Politik und Standort
Ostwestfalen im globalen Gegenwind
Das IHK-Exportbarometer 2026 zeigt: Rückläufige Umsätze und wachsende Risiken prägen das internationale Geschäft ostwestfälischer Unternehmen – und dennoch blickt die Region mit Optimismus nach vorne. Das Auslandsgeschäft bleibt strategisch unverzichtbar.
Die Zahlen sind deutlich: Die Auslandsumsätze der Unternehmen sind 2025 erneut um weitere 4,6 Prozent gesunken, nachdem sie im Vorjahr bereits um fast zehn Prozent zurückgegangen waren. Auch die Inlandsumsätze geben um 1,6 Prozent nach. Der strukturelle Rückenwind der vergangenen Jahre, der die Region durch Wachstumsphasen getragen hatte, ist spürbar abgeflaut — das sind die Ergebnisse aus der aktuellen Konjunkturumfrage, bei der die IHK Ostwestfalen die Industrieunternehmen der Region zu ihrer Auslandsgeschäftslage befragt hatte.
Doch Ostwestfalen zeigt Standfestigkeit: Im Langzeitvergleich liegt die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate der Auslandsumsätze mit 1,86 Prozent noch immer auf dem dreifachen Niveau der Inlandsumsätze (0,62 Prozent). Das Auslandsgeschäft bleibt damit strukturell bedeutsamer Wachstumstreiber der Region — auch wenn die kurzfristige Dynamik nachlässt. Bemerkenswert ist vor diesem Hintergrund der Optimismus der Unternehmen. Bereits 59 Prozent der Befragten erwarten für 2026 steigende Auslandsumsätze — gegenüber 51 Prozent im Vorjahr. Der Anteil derer, die mit rückläufigen Umsätzen rechnen, ist von 15 auf nur noch neun Prozent gesunken. Der Blick nach vorne ist also deutlich positiver als der Blick zurück.
HANDELSHEMMNISSE ALS GRÖSSTE BREMSE
Für rund 52 Prozent der Unternehmen sind Handelshemmnisse der dominierende Einflussfaktor ihrer internationalen Geschäftstätigkeit. Jedem zweiten Betrieb in Ostwestfalen bereiten sie konkrete Probleme. Die Erschließung neuer Beschaffungs- und Absatzmärkte nennen 43 Prozent als zentrales Thema. Ins Gewicht fällt hierbei deutlich die US-Handelspolitik unter Präsident Donald Trump. 71 Prozent der befragten Unternehmen berichten von negativen Auswirkungen auf ihr internationales Geschäft. Nur fünf Prozent verzeichnen positive Effekte. Auch wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen in Deutschland bereiten 31 Prozent der Unternehmen Sorgen. Das Wechselkursrisiko, lange ein vernachlässigter Faktor, ist plötzlich auf dem Radar: 24 Prozent der Betriebe sehen es als wirtschaftliches Risiko — ein Anstieg um fast 20 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr.
Die Beziehungen zu China stehen exemplarisch für das Dilemma vieler exportorientierter Unternehmen. 68 Prozent der ostwestfälischen Unternehmen nehmen einen deutlichen Wettbewerbsdruck aus China wahr, nahezu genauso viele spüren den Preisdruck. Und dennoch: Rund 62 Prozent planen, ihr Engagement in China beizubehalten oder sogar auszubauen. Nur rund elf Prozent ziehen aufgrund von Handelshemmnissen und geopolitischen Risiken einen Rückzug in Betracht. Dies verdeutlicht, dass die strategische Relevanz Chinas als Absatz- und Beschaffungsmarkt für viele Unternehmen trotz aller Risiken weiterhin unbestritten bleibt. Der Markt ist zu groß, um ihn leichtfertig aufzugeben.
Der Anteil der Unternehmen, die ihre Investitionen im Ausland ausweiten wollen, hat sich mit 38 Prozent mehr als verdoppelt. Damit beweisen die ostwestfälischen Unternehmen Resilienz in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Ost- und Südosteuropa sowie die Türkei sind mit 74 Prozent Nennungen wieder zur meistgenannten Zielregion avanciert. Damit haben sich die Zielregionen für Auslandsinvestitionen der ostwestfälischen Unternehmen in diesem Jahr deutlich verschoben. China folgt auf Platz zwei und legte um neun Prozentpunkte auf 61 Prozent zu. Nordamerika hingegen verlor massiv an Attraktivität: von 61 auf nur noch 44 Prozent — ein direktes Abbild der handelspolitischen Unsicherheiten. Mittel- und Südamerika gewinnt an Bedeutung und verdreifachte seinen Wert von fünf auf fast 15 Prozent.
EUROPA STABIL, NORDAMERIKA UNTER DRUCK
Die Bewertung aktueller Geschäftsbeziehungen spiegelt die weltwirtschaftliche Lage wider. In nahezu allen Regionen gehen positive Einschätzungen zurück, während sich die Beurteilungen zunehmend in den befriedigenden oder sogar negativen Bereich verschieben. Europa erweist sich noch als vergleichsweise stabiler Anker, doch die Einschätzungen werden auch hier vorsichtiger.
Am stärksten betroffen ist Nordamerika: Der Anteil positiver Bewertungen bricht ein, während sich die Negativbewertungen nahezu verdoppeln. Subsahara-Afrika ist dagegen ein positiver Ausreißer, denn die Erwartungen für die kommenden zwölf Monate verbessern sich trotz aktuell noch schwieriger Rahmenbedingungen deutlich. Für die MENA-Region gilt ein besonderer Vorbehalt, da die Umfrage im Januar 2026 durchgeführt wurde und damit vor dem Ausbruch des jüngsten Krieges im Nahen Osten Ende Februar. Die damaligen Einschätzungen dürften sich seither spürbar eingetrübt haben.
REGIONALE UNTERSCHIEDE
Innerhalb Ostwestfalens zeigen sich teils erhebliche Unterschiede. Der Kreis Minden-Lübbecke steht mit einem Zuwachs von 1,3 Prozent bei den Auslandsumsätzen als einzige Teilregion mit Wachstum da. Auch der Kreis Herford hält sich mit einem minimalen Plus von 0,2 Prozent im positiven Bereich. Die Stadt Bielefeld verzeichnet hingegen mit einem Minus von 13,4 Prozent den stärksten Rückgang aller Teilregionen, gefolgt vom Kreis Gütersloh (–6,2 Prozent) und dem Kreis Höxter (–4,2 Prozent). Trotz dieser jüngsten Schwäche ist der langfristige Trend im Kreis Paderborn aber dennoch positiv.
Der Maschinenbau hält trotz herausforderndem Umfeld seinen Anteil von rund einem Viertel am gesamten Auslandsumsatz Ostwestfalens. Die Nahrungs- und Futtermittelbranche setzt ihren Aufwärtstrend fort und belegt bereits zum zweiten Mal in Folge Platz zwei unter den exportstärksten Branchen. Die Top 7-Branchen machen zusammen rund 80 Prozent des gesamten Auslandsumsatzes aus. Für Bewegung sorgen die kleineren Branchen: Der Fahrzeugbau erzielt mit einem Plus von 39 Prozent das stärkste Wachstum. Das schlechteste Ergebnis verbucht dagegen die Servicebranche für Maschinen- und Anlagenbau mit einem Rückgang von über 34 Prozent – besonders überraschend, da sie im Vorjahr noch zu den Spitzenreitern zählte.
Luisa Griese, IHK



