Im Porträt
Die Neugierigen
Die eigene Limonade im eigenen Café? Funktioniert, wenn hinter der Idee Janosch Kriesten und Phillip Marsell stehen, die beiden geschäftsführenden Gesellschafter der Limoment GmbH aus Bielefeld.
Die Frühjahrssonne wärmt den Bäckerplatz in Bielefeld, östliche Innenstadt, gesäumt von Wohnbebauung aus den 1920-Jahren. Das „Tartine — Café am Bäckerplatz“ liegt in einem hellgrün gestrichenen Haus, zwei Stockwerke hoch, im Erdgeschoss zwei Schaufenster, eine Tür. Nebenan bietet eine Kunstgewerbeladen seine Produkte an, ein Friseur bildet den Abschluss der kleinen Ladenzeile, gegenüber liegt eine Hausarztpraxis. Auf der Litfaßsäule am Rand des Platzes werben Plakate für das „Tanzfestival in Bielefeld“ und das „Gartenfest in Kloster Dahlheim“.
Seit Anfang April öffnet das „Tartine“ seine Tür für Gäste, immer mittwochs bis sonntags, von 9.30 bis 17.00 Uhr. Auf der Karte stehen mediterrane Gerichte, Hummus mit Gemüse, Tartines mit Feigen und Ricotta, Rührei, wechselnde Tagessuppen und eine kleine Auswahl an selbstgebackenen Kuchen runden das Angebot ab. Ana-Maria Lupascu ist Mitgeschäftsführerin, kümmert sich an diesem Mittag um die Gäste, serviert Kaffee und Snacks, fotografiert zwischendurch noch schnell zwei Gerichte für den Instagram-Kanal des Cafés. Vier weitere Teilzeitkräfte unterstützen sie im Cafébetrieb. Von den acht Tischen im Innenraum sind bis auf einen alle belegt, an den beiden vor der Tür genießen Gäste die Sonnenstrahlen.
„Die Café-Eröffnung war eher intrinsisch getrieben“, sagt Phillip Marsell, „wir können hier alles selbst bestimmen: Von der Servicequalität über die Musikauswahl, die Speisen und welchen Kaffee wir anbieten“, schwärmt der 39-Jährige, der sagt, er habe schon lange über die Eröffnung eines eigenen Cafés nachgedacht. Gestartet seien er und Janosch Kriesten ohne eigene Gastroerfahrung, dafür haben sie Ana-Maria Lupascu mit ins Boot geholt. „Es ist die komplette Welt der Wirtschaft im Kleinen“, schwärmt Marsell.
„WIR-MACHEN-MAL-MENTALITÄT“
Diese „Wir-machen-mal-Mentalität“ zieht sich wie ein roter Faden durch die Limoment-Story. 2014 haben sie als Studenten gemeinsam mit ihren Kommilitonen Moritz Kinder und Kim Marcel Czesna noch unter dem Namen „Trendbrause“ ihre eigenen Limonaden gemixt. Kinder ist heute noch Gesellschafter im Unternehmen. Die Idee: „Wir wollten ein gutes Getränk machen, nicht zum Verkaufen, sondern für Freunde und Familie“, blickt Marsell zurück. Knapp 1.000 Flaschen ließen sie damals produzieren. Ihr Erfolgsrezept bis heute: Grundlage ihrer Getränkekreationen ist Direktsaft, je nach Sorte fast 60 Prozent, auf zusätzlichen Zucker und Süßungsmittel verzichten sie ebenso wie auf Citrus- oder Orangenfrüchte. 2015, zum Ende ihrer Studienzeit — Soziale Arbeit bei Janosch Kriesten und Soziologie bei Phillip Marsell — kam die Idee auf, ihre „Natur-Limos“ professionell zu produzieren und zu vermarkten. „Wir hatten keine Ahnung vom Lebensmittel-Einzelhandel oder von Gastronomie. Wir haben uns alles selbst erschlossen“, erzählt Marsell offen über die ersten Schritte ins Unternehmertum. Mit „Demut und Lernbereitschaft“ hätten sie sich nach und nach in die Materie eingearbeitet. „Man kann nie final lernen, man muss immer offenbleiben. Am Ende zählt das bessere Argument.“ Wichtig ist den beiden auch der Nachhaltigkeitsaspekt — neben den natürlichen Zutaten wird im Umkreis von 60 Kilometern um Bielefeld entwickelt, produziert und abgefüllt.
REZEPT GEFUNDEN, UM ZU SKALIEREN
Zu Beginn wurden ihre Getränke in 50 Rewe-Märkten im Vertriebsgebiet Nord gelistet. Heute sind sie in rund 2.000 Supermärkten und in der Gastronomie im nördlichen Teil Deutschlands vertreten. Dabei würden sie mittlerweile mehr Absatz in Hamburg und Schleswig-Holstein erwirtschaften als in Ostwestfalen-Lippe. 3,2 Millionen Flaschen hätten sie im vergangenen Jahr produziert und verkauft, über die Hälfte entfallen dabei auf die Geschmacksrichtungen „Apfel-Minze“, die seit dem Start im Programm ist, und „Kirsche-Waldmeister“. Mittlerweile gehören neun Vollzeit- und eine Teilzeitkraft zum Limoment-Team. Im vergangenen Jahr wurden rund 3,5 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet. „In den ersten fünf Jahren haben wir jährlich 700.000 bis 800.000 Flaschen produziert und wir haben viel gelernt. In den vergangenen fünf Jahren konnten wir unser Wissen ausspielen. Wir haben ein Rezept gefunden, das wir skalieren können.“ Ihr sprichwörtlicher Flaschenhals sei der Vertrieb — zu fünft kümmern sie sich um neue Absatzwege, maximal zehn neue Supermärkte oder Gastro-Betriebe ließen sich so täglich bearbeiten.
Auf die Frage, ob sie von den sich wandelnden Trinkgewohnheiten und der anhaltenden Diskussion um alkoholische Getränke profitieren würden, antwortet Marsell: „Ich bin froh, dass wir kein Bier haben.“ Ihre Konkurrenten seien eher Marken wie „Proviant“ oder „Bionade“. Erstere gehörten mittlerweile zu Krombacher, letztere nach einer Zwischenstation bei der Dr. Oetker eigenen Radeberger Gruppe nunmehr zu Hassia Mineralquellen. Beide würden von den flächendeckenden Vertriebswegen der Unternehmen profitieren.
Würde ihnen ein Angebot zur Übernahme gemacht, kann Marsell es sich nicht vorstellen, es anzunehmen. „Unser Produkt funktioniert gut. Wir haben nie gegründet, um einen Exit zu machen. Schon durch unsere Studiengänge steht die Frage im Vordergrund, ‚Was brauchst Du, um Deine Arbeit gut zu machen?‘. Die Atmosphäre stimmt einfach für mich.“
EIGENE KREATIVAGENTUR GEGRÜNDET
Aus diesem Verständnis heraus erklärt sich auch die dritte Unternehmensgründung — die „Kreativwerkstatt bei Limoment“, die seit August vergangenen Jahres am Markt ist. „Wir waren mit Agenturen nicht zufrieden und haben deshalb schon immer die Etiketten und Werbemittel für unsere Produkte selbst gestaltet. Irgendwann wurden wir von anderen Unternehmen auf unsere Agentur angesprochen — und haben angeboten, auch für sie tätig zu werden.“ Schulze Lebkuchen aus Borgholzhausen und Bäckerei Lamm aus Bielefeld nennt Marsell als Referenzkunden — deren Produkte würden auch im „Tartine“ verwendet, der Kreis schließt sich gewissermaßen. In der Kreativwerkstatt mit ihren vier Mitarbeitenden verstärkt Lara-Sophie Poimer die Geschäftsführung. Eine gewisse Offenheit besteht auch beim Blick in die Zukunft: „Auf das, was in den nächsten fünf Jahren passieren könnte, habe ich keine Antwort. Wir planen natürlich für das nächste Jahr, aber auch dort gibt es so viele Variablen, die sich ändern können.“ Bei ihrem Einsatz von Direktsäften für ihre Limonaden seien sie sehr abhängig von den Saftpreisen, die je nach Ernte variieren. Einen Konflikt zwischen Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit sieht er dennoch nicht, da das Argument, dass sie auf künstliche Zuckerzusätze verzichten, nach wie vor überzeuge. Als größte Kundengruppe nennt Marsell Frauen im Alter zwischen 40 und 50 Jahren.
Was ihn und Janosch Kriesten noch reizen würde? „Vielleicht machen wir ja noch ein mediterranes Restaurant auf“, lässt sich Marsell entlocken. Sie bleiben neugierig.
Heiko Stoll



