Politik und Standort
Ein Kind des Studienfonds
Bildung fällt nicht vom Himmel, dafür muss etwas getan werden — davon ist Tristan Niewöhner überzeugt. Er will „geistige Bäume“ pflanzen und unterstützt deshalb den Studienfonds OWL, von dem er selbst profitiert hat. Niewöhner wurde vom Stipendiaten zum Förderer und Kuratoriumsmitglied. Für den Gründer — gemeinsam mit Thorsten Piening — und Geschäftsführer der persomatch GmbH aus Bielefeld spielen Narrative im Unternehmensalltag eine bedeutende Rolle. „Wir brauchen keine Visionen, wir brauchen Geschichten, sie sind unglaublich wichtig.“ Der 39-Jährige ist davon überzeugt, dass sich das Konzept der Heldenreise auf Unternehmensgründungen, insbesondere Start-ups, übertragen lässt. Der Titel seines 2021 erschienen Buches: „Mit Odysseus ins Silicon Valley — Erwecke den Gründer in dir“. „Was inspiriert mich? Wie kann ich Kraft schöpfen?“, lauten für Niewöhner zentrale Fragen und Anhaltspunkte. „Jeder hat schwierige Momente, Leben ist fragil, Unternehmen sind fragil“, wehrt er sich gegen allzu glatte Erzählungen über unternehmerische Erfolge. „Man sollte demütig bleiben und sich hinterfragen“, lautet sein Tipp.
Seine eigene Heldenreise begann 2006, als Student der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Paderborn. Kennengelernt hat er das Studienfonds-Angebot relativ schnell nach seiner Immatrikulation. Im dritten Anlauf wurde er angenommen. „Ich habe sehr profitiert, sowohl materiell als auch ideell“, sagt Niewöhner. Die Fördersumme beträgt insgesamt 3.600 Euro für ein Jahr, davon steuern die Förderer 1.800 Euro bei, die übrige Summe kommt aus dem Bundeshaushalt. Mindestens genauso wichtig sei das ideelle Förderprogramm, das Kontakte zu regionalen Unternehmerinnen und Unternehmern herstellt, Besichtigungstermine in Firmen sowie Vorträge organisiert und das Netzwerken unter den Stipendiatinnen und Stipendiaten ermöglicht.
2010 und 2011 konnte Niewöhner für jeweils ein Semester Auslandserfahrungen in Peking und in Normal, Illinois, USA, sammeln. „Damals hieß es aus deutscher Sicht in Bezug auf China: ‚Wir können hier dicht machen.‘ Ich wollte mir selbst einen Eindruck verschaffen und habe festgestellt, dass dort auch nur mit Wasser gekocht wird. Das vorherrschende Bild von Asien, dass dort alles streng und reglementiert ist, stimmt so nicht. Vieles ist chaotisch, aber pragmatisch.“ Deutschland sei hingegen „überbürokratisiert, überorganisiert, zu verkopft“.
In Normal, zwei Stunden südlich von Chicago, „einer typischen US-Unistadt, bei der die Hälfte der Einwohner aus Studierenden besteht“, habe er schon damals Seminare zur Unternehmensgründung besuchen können. Eine weitere USA-Erkenntnis: „Wenn Du nie gescheitert bist, bist Du nicht widerstandsfähig.“
Auch nach seinem Master-Abschluss 2012 habe Niewöhner immer Kontakt zum Studienfonds gehalten. Er habe Start-ups in der „garage33“ an der Uni Paderborn gecoacht und die in Bielefeld ansässige „Founders Foundation“ als „Entrepreneur in Residence“ mit aufgebaut. Seine erste eigene Gründung — Software für Lieferdienste — floppte. Daraus entstand die Idee der „Fuck-up-Night“, in der es genau um solche Brüche im eigenen Narrativ geht.
2017 startete dann die persomatch GmbH. Das Geschäftsmodell besteht darin, Unternehmen bei der Fachkräftesuche mittels bezahlter Anzeigen auf Google und YouTube zu unterstützen. „Wir sind für alle Branchen tätig und sorgen dafür, dass Arbeitgeber digital besser sichtbar werden“, beschreibt Niewöhner die Tätigkeiten des mittlerweile 13-köpfigen Teams. Im vergangenen Jahr erwirtschafteten sie einen Umsatz von 3,6 Millionen Euro, die eigene wirtschaftliche Situation sei „stabil“. Mittlerweile spiele „GEO — Generative Engine Optimization“, also die Auffindbarkeit in KI-Systemen, eine immer wichtigere Rolle.
„Fragen Sie eine Suchmaschine beispielsweise nach ‚Steuerberater in Bielefeld‘, erhalten Sie dutzende Treffer. Eine KI liefert Ihnen vielleicht noch ein oder zwei Ergebnisse. Umso wichtiger ist es, als Unternehmen dort genannt zu werden“, spielt Niewöhner auf verändertes Such- und Rechercheverhalten an. „Die momentane Wirtschaftskrise ist eine Art Verschnaufpause im demografischen Wandel. Zukünftig werden deutlich mehr Arbeitskräfte den Arbeitsmarkt verlassen. Recruiting wird weiterhin wichtig bleiben.“
Seit dem Wintersemester 2020 ist persomatch selbst Fördermitglied des Studienfonds OWL. „Wenn wir uns als kleines Unternehmen den Jahresbeitrag von 1.800 Euro leisten können, sollten das größere Firmen erst recht“, appelliert er an mögliche neue Unterstützer. „Für mich ist die Förderung ein Beitrag zum Gemeinwohl. Insbesondere in den jetzt wirtschaftlich schwierigen Zeiten hilft die Unterstützung Studierenden in besonderem Maße.“ Gefördert werde eine feste Stipendiatin oder ein fester Stipendiat, das Geld fließe nicht in ein allgemeines Budget. „Aus Recruiting-Perspektive zahlen sich solche Kontakte in zwei bis drei Jahren aus.“ Auch er habe eine neue Mitarbeiterin über sein Engagement beim Studienfonds OWL kenngelernt. Gestartet als Werksstudentin, ist Elisa Droit mittlerweile COO bei persomatch.
Einen weiteren Perspektivwechsel hat Niewöhner im November 2023 vorgenommen. Seitdem gehört er dem Kuratorium des Studienfonds an. Wichtig sei ihm, dass sich Studierende angesichts der Förderer nicht „klein“ vorkommen, in ihrer Kommunikation gehemmt seien. Er greife das in seinen Vorträgen vor Studierenden auf: „Die Botschaft lautet nicht ‚Tristan ist super‘, sondern ‚Traut euch das zu, ihr könnt das auch‘.“ Damit die nächste Heldenreise starten kann.
Heiko Stoll



