Politik und Standort
Starke Impulse für die Region
Knoblauch mit saurer Gurke oder Kirsche mit Senf: Am Eisstand des InnovationFestivals 2026 waren ungewöhnliche Kombinationen gefragt. Das Plakat brachte es auf den Punkt: „Innovation braucht Mut. Wie mutig bist du?“ Und an Mut mangelte es den Teilnehmenden angesichts der langen Schlange offensichtlich nicht. Was beim Eis spielerisch erprobt wurde, stand sinnbildlich für die Idee des Festivals: neue Kombinationen wagen, über gewohnte Grenzen hinausdenken und Menschen aus Wissenschaft und Wirtschaft miteinander ins Gespräch bringen. Mit rund 700 Teilnehmenden stieß die zweite Auflage erneut auf große Resonanz. Sie nutzten mehr als 70 Vorträge, Workshops, Führungen und Ausstellungsangebote auf dem Campus Bielefeld, um aktuelle Forschung kennenzulernen und neue Anknüpfungspunkte für die eigene Arbeit zu entdecken. Eröffnet wurde das Festival von Professorin Dr. Michaela Vogt, Prorektorin für Internationales, Diversität und Gesellschaft an der Universität Bielefeld, Professorin Dr. Natalie Bartholomäus, Vizepräsidentin für Transfer und gesellschaftliche Wirkung der Hochschule Bielefeld (HSBI), sowie Pedro Campos Silva, Geschäftsführer der Bielefeld Research + Innovation Campus GmbH (BRIC), die das Festival initiiert und organisiert. Vogt betonte, dass Innovation Kommunikation auf Augenhöhe brauche — und den Mut, nachzufragen, wenn etwas unverständlich bleibe. Für Bartholomäus bietet das Festival zugleich die Chance, die vielfältige Forschung am Campus stärker sichtbar zu machen: „Ich erlebe es immer noch, dass man nicht weiß, was wir hier machen. Transfer heißt für mich, diesen Blumenstrauß an dem, was wir zu bieten haben, zu präsentieren.“ Wie konkret die Themen des Festivals an aktuellen Fragestellungen von Unternehmen ansetzen, zeigte der ausgebuchte Workshop „KI lokal nutzen: schützenswerte Daten bleiben sicher“. Dr. Christoph Ostrau vom Fachbereich Ingenieurwissenschaften und Mathematik der HSBI stellte Praxisbeispiele vor und zeigte, wie lokale Sprachmodelle eingesetzt werden können, wenn sensible Daten das Unternehmen nicht verlassen sollen. „Wenn sich Unternehmen bisher aus Datenschutzgründen nicht an das Thema KI getraut haben, ist mit lokalen Sprachmodellen jetzt der Moment“, sagt Ostrau. Ein großes Vorurteil sei, dass die Technologie noch in den Kinderschuhen stecke: „Das stimmt jedoch nicht.“ Dominik Bunte, Production Quality Manager im Zentralen Qualitätsmanagement bei Miele, ist bereits zum zweiten Mal beim InnovationFestival zu Gast. Bei der Premiere habe ihn das InnovationFestival bei seiner Bachelorarbeit weitergebracht. Diesmal sei er gekommen, um Technologie-Impulse zu sammeln: „Wie lässt sich KI sinnvoll im Produktionsprozess einbinden? Und wie kann ich Akzeptanz bei den Mitarbeitenden schaffen, die Angst haben, ersetzt zu werden? Auf diese Fragestellungen erhoffe ich mir hier Input zu erhalten.“ Dass technologische Veränderungen damit immer auch Fragen der Unternehmenskultur berühren, zeigte der Vortrag von Prof. Dr. Jan Schilling von der HSBI zum organisationalen Zynismus. „Ich freue mich, wenn durch dieses Event die Erkenntnis in der Praxis ankommt, dass es dieses Problem gibt“, sagt der Psychologe. Am zweiten Festivaltag standen „Materialforschung und innovative Werkstoffe“ im Fokus. Für Unternehmen gewinnt dabei insbesondere die Kreislaufwirtschaft an Bedeutung: Rohstoffe werden knapper und teurer, Ressourcen sollen effizienter genutzt und Abhängigkeiten von einzelnen Lieferländern verringert werden. Hinzu kommen zunehmende gesetzliche und regulatorische Vorgaben zu Wiederverwendung, Recyclingfähigkeit und geschlossenen Materialkreisläufen. Das Breakomers-Team der Universität Bielefeld entwickelt recyclingfähige Schaumstoffe mit eingebauten Sollbruchstellen, die sich chemisch wieder in ihre Ausgangsbausteine zerlegen lassen. „Ich habe hier auf dem InnovationFestival tolle und unerwartete Kontakte knüpfen können“, berichtet Willy Zubert von der Fakultät für Chemie an der Universität Bielefeld. So sei beispielsweise ein regionaler Lackhersteller auf das Team zugekommen und habe gefragt, ob sich dessen Innovation auf weitere Produkte übertragen lasse. Beim Workshop „Zirkuläres Design von Photovoltaik-Systemkomponenten“ nahmen Pia Kleinebekel und Katharina Schnatmann von der HSBI Materialien, Aufbau und Reparierbarkeit von Modulen und Wechselrichtern in den Blick. Prognosen zufolge könnten bis 2050 in Deutschland kumuliert rund 4,4 Millionen Tonnen ausgediente Photovoltaikmodule anfallen. „Unser Ziel ist es, ein Bewusstsein für das Problem zu schaffen“, erklären die Referentinnen. Kreislaufwirtschaft könne zugleich dazu beitragen, wertvolle Rohstoffe länger in Nutzung zu halten. Dass das InnovationFestival genau solche Impulse setzt, zeigte sich an beiden Festivaltagen. „Transfer ist keine Einbahnstraße, wir freuen uns darauf, die Fragestellungen der teilnehmenden Unternehmen kennenzulernen“, sagt Campos Silva. Das Festival ermögliche es Wirtschaft und Wissenschaft, miteinander ins Gespräch zu kommen, über den Tellerrand zu schauen und passende Ansprechpersonen kennenzulernen. Welche Wirkung sich daraus entfaltet, müsse dabei nicht immer sofort sichtbar werden. Oft entwickele sie sich aus einem ersten Kontakt, einer neuen Perspektive oder einer unerwarteten Idee. Fest steht: Nur wer Neues wagt, schafft Raum für Innovation — in der Forschung, im Unternehmen und eben auch am Eisstand. Das InnovationFestival wird von der Bielefeld Research + Innovation Campus GmbH (BRIC) organisiert, einer gemeinsamen Initiative der Hochschule Bielefeld, der Universität Bielefeld, der Stadt Bielefeld und der IHK Ostwestfalen. Es ist Teil des von der Europäischen Union und dem Land NRW kofinanzierten Projekts „WIN4OWL — Wissenschaft interdisziplinär, Wirtschaft innovativ“, das Unternehmen einen direkten Zugang zu Spitzenforschung ermöglicht und neue Innovationsprojekte in der Region fördert.



