Titelthema
Mehr Mehrwert schaffen
INTERVIEW Dr. Christina Langer forscht zur Zukunft der Arbeit – und wie sich die Bedingungen durch Künstliche Intelligenz verändern. Sie ist überzeugt, dass die Nutzung von KI gestaltet werden kann: „Wir sind keine passiven Beifahrer.“
Frau Dr. Langer, in der Ifo-Konjunkturumfrage aus dem Juni dieses Jahres heißt es, dass knapp 20 Prozent der Unternehmen, die bereits Künstliche Intelligenz nutzen, es für „leicht oder sehr leicht (halten), Arbeitskräfte mit Fach- oder Hochschulabschluss ersetzen zu können. Dazu würden sie auf eine Arbeitskraft ohne Abschluss zurückgreifen, die von KI unterstützt wird.“ Welche Berufsbilder wären davon in erster Linie betroffen?
In aller Regel verschwinden keine kompletten Berufsbilder, aber Aufgaben innerhalb dieser Berufsbilder verändern sich. Die repetitiven Tätigkeiten können von einer KI ersetzt werden. Chatbots übernehmen schon heute einfache Kundenkommunikation, auch Aufgaben aus der Sachbearbeitung. Im Handel können sich die Mitarbeitenden beispielsweise wieder stärker auf die Beratung konzentrieren, die KI bestellt die Ware nach.
Das Narrativ der Massenarbeitslosigkeit, das immer auflebt, wenn neue Technik auf den Markt kommt, ist historisch gesehen so nicht eingetreten. Menschen waren einfach nicht kreativ genug, um sich vorzustellen, welche Tätigkeiten für sie neu entstehen können.
Bei der Einführung von Bankautomaten in den USA hieß es beispielsweise, dass Schalterangestellte überflüssig werden. Dadurch, dass eine Dienstleistung schneller und günstiger angeboten wird und mehr Leute sie nutzen, bleibt mehr Zeit für das eigentliche, dann stärker nachgefragte Beratungsgeschäft übrig. In der Folge stieg in den USA die Zahl der Bankfilialen. Die Frage muss deshalb vielmehr lauten, ‚Wo kann der Mensch durch neue Technik mehr Mehrwert schaffen?‘.
Wie wirkt sich solch ein mögliches Szenario auf Ausbildungsberufe im kaufmännischen oder im gewerblich-technischen Bereich aus?
Im kaufmännischen Bereich kann KI mehr Routineaufgaben übernehmen. Die Steuerung und Prüfung von KI-Ergebnissen bleibt allerdings Aufgabe der Fachkräfte. In gewerblich-technischen Berufen können KI-Anwendungen bei der Vorbereitung, Planung und Diagnose von Arbeitsprozessen unterstützen.
In einer aktuellen Stepstone-Umfrage haben 35 Prozent der Beschäftigten gesagt, dass sie durch KI oder Automatisierung die Zukunft der eigenen Rolle infrage gestellt sehen, bei Berufseinsteigenden sogar fast die Hälfte. Diese „Fear of Becoming Obsolete“ teilen lediglich 22 Prozent der Führungskräfte. Gleichzeitig zeigen die Daten auch, dass Beschäftigte nicht abwarten, sondern sich aktiv mit neuen Anforderungen auseinandersetzen — 83 Prozent haben sich im vergangenen Jahr aktiv weitergebildet.
Wie können sich Unternehmen und angehende Auszubildende auf den KI-Einsatz vorbereiten, welche Kompetenzen sind notwendig?
Dazu müssen wir in die einzelnen Arbeitsbereiche und -schritte reinzoomen und unterscheiden zwischen ‚Frage stellen‘, ‚Ausführung‘ und ‚Output bewerten‘. ‚Ausführung‘ kann KI schon sehr gut, beispielsweise bei der Datenanalyse. Bei der Fragestellung und der Ergebnisbewertung sind Menschen mit ihrer Problemlösungskompetenz gefragt. Hinzu kommen Soft Skills, die die KI nicht „bieten“ kann.
KI-Kompetenz kann ich durch Weiterbildung aufbauen. Auch können Unternehmen ihren Auszubildenden die Nutzung von KI erlauben — aber sie müssen das Ergebnis überprüfen. Durch KI verschiebt sich die Lernkurve: Statt repetitiv zu lernen wird Wissen anhand nicht standardisierter Fälle vermittelt.
Aus der Perspektive der Auszubildenden bietet KI die Chance, sich Dinge erklären zu lassen. Sie können dort jederzeit und beliebig oft nachfragen, auch zu Grundlagen, und sich etwas im eigenen Tempo mehrfach erklären lassen — vermeintlich „dumme Fragen“ gibt es nicht mehr.
Wie verändert sich dadurch das vielfach postulierte „lebenslange Lernen“?
Es wird noch wichtiger, da sich Wissen durch Künstliche Intelligenz noch schneller ändert als in der Vergangenheit. Dabei geht es nicht um „mehr lernen“ sondern um „anders lernen“. Bei der Ausgestaltung sind wir keine „passiven Beifahrer“ — wir gestalten die Nutzung von KI. Die Arbeitgeber sind gefordert, Voraussetzungen zu schaffen, damit KI angewendet werden kann.
Die Baby-Boomer gehen in Rente, der Arbeitsmarkt verändert sich – können KI-Anwendungen diese „Lücken“ schließen, sind sie eventuell Voraussetzung dafür, um wettbewerbsfähig zu bleiben?
Wir haben ein Mismatch-Problem: Die KI kann nicht zu 100 Prozent die Berufe übernehmen, die jetzt durch die Baby-Boomer frei werden. 2026 haben wir zum ersten Mal die Situation, dass weniger Menschen ins Arbeitsleben eintreten als es verlassen. Die KI-exponierten Berufe sind allgemein gesagt kognitive Berufe. Den größten Fachkräftemangel haben wir aber beispielsweise in der Pflege oder im Baugewerbe, bei manuellen Arbeiten. Dort kann KI allenfalls Planungsthemen übernehmen. Die KI kann nur das wiedergeben, was dokumentiert ist. Deshalb ist es jetzt so wichtig, vorhandenes berufliches Wissen weiterzugeben — in der Volkswirtschaftslehre sprechen wir von „tacit knowledge“, also implizitem Wissen.
Sie haben in den USA gelebt und geforscht – wie wird dort KI im beruflichen Kontext genutzt?
Mich hat überrascht, dass auch in den USA versucht wird, das Ausbildungsmodell stärker einzuführen. Allerdings sind die Voraussetzungen unterschiedlich. Das System ist dort deutlich kleiner und auch die Vorstellung von Dauer der „Apprentice“ weicht stark von unseren Vorstellungen ab. In den USA erfolgt diese Art der Ausbildung in der Regel auch nicht direkt nach der Schulzeit wie in Deutschland, sondern erst deutlich später.
Unabhängig davon wird KI dort auch viel mehr genutzt: In den USA wird die Chance gesehen, sich damit einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. In Deutschland dreht sich die Diskussion vielfach um Regulierung.
Welche Diskussionen führen wir in fünf Jahren?
Ist die KI wirklich so schlau, dass sie alles übernehmen kann? Die CEOs der großen Labs sind mittlerweile etwas zurückhaltender beim Thema, wie lange es dauert, bis „Artificial General Intelligence“, AGI, sich durchsetzt. Dabei handelt es sich um eine allgemeine künstliche Intelligenz, die jede intellektuelle Aufgabe übernehmen und lösen kann, die bislang Menschen gelöst haben. Hinzu kommt, dass auch Unternehmen solche Modelle bislang nicht einführen wollen, weil ihre jetzigen Strukturen funktionieren, sie keinen Veränderungsbedarf sehen.
Deshalb bin auch ich sehr gespannt, worüber wir in fünf Jahren diskutieren.
Wofür nutzen Sie KI?
Ich nutze agentische KI beispielsweise für die Literaturrecherche oder um Aufgaben zu strukturieren. Auch bei der Suche nach Forschungsförderprogrammen und deren Antragsformularen ist sie hilfreich, ebenso, um Inkonsistenzen in der Argumentation zu überprüfen. Fürs Aufstellen meiner Forschungshypothesen nutze ich sie nicht, durchaus aber beim Schreiben von Code. Die Gefahr, dass KI Quellen halluzinieren, besteht immer noch. Die wissenschaftlichen Standards müssen immer eingehalten werden.
Heiko Stoll



