Aus- und Weiterbildung
Nachwuchskräftelücke schließen
Der Fachkräftemangel, der in der Region Ostwestfalen seit einigen Jahren zur betrieblichen Realität zählt, verschärft sich weiter. Als Folge des demografischen Wandels scheiden die geburtenstarken Jahrgänge zunehmend aus dem Erwerbsleben aus, während gleichzeitig zu wenig junge Menschen nachrücken. Viele Unternehmen stehen daher vor erheblichen Engpässen bei der Besetzung offener Ausbildungsplätze, was auch die DIHK-Ausbildungsumfrage 2025 bestätigt. Im Jahr 2024 konnten 48 Prozent der Betriebe ihre offenen Stellen nicht besetzen. Neben der rückläufigen Zahl an Bewerbungen stellen vor allem qualitative Passungsprobleme eine zentrale Herausforderung dar. Trotz intensiver Bemühungen im Inland bleiben viele Ausbildungsplätze unbesetzt, da zahlreiche Betriebe nur wenig geeignete Bewerbungen erhalten, die den fachlichen und persönlichen Anforderungen häufig nicht entsprechen.
Neue Chancen für Betriebe
Vor diesem Hintergrund rückt die Ausbildung junger Menschen aus dem Ausland stärker in den Fokus. Sie können einen wichtigen Beitrag dazu leisten, die bestehende Nachwuchskräftelücke zu schließen. Für zahlreiche Betriebe eröffnet sich hier die Chance, Ausbildungsplätze nachhaltig zu sichern. Gleichzeitig können sie Fachkräfte langfristig aufbauen.
Dass die Rekrutierung internationaler Auszubildender längst kein Randphänomen mehr ist, belegen aktuelle Entwicklungen deutlich. Im Bezirk der IHK Ostwestfalen hat sich der Anteil internationaler Auszubildender an allen Ausbildungsverhältnissen bis 2025 nahezu verdoppelt. Er stieg von 3,7 Prozent im Jahr 2022 auf inzwischen 6,9 Prozent. In absoluten Zahlen entspricht dies einem Anstieg von 664 auf 1.190 Auszubildende. Damit rückt die Zehn-Prozent-Marke erstmals in greifbare Nähe.
Auch bei den Neueintragungen der Ausbildungsverhältnisse zeigt sich ein klarer Aufwärtstrend: Die Zahl neu abgeschlossener Ausbildungsverträge mit internationalen Nachwuchskräften hat sich seit 2022 mehr als verdoppelt. Sie stieg von 264 auf 649 Eintragungen im Jahr 2025. Diese Entwicklung unterstreicht die wachsende Relevanz für die Fachkräftesicherung in der Region Ostwestfalen.
Integration immer wirkungsvoller
Besonders bemerkenswert ist zudem die Entwicklung der Erfolgsquote bei den Abschlussprüfungen. Ausgehend vom Jahr 2023 zeigt sich eine deutliche Steigerung. Im Jahr 2024 lag die Bestehensquote um 5,5 Prozent höher als im Vorjahr. Im Jahr 2025 konnte sie nochmals um weitere 2,3 Prozent gesteigert werden. Insgesamt ergibt sich somit ein Zuwachs um 7,1 Punkte gegenüber dem Basisjahr. Diese kontinuierliche Verbesserung zeigt, dass die Integration internationaler Auszubildender immer wirkungsvoller umgesetzt wird. Sie erfolgt nicht nur in quantitativer, sondern auch in qualitativer Hinsicht erfolgreich. Die Zahlen sprechen dafür, dass Betriebe, Berufsschulen und unterstützende Strukturen zunehmend wirksam ineinandergreifen.
Gleichzeitig bringt die Einstellung internationaler Auszubildender eine erhebliche Verantwortung mit sich. Unternehmen, die diesen Schritt gehen, übernehmen nicht nur eine arbeitsvertragliche Verpflichtung, sondern auch eine integrationsbezogene Aufgabe. Sprachförderung, kulturelle Orientierung, soziale Begleitung und ein verlässlicher betrieblicher Rahmen sind zentrale Erfolgsfaktoren. Die Entscheidung für internationale Auszubildende ist daher stets eine strategische und gesellschaftliche Entscheidung.
Die Einwanderung in die duale Ausbildung in Deutschland bietet für junge Menschen selbst eine große Perspektive. Das duale System genießt international hohes Ansehen. Der Qualitätsanspruch, der mit dem Gütesiegel „Made in Germany“ verbunden ist, steht weltweit für Verlässlichkeit, hohe Standards und eine fundierte Qualifikation. Eine Ausbildung in Deutschland ist damit nicht nur ein Bildungsweg, sondern vielmehr ein starkes berufliches Qualifikationsmerkmal.
Durch die Einwanderung in die Ausbildung eröffnen sich zusätzlich langfristige Integrations- und Entwicklungsmöglichkeiten für junge Menschen. Die Auszubildenden erwerben nicht nur die benötigten fachlichen Kompetenzen, sondern bauen auch ihre Sprachkenntnisse sowie interkulturellen Fähigkeiten aus. Sie werden in die betrieblichen Abläufe eingebunden und übernehmen Verantwortung. Gleichzeitig bauen sie sich eine langfristige Karriereperspektive auf. So stellt die Ausbildung für viele den ersten Schritt in die dauerhafte berufliche und gesellschaftliche Integration dar.
Hohe Lernbereitschaft
Die Rekrutierung junger Menschen aus dem Ausland trägt langfristig zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der Region Ostwestfalen bei. Unternehmen profitieren von engagierten Nachwuchskräften, die häufig eine hohe Lernbereitschaft aufweisen. Sie verfügen nicht selten bereits über berufliche Vorerfahrungen oder Qualifikationen aus ihren Herkunftsländern, die sie in der neuen Position gewinnbringend einsetzen können.
Die Zuwanderung kann außerdem eine Möglichkeit sein, die wirtschaftliche Dynamik und Vielfalt der Region zu stärken. Das Zusammenspiel unterschiedlicher kultureller Hintergründe fördert neue Perspektiven sowie Innovationsfähigkeit. Zudem stärkt es die interkulturellen Kompetenzen innerhalb der Belegschaften. Gerade in der globalen, sich immer weiter vernetzenden Welt kann dies ein entscheidender Vorteil sein.
Strategische Investition
Ein Blick auf die Herkunftsländer unterstreicht die wachsende Relevanz internationaler Auszubildender. Ein erheblicher Teil der Zuwanderung erfolgt aus Drittstaaten — also weder aus Ländern der EU noch aus der Schweiz, Norwegen, Island und Liechtenstein. Insgesamt fallen acht der zehn bedeutendsten Herkunftsländer in diese Kategorie, dazu zählen unter anderem die Ukraine, der Irak und Syrien. Damit wird die Rekrutierung internationaler Nachwuchskräfte zu einem strategischen Faktor für die nachhaltige Fachkräftesicherung. Die Ausbildung junger Menschen aus dem Ausland ist weit mehr als eine kurzfristige Lösung. Sie stellt eine strategische Investition in die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen und Region dar und ist mit einer klaren Verantwortung der Betriebe verbunden.
Jana Köhler, IHK



