Titelthema
Damit es grünt und blüht
Kulturlandschaften leben von ihrer Vielfältigkeit, machen eine Region lebenswert und spielen auch bei der Fachkräftegewinnung eine Rolle. Das neue Projekt EcoAgri will als Schnittstelle fungieren, um die Biodiversität zu erhalten. Die Idee: Landwirte stellen Flächen zur Verfügung, auf denen Unternehmen gegen ein Entgelt Ökosystemleistungen wie eine Heckenpflanzung oder eine Blühfläche in Auftrag geben können. Die Stiftung Westfälische Kulturlandschaft vermittelt und hilft, regional verankerte Umweltprojekte umzusetzen.
„Von der Biodiversität hängt so manches ab: unterschiedliche Biotope, Arten und Landschaften. All diese Dinge steigern die Attraktivität einer Region, machen sie lebenswerter und vielfältiger. Auch bei der Fachkräftegewinnung spielt dies eine Rolle“, nennt Sven Nadolny einige der Gründe, warum Biodiversität und Ökosystemleistungen von entscheidender Bedeutung sind. Der Diplom-Landschaftsarchitekt ist wie sein Kollege Sven Heinrich, der über einen Bachelor in ökologischer Landwirtschaft verfügt, bei der Stiftung Westfälische Kulturlandschaft unter anderem für ein neues Innovationsprojekt mit dem Namen EcoAgri verantwortlich. Beide Experten sagen unisono: „Der Klimawandel schreitet voran, die Biodiversität nimmt ab.“ Nadolny hat ein anschauliches Beispiel parat: „Schauen wir in den Alpenraum, in die Berge. Dort geht die traditionelle Almwirtschaft zurück, viele landwirtschaftliche Betriebe verschwinden, weil es für sie wirtschaftlich nicht mehr rentabel ist. In der Folge verliert die Region an Vielfalt und an Attraktivität. Die Folge sind eintönigere Landschaften. Das gilt auch für Ostwestfalen-Lippe.“
SCHNITTSTELLE SCHAFFEN
Aktuell stehen viele Unternehmen vor der Herausforderung, ökologische Verantwortung nachzuweisen und Klimaschutzmaßnahmen zu implementieren, da regulatorische Vorgaben wie die Corporate Sustainability Reporting Directive, auch als CSRD bekannt, diese einfordern. So sei die Idee für das Projekt EcoAgri entstanden, das im November vergangenen Jahres offiziell an den Start gegangen ist und für drei Jahre als Pilotprojekt läuft. Auch die IHK Ostwestfalen zu Bielefeld hat sich hierfür eingesetzt, weil es darum geht, Firmen zu unterstützen: „Einerseits sind die Unternehmen gefordert, sich in Sachen Klimaschutz und Biodiversität aufzustellen, andererseits gibt es viele Land- und Forstwirte, die nach zusätzlichen Einnahmequellen suchen, die nicht an die klassischen Produktionswege gebunden sind. An dieser Schnittstelle setzen wir an und prüfen, wie Umweltleistungen von heimischen Betrieben so gestaltet und vergütet werden können, dass sie sowohl ökologisch wirksam als auch wirtschaftlich und regulatorisch wirksam sind“, erklärt Sven Heinrich. Ob Hecken, Blühstreifen, Streuobstwiesen, Uferrandstreifen oder Insektenwall — all diese Maßnahmen können Unternehmen bei regionalen landwirtschaftlichen Betrieben beauftragen, auch CO₂-bindende Landnutzungen und angepasste Bewirtschaftung sind möglich.
GESUCHT WERDEN PILOTUNTERNEHMEN
„Unser Angebot ist bewusst niederschwellig angelegt und funktioniert anders als die meisten EU-Förderprogramme, die häufig wenig Flexibilität mit sich bringen und einem starren System folgen“, nennt Sven Heinrich einen Vorteil von EcoAgri. Derzeit sind die beiden Experten auf der Suche nach Unternehmen und Praxispartnern, die bereit sind, in Klimaschutz zu investieren, um so die Kulturlandschaft in Ostwestfalen-Lippe zu erhalten. Erste Gespräche mit interessierten Firmen laufen bereits. „Uns ist es wichtig, zunächst die Anforderungen und Bedürfnisse der Unternehmen abzufragen. Die zentrale Frage ist, was eine Firma benötigt. Ist eher Artenschutz das Thema oder die Senkung von CO₂?“, beschreibt Heinrich das Vorgehen. Helfen soll dabei ein anonymer Fragebogen, der in drei Minuten die wichtigsten Eckpunkte klärt. Und ergänzt: „Wir schauen zudem, welche Nachweise und Kennzahlen für CSRD, EU-Taxonomie und interne Nachhaltigkeitsberichte benötigt werden.“ Auch müsse geklärt werden, wie die Kooperations- und Finanzierungsmodelle für Ökosystemleistungen gestaltet sein sollen. Dr. Max Schülting vom Institut für Entrepreneurship an der Universität Münster, die dem Projektkonsortium angehört, macht deutlich: „Die Anforderungsanalyse bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Perspektive frühzeitig in die Entwicklung einer zukünftigen Lösung einzubringen. So können Vorgaben an Dokumentation, Nachweise und Schnittstellen direkt aus der Praxis aufgenommen werden. Das soll gewährleisten, dass am Ende nicht nur eine fachlich überzeugende, sondern auch eine im Unternehmensalltag wirklich nutzbare und skalierbare Lösung entsteht.“
OWL IST DEMOREGION
Als Partner stehen in der Demoregion OWL derzeit vier Betriebe aus der Landwirtschaft bereit, die ihre Flächen anbieten. Darunter ein Öko-Bauer und drei konventionelle Landwirte. Einer davon ist Ferdinand Freiherr von Spiegel aus Brakel, landwirtschaftlicher Betriebsleiter. Er sagt: „Naturschutz ist eine gesellschaftlich bedeutsame Aufgabe und kann daher nicht allein von der Landwirtschaft erbracht werden.“ Sven Nadolny hat ein anschauliches Beispiel parat: „Jeder weiß, dass die Starkregen-Ereignisse zunehmen und jeder hat die Bilder von der Flut im Ahrtal parat. Kurz gesagt: Wenn der Hang rutscht, fehlt die Ökosystemleistung. Denn wenn es stark regnet, landet der Schlamm dort, wo er Schäden anrichtet: in Wohn- und Gewerbegebieten. Dies betrifft auch die hügelige Region in OWL. Um das zu verhindern, können Erosionsschutzmaßnahmen helfen. Nur Rasen allein bringt nichts, aber beispielsweise die Kombination mit Ackerbau. Hier ist viel Kreativität möglich und unser Job ist es, den Firmen geeignete Vorschläge zu machen. Erste erfolgreiche Ansätze gibt es bereits, aber das Problem muss großflächiger angegangen werden.“
MARKTPLATZ GEPLANT
Eine zentrale Grundlage des Projektes ist die digitale Plattform des Projektpartners AgoraNatura. Sven Heinrich erklärt: „Sie kartiert Flächen und Maßnahmen, bewertet ihre ökologische Wirkung und macht diese für Unternehmen transparent und buchbar. So entstehen nachvollziehbare Projekte, die sich für Berichterstattung, Prüfungen und interne Steuerung nutzen lassen.“ Dieser „Marktplatz“ biete viele Möglichkeiten: „Dort können Landwirte ihre freien Flächen einstellen und Unternehmen Partner suchen, mit denen sie Maßnahmen für den Umweltschutz umsetzen können. Auch ist es möglich, dass sich mehrere Firmen zusammenschließen, um eine Ökosystemleistung zu planen“, erklärt Heinrich. Leider sei es so, dass viele Menschen sauberes Wasser, die Artenvielfalt oder gesunden Boden als gegeben ansehen: „Wenn wir unser Ökosystem nicht erhalten, dann kollabiert es. Wir müssen es resilient machen, denn auch eine Wirtschaftsregion wie OWL ist darauf angewiesen, auf natürliche Ressourcen zurückzugreifen“, möchte er für diese Thematik sensibilisieren.
Zudem sei Nachhaltigkeit ein entscheidender Wirtschaftsfaktor betont sein Kollege Sven Nadolny: „Unternehmen profitieren von EcoAgri, weil sie konkrete und regional verankerte Umweltprojekte unterstützen. So können sie ihre Nachhaltigkeitsziele mit regionaler Wertschöpfung verbinden, anstatt im Ausland Ausgleichsflächen anlegen zu lassen. Zudem erhalten sie eine digitale Datengrundlage für Wirkung und Dokumentation. Und vor allem zeigen die Firmen so ihre Rolle als verantwortlicher Akteur in der Region und können dies auch sichtbar machen.“
Silke Goller



