Titelthema
„Viele Investitionen lohnen sich erst, wenn der CO2-Preis steigt“
INTERVIEW Lukas Fußhöller beschäftigt sich intensiv mit Fragen der industriellen Dekarbonisierung. Er ist überzeugt, dass privates Kapital dafür unverzichtbar ist – allein über öffentliche Gelder lässt sich der Wandel nicht finanzieren
Herr Fußhöller, erleben wir gerade ein – weltweites – Comeback fossiler Energieträger?
Die Daten der Internationalen Energieagentur sprechen dagegen. Der „Global Energy Review 2026“ zeigt, dass der Ausbau der Erneuerbaren sehr stark wächst — insbesondere Solarenergie boomt. So wurden im vergangenen Jahr 70 Prozent des weltweiten zusätzlichen Strombedarfs durch Solarenergie abgedeckt. Die Nachfrage nach Kohle, Gas und Öl steigt zwar weiter, doch das Wachstum verlangsamt sich — bei Gas reduzierte es sich um fast zwei Drittel von 2024 auf 2025. Es gibt also insgesamt durchaus positive Entwicklungen bei der Umstellung auf erneuerbare Energien.
In Deutschland ist ein Comeback fossiler Energieträger zudem schon allein rechtlich kaum vorstellbar. Die Bundesrepublik hat sich international über das Pariser Klimaabkommen und national durch das Klimaschutzgesetz zu Klimaneutralität verpflichtet. Der Nutzung fossiler Energieträger ist damit bei uns ein klarer Ausstiegszeitplan gegeben.
Nichtsdestotrotz ist Deutschland — wie auch die Weltwirtschaft — weiterhin sehr abhängig von fossilen Energieträgern. Die Gaskrise 2021/22 wie auch die aktuelle Krise aufgrund der de facto Sperrung der Straße von Hormus haben das noch einmal verdeutlicht. Die notwendige Abkehr von fossilen Energieträgern gelingt allerdings nicht über Nacht. Sie erfordert eine langfristige, strukturelle Transformation. Ziel muss es sein, diese Transformation auch als Chance und nicht als Bedrohung zu begreifen. Dafür muss die Politik den passenden Rahmen setzen.
Die Bundesregierung plant, für Back-up-Kapazitäten auf Gaskraftwerke zu setzen. Wie beurteilen Sie das, gibt es Alternativen?
Solche Back-up-Kapazitäten sind notwendig und es ist richtig, dass der Ausbau vorangetrieben wird und auch, dass Gaskraftwerke zum Einsatz kommen. In Zeiten ohne Sonne und Wind werden absehbar Gaskraftwerke gebraucht, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten.
Batteriespeicher können zwar für einige Stunden den Energiebedarf gut puffern, aber nicht über längere Dunkelflauten hinweg. Speicher und Back-ups sind kein „Entweder — Oder“, sondern komplementär zu betrachten. Ideal ist ein Mix aus Back-up-Kapazitäten, Speichermöglichkeiten und mehr Flexibilität bei der Stromnachfrage. Die Bundesnetzagentur arbeitet aktuell etwa an einer Überarbeitung der Netzentgelte, die flexible Stromnachfrage attraktiver machen soll.
Grundsätzlich ist es möglich, Gaskraftwerke zukünftig mit grünem Wasserstoff zu betreiben. Dieser wird aber zunächst äußerst knapp und teuer sein. Zuallererst sollte er in der Industrie für sogenannte schwer vermeidbare Emissionen verwendet werden, beispielsweise für Prozesse in der Grundstoffindustrie.
Die „Empowering Consumers“-Richtlinie der EU richtet sich gegen sogenanntes Greenwashing. Mit welchen Auswirkungen für Unternehmen rechnen Sie?
Aus ökonomischer Sicht dient das Instrument dem Abbau von Informationsasymmetrien. Ein Markt kann nicht effizient funktionieren, wenn zentrale Informationen fehlen. In diesem Fall sollten Kunden darauf vertrauen können, dass „grüne“ Produkte tatsächlich nachhaltig sind. Dann sind sie bereit, für ein Produkt höhere Preise zu zahlen. Bestehen Zweifel, kaufen sie eher konventionelle Produkte, womit Unternehmen Anreize fehlen, in grüne Produkte zu investieren.
In der Realität entstehen durch die Richtlinie aber vielerlei Kosten für Unternehmen in der EU: Zeitaufwendige Dokumentationspflichten und Compliance-Regeln müssen eingehalten werden. Gerade kleine und mittlere Unternehmen werden dadurch stärker belastet. Im Ergebnis könnten durch Zusatzkosten sogar Anreize gegen nachhaltige Produkte entstehen.
Was benötigen Unternehmen, damit sich Investitionen in Nachhaltigkeit am Standort Deutschland weiter für sie auszahlen?
Aus aktuellen Umfragen, wie unserem IW-Zukunftspanel, wissen wir, dass Investitionen in unternehmerischen Klimaschutz von mehreren Unsicherheiten gehemmt werden. Zum einen zweifeln Unternehmen daran, ob grüne Investitionen wirtschaftlich sind. Zum anderen sind die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen zu unsicher. Banken fordern aber zur Finanzierung, dass Dekarbonisierungsprojekte langfristig stabile Cashflows abwerfen.
Zunächst braucht es den Auf- und Ausbau der für die Dekarbonisierung notwendigen Energieinfrastruktur. Es fehlen beispielsweise ausreichend Netzanschlüsse, und das Stromnetz muss die Bedarfe einer elektrifizierten Wirtschaft leisten können. Für die energieintensive Industrie ist außerdem der verlässliche Ausbau einer Wasserstoff- und CO₂-Infrastruktur notwendig.
Die CO₂-Bepreisung ist der Grundpfeiler einer effizienten Klimapolitik. Diskussionen über eine Abschaffung des Europäische Emissionshandelssystems sorgen für Zweifel über die Verlässlichkeit der CO₂-Preise. Dabei lohnen sich viele Investitionen erst, wenn der CO₂-Preis steigt. Unternehmen, die als Vorreiter Klimainvestitionen getätigt haben, würden bei einer Abschwächung bestraft.
Gleichzeitig braucht es einen wirksamen Schutz gegen „Carbon Leakage“, also Produktionsverlagerung in Länder mit geringeren Klimaschutzanforderungen. Der „Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM)“ der EU soll dazu dienen — aber hier ist Reformbedarf notwendig. Alternativ könnte die freie Zuteilung von CO₂-Emissionszertifikaten für energieintensive Industrien so lange verlängert werden, bis der CBAM seine volle Wirkung entfacht. An dem Ziel, zukünftig kein CO₂ mehr zu emittieren, sollte aber nicht gerüttelt werden.
Zu guter Letzt sind die Strompreise in Deutschland gegenüber Ländern wie den USA oder China in vielen Branchen nicht mehr wettbewerbsfähig. Eine Elektrifizierung wird dadurch wirtschaftlich für viele Unternehmen unattraktiv.
Die Transformation weitergedacht – wie wird sich der Industriestandort Deutschland bis zum Jahr 2050 weiterentwickeln?
Deutschland hat das Potenzial, als größte Volkswirtschaft Europas und mit seiner innovativen Industrie vom Wachstum grüner Technologien zu profitieren. Dazu muss sie digitaler werden, konsequent auf erneuerbare Energien umstellen, Wertschöpfungsketten zirkulärer gestalten und neue Geschäftsmodelle entwickeln. Die Industrie kann so weiter eine wichtige Quelle für Wohlstand bleiben.
Heiko Stoll



