Ostwestfälische Wirtschaft

Herausgeberin
Industrie- und Handelskammer
Ostwestfalen zu Bielefeld

Verlag, Anzeigenvermarktung und Layout
durch amm GmbH & Co. KG



LogoEin Service der amm GmbH & Co. KG

Titelthema

Die Stilgestalterin

Es ist einer dieser warmen und sonnigen Spätsommertage, an denen sich die Menschen am liebsten noch draußen aufhalten. Betritt man jedoch das Bielefelder Einrichtungsgeschäft Lohmeier Home Interiors an der Detmolder Straße, bekommt man einen ersten Eindruck vom Herbst. Jetzt, wo die Tage wieder kürzer werden, ist Gemütlichkeit angesagt. Kissen, kuschelige Decken oder Duftkerzen dürfen dabei nicht fehlen. „Im Trend liegen Farben wie Burgunder, Chocolat und auch Tische mit gestreifter Oberfläche erweisen sich als Hingucker“, verrät Neele Brümmer. Die 31-Jährige ist die neue Inhaberin des alt eingesessenen Familienbetriebs – im Dezember vergangenen Jahres hat sie das Geschäft von Ute Lohmeier übernommen. Mit der studierten Textilbetriebswirtin wird die Geschichte des Unternehmens nun in der fünften Generation fortgeschrieben, erstmals außerhalb der Familie Lohmeier.

ÜBER NACHFOLGE-BÖRSE NEXXT-CHANGE ZUSAMMENGEFUNDEN

Was vor rund 120 Jahren als kleine Tischlerei begann, entwickelte sich über vier Generationen hinweg zu einem florierenden Interior-Unternehmen mit zahlreichen internationalen Premiummarken wie Flamant, Rivièra Maison, Lambert oder Ocean House. Mit Gespür für exklusive Möbel, ausgefallene Dekorationen und individuelle Objektberatung hat sich Ute Lohmeier weit über die Region Ostwestfalens hinaus einen Namen gemacht. Der Kontakt zwischen den beiden Frauen kam über die Unternehmensnachfolge-Börse nexxt-change zustande. „Mein Mann und ich hatten schon länger die Idee im Kopf, irgendwann unternehmerisch tätig zu werden und ein Unternehmen nach unseren Vorstellungen mitzugestalten. Wir haben deshalb immer wieder geschaut, welche Möglichkeiten sich ergeben könnten, ohne konkret auf der Suche zu sein. So kam es, dass wir monatelang die Börse im Blick hatten und eines Tages auf die Anzeige von Ute Lohmeier gestoßen sind. Auf der Plattform war zunächst alles anonym, nur die Eckdaten des Unternehmens waren dort zu sehen. Wir haben uns auf die Anzeige beworben, das war eine sensible Zeit“, erzählt Neele Brümmer. Schon am nächsten Tag habe Ute Lohmeier — die ein Ehepaar oder eine Frau als Nachfolgerin favorisierte — angerufen. „So kam der Stein ins Rollen, wir haben uns kennengelernt und gemerkt, dass es passt. Es folgten viele Monate, um die Details mithilfe von Anwälten und einem Notar zu klären“, blickt die neue Unternehmerin auf „faire und transparente Verhandlungen“ zurück. „Für mich und meinen Mann ging es ja um eine lebensverändernde Entscheidung, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen“, macht sie die Tragweite deutlich.

MIT RESPEKT VOR TRADITIONNEUE IMPULSE SETZEN

Neele Brümmer ist sich bewusst, dass sie in große Fußstapfen getreten ist, da Ute Lohmeier mit ihrer Passion für Design Maßstäbe gesetzt hat. Sie drückt diese Aufgabe so aus: „Ich freue mich sehr darauf, dieses Lebenswerk gemeinsam mit dem fest etablierten Team weiterzuführen und werde mit Respekt vor der Tradition neue Impulse setzen.“ Das Handwerkszeug und genug Persönlichkeit bringt die offene und sympathische Nachfolgerin mit: Nach dem Abitur 2013 folgte ein duales Studium im Fachbereich Textilbetriebswirtschaftslehre bei der KATAG in Bielefeld, die Unizeit verbrachte sie in Nagold. Nach einem anschließenden Bachelor und Master in Münster entdeckte Brümmer ihr Faible fürs Marketing und strategische Kommunikation. Sie arbeitete bei Miele in Gütersloh und bei Schmitz Cargobull in Münster, wo sie im Bereich Produktmanagement tätig war. „Marketing, Messen und Brand Management sind mein Ding“, sagt Brümmer, die seit jeher ein Faible für Lifestyle und Inneneinrichtungen hat. Die Übernahme von Lohmeier Interiors — den Namen führt die junge Unternehmerin bewusst weiter — fühle sich für sie richtig an: „Ich bin ‚Back to the roots‘, hier geht es viel um Textilien, um Stoffe und mit dem eigenen Onlineshop und dem Projektgeschäft um Themen, in denen ich mich auskenne und in die ich meine Expertise einbringen kann“, macht Brümmer deutlich.

MISCHUNG AUS HANDEL, ONLINESHOP UND PROJEKTGESCHÄFT

Ihr Mann Justus Brümmer (31) — geheiratet hat das Ehepaar mitten in der Übernahmephase — steht ihr in finanziellen Fragen beratend zur Seite und hat einen Blick auf die Zahlen: „Er arbeitet hauptberuflich als Director Controlling bei Bobst Maschinenbau. Wir haben einen guten Austausch und das Vier-Augen-Prinzip hat sich bewährt“, freut sie sich über seine Unterstützung. Auch wenn das Ehepaar fest an die Zukunft des stationären Einzelhandels glaubt, schwingt eine gewisse Sorge mit: „Die Konsumlaune ist derzeit schlecht. Im Einzelhandel hängt Corona immer noch nach, kurz nach unserer Übernahme kam der Iran-Krieg, die gestiegenen Spritpreise machen sich bemerkbar und die Menschen schauen genauer auf ihre Ausgaben. Möbel hingegen sind Luxusgüter, da fragen sich viele, ob sie wirklich ein neues Sofa brauchen.“ Dennoch will sich Neele Brümmer davon nicht entmutigen lassen. Im Gegenteil. Mit der Mischung aus Handel (40 Prozent) und dem Projektgeschäft (60 Prozent) sieht sie eine gute Perspektive.

Auch den Onlinehandel will sie weiter vorantreiben: „Wir möchten unsere digitale Sichtbarkeit weiter ausbauen und stärker zeigen, was wir neben unserem Einrichtungshaus anbieten. Denn vielen ist gar nicht bewusst, dass wir individuelle Einrichtungs- und Designberatung anbieten und Projekte von der ersten Idee über die Planung bis zur fertigen Einrichtung begleiten. Das reicht von der Gestaltung einzelner Räume über die Ausstattung von Ferienimmobilien bis hin zu umfassenden Einrichtungskonzepten für private Wohnräume. Kürzlich haben wir an der Alster in Hamburg eine Maisonette-Wohnung ausgestattet, manchmal sucht jemand aber auch nur kreative Begleitung.“ Gemeinsam mit ihren neun Mitarbeitenden, darunter Innenarchitektinnen, Interiorberaterinnen und ein Raumausstatter, sowie zusätzlich drei Aushilfen, lässt Lohmeier Wohnträume wahr werden. So werde nach einem Erstgespräch ein Moodboard angefertigt, Stoffe und Holzproben gezeigt und der finanzielle Rahmen abgesteckt. „Wir kümmern uns auch um die Beschaffung eines Fernsehers, wenn gewünscht. Wir richten löffelfertig ein“, erklärt Brümmer das Konzept.  Die Kunden können sich im Vorfeld im Ladengeschäft einen Eindruck von den Möbeln verschaffen, der Showroom verfügt über 1.000 Quadratmeter Fläche, vor der Tür stehen Parkplätze zur Verfügung.

„MENSCHEN GUCKEN GERNE INS ZUHAUSE VON ANDEREN“

„Es gibt nicht den einen Kunden, aber viele unterschiedliche Wohntypen. Während bei den einen alles clean ist, machen andere jede Saison mit und dekorieren ständig um. Andere wiederum sind sehr detailverliebt. Meine Erfahrung ist aber, dass Menschen gerne ins Zuhause von anderen gucken.“ Ihr persönlicher Tipp zum Einrichten: „Ruhig klein anfangen, mit ausgewählten Lampen oder Accessoires. Damit kann man schon viel verändern. Ansonsten finde ich gute und hochwertige Teppiche wichtig. Und meiner Meinung nach lohnt sich die Investition in ein gutes Sofa und einen gemütlichen Sessel, wenn man viel liest. Man sieht sofort, ob ein Stoff hochwertig ist oder pillt.“ Auch Stilbrüche seien erlaubt. In dem eigenen Zuhause der Brümmers ist es eine Standuhr aus Massivholz von den Großeltern, die einen Ehrenplatz gefunden hat: „Da spielt die persönliche Beziehung eine Rolle, nicht der Designgedanke.“

„MAG DEN KONTAKT ZU KUNDEN UND LIEFERANTEN“

Den Schritt in die Selbstständigkeit hat Neele Brümmer bisher nicht bereut: „In meinen alten Jobs hatte ich auch meinen Verantwortungsbereich, aber hier trage ich Personalverantwortung und das Themenspektrum reicht von Rechtsfragen, Steuern bis hin zu Einkauf und Marketing. Zudem habe ich viel mehr Kontakt zu Menschen, was ich sehr schätze. Ich mag es, zu Messen nach Paris, in die Niederlande oder nach Belgien zu fahren, mit Lieferanten zu sprechen und mache definitiv weniger Powerpoint-Präsentationen“, sagt die Unternehmerin und lacht — und scheint ganz angekommen zu sein in ihrer neuen Rolle. Während der vergangenen Monate habe sie die Erfahrung gemacht, dass die Kunden ihre Dienstleistung und Beratung schätzen. Das sei ein schönes Gefühl und Bestätigung zugleich: „Meine Aufgaben sind deutlich vielfältiger geworden und ich kann selbstbestimmter arbeiten. Ich hätte mich geärgert, wenn ich die Chance nicht ergriffen hätte. Im schlimmsten Fall kann ich noch immer in meinen alten Job zurück. Während dieser Zeit habe ich wichtige Fähigkeiten wie Professionalität, Resilienz und moderne Arbeitsweisen erworben. Das war eine gute Schmiede.“ Am Ende müsse jeder, der sich mit dem Gedanken trage, sich selbstständig zu machen, die Frage stellen — möchte ich Sicherheit oder mir etwas Eigenes aufbauen? 

DAS AMBIENTE IN SCHÖNEN GESCHÄFTEN GENIESSEN

Eine Sache liegt der Unternehmerin noch am Herzen, die die gesamte Einzelhandelsbranche betrifft: „Ich finde, dass die Berufe im Einzelhandel zu negativ besetzt sind. Das ist meiner Meinung nach unfair, denn die Menschen, die hier arbeiten, verfügen über viel fachliche Kompetenz. Mein Team ergänzt sich beispielsweise prima, gerade weil es so divers ist und jeder seine eigenen Stärken mitbringt. Diese Kompetenzen kann man sich nicht nur durch ein Studium aneignen. Hier muss sich in Köpfen was drehen.“ Vielmehr möchte die Geschäftsfrau die positiven Seiten des Einzelhandels hervorheben und eine Lanze für ihre Branche brechen: „In den inhabergeführten Häusern hat man als Kunde eine schöne Zeit, kann sich alles in Ruhe anschauen und das Ambiente genießen. Ohne diese Form des Erlebnisses Handel wäre unser Leben ärmer.“

Silke Goller

     

Die aktuelle Ausgabe zum Durchblättern