeuge sowie vielen anderen Industrien benötigt“, berichtet Wilhelm A. Böllhoff, Geschäftsführender Gesellschafter. Ziel sei die lokale Produktion, Beschaffung und Logistik für die Kunden vor Ort. 2025 betrug der Umsatz in Südamerika rund 40 Millionen Euro, was einem Gesamtumsatz der Böllhoff-Gruppe von etwa sechs Prozent entspricht. Die Anzahl der Mitarbeitenden entspricht rund 300 Vollzeitbeschäftigten.

Strategisch gewachsen

Der lateinamerikanische Markt habe für Böllhoff eine strategisch gewachsene Bedeutung, erklärt Wilhelm A. Böllhoff: „Zunächst sind wir deutschen Kunden in die Region gefolgt, später kamen auch europäische und schließlich weltweite Kunden vor Ort hinzu. Insbesondere Brasilien bietet zudem ein dynamisches Marktumfeld mit einer starken einheimischen Industrie — allen voran im Maschinen- und Fahrzeugbau für die Land- und Bauwirtschaft. Namhafte brasilianische Hersteller in diesen Segmenten sind heute wichtige Kunden und Partner für unser Unternehmen. Durch die Zusammenarbeit mit ihnen stärken wir unsere Präsenz in der Region nachhaltig.“

Wirtschaftliche Eigenständigkeit

Brasilien sei der mit Abstand bedeutendste Markt innerhalb der Region und zeichne sich durch eine ausgeprägte wirtschaftliche Eigenständigkeit aus. Als großer, weitgehend geschlossener Markt stelle das Land spezifische steuerliche und bürokratische Anforderungen an Unternehmen, was eine lokale Präsenz direkt vor Ort nicht nur sinnvoll, sondern nahezu unerlässlich mache. Der Unternehmer nennt einen weiteren Grund für die Produktion vor Ort: „Ein Engagement in Brasilien eröffnet zugleich weitere Perspektiven: Von dort aus sind Exporte in die übrigen lateinamerikanischen Märkte möglich.“

Interessante Marktchancen

In das geplante Mercosur-Abkommen setzt Wilhelm A. Böllhoff große Hoffnungen: „Mit dem nach langen Verhandlungen jetzt geschlossenen Mercosur-Abkommen eröffnen sich neue Chancen — gerade vor dem Hintergrund der veränderten Beziehungen zwischen Europa und den USA einerseits sowie den USA und Südamerika andererseits.“ Brasilien gilt als Vorreiter in Sachen grüner Energie, da das Land ein Übermaß an Sonne, Windenergie und Wasser besitzt. „Brasilien bietet in diesen Wachstumsbranchen interessante Marktchancen, die wir aktiv nutzen wollen. Was den Technologietransfer betrifft, sind aus meiner persönlichen Sicht die Impulse für Europa allerdings begrenzt, da ein Großteil der eingesetzten Technologie aus China stammt“, gibt Böllhoff zu bedenken.

Solide Eigenkapitalbasis wichtig

An der brasilianischen Mentalität schätzt der Firmenlenker die Offenheit: „Brasilianer sind freundlich und fröhlich und suchen auch im Geschäftsleben den persönlichen Kontakt. Die Mentalitätsunterschiede im Business sind dabei geringer als oft angenommen. Nach fast 65 Jahren im brasilianischen Markt operieren wir als Unternehmen heute auf eine Weise, die beide Kulturen verbindet — brasilianisch und deutsch zugleich.“ Für Neueinsteiger, die sich für den lateinamerikanischen Markt interessieren, hat er gleich mehrere Tipps parat: „Die wichtigste Empfehlung lautet: auf eine solide Eigenkapitalbasis setzen. Der brasilianische Finanzmarkt ist volatil, die Zinsen sind hoch. Wer Fremdkapital benötigt, sollte dieses besser lokal aufnehmen, denn Gesellschafterdarlehen des Mutterkonzerns tragen ein erhebliches Währungsrisiko. Ein weiterer Tipp: klein anfangen, Gewinne erzielen und diese konsequent vor Ort reinvestieren. Wachstum durch Akquisitionen ist grundsätzlich möglich, birgt jedoch Fallstricke — insbesondere versteckte Risiken in Arbeitsprozessen oder Steuerverbindlichkeiten werden erfahrungsgemäß oft zu spät sichtbar.“ Zudem verdiene das Thema Steuern besondere Aufmerksamkeit, da das brasilianische Steuersystem ausgesprochen komplex sei. Dabei setzt Böllhoff auf die für 2027 angekündigten Reformen, die spürbare Verbesserungen bringen sollen.

Hoffen auf politischen Richtungswechsel

Trotz der derzeitigen geopolitischen Herausforderungen will das Unternehmen am brasilianischen Standort festhalten — frei nach den Leitmotiven „País do futuro — ordem e progresso“, die Brasilien seit jeher begleiten. „Hochfliegende Ambitionen haben sich dabei nicht immer als nachhaltig erwiesen“, konstatiert Wilhelm A. Böllhoff und blickt in die Zukunft: „Im geopolitischen Kontext wird Brasilien seine Bedeutung behalten und Position behaupten. Eine schnelle Ausweitung erwarte ich kurzfristig jedoch nicht. Für unser Unternehmen bleiben wir optimistisch: Wir sind überzeugt, weiter beständig und profitabel wachsen zu können. Gleichzeitig hoffen wir auf einen politischen Richtungswechsel, weg von Staatsinterventionismus und Korruption, hin zu einer sozialen, liberalen Marktwirtschaft. Das wäre die entscheidende Voraussetzung, um das wahre Potenzial des Landes zu heben.“

Kakao trifft auf Herforder Traditionsunternehmen

„Alle mögen Schokolade, Schokolade ist generationenübergreifend.“ Jelena Radeljic ist begeistert von dem Produkt, das ihr Berufsleben prägt: Kakao. Sie arbeitet als Leiterin des Nachhaltigkeitsmanagements bei der Ludwig Weinrich GmbH & Co. KG in Herford.

Aufgewachsen in der Kreisstadt, hat sie schon als Schülerin am Unternehmensbeispiel Weinrich über Schokolade geschrieben. Studiert hat Radeljic „Internationale Entwicklung“ in Wien und „Global Change Management“ an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung in Eberswalde. Ihre Masterarbeit 2016 hat sie in Kooperation mit Weinrich geschrieben. „Chocolate is a way to see the world“, zitiert sie in dem Besprechungsraum am Firmensitz in Herford eine Interviewpartnerin, eine Doktorandin aus den USA, die über Kakao dissertierte. Zum Kaffee steht eine Auswahl der firmeneigenen Schokoladenvielfalt auf dem Tisch. „An dem Produkt lässt sich so viel festmachen, von Global- und Kolonialgeschichte, über Industriealisierung bis zum heutigen Nord-Süd-Gefälle und dem Klimawandel.“ Aber auch die kulturelle Bedeutung, die mit den Pflanzen und Früchten insbesondere in Lateinamerika seit jeher einhergehe: „Bei den Azteken wurden die Kakaobohnen als Zahlungsmittel genutzt und sie hatten auch bei religiösen Ritualen eine große Bedeutung. Die Pflanze kommt aus dem Amazonasgebiet und benötigt ein gutes Waldökosystem, um zu wachsen.“ Im Vergleich dazu startete der Kakaoanbau in Afrika erst in der Kolonialzeit.

Für ihre Masterarbeit ist sie unter anderem nach Ecuador gereist und wollte eine dortige Kakaokooperative mit Weinrich in Kontakt bringen. Daraus wurde mehr: Seit 2017 kümmert sich Radeljic um die Nachhaltigkeitsthemen beim Traditionsunternehmen in Herford.

Mensch und Umwelt in Einklang

Gegründet 1895 als „Herforder Biscuit- und Cakesfabrik Weinrich & Drüge“ ist das Unternehmen ab 1912 im Besitz der Familie Weinrich. Seit den 1960er-Jahren produziert die Ludwig Weinrich GmbH & Co. KG ausschließlich Schokolade. Mit Cord Budde übernimmt 1993 die vierte Familiengeneration die Leitung. Die ersten Fairtrade-Schokoladen werden 1996 produziert. 1999 kommen Bio-Schokoladen hinzu, die seit der Jahrtausendwende über die Tochterfirma EcoFinia GmbH unter dem Markennamen „VIVANI“ in über 60 Länder vertrieben werden. Seit 2014 komme ausschließlich zertifizierter Kakao zum Einsatz. Im Nachhaltigkeitsbericht aus dem Jahr 2025 nennt Weinrich einen Umsatz von rund 178,3 Millionen Euro für das Geschäftsjahr 2023/2024. Hergestellt wurden 23.162 Tonnen Schokolade. Pro Produktionstag verließen durchschnittlich über eine Million 100 Gramm-Tafeln die Fertigung in Herford. „Unsere Mission ist die Herstellung qualitativ hochwertiger Schokolade im Einklang mit Mensch und Umwelt“, sagt Firmenchef Cord Budde.

Lateinamerika als Rohstofflieferant

36 Prozent des bei Weinrich verarbeiteten Kakaos stammten 2025 aus Lateinamerika. Mit 28 Prozent rangiert die Dominikanische Republik auf Platz eins, weit vor Ecuador mit einem dreiprozentigen Anteil, Panama mit zwei Prozent und Bolivien, das ein Prozent der Kakaomenge beisteuert. In der Regel kaufe Weinrich fertige Kakaobutter und Kakaomasse bei Händlern ein.

Mit zwei Projekten in Ghana und in der Dominikanischen Republik hätte sich das Unternehmen direkt an die Bäuerinnen und Bauern gerichtet. „Wir wollen die Beziehungen zu unseren Rohstofflieferanten verbessern und unsere Lieferkette resilienter gestalten“, sagt Radeljic.

Dafür wurde in der Dominikanischen Republik das „Sustainable Organic Cocoa Project“ ins Leben gerufen, das erste Rohstoffprojekt des Unternehmens überhaupt. Von 2020 bis 2024 beteiligten sich etwa 200 Bio-Kakaoproduzentinnen und -produzenten. Ziel war es unter anderem, Schulungen anzubieten, die Kakaofarmen mit neuen Pflanzen zu versorgen und die Einkommen der Produzentinnen und Produzenten zu erhöhen, die Lebensbedingungen allgemein zu verbessern. Dafür wurden 108.600 Kakaopflanzen auf rund 190 Hektar verschiedener Kakaofarmen gepflanzt. Ein Hurricane 2022 und starke Regenfälle setzten dem Projekt massiv zu, erinnert sich Radeljic. „Selbst wenn wir Geld investieren, führt das nicht automatisch zu resilienten Lieferketten. Der Klimawandel und die Börsenpreise für Kakao sind extrem starke Kräfte, die wir nicht beeinflussen können.“ Die erhofften Produktionssteigerungen seien durch die Umwelteinflüsse zunichte gemacht worden, nicht die gesamte der geplanten Kakaomenge konnte geliefert werden. Dennoch gebe es eine zweite Projektphase von 2026 bis 2028. In dieser sollen zehn Hektar Brachfläche in Agroforst nach „Naturland“-Label-Standard umgewandelt werden, um so bessere Anbaubedingungen zu schaffen. Zusätzlich zu den Kakaopflanzen würden Zitrusfrüchte und weitere Bäume gepflanzt, um ein entsprechendes Waldökosystem aufzubauen. Der Zugang zu sauberem Wasser für die Landbevölkerung sei ein weiteres Ziel. Auf rund 80.000 Euro Fördersumme pro Jahr beziffert Radeljic die Unterstützung.

Bei dem zweiten Rohstoffprojekt „iChoc.Traceparency“, das 2022 gestartet ist und an dem sich 240 Farmerinnen und Farmer aus der Dominikanischen Republik beteiligen, geht es um die komplette Rückverfolgbarkeit der Kakaobohnen von der einzelnen Farm bis zur fertigen Schokoladentafel.

Bedeutung nimmt zu

„Lateinamerika wird als Rohstofflieferant für Kakao zunehmend interessanter. Panama ist für uns ein strategisch wichtiges Land beim Bio-Kakao“, sagt die Nachhaltigkeitsmanagerin. Das Ökosystem in Lateinamerika sei resilienter als die Anbaugebiete in Westafrika. Der Klimawandel führe dort dazu, dass sich die Anbaugebiete nach Norden verschieben würden. Nach Angaben des Weinrich-Nachhaltigkeitsberichts stammt knapp über die Hälfte des verarbeiteten Kakaos aus Westafrika.

„Mich fasziniert das Thema, weil ich an Menschenrechts- und ökologischen Themen arbeiten kann. Wir brauchen mehr menschliche Beziehungen, um den Kakaosektor zu reformieren“, zieht sie ihr persönliches Fazit. Bleibt nur noch die Frage nach der Lieblingssorte — es werden drei: „Die Weinrich-Jubiläumschokolade mit dem Keks und zwei Varianten aus der VIVANI-Bioserie, die eine mit 50 Prozent Kakaoanteil und die Dattelschokolade“, zählt Radeljic lachend auf.

Silke Goller, Heiko Stoll

     

Die aktuelle Ausgabe zum Durchblättern