Titelthema
Effizient bleiben
Angesichts der geopolitischen Lage steht die ostwestfälische Wirtschaft aktuell vor vielfältigen Herausforderungen, sodass das Thema Nachhaltigkeit für etliche Unternehmen einen Schritt zurücktritt. Dabei wurde in den vergangenen Jahren bereits viel investiert, beispielsweise in Photovoltaik, CO2-optimierte Prozesse und Produkte, LED-Beleuchtung oder elektrifizierte Fuhrparks. Lieferanten werden ebenso in die Verantwortung genommen, die eingesetzte Energie sukzessive auf regenerative Quellen umgestellt. Und das auch Auszubildende zur verbesserten Nachhaltigkeit beitragen können, zeigt der seit über zehn Jahren angebotene Wettbewerb „EnergieScouts OWL“ der beiden regionalen IHKs.
Mit einem CO₂-Ausstoß von etwa 580 Millionen Tonnen pro Jahr liegt Deutschland unter den zehn größten CO₂-Emitenten der Welt. Dabei ist die Bundesrepublik — neben Japan — allerdings eines der einzigen großen Industrieländer, dass seine CO₂-Emmissionen seit Jahren senkt. Der Pro-Kopf CO₂-Ausstoß in Deutschland ist heute nur noch halb so hoch wie in den USA und liegt deutlich unter dem Chinas. Unternehmen haben bereits sehr viel investiert und werden weiterhin viel investieren, um den Weg hin zur Klimaneutralität konsequent fortzusetzen. Diese Leistung der Unternehmen ist umso höher einzuschätzen, als das die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht zuletzt durch den Krieg gegen den Iran extrem problematisch sind und viele Betriebe Existenzsorgen haben.
Bereits das festgelegte Ziel, bis 2045 klimaneutral zu sein, stellt viele Unternehmen vor Herausforderungen — alternative Brennstoffe wie Wasserstoff sind noch nicht verfügbar oder Technologien wie Batteriespeicher im großen Maßstab müssen erst noch entwickelt werden.
„Viele Investitionen lohnen sich erst, wenn der CO₂-Preis steigt“, sagt Lukas Fußhöller vom Institut der deutschen Wirtschaft aus Köln. Der Volkswirt arbeitet dort im Projekt „Finanzierung industrieller Dekarbonisierung“. Aus aktuellen Umfragen wie dem IW-Zukunftspanel wüssten sie, dass Investitionen in unternehmerischen Klimaschutz von mehreren Unsicherheiten gehemmt würden. Zum einen zweifeln Unternehmen daran, ob grüne Investitionen wirtschaftlich seien. Zum anderen seien die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen zu unsicher. Trotzdem: „Deutschland hat das Potenzial, als größte Volkswirtschaft Europas und mit seiner innovativen Industrie vom Wachstum grüner Technologien zu profitieren“, sagt Fußhöller (siehe das Interview auf Seite 43).
Auf eine weitere wichtige Neuerung weist Rechtsanwalt Dr. Daniel Wittig hin: Durch die „Empowering Consumers“–Richtlinie geht die Europäische Union gegen sogenanntes Greenwashing vor. Ab Ende September müssen Aussagen zur Nachhaltigkeit „nicht nur nachweisbar, sondern auch spezifischer als früher sein“. Belegen ließe sich dies beispielsweise durch anerkannte Umweltlabel. „Seriöse Greenclaims könnten ein echter Wettbewerbsvorteil werden“, ist Wittig überzeugt (siehe Interview auf Seite 36).
REGIONALE INITIATIVEN
Was bereits heute schon möglich ist, zeigen Unternehmen in der 2022 ins Leben gerufenen IHK-Klimainitiative der beiden Industrie- und Handelskammern Ostwestfalen und Lippe zu Detmold sowie regionaler Unternehmen. Ziel der Klimainitiative ist es, bis 2030 CO₂-neutral zu werden. Die Initiative mit ihren 87 Mitgliedern will durch Projekte und Maßnahmen aufzeigen, welche Möglichkeiten bestehen und wir diese in der Praxis angewendet werden können. Dabei nimmt der fachliche Austausch zwischen den Unternehmen der Initiative eine wesentliche Rolle ein.
UMWELTSTIFTUNG UND UMWELTAUSSCHUSS DER IHK
Bereits seit 1992 engagieren sich Unternehmen aus Ostwestfalen im Umweltausschuss der IHK. Nur kurze Zeit später wurde 1995 die Umweltstiftung der ostwestfälischen Wirtschaft gegründet. Als Ergebnis der Auszeichnung mit dem Deutschen Umweltpreis werden von der Wirtschaft seitdem gemeinnützige Projekte gefördert. Außerdem verleiht die Stiftung an herausragende Nachhaltigkeitsprojekte aus Wirtschaft und Wissenschaften den Nachhaltigkeitspreis — zuletzt im Jahr 2025.
IHK-INFORMATIONSANGEBOTE
Die IHK Ostwestfalen unterstützt Unternehmen mit eigenen Informationsangeboten dabei, Unternehmensstandorte ökologisch und zugleich wirtschaftlich zukunftsfähig weiterzuentwickeln. Zwei veröffentlichte Broschüren zeigen, wie ökologische Maßnahmen am Standort umgesetzt werden können — von der Planung über den Bau bis zur Gestaltung von Gebäuden und Außenflächen. Ziel ist es, Unternehmen Orientierung zu geben, Handlungsspielräume aufzuzeigen und freiwilliges Engagement für Nachhaltigkeit zu erleichtern.
Die Broschüre „Ökologische Gestaltung von Unternehmensstandorten“ stellt anhand zahlreicher Praxisbeispiele aus Ostwestfalen vor, wie Unternehmen ihre Betriebsgelände naturnah und flächensparend gestalten können. Im Fokus stehen Maßnahmen wie Dach- und Fassadenbegrünung, Insekten- und Biodiversitätsflächen, Regenwassermanagement oder Mehrfachnutzungen von Flächen. Die Beispiele zeigen, dass ökologische Gestaltung und betriebliche Anforderungen miteinander vereinbar sind und häufig auch zur Attraktivität und Imagebildung von Unternehmen beitragen.
Die Broschüre „Nachhaltig und zukunftsfähig — Der Unternehmensstandort“ gibt einen systematischen Überblick darüber, welche Handlungsfelder für eine nachhaltige Standortentwicklung relevant sind. Sie behandelt unter anderem Flächeneffizienz, Klimaanpassung, Energie, Mobilität, Digitalisierung sowie städtebauliche Qualität und zeigt auf, wie diese Themen im Bestand wie auch bei Neubauten berücksichtigt werden können. Ergänzend bietet sie konkrete Hinweise, Praxisansätze und weiterführende Informationsquellen für Unternehmen.
„UNTERNEHMEN BIOLOGISCHE VIELFALT“
Wie Biodiversität konkret im Unternehmensalltag berücksichtigt werden kann, zeigt das Projekt der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) „Unternehmen Biologische Vielfalt“ (Ubi) anhand praktischer Fragestellungen. Hintergrund ist, dass intakte Ökosysteme längst nicht mehr nur ein Umweltthema sind, sondern eine wirtschaftliche Voraussetzung darstellen – von stabilen Lieferketten bis zur langfristigen Sicherung von Produktionsgrundlagen. Zugleich steigen die regulatorischen Anforderungen, etwa durch Lieferkettengesetz und EU-Taxonomie, die ökologische Aspekte stärker in den unternehmerischen Fokus rücken. Kern des Projekts ist ein Dreiklang aus Coaching, Wissensformaten und Vernetzung. Unternehmen profitieren von Best Practice Beispielen, Austausch in Bündnissen sowie verständlich aufbereiteten Informationen zu aktuellen politischen und wissenschaftlichen Entwicklungen. Damit zeigt UBi: Biodiversitätsschutz ist kein Zusatzthema, sondern Teil einer zukunftsfähigen und wettbewerbsfähigen Unternehmensstrategie — und lässt sich auch für kleinere und mittlere Betriebe pragmatisch angehen
„MASTERPLAN GREEN.OWL“
Zusätzlich zu vielen Einzelmaßnahmen soll Nachhaltigkeit durch den „Masterplan Green.OWL“ der Ostwestfalen-Lippe GmbH ein strategisches Steuerungsinstrument erhalten. Für Geschäftsführer Wolfgang Marquardt ist Nachhaltigkeit eine „Herkulesaufgabe, die nur gemeinsam zu bewältigen ist“. Ostwestfalen-Lippe soll bis 2035 zu einer „europäische(n) Modellregion für nachhaltige Entwicklung“ werden. Als Regionalentwicklungsgesellschaft seien sie aktuell auf der „Suche nach Nachhaltigkeitspionieren, um viele andere Unternehmen, Organisationen und Menschen zu aktivieren“.
PROJEKT „ECOAGRI“
Vorgaben, wie die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) verpflichten Unternehmen dazu, ökologische Verantwortung wie Klimaschutz und Biodiversität konkret nachzuweisen. Gleichzeitig suchen Landwirte nach zusätzlichen Einnahmequellen, die über die klassische Produktion hinausgehen. An dieser Schnittstelle setzt das neue Projekt „EcoAgri“ der Stiftung Westfälische Kulturlandschaft an. „Von der Biodiversität hängt so manches ab: unterschiedliche Biotope, Arten und Landschaften. All diese Dinge steigern die Attraktivität einer Region, machen sie lebenswerter und vielfältiger. Auch bei der Fachkräftegewinnung spielt dies eine Rolle“, nennt Sven Nadolny von der Stiftung Westfälische Kulturlandschaft einige der Gründe, warum Biodiversität und Ökosystemleistungen von entscheidender Bedeutung sind.
Aktuell stünden viele Unternehmen vor der Herausforderung, ökologische Verantwortung nachzuweisen und Klimaschutzmaßnahmen zu implementieren, da regulatorische Vorgaben wie die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) diese einfordern, so Nadolny. Mit dem neuen Projekt soll so ein Angebot entstehen, das Land- und Forstwirte mit Unternehmen zusammenbringt, um in regionale Klima- und Biodiversitätsmaßnahmen zu investieren und damit Umwelt und Klimaschutz systematisch in die wirtschaftliche Entwicklung Ostwestfalen-Lippes zu integrieren. „Einerseits sind die Unternehmen gefordert, sich in Sachen Klimaschutz und Biodiversität aufzustellen, andererseits gibt es viele Land- und Forstwirte, die nach zusätzlichen Einnahmequellen suchen, die nicht an die klassischen Produktionswege gebunden sind. An dieser Schnittstelle setzen wir an und prüfen, wie Umweltleistungen von heimischen Betrieben so gestaltet und vergütet werden können, dass sie sowohl ökologisch wirksam als auch wirtschaftlich und regulatorisch wirksam sind“, erklärt Sven Heinrich, der das Projekt ebenfalls betreut (siehe dazu den ausführlichen Bericht ab Seite 39).
ZENTRALER STANDORT- UND WETTBEWERBSFAKTOR
Aus Sicht der IHK bleibt klar: Nachhaltigkeit ist keine optionale Zusatzaufgabe, sondern ein zentraler Standort- und Wettbewerbsfaktor für die Wirtschaft in Ostwestfalen. Die Unternehmen der Region haben bereits erhebliche Investitionen geleistet und benötigen verlässliche Rahmenbedingungen, praxisnahe Unterstützung und funktionierende Technologien, um den eingeschlagenen Weg fortzusetzen. Initiativen wie die IHK-Klimainitiative, praxisorientierte Informationsangebote und Projekte wie EcoAgri zeigen, dass wirtschaftlicher Erfolg und ökologische Verantwortung gemeinsam vorangebracht werden können.
Dr. Gerald Staacke, IHK
Frau Kliewe-Meyer, warum sollten Unternehmen trotz der aktuellen wirtschaftlichen und geopolitischen Situation weiterhin in Nachhaltigkeitsmaßnahmen investieren?
Als mittelständisches Modeunternehmen sollten wir trotz wirtschaftlicher und geopolitischer Herausforderungen in Nachhaltigkeitsmaßnahmen investieren, um langfristige Kosteneinsparungen und Wettbewerbsvorteile zu sichern. Durch transparente Strategien und umweltfreundliche Materialien können wir Vertrauen aufbauen, die Mitarbeiterbindung stärken, eine loyale Kundenbasis schaffen und uns klar von weniger nachhaltigen Wettbewerbern abheben. Dies fördert Innovationen und stärkt dabei nicht nur unsere Marktposition, sondern trägt auch aktiv zu einer positiven Wahrnehmung in der Gesellschaft bei.
Tanja Kliewe-Meyer, Head of Corporate Responsibility & Product Safety, Leineweber GmbH & Co. KG, Herford
Welche der drei wichtigsten Nachhaltigkeitsmaßnahmen wurden schon umgesetzt?
· Nachhaltigkeitsberichterstattung ab 2026 erstmalig in Anlehnung an den VSME-Standard der CSRD-Anforderung
· Zehn nachhaltige Unternehmenszertifizierungen, die wir ab Herbst 2026 für die Kennzeichnung unserer nachhaltigen Produkte verwenden
· Erstellung einer Umwelt-Policy als Kick-Off unserer neuen Klimaschutzstrategie
Foto: Leineweber GmbH & Co. KG
Herr Lübke, warum sollten Unternehmen trotz der aktuellen wirtschaftlichen und geopolitischen Situation weiterhin in Nachhaltigkeitsmaßnahmen investieren?
Als Unternehmen tragen wir Verantwortung für die Folgen unseres Handelns und sollten unsere Aktivitäten für eine bessere Welt möglichst unabhängig von der Konjunktur und dem schwankenden öffentlichem Interesse machen. Der Einsatz für Nachhaltigkeit erfordert Kontinuität und ist ein grundsätzliches Bekenntnis!
Leo Lübke, geschäftsführender Gesellschafter Cor Sitzmöbel Helmut Lübke GmbH & Co. KG, Rheda-Wiedenbrück
Welche der drei wichtigsten Nachhaltigkeitsmaßnahmen wurden schon umgesetzt?
Reduzierung der CO2-Emissionen durch Umstellung auf LED-Beleuchtung in der Produktion und die kontinuierliche Umstellung unseres Fuhrparks auf E-Autos Einführung des Kreislaufwirtschaftssystems CORever Stetige Auseinandersetzung mit dem Thema Nachhaltigkeit: der dritte Nachhaltigkeitsbericht ist in Arbeit / jährliche CO2-Bilanz
Foto: Cor
Frau Wilms, warum sollten Unternehmen trotz der aktuellen wirtschaftlichen und geopolitischen Situation weiterhin in Nachhaltigkeitsmaßnahmen investieren?
Weil es handfeste wirtschaftliche Gründe gibt – nachhaltige Maßnahmen sind ein strategischer Hebel, sie minimieren finanzielle Risiken, fördern Innovationen und neue Geschäftsmodelle. Wir können Klimagefahren frühzeitig entgegenwirken, Ressourcenverbräuche durch Energieeffizienz und Kreislaufwirtschaft reduzieren, Materialsubstitution unterstützen, Unabhängigkeit von globalen Lieferketten stärken und Lieferengpässe reduzieren. Als Arbeitgeber handeln wir zudem verantwortungsbewusst. Das Sustainable Economy Barometer 2026 zeigt, dass knapp zwei Drittel der deutschen Unternehmen Nachhaltigkeit als Treiber für langfristigen Erfolg sehen – Tendenz steigend. Zieldebatten und rechtliche Unsicherheiten bremsen Investitionen nur aus. Von politischer Seite braucht es verlässliche Rahmenbedingungen.
Sandra Wilms, CSR-Managerin HEBIE GROUP, Bielefeld
Welche der drei wichtigsten Nachhaltigkeitsmaßnahmen wurden schon umgesetzt?
Wir setzen bereits zahlreiche Maßnahmen um, wie Nutzung von 100 Prozent Ökostrom, PV-Anlagen, eine energieeffiziente Produktion, die aktuell mit dem Fraunhofer Institut weiterentwickelt wird, Abfallreduzierung oder Senkung von CO2-Emissionen am Standort und beim Wareneinkauf. So optimieren wir beispielsweise unseren CO2-Fußabdruck nach dem Greenhouse Gas Protocol und Standard für Scope 3. Aktuell berechnen wir darauf aufbauend den Fußabdruck für unsere einzelnen Produkte, den „Product Carbon Footprint“.
Foto: Hebie
Herr Kuhnke, warum sollten Unternehmen trotz der aktuellen wirtschaftlichen und geopolitischen Situation weiterhin in Nachhaltigkeitsmaßnahmen investieren?
Nachhaltigkeit bedeutet nicht nur Verantwortung für künftige Generationen und unseren Planeten – sie kann ein zentraler Treiber der Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens sein. Zum einen verändern sich die Rahmenbedingungen rasant: Die Regulatorik wird strenger, der Handel fordert belastbare Nachhaltigkeitsstrategien und Konsumentinnen und Konsumenten erwarten von vertrauenswürdigen Marken glaubwürdiges, messbares Handeln. Unternehmen, die hier zögern, riskieren den Verlust von Marktzugängen, Vertrauen und Relevanz. Gleichzeitig liefern Investitionen in Energieeffizienz, Kreislaufwirtschaft und transparente Lieferketten einen wesentlichen Beitrag zur Resilienz. Sie reduzieren Abhängigkeiten, stabilisieren Kosten und machen Unternehmen widerstandsfähiger gegenüber geopolitischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten. Darüber hinaus stärken sie Markenwert, Vertrauen und Differenzierung – Faktoren, die in einem dynamischen Umfeld über langfristigen Erfolg entscheiden.
Roland Kuhnke, Vorsitzender der Umweltstiftung der ostwestfälischen Wirtschaft und Vorsitzender des IHK-Umweltausschusses, Dr. August Oetker Nahrungsmittel KG, Bielefeld
Foto: Dr. August Oetker Nahrungsmittel KG
Herr Pieper, warum sollten Unternehmen trotz der aktuellen wirtschaftlichen und geopolitischen Situation weiterhin in Nachhaltigkeitsmaßnahmen investieren?
Gerade in wirtschaftlich und geopolitisch herausfordernden Zeiten sollten Unternehmen Nachhaltigkeit nicht als zusätzliche Belastung verstehen, sondern als Chance.
Nachhaltigkeit stärkt die Zukunftsfähigkeit, macht Unternehmen widerstandsfähiger und schafft Vertrauen – bei Kunden, Partnern und Mitarbeitenden.
Rainer Pieper, Technischer Leiter, Prokurist, Sita Bauelemente GmbH, Rheda-Wiedenbrück
Welche der drei wichtigsten Nachhaltigkeitsmaßnahmen wurden schon umgesetzt?
· Investition in eine Plasmaanlage, durch die ein Großteil der Gefahrstoffe reduziert und ein Teilprozess der Fertigung automatisiert wurde.
· Förderung der E-Mobilität im eigenen Fuhrpark und für Mitarbeitende durch die Installation von insgesamt 19 Ladepunkten sowie Ausbau der PV-Anlagen auf 240 kWp zur Nutzung eigenen Stroms.
· Einführung der Sita Zukunftsreise zur Stärkung von Zusammenarbeit, Vereinfachung des Arbeitsalltags, vorausschauendem Denken, gemeinsamem Führungsverständnis und persönlicher Entwicklung.
Foto: Sita
Frau Burschel, warum sollten Unternehmen trotz der aktuellen wirtschaftlichen und geopolitischen Situation weiterhin in Nachhaltigkeitsmaßnahmen investieren?
Nachhaltigkeit ist kein Luxus, den wir uns in guten Zeiten leisten, sondern eine Investition in die Zukunftsfähigkeit von WAGO. Wer jetzt konsequent handelt, sichert seine Wettbewerbsfähigkeit und schafft echten Mehrwert für Kunden, Mitarbeitende und Gesellschaft.
Astrid Burschel, Vice President Corporate Sustainability, WAGO GmbH & Co. KG, Minden
Welche der drei wichtigsten Nachhaltigkeitsmaßnahmen wurden schon umgesetzt?
Erstens machen wir Nachhaltigkeit messbar – und das aus eigener Überzeugung: So haben wir uns zum Beispiel freiwillig der Science Based Target Initiative (SBTi) verpflichtet. Sie validiert unsere Klimaziele wissenschaftlich und gibt uns einen klaren Reduktionspfad vor. Zweitens denken wir Produkte vom Ende her – durch Kreislaufwirtschaft, Recyclingmaterialien und Rücknahmelösungen schaffen wir Mehrwert über den gesamten Lebenszyklus hinweg. Dabei nehmen wir auch Biodiversität in den Blick: Wir analysieren die Auswirkungen der Produkte und Standorte auf natürliche Ökosysteme und entwickeln gezielte Maßnahmen. Drittens verankern wir Nachhaltigkeit im gesamten Unternehmen durch ein globales Ambassador-Programm, das Mitarbeitende weltweit einbindet und Nachhaltigkeit zur gelebten Haltung macht.
Foto: Wago
Herr Zimmermann, warum sollten Unternehmen trotz der aktuellen wirtschaftlichen und geopolitischen Situation weiterhin in Nachhaltigkeitsmaßnahmen investieren?
Als familiengeführtes Unternehmen ZIMMERMANN setzen wir seit drei Generationen auf Nachhaltigkeit. Durch die professionelle Behandlung von Sonderabfällen und die Rückführung von Rohstoffen in den Wirtschaftskreislauf fördern wir Rohstoff-Unabhängigkeit und Energie-Effizienz, sowohl an unseren Standorten als auch in unserem Fuhrpark mit über 120 Fahrzeugen. Diese Investitionen zahlen sich gerade in der aktuellen Situation sowohl für unsere Kunden als auch für unser Unternehmen aus.
David Zimmermann, Geschäftsführer der Zimmermann-Gruppe, Gütersloh
Welche der drei wichtigsten Nachhaltigkeitsmaßnahmen wurden schon umgesetzt?
· An sieben Standorten der ZIMMERMANN-Gruppe sind innerhalb der letzten drei Jahre PV-Anlagen installiert worden. Die gesamte Nennleistung beträgt 1,7 MW (Megawatt)
· An der neuen Verwaltung in Gütersloh werden in den nächsten Tagen 20 E-Ladestationen auf einem neu angelegten Parkplatz installiert. In diesem Rahmen findet aktuell die Bepflanzung der Grünanlagen statt. Weit über die vorgeschriebene Begrünung hinaus wurde in Pflanzen investiert, um nicht nur einen natürlichen Schallschutz zur Bundesstraße zu bieten, sondern auch um die Biodiversität zu fördern.
· In der F&E-Abteilung wird kontinuierlich an noch nachhaltigeren Entsorgungsprozessen geforscht und diese weiterentwickelt. Durch eine Verfahrensoptimierung in der Abwasseraufbereitung konnten innerhalb eines Jahres zum Beispiel Chloridfrachten um 30 Prozent reduziert werden.
Foto: Zimmermann-Gruppe
Wolfgang Marquardt
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„Nachhaltigkeit ist eine Herkulesaufgabe“
INTERVIEW Damit die Transformation der Wirtschaft funktionieren kann, setzt Wolfgang Marquardt auf Netzwerke. Es gilt, die Kräfte in der Region zu bündeln.
Herr Marquardt, „Unternehmen implementieren intuitiv Erneuerbare Energien und Energieeffizienzmaßnahmen“ nennt der „Masterplan Green.OWL“ als eine der Stärken der Region. Besteht beim Thema Nachhaltigkeit also kein gesteigerter Handlungsbedarf?
In Ostwestfalen haben wir einen starken Mittelstand, der sich zu helfen weiß. Allerdings haben wir auch gesehen, dass Einzelaktivitäten nicht ausreichen. Nachhaltigkeit ist eine Herkulesaufgabe, die nur gemeinsam zu bewältigen ist. Deshalb haben wir vor zwei Jahren „Green.OWL“ gemeinsam mit dem Fraunhofer IEM, der Universität Paderborn und 40 weiteren assoziierten Partnern ins Leben gerufen. Die Herausforderungen sind so groß und gleichzeitig haben viele kleine und mittlere Unternehmen nicht die Ressourcen, sich darum zu kümmern und den Überblick zu behalten. In Ostwestfalen-Lippe arbeiten rund 180 Projekte an den unterschiedlichen Facetten des nachhaltigen Wandels von Wirtschaft und Gesellschaft.
Für Unternehmen haben wir unter anderem einen Kompetenzatlas mit Unterstützungsangeboten aus der Region entwickelt und ein Unternehmensmodell, das Empfehlungen für die Transformation in sieben Handlungsfeldern umfasst. Außerdem bieten wir einen Lösungsbaukasten mit 100 Tools an sowie Qualifizierungsangebote.
Haben Sie angesichts der aktuellen Weltlage und der Energiepolitik der Bundesregierung die Befürchtung, dass das Thema Nachhaltigkeit an Bedeutung verliert?
Der Eindruck entsteht, dass Nachhaltigkeit in der Prioritätensetzung der Unternehmen nach hinten gerückt ist. Dabei kommt es bei den Themen Energie, Lieferketten und Fachkräfte darauf an, die Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz der Unternehmen zu steigern, also nachhaltig zu werden.
In der Region zeigen viele Beispiele, wie Unternehmen Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit in Einklang bringen — zum Beispiel Hersteller von elektrischer Verbindungstechnik im Bereich zirkuläre Wertschöpfung. Veranstaltungen zu Nachhaltigkeitsthemen, die vom Technologie-Netzwerk „it’s OWL“ angeboten werden, sind ausgebucht. Es gilt jetzt, die Kräfte in der Region zu bündeln und Lösungen anzubieten.
2035 soll Ostwestfalen-Lippe zu einer „europäische(n) Modellregion für nachhaltige Entwicklung“ geworden sein. Dafür soll der „Masterplan Green.OWL“ ab September 2027 als strategisches Steuerungsinstrument etabliert werden. Was muss in diesen knapp eineinhalb Jahren passieren, damit das Ziel erreicht wird?
Dem Masterplan liegt eine umfassende Bestandsaufnahme und eine Potenzialanalyse der Universität Paderborn zu Grunde. Mit über 100 Expertinnen und Experten wurden anschließend Handlungsempfehlungen in vier Feldern entwickelt: Energie, Circular Economy und Bioökonomie, Mobilität und Kompetenzentwicklung. Es gilt jetzt, in die Umsetzung zu gehen. Nachhaltigkeit ist ohne Alternative, wir müssen uns alle mehr anstrengen und sind auch gefordert, neue Kooperationen einzugehen. So planen wir beispielsweise gemeinsam mit Hochschulen, Kammern und Unternehmen einen Makeathon „Future Energies“. ‚Wie können wir Energie sparsam einsetzen, wie können wir unsere Energiesysteme weiterentwickeln, um Abhängigkeiten zu reduzieren?‘ lauten etwa zwei Fragen, auf die wir Antworten finden wollen.
Bis Ende 2027 ist das Projekt Green.OWL durch Fördergelder finanziert, auch danach wollen wir die Umsetzung des Masterplans weitertreiben und neue Projekte und Angebote entwickeln. Das gehört zu unserem Kerngeschäft als Regionalentwicklungsgesellschaft, der Masterplan ist ein Steuerungsinstrument für die Region. Wir sind jetzt auf der Suche nach Nachhaltigkeitspionieren, um viele andere Unternehmen, Organisationen und Menschen zu aktivieren. Als OWL GmbH können wir das Netzwerk der Akteure orchestrieren.
Heiko Stoll
HINTERGRUND
Wolfgang Marquardt ist seit Anfang April dieses Jahres einer der beiden Geschäftsführer der OstWestfalenLippe GmbH mit Sitz in Bielefeld, für die er seit 2003 arbeitet. Er verantwortet die Bereiche Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Mobilität. Gesellschafter der OWL GmbH sind die sechs Kreise Ostwestfalen-Lippes und die Stadt Bielefeld sowie der Verein „Wirtschaft und Wissenschaft für OWL e.V.“. Das dreijährige Projekt „Green.OWL“, das am 1. März 2024 gestartet ist, wird mit rund einer Million Euro aus Landesmitteln und Mitteln des Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) gefördert.