Ostwestfälische Wirtschaft

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Mehr als Shoppen

Attraktive und lebendige Innenstädte brauchen einen starken Einzelhandel. Doch der steht seit Jahren unter Druck: Gestiegene Kosten, Fachkräftemangel, Konkurrenz durch den Onlinehandel und sinkende Konsumlaune hinterlassen ihre Spuren. Trotzdem gibt es viele engagierte Einzelhändlerinnen und Einzelhändler, die an die Zukunft ihrer Branche glauben und sich mit guten Konzepten am Markt behaupten. Die „Ostwestfälische Wirtschaft“ hat exemplarisch einige dieser lokalen Akteure in der Region getroffen, die über ihre Ideen und Visionen berichten. Sie alle eint, dass sie mit viel Herzblut und Leidenschaft ihre stationären Geschäfte führen.  Sie setzen auf persönliche Beratung und geschultes Personal, nutzen digitale Vertriebswege und Social Media und machen Einkaufen zum Erlebnis.

„Wenn meine Frau wach wird, hätte sie gern eine Tasse Tee und etwas Gebäck“ — es fehlt nicht viel und selbst dieser Wunsch eines älteren Herrn aus einem unvergesslichen Loriot-Sketch könnte einem Kunden im Fachgeschäft „Möhle Schlafkultur“ in Löhne erfüllt werden. „Insgesamt sechs Fachberaterinnen und -berater kümmern sich bei uns um den idealen Schlafkomfort unserer Kundinnen und Kunden“, berichtet Geschäftsführer Felix Möhle. Der 35-jährige staatlich geprüfte und studierte Betriebswirt führt das Ladengeschäft gemeinsam mit seiner 37-jährigen Schwester Franziska, ebenfalls eine studierte Betriebswirtin. Die beiden Geschwister haben die Leitung des Unternehmens, zu dem neben dem Fachgeschäft für Betten, Matratzen und Zubehör auch ein entsprechender Waschservice gehört, vor drei Jahren von ihren Eltern übernommen. Gemeinsam stellen sie die vierte Generation des vor 90 Jahren gegründeten Familienunternehmens dar.

AM PULS DER ZEIT BLEIBEN

Am Puls der Zeit zu bleiben, sieht der Jungunternehmer als einen der wichtigsten Erfolgsfaktoren an, getreu dem Motto „Handel ist (stetiger) Wandel“. Aktuell wird gerade ein neues Messgerät für die Kundschaft im Geschäft aufgebaut, das aussieht wie ein moderner Körperscanner am Flughafen. „16 Hochleistungskameras messen exakt die genauen Ausmaße des menschlichen Körpers. Daraus können wir ermitteln, welche Matratze, welcher Lattenrost beziehungsweise welche Unterfederung für den jeweiligen Kunden die beziehungsweise der beste ist“, erklärt Möhle stolz. Natürlich habe ein solches Gerät seinen Preis, sei jedoch hervorragend für die Beratung geeignet und aktuell noch eine Art Alleinstellungsmerkmal. Denn die großen Marktbegleiter, etwa Möbelketten, hätten diese Gerätschaft zumeist nicht. So etwas finde die Kundschaft fast ausschließlich in Fachgeschäften. Und deren großes Plus sei nun mal die ganz individuelle Beratung, für Möhle das größte Alleinstellungsmerkmal des Fachhandels.

BERATUNG ALS TRUMPF

Auf die Beratungsqualität legten seine Schwester und er deshalb auch das größte Augenmerk. All ihre Verkaufsangestellten seien zertifizierte Schlafberater ihres Einkaufsverbands Bettenring, absolvierten alljährlich zwei bis fünf Schulungen, beispielsweise zu den Themen gesunder Schlaf, Hygiene, Matratzen- und Lattenroste, Kissen und Decken sowie körperliche Schlafbeschwerden. „Eine entsprechende Fachberatung des Kunden bei uns im Geschäft dauert in der Regel eineinhalb Stunden“, betont der Geschäftsinhaber. „Dabei vermessen wir ihn und finden im Gespräch heraus, wie hart die Matratze sein soll, wie die Unterfederung oder der Lattenrost eingestellt werden muss und etwa, ob er es lieber warm oder kalt im Bett mag.“ Basierend darauf werde das — wenn gewünscht — komplette neue Bett zusammengestellt. „Der Kaufpreis einer vollständigen Bettenanlage beginnt bei uns bei zirka 3.000 Euro, je nachdem wie viel Technik darin verbaut ist, etwa Motoren zum Anheben und Senken des Lattenrosts. Das geht sogar hin bis zu mitfahrenden Nachtschränken“, erläutert der junge Familienvater, der einen fünfjährigen Sohn hat.

Verkauft würden nur langlebige Qualitätsprodukte, die zumeist in Deutschland und Europa gefertigt worden seien. Seine Kundinnen und Kunden legten großen Wert auf Qualität und individuelle Beratung. „Als Besonderheit bieten wir deshalb sogar einen Betten-Check vor Ort beim Kunden an; wir schauen uns gegen eine geringe Gebühr den Zustand der Matratze und beispielsweise des Lattenrosts an und geben dann eine erste Empfehlung.“

SERVICE WIRD MITGEDACHT

Nach dem Kauf der Produkte höre der Service nicht auf. Das Auslieferungsteam — bestehend aus bis zu fünf Fachkräften — bringe das Bett, baue es auf und stelle etwa den Lattenrost exakt nach der Vermessung ein. Schließlich soll der Kunde genauso gut schlafen können, wie es die Beratung ergeben habe. Und falls gewünscht, könne die Kundschaft die Bettdecke, das Kissen oder Bettzeug, das übrigens auch bei Möhle gekauft werden kann, im Fachgeschäft waschen lassen. „Diesen Service können wir dank unserer Profi-Waschgeräte ebenfalls anbieten“, unterstreicht Felix Möhle.

„GESCHLAFEN WIRD IMMER“

Ein modernes Ladengeschäft und dessen unternehmerischer Betrieb sind seiner Meinung nach weitere Voraussetzungen für ein erfolgreiches Handelsunternehmen, führt der Fachhändler aus. Seine Schwester und er hätten die Buchhaltung digitalisiert, das Online-Geschäft ausgebaut und etwa die Social Media-Aktivitäten verstärkt. Darüber hinaus hätten bereits ihre Eltern die gesamte Beleuchtung auf LED umgestellt, er und seine Schwester dann eine PV-Anlage installieren lassen und den Fuhrpark auf Hybrid-Fahrzeuge umgestellt. „Dadurch haben wir unseren Stromverbrauch von jährlich 80.000 auf 20.000 Kilowattstunden reduziert. Nachhaltigkeit ist uns nicht nur bei unseren Verkaufsprodukten wichtig.“ Die vergangenen sechs Geschäftsjahre seien gut verlaufen und auch von der aktuell vom Handel häufig diagnostizierten Konsumflaute lässt sich das Familienunternehmen nicht einschüchtern. „Geschlafen wird immer“, schmunzelt Möhle.

Neben den Kunden stünden bei ihm und seiner Schwester die Mitarbeitenden im Mittelpunkt ihres Unternehmertums. „Sie sind das Herzstück unseres Unternehmens. Ihre Erfahrung, ihre Begeisterung und die Freude am Umgang mit Menschen machen unsere besondere Beratungsqualität erst möglich“, betont Felix Möhle. Deshalb legten seine Schwester und er großen Wert auf ein familiäres Miteinander, regelmäßige Weiterbildungen und gemeinsame Teambuilding-Maßnahmen. Dazu zähle ab und an auch ein gemeinsam vorgenommenes Probeliegen in den Ausstellungsstücken. Manchmal gibt’s danach vom Chef sogar Kuchen. Fehlt nur noch der Tee.

EMOTIONALITÄT WIRD IMMER WICHTIGER

Was bei Möhle im Geschäft konkret zu erleben ist, beschreibt Boris Hedde, Geschäftsführer des Instituts für Handelsforschung (IFH) in Köln, als grundsätzliche Entwicklung im Einzelhandel. Für ihn liegt die Zukunft des Handels in lokal ausgewählten, individuellen Angeboten (siehe Interview auf Seite 45). Emotionalität wird seiner Überzeugung zufolge dabei immer wichtiger: „Aus unseren Erhebungen wissen wir, dass sechs von zehn Befragten zum Einkaufen in Innenstädte kommen, es ist nach wie vor Besuchsmotiv Nummer 1. Aber nicht mehr das alleinige. Konsumenten sind zudem heute bequem unterwegs — sie gehen für das Einkaufserlebnis nicht mehr in die zweite Etage. Das Parterre wird das Rennen machen. Der Einzelhandel setzt auf Multifunktionalität, versucht, beispielsweise mit Gastronomie zu punkten. Wichtig ist, dass das Angebot sehr lokal geprägt und kuratiert werden muss, das macht den Charme aus. In dem Zusammenhang spreche ich immer von den ‚5 i´s‘: informieren, interagieren, involvieren, inspirieren, identifizieren. Spielraum für experimentelle Ideen ist vorhanden.“

MENSCHEN MÖCHTEN ETWAS ERLEBEN

Auch die „Deutschlandstudie Innenstadt 2026/27“ der CIMA Beratung + Management GmbH Denkfabrik belegt: Gastronomie und Cafés gehören zu den größten Stärken und Besuchermagneten deutscher Innenstädte. Für die Denkfabrik Zukunft der Gastwelt (DZG) zeigen die Ergebnisse und Zahlen, dass die Gastwelt — bestehend aus den Sektoren Tourismus, Hospitality, Foodservice & Freizeitwirtschaft — für attraktive und lebendige Innenstädte immer wichtiger wird. Die Untersuchung zeigt unter dem Strich eine positive Entwicklung: 83,3 Prozent der Befragten wollen ihre Innenstadt künftig mindestens genauso häufig besuchen wie heute — der beste Wert seit sechs Jahren. Gastronomie und Cafés erhalten mit der Schulnote 2,51 die beste Bewertung aller untersuchten Innenstadtangebote, vor Dienstleistungen (2,56) und Einzelhandel (2,59). Nach Einkaufen (65,6 Prozent) und Bummeln (46,2 Prozent) besuchen 45 Prozent die Innenstadt wegen der Gastronomie und Cafés — dies ist einer der wichtigsten Besuchsanlässe. „Die Zahlen zeigen, wie stark sich die Funktion unserer Innenstädte verändert. Einkaufen bleibt wichtig, aber Menschen wollen dort auch essen, trinken, Freunde treffen und etwas erleben. Je digitaler unser Alltag wird, desto wichtiger werden Orte, an denen Menschen zusammenkommen“, erklärt DZG-Vorstandssprecher Dr. Marcel Klinge.

ORTE DER BEGEGNUNG SCHAFFEN

Dabei geht es nicht allein um das gastronomische Angebot. Sauberkeit, Sitzgelegenheiten, Grünflächen und Fußgängerfreundlichkeit erreichen in der Studie Zustimmungswerte von jeweils rund 90 Prozent. Gleichzeitig sehen 39,4 Prozent der Befragten bei öffentlichen Toiletten besonderen Handlungsbedarf. Für die DZG zeigt dies, dass wirtschaftliche Angebote und die Qualität des öffentlichen Raums zusammengedacht werden müssen. „Eine lebendige Innenstadt entsteht dort, wo Handel, Gastronomie, Kultur, Freizeit und ein attraktiver öffentlicher Raum zusammenspielen. Die Gastwelt schafft Besuchsanlässe, verlängert Aufenthalte und macht Innenstädte zu Orten der Begegnung“, so Klinge.NEUE KAMPAGNE IN BIELEFELDER CITY

Da passt die neue Kampagne des City.Team Bielefeld gut in die Zeit. Unter dem Motto „Zusammen. Machen wir was aus unserer City.“ stellt sie Fragen wie: Was wäre die City ohne Dich? Ohne Menschen, die sich treffen? Ohne Lieblingsorte, spontane Pläne und gute Ideen? Ohne Menschen, die etwas unternehmen, ausprobieren, veranstalten, einkaufen, ausgehen und sich einbringen? Citymanagerin Julia Lehmann sagt: „Unsere Innenstadt wird geprägt von den Menschen, die hier leben, arbeiten und unterwegs sind — und von dem, was sie gemeinsam daraus machen. Genau darum geht es bei der neuen Kampagne. Um Identifikation mit der eigenen City, um Beteiligung und um die Einladung, selbst Teil ihrer Entwicklung zu sein.“ Seit Oktober ist die Kampagne über Großflächen, Citylights, Video, Web, Radio und Social Media sichtbar. Auch akustisch hat „Zusammen.“ eine eigene Identität bekommen: Zur Kampagne gehört ein eigener Corporate Sound für die Bielefelder Innenstadt. Gesungen und produziert wurde der Song vom Bielefelder Musiker Fitz Blau.

MEHR ALS EIN SLOGAN

„Wir wollten keine Kampagne machen, die den Menschen erklärt, warum sie in die City kommen sollen. Wir möchten Lust darauf machen, sich mit der Innenstadt stärker zu identifizieren und mitzumischen“, sagt Projektleiterin Birgit Schroers. Sie erläutert: „Die Kampagne zeigt die City nicht nur als Ort, an dem etwas angeboten wird. Sie zeigt sie als Raum für Begegnungen, Erlebnisse, Ideen und gemeinsames Tun. „Zusammen.“ ist dabei sprachlich bewusst kurz und offen. Es kann vieles bedeuten: zusammen einkaufen, zusammen arbeiten, zusammen essen, zusammen Zeit verbringen. Aber eben auch: zusammen etwas auf die Beine stellen. Eine Idee einbringen, mitgestalten und Verantwortung übernehmen.“ Der Begriff sei deshalb nicht nur eine Plattitüde für gutes Miteinander, sondern als Programm gedacht. „Eine funktionierende Innenstadt entsteht nicht allein durch einzelne Angebote. Sie braucht Menschen, die ihr zugewandt sind, sie nutzen, Ideen entwickeln und sich einbringen. Das gilt für Händler, Gastronomie, Kultur, Veranstalter, Unternehmen und Initiativen ebenso wie für Besucher, Anwohner, Stadtgesellschaft und Politik“, betont Schroers. Eine solche Entwicklung könne nur gemeinsam funktionieren. Unterschiedliche Akteure müssten ihre Perspektiven und Möglichkeiten einbringen und „an einem Strang ziehen“ — wie Fitz Blau im City-Song singt.

NEUE PERSPEKTIVEN ERÖFFNEN

„Natürlich kann eine Kampagne keine strukturellen Herausforderungen lösen“, sagt Julia Lehmann. „Sie kann aber sichtbar machen, was bereits da ist. Sie kann neue Perspektiven eröffnen, Menschen miteinander ins Gespräch bringen und für Mitverantwortung sensibilisieren. Und sie kann dazu beitragen, die eigene Innenstadt wieder stärker als gemeinsamen Raum wahrzunehmen.“ Vor allem aber könne sie eine Frage stellen: „Was wäre die City ohne Dich? Und die Antwort liegt bei uns allen“, ermuntern die Kampagnenverantwortlichen zum Mitmachen und Teilnehmen. Doch Engagement und Identifikation allein reichen nicht aus. Damit Innenstädte und Ortszentren lebendig bleiben, müssen auch die Rahmenbedingungen für Handel und Versorgung stimmen.

NAHVERSORGUNG STEHT IM FOKUS

Wie diese verbessert werden können, stand beim 13. IHK-Handelstag NRW in Bielefeld im Fokus. Klare Regeln für Investitionen, mehr Spielraum für neue Versorgungskonzepte und starke lokale Netzwerke: IHK NRW diskutierte gemeinsam mit Vertretern aus Landespolitik, Kommunen und Handel, was es braucht, damit wohnortnahe Versorgung auch künftig funktioniert (siehe Artikel auf Seite 47/48). Im Mittelpunkt standen Planungsrecht, neue Versorgungsmodelle, Wochen- und Feierabendmärkte sowie die Rolle lokaler Initiativen. IHK-Hauptgeschäftsführerin Petra Pigerl-Radtke betonte: „Nahversorgung ist weit mehr als die Frage, wo wir morgen einkaufen können. Sie entscheidet mit darüber, wie attraktiv Städte und Gemeinden als Wohn-, Arbeits- und Unternehmensstandorte sind. Deshalb müssen wir Nahversorgung, Stadtentwicklung und Wirtschaftsentwicklung stärker zusammendenken.“

HANDEL MIT EVENT VERBINDEN

„Stephanies Edle Kleinigkeiten“ — hinter diesem Namen verbirgt sich an der „Alten Bielefelder Straße 16“ in Werther ein gar nicht so kleines, aber feines Ladengeschäft für handgefertigte Deko- und Geschenkartikel. Das Besondere daran ist, dass die Kundschaft die Ware nicht nur kaufen, sondern das meiste davon auch selbst fertigen, dekorieren oder verfeinern kann - und zwar in entsprechenden Workshops. Die Idee dazu hatte Stephanie Wanning, so der vollständige Name der Besitzerin des Geschäftes, als sie für ihre Lieben als Weihnachtgeschenk zu viele handgefertigte Kerzen erstellte — und die Überschüssigen dann über eine Whatsapp-Gruppe weggingen, wie die berühmten warmen Semmeln.

Das war bereits 2022, ein Jahr bevor sie ihr kleines Deko-Geschäft in der Bielefelder Innenstadt eröffnet hatte. „Die Kunden konnten fortan ihre Kerzen bei mir nicht nur fertiggestellt kaufen, sondern individuell personalisieren lassen“, erinnert sich die 39-Jährige.

Darüber hinaus bot sie dann in ihrem Geschäft in Bielefeld auch Kindergeburtstage an, bei denen die Jungen und Mädchen von ihr angebotene Keramikfiguren anmalen konnten. Die Idee, Handel mit Event zu verbinden, kam an und wuchs: „Nach und nach bot ich immer mehr Events wie die Kindergeburtstage an, so dass das dortige Ladengeschäft zu klein wurde.“ 2025 fand sie dann das Geschäft in Werther und zog dorthin auch geschäftlich um. Mit ihrer Familie — ihrem Mann und den beiden mittlerweile 12- und 14-jährgen Söhnen — hatte sie sowieso schon in dem Ort im Kreis Gütersloh gewohnt. Nun seien auch die Wege zwischen Wohnhaus und Geschäft kürzer.

EIN FAIBLE FÜRS KREATIVE

Ein Faible fürs Kreative hat die gelernte Konditorin ihren Worten nach schon immer gehabt. „Die Selbstständigkeit kombiniert mit dem Kreativbereich macht mir unheimlich viel Spaß“, betont die Unternehmerin. „Wobei es schon ‚selbst und ständig‘ ist, wie es so schön heißt. Viel Zeit für die Familie bleibt mir nicht, höre ich häufig von meinen Kindern und meinem Ehemann. Allerdings lasse ich es mir nicht nehmen, dass wir einmal im Monat zu unserem Wohnwagen an den Dümmer See fahren.“

Zurück in ihrem Geschäft in Werther ginge es dann immer frisch ans Werk. Speziell beim Fertigen der Kleinigkeiten unterstützt sie eine Freundin: Jennifer Hancock-Olasz. Die 35-jährige Einzelhandelskauffrau und Stephanie Wanning kennen sich von ihrer gemeinsamen Tätigkeit bei beziehungsweise für Vorwerk in Bielefeld. Die Bad Salzuflerin ist aufgrund ihrer kürzlichen Hochzeit auch Expertin für entsprechende Dekoartikel, die ebenfalls angeboten werden.

Neben dem Verkaufsraum hat das Geschäft auch einen kleinen Produktions- sowie einen Lagerraum für die Utensilien, aus denen die Deko- und Geschenkartikel gefertigt werden. Dazu zählen zahlreiche Keramikartikel wie Kerzenhalter, Schälchen und gerade aktuell zur Vorweihnachtszeit Krippenfiguren, Rentiere, Tannenbäume und zum Beispiel Schneemänner. Die stellt die Geschäftsinhaberin alle aus Keramikpulver und Wasser her, das verrührt und in entsprechende Silikonformen gegossen wird. Nach dem Trocknen werden die Teile noch glattgeschliffen, mit Korkfüßen versehen und dem Unternehmenslogo — einem gezeichneten Alpenweiß — versehen. „Das sind schon eine ganze Menge Arbeitsschritte. Bei einer Bestellung von 101 Krippen etwa dauert das schon seine Zeit“, lacht sie.

Die fertigen Produkte bietet Stephanie Wanning dann in ihrem Geschäft als Dekoartikel zum Kauf an oder, wie bei den Krippenfiguren, in entsprechenden Kursen zum Bemalen. Darüber hinaus werden auch Familien Kreativ-Nachmittage, Kreativ-Frühstücke, Mädelsabende und sogar Junggesellinnenabschiede angeboten. Bei Letztgenannten können die Frauen beispielsweise Weingläser mit Glasmalfarbe verzieren. Auch Firmen können entsprechende Kreativ-Kurse direkt im Geschäft oder online buchen und zudem Geschenke für Kunden und Mitarbeitende — auch personalisiert — bestellen.

Das Konzept komme so gut an, dass auch Kreative aus ihrer Internet-Community Workshops in ihrem Ladengeschäft anbieten können und dafür dann eine Art Miete zahlten.

GELEBTE WIRTSCHAFTSNÄHE

Eine besondere Beziehung hat die kreative Händlerin auch zu ihrer Heimat Werther: Für die Stadt darf sie von einem Grafiker entworfene Werther-Shoppingtaschen verkaufen. Die Stadtsilhouette, für deren Nutzung sie die Rechte erhalten hat, bringt sie mit ihrem eigenen Plotter auf. Zum Angebot zählt auch eine spezielle LED-Laterne aus Kunststoff mit der Wertheraner Ansicht. „Nicht nur deswegen bin ich der Stadt und insbesondere dem Bürgermeister sehr dankbar, sondern auch weil die Verwaltung sich für den örtlichen Handel sehr einsetzt und mich unterstützt“, betont die sympathische Einzelhändlerin. Als sie das Anbringen eines Fahrradständers auf dem öffentlichen Bürgersteig vor der Tür ihres Geschäftes vorgeschlagen habe, weil einige ihre Räder an das Schaufenster anlehnten, habe die Stadt reagiert und einen Ständer angebracht. „Das ist für mich Wirtschaftsnähe.“

Auch wenn die aktuelle Konsumzurückhaltung der Verbraucher das Geschäft nicht gerade erleichtere, sei sie mit ihrem Umsatz insgesamt zufrieden und habe keine Angst vor der Zukunft. Fürs neue Jahr habe sie auch schon konkrete Pläne: So soll es ab 2027 einen neuartigen Malerei-Workshop bei ihr geben und das Angebot an Hochzeits-Utensilien soll ausgebaut werden. „Denn gerade für den für viele wichtigsten Tag im Leben gehören edle Kleinigkeiten einfach dazu“, so Stephanie Wanning.

Jörg Deibert, Silke Goller

     

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