Politik und Standort
Innovation ist kein Zufall
Innovation entsteht nicht allein durch eine gute Idee. Entscheidend ist, ob aus einer Idee tatsächlich eine neue Lösung, ein neues Produkt, ein neues Geschäftsmodell oder ein besserer Prozess wird. Wie Unternehmen diesen Weg erfolgreich gestalten können, zeigte der 13. Ostwestfälische Innovationskongress (OWIKon) der IHK Ostwestfalen. Unter dem Titel „Wie Innovationen gelingen — Tools und Best Practice“ kamen Unternehmerinnen und Unternehmer, Innovationsverantwortliche, Start-ups und Experten zusammen.
INNOVATION BRAUCHT KLARE RICHTUNG
Einen aufschlussreichen Blick auf die aktuelle Innovationslandschaft lieferte Armando García Schmidt von der Gütersloher Bertelsmann Stiftung. Die Studie „Innovative Milieus 2026“ zeigt: Der Anteil der Unternehmen, die zur Gruppe der „Innovation Leader“ zählen, ist seit 2019 von 25 auf 13 Prozent gesunken. Gleichzeitig ist der Anteil der innovationsferneren „Adapter“ von 27 auf 39 Prozent gestiegen. Der durchschnittliche Innovationsoutput hat sich zuletzt allerdings leicht verbessert. Die Botschaft: Nicht jedes Unternehmen muss Technologieführer sein — aber jedes Unternehmen kann seine Voraussetzungen für Innovationen verbessern.
Besonders interessant sind dabei die Faktoren, die Unternehmen selbst beeinflussen können. Eine klar fokussierte Innovationsstrategie weist laut Studie den stärksten Zusammenhang mit einer höheren Innovationswahrscheinlichkeit auf. Auch dezentrale Verantwortung, bereichsübergreifender Austausch, Ideenmanagement und die gezielte Entwicklung von Kompetenzen spielen eine wichtige Rolle.
VOM GUTEN EINFALL ZUM INNOVATIONSPROZESS
Dass Innovation kein Zufallsprodukt sein muss, machten Dr. Eva Diedrichs und Claus Diedrichs von Innovation Management Consulting aus Neuss deutlich. Innovation ist demnach mehr als eine Erfindung: Erst wenn eine neue Idee erfolgreich umgesetzt wird und einen Wert für das Unternehmen schafft, wird daraus eine Innovation. Dieser Wert kann sich beispielsweise in höherer Produktivität, zusätzlichen Umsätzen, neuen Kunden, größerem Marktanteil oder mehr Nachhaltigkeit zeigen.
Professionelles Innovationsmanagement schafft dafür die notwendigen Strukturen. Es verbindet Innovationsstrategie und Innovationskultur mit geeigneten Organisationsformen, Prozessen, IT-Systemen und Werkzeugen. Orientierung bietet dabei unter anderem die ISO 56002:2024 mit einem ganzheitlichen Innovationsmanagementsystem — von der Identifikation von Chancen über die Entwicklung und Validierung von Konzepten bis hin zur Umsetzung von Lösungen. Die beiden Vortragenden entwickelten daraus eine 12-stufige Treppe, die einen strukturierten Weg zu Innovationen und zum innovativen Unternehmen weist.
UNGEWÖHNLICHE FRAGEN FÜHREN ZU NEUEN LÖSUNGEN
Stefan Nothnagel von der PerspektivWerkstatt machte deutlich, dass eine Problemlösung häufig nicht an fehlenden Ideen scheitert, sondern an der Art, wie Informationen betrachtet und bewertet werden. Anhand scheinbar einfacher Aufgaben — etwa Zahlenreihen oder der Zuordnung von Städten — zeigte er: Je nach gewähltem Filter, Ordnungssystem und Fragestellung können mehrere Antworten plausibel sein. Die vermeintlich „richtige“ Lösung hängt somit oft vom Blickwinkel ab.
Menschen nehmen Informationen unterschiedlich wahr, sortieren sie verschieden und verknüpfen sie auf individuelle Weise. Neurodivergente Menschen können dabei Perspektiven einbringen, die in klassischen Arbeits- und Entscheidungsprozessen häufig übersehen werden. Eigenschaften und Wahrnehmungsweisen im Autismus-Spektrum, bei ADHS, Dyslexie, Hochsensibilität oder Synästhesie sollten deshalb nicht nur unter dem Gesichtspunkt möglicher Einschränkungen betrachtet werden. Richtig eingebunden können sie zu einer größeren Vielfalt von Ideen und zu besseren Lösungen beitragen. Die PerspektivWerkstatt versteht sich als Impulsgeberin für diesen Perspektivwechsel.
KI ALS INNOVATIONSMARKTPLATZ
Lucy Lu stellte mit InnovationForce einen weiteren Ansatz vor, der an der Harvard Business School entwickelt wurde: eine KI-gestützte Plattform, die Herausforderungen und Lösungsanbieter zusammenführt. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass ein großer Teil der Ideen nicht bis zur Umsetzung gelangt. Lucy Lus Präsentation bezifferte diesen Anteil mit 95 Prozent. Häufig fehlt es demnach nicht an Wissen oder technischen Ansätzen, sondern an Vertrauen, passenden Kontakten, strukturierten Abläufen und der Fähigkeit, gute Ideen zu skalieren.
InnovationForce will diese Umsetzungslücke durch drei Funktionen schließen:
• Vernetzen: Künstliche Intelligenz durchsucht und analysiert technische Quellen, Fachpublikationen, Konferenzbeiträge und Projektdatenbanken. Daraus entsteht eine strukturierte Wissensbasis mit Herausforderungen, Erkenntnissen und Lösungsprofilen.
• Umsetzen: Geeignete Lösungen werden mit konkreten Problemstellungen verbunden. Workflows begleiten den Prozess von der fachlichen Validierung über das Pilotprojekt bis zur Freigabe und Skalierung.
• Verankern: Innovation soll nicht bei einzelnen Projekten bleiben. Organisationen sollen dauerhaft in die Lage versetzt werden, wiederholt und systematisch zu innovieren.
Die Plattform versteht sich damit nicht lediglich als Such- oder Matching-System. Die Verbindung zwischen Problem und Lösung ist nur der Anfang. Entscheidend ist die strukturierte Begleitung bis zu einem Ergebnis.
Der vorgestellte Ansatz lässt sich laut Vortrag auf unterschiedliche Anwendungsfelder übertragen: auf nationale Forschungs- und Entwicklungsprogramme, sektorübergreifende Kooperationen, Industriekonsortien, interne Forschungsabteilungen sowie das Matching von Start-ups und etablierten Unternehmen.
HUMANOIDE ROBOTIK BEEINDRUCKT
Wie schnell sich technologische Entwicklungen inzwischen in der Unternehmenspraxis niederschlagen, zeigte schließlich der Blick auf die humanoide Robotik. Von dem Start-up Minden Robotics stellte Gründer Chiar Hido ein Beispiel aus Ostwestfalen vor, das verdeutlicht, wie aus einer Zukunftstechnologie konkrete unternehmerische Anwendungen entstehen können. Er erwartet kurz- und mittelfristig eine starke Verbreitung der Technologie in den Unternehmen. Dabei sollten diese darauf achten, die erforderlichen Kompetenzen im eigenen Haus aufzubauen. Minden Robotics-Mitarbeiter Tim Spilker stellte den Roboter Oli vor, der eigenständig vom Boden aufstand, vor das Auditorium trat, und den Befehlen von Tim Spilker Folge leistete.
Die Teilnehmer diskutierten abschließend, wie sich die Anwendungen, die Intelligenz und der Arbeitsschutz der Roboter weiter entwickeln werden und müssten.
DER NÄCHSTE SCHRITT ZÄHLT
Eine zentrale Erkenntnis des Kongresses lässt sich auf eine einfache Formel bringen: Unternehmen müssen nicht morgen alles verändern. Sie sollten aber heute anfangen, die Voraussetzungen für Veränderung zu schaffen.
Die Bertelsmann-Studie empfiehlt abhängig von der Ausgangslage unterschiedliche Wege: Während innovationsstarke Unternehmen ihre Öffnung für Start-ups und Wissenschaft sowie das Technologie-Scouting weiter ausbauen sollten, können andere Unternehmen zunächst klare Innovationsfelder definieren, Partnerschaften systematisieren oder mit überschaubaren Pilotprojekten Erfahrungen sammeln.
Damit trifft der OWIKon einen Kern der unternehmerischen Herausforderung unserer Zeit: Innovation ist kein Selbstzweck und auch kein Privileg großer Unternehmen. Sie ist eine Frage der Haltung, der Organisation und des konsequenten Handelns. Oder, wie es die Studie auf den Punkt bringt: Innovation entsteht nicht nur durch große Budgets. Sie entsteht, wenn Unternehmen Richtungen klären, Verantwortung verteilen, Kompetenzen aufbauen und sich öffnen.
Uwe Lück, IHK



