Politik und Standort
Wichtige Akteure im Innenstadtkosmos
Innenstädte und Stadtteilzentren stehen unter Druck: Der Strukturwandel im Handel, die zunehmende Digitalisierung, veränderte Konsumgewohnheiten und der demografische Wandel stellen Städte und Gemeinden vor große Herausforderungen. Gleichzeitig zeigt die aktuelle Studie der imakomm AKADEMIE GmbH aus Aalen „Standortgemeinschaften der Zukunft“, die bei einer IHK-Veranstaltung vorgestellt und mit Vertretern von Werbegemeinschaften, Stadtmarketingorganisationen und Wirtschaftsförderern diskutiert wurde: Die Bereitschaft zur Zusammenarbeit ist vorhanden — und sie ist der Schlüssel für erfolgreiche Stadt- und Standortentwicklung.
Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung lautet: Standortgemeinschaften sind wichtige Akteure im Innenstadtkosmos, können die Zukunft der Zentren aber nicht allein gestalten. Neben Werbegemeinschaften engagieren sich Kommunen, Stadtmarketinggesellschaften, Wirtschaftsförderungen, City-Vereine sowie zahlreiche informelle Netzwerke für attraktive Innenstädte. Die Studie zeigt eine vielfältige Landschaft unterschiedlicher Organisationsformen und Akteurskonstellationen. Besonders erfreulich: Die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteuren wird bundesweit überwiegend positiv bewertet. Gerade in Nordrhein-Westfalen berichten viele Standortgemeinschaften von einem guten bis sehr guten Miteinander mit Kommunen und weiteren Partnern. Diese vertrauensvolle Zusammenarbeit bildet eine wichtige Grundlage für die Bewältigung der anstehenden Transformationsprozesse.
MITMACHQUOTE ZU GERING
So positiv diese Zusammenarbeit aber bewertet wird, so deutlich werden auch die Herausforderungen. Die größte Hürde für viele Standort- und Werbegemeinschaften ist die geringe Mitmachbereitschaft in der Mitgliederschaft. Die Studie beziffert die Aktivitätsquote vieler Mitgliedschaften auf lediglich rund 15 Prozent. Die Folge: Eine kleine Zahl engagierter Personen trägt einen Großteil der Arbeit und stößt zunehmend an ihre Belastungsgrenzen. Hinzu kommen Nachfolgeprobleme in Vorständen, sowie die sinkende Zahl inhabergeführter Einzelhandelsbetriebe. Viele Unternehmerinnen und Unternehmer konzentrieren sich verständlicherweise auf die Herausforderungen ihres eigenen Unternehmens und verfügen nur noch begrenzt über zeitliche Ressourcen für ehrenamtliches Engagement.
Etwa die Hälfte aller Standortgemeinschaften befindet sich derzeit in einer Phase der strategischen Neuausrichtung. Erfolgreiche Standortgemeinschaften zeichnen sich vielmehr dadurch aus, dass sie ihre Rolle klar definieren und ihre Aktivitäten konsequent an den Bedürfnissen ihres Standorts ausrichten.
MEHRWERT FÜR MITGLIEDER SCHAFFEN
Zwei zentrale Handlungsempfehlungen sind der Studie zu entnehmen. Erstens sollten Standortgemeinschaften ihre Schwerpunkte klar definieren und sich auf die Leistungen konzentrieren, die für Mitglieder einen erkennbaren Mehrwert schaffen. Und zweitens braucht es effizientere Organisationsstrukturen. Digitale Werkzeuge für Mitgliederverwaltung, Kommunikation und Veranstaltungsmanagement können helfen, Ehrenamtliche zu entlasten und Prozesse zu professionalisieren. Die Zukunft erfolgreicher Standortgemeinschaften liegt weniger in klassischen Vereinsstrukturen als vielmehr in modernen, agilen Organisationsformen.
Praxisbeispiele aus verschiedenen Städten verdeutlichten, welche Erfolgsfaktoren für die Zukunft entscheidend sein können. Besonders die Erfahrungen mit Immobilien- und Standortgemeinschaften (ISG) stießen auf großes Interesse. Das Beispiel Gütersloh zeigt, dass verpflichtende Beiträge von Immobilieneigentümern eine verlässliche Finanzierung über mehrere Jahre ermöglichen können. Dadurch entstehen Planungssicherheit und Handlungsspielräume für langfristige Maßnahmen zur Aufwertung von Innenstadtlagen. Gleichzeitig stärken solche Modelle die Vernetzung der Eigentümer und fördern gemeinsame Verantwortung für den Standort.
ANTEIL DES EINZELHANDELS GEHT ZURÜCK
Ein weiteres Ergebnis der Diskussion: Die Mitgliederstrukturen vieler Standortgemeinschaften verändern sich deutlich. Während der Anteil des Einzelhandels zurückgeht, gewinnen Dienstleister, Gastronomie und engagierte Bürgerinnen und Bürger an Bedeutung. Gerade die Öffnung für neue Zielgruppen ist der richtige Schritt in Richtung Zukunft. Die Innenstadt der Zukunft wird nicht allein durch den Handel geprägt. Gastronomie, Dienstleistungen, Kultur, Freizeitangebote und Aufenthaltsqualität spielen eine immer größere Rolle. Erfolgreiche Standortgemeinschaften verstehen sich deshalb zunehmend als Netzwerke zur Entwicklung des gesamten Standorts.
Der Wettbewerb mit dem Onlinehandel bleibt eine große Herausforderung. Lokale Online-Marktplätze haben sich vielerorts nicht durchsetzen können. Umso wichtiger werden die Stärken des stationären Angebots — persönliche Beratung, Service, Erlebnisqualität und lokale Verbundenheit. Gleichzeitig ist eine professionelle digitale Sichtbarkeit heute unverzichtbar. Händler und Innenstadtakteure müssen sowohl analog als auch digital präsent sein, um Kundinnen und Kunden zu erreichen.
KRÄFTE BÜNDELN
Die zentrale Botschaft der Veranstaltung lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Erfolgreiche Innenstadtentwicklung gelingt nur gemeinsam. Standortgemeinschaften, Kommunen, Stadtmarketing, Wirtschaftsförderungen, Immobilieneigentümer und Unternehmen müssen ihre Kräfte bündeln und eine gemeinsame Vision für ihren Standort entwickeln. Die Studie zeigt, dass vielerorts bereits eine gute Basis vorhanden ist. Nun gilt es, bestehende Strukturen weiterzuentwickeln, neue Akteure einzubinden und die vorhandenen Ressourcen gezielt einzusetzen. Trotz aller Herausforderungen überwiegt dabei der Optimismus: Wo Zusammenarbeit gelingt, entstehen innovative Ideen, lebendige Innenstädte und starke lokale Netzwerke. Denn die Zukunft der Innenstädte entscheidet sich nicht an einzelnen Projekten, sondern an der Fähigkeit, unterschiedliche Akteure hinter einer gemeinsamen Vision zu vereinen. Standortgemeinschaften können dabei eine zentrale Rolle spielen — wenn sie sich fokussieren, professionalisieren und den Mehrwert ihres Engagements sichtbar machen.
Marco Rieso, IHK



