Politik und Standort
Neue Perspektiven für Industrie und Nearshoring
Angesichts veränderter globaler Rahmenbedingungen rücken widerstandsfähige Lieferketten und alternative Wirtschaftsstandorte in Europa zunehmend in den Fokus deutscher Unternehmen. Rumänien vereint dabei mehrere interessante Faktoren: eine etablierte industrielle Basis, wettbewerbsfähige Kostenstrukturen, gut ausgebildete Fachkräfte und die Einbindung in den europäischen Binnenmarkt. Welche Chancen sich daraus für Unternehmen aus Nordrhein-Westfalen ergeben, erkundete jüngst eine 15-köpfige Delegation vor Ort. NRW.Global Business (Gesellschaft zur Außenwirtschaftsförderung NRW) organisierte die geförderte Unternehmensreise gemeinsam mit der IHK Ostwestfalen und der IHK Niederrhein. Vier Tage lang standen Gespräche mit Unternehmen, Einblicke in verschiedene Branchen und der Austausch mit Akteuren der rumänischen Wirtschaft auf dem Programm.
Cluj-Napoca: Wo Industrie auf digitale Innovation trifft
Den Auftakt machte Cluj-Napoca in Transsilvanien, einem bedeutenden Technologie- und Innovationsstandort Rumäniens.
Wie wichtig spezialisierte technische Dienstleistungen für eine leistungsfähige Industrie sind, zeigte der Besuch bei Ultratech Int. Das Unternehmen wartet und repariert industrielle Elektronik und vertreibt entsprechende Komponenten. Zu den Kunden zählen Betriebe aus der Automatisierung, der Automobilindustrie, dem Energiesektor und der Lebensmittelbranche. Im Mittelpunkt stehen Lösungen, die Produktionsausfälle reduzieren und die Lebensdauer bestehender Anlagen verlängern. Inspirierend war hier nicht nur das Geschäftsmodell, sondern auch der Werdegang der Geschäftsführer. Die beiden Brüder haben das Unternehmen in ihrem Kinderzimmer gegründet und sind von Haus zu Haus gelaufen, um zu fragen, was sie reparieren könnten. Eine echte Erfolgsstory. Dass Rumänien längst mehr als ein klassischer Produktionsstandort ist, verdeutlichte der Austausch mit dem Transilvania IT Cluster. Das Netzwerk bringt Unternehmen der Digitalwirtschaft mit Hochschulen, Forschungseinrichtungen und öffentlichen Institutionen zusammen. Künstliche Intelligenz, Cybersecurity und Industrie 4.0 zählen ebenso zu den Schwerpunkten wie digitale Anwendungen für Städte, Gesundheit und Bildung. Für die Delegation eröffnete sich damit ein Einblick in ein Innovationsökosystem, das technologische Entwicklung und industrielle Anwendung miteinander verknüpft. Daran knüpfte der Besuch bei AROBS Transilvania Software an. Das Unternehmen entwickelt unter anderem Software für Embedded Systems, Automotive Engineering und das Internet der Dinge. Seine internationalen Kunden kommen aus unterschiedlichen Branchen, darunter Automotive und Industrie. Der Einblick in diese Kompetenzen machte deutlich, welches Potenzial in der Zusammenarbeit mit rumänischen Technologieunternehmen liegt — insbesondere dort, wo industrielle Erfahrung und digitale Lösungen zusammenkommen.
Bukarest: Industrielle Wertschöpfung und Energie im Wandel
Nach dem Wechsel in die rumänische Hauptstadt rückte zunächst die industrielle Fertigung in den Mittelpunkt. Bei Dual Man lernte die Delegation einen Hersteller von Metallkonstruktionen und komplexen Stahlbaulösungen kennen. Das Unternehmen vereint zahlreiche Schritte der Wertschöpfung unter einem Dach, von Konstruktion und statischer Berechnung über Fertigung und Schweißtechnik bis hin zu Montage und Qualitätsprüfung. Die Produkte kommen unter anderem in der Infrastruktur und im Anlagenbau zum Einsatz. Da ein bedeutender Teil der Produktion in die Europäische Union exportiert wird, zeigte der Unternehmensbesuch zugleich, wie rumänische Fertigung in internationale Lieferketten eingebunden ist. Ein anderes Zukunftsthema stand beim Austausch mit dem Geschäftsführer von E.ON Rumänien im Vordergrund. Der Energiekonzern ist im Land unter anderem in der Energieversorgung, der Verteilung von Strom und Gas sowie beim Ausbau der Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge aktiv. Investitionen in intelligente Netze, Digitalisierung und Energieeffizienz prägen die Weiterentwicklung des Geschäfts. Damit rückte ein Bereich in den Fokus, der für die Wettbewerbsfähigkeit industrieller Standorte ebenso entscheidend ist wie für die Transformation hin zu einer nachhaltigeren Energieversorgung.
Smart Industry: Digitale Kompetenzen als Chance für Kooperationen
Wie digitale Technologien industrielle Wertschöpfung verändern, war das zentrale Thema beim Besuch von diconium in Bukarest. Der international tätige Spezialist für digitale Transformation entwickelt Software-, Daten- und KI-Lösungen und begleitet Unternehmen bei der Modernisierung ihrer Geschäftsmodelle und Prozesse. Der rumänische Standort ist Teil des globalen Delivery-Netzwerks und arbeitet an Technologie- und Entwicklungsprojekten für Kunden in Europa und darüber hinaus. Beim anschließenden Round Table diskutierten die Teilnehmenden gemeinsam mit diconium und Mitgliedern der AHK Rumänien über Digitalisierung und Trends der Smart Industry. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Unternehmen digitale Technologien für ihre Wettbewerbsfähigkeit nutzen, zudem ging es um mögliche Anknüpfungspunkte für die Zusammenarbeit zwischen deutschen und rumänischen Unternehmen. Der Austausch verband die Eindrücke aus den vorangegangenen Unternehmensbesuchen mit einem übergreifenden Blick auf die industrielle Zukunft. Auch der abschließende Besuch bei DHL International Romania unterstrich, welche Bedeutung funktionierende Lieferketten für das internationale Geschäft haben. Im modernen Logistikzentrum im Großraum Bukarest werden internationale Expresssendungen für den Weitertransport umgeschlagen. Effiziente Abläufe und nachhaltigere Logistik sind dabei wichtige Faktoren für den grenzüberschreitenden Warenverkehr.
Rumänien als Partner für die nächste Entwicklungsstufe
Die vier Tage in Cluj-Napoca und Bukarest zeichneten das Bild eines vielseitigen Wirtschaftsstandorts. Rumänien verfügt sowohl über industrielle Fertigungskompetenzen als auch über Know-how in Digitalisierung, Energie und Logistik. Für Unternehmen aus NRW ergeben sich daraus unterschiedliche Ansatzpunkte. Von der Suche nach geeigneten Zulieferern über neue Absatzmöglichkeiten bis hin zu technologischen Kooperationen. Gleichzeitig sollten die Standortvorteile nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Rahmenbedingungen verändern. Steigende Lohnkosten und Mieten, insbesondere in wirtschaftsstarken Zentren wie Bukarest und Cluj-Napoca, relativieren bisherige Kostenvorteile. Hinzu kommen Engpässe bei der Infrastruktur, deren Ausbau für eine leistungsfähige Industrie und Logistik weiterhin entscheidend ist. Auch die aktuelle politische Unsicherheit und der unklare Reformkurs erschweren die Planbarkeit unternehmerischer Investitionen. Entscheidend ist, die Potenziale des Landes mit den eigenen unternehmerischen Anforderungen abzugleichen und Kontakte vor Ort gezielt weiterzuentwickeln. Rumänien ist kein Selbstläufer und nicht für jedes Geschäftsmodell gleichermaßen geeignet. Wer einen Markteintritt oder eine Neuordnung von Beschaffungs- und Produktionsaktivitäten erwägt, sollte Kosten, Infrastruktur, Fachkräfteverfügbarkeit und politische Risiken sorgfältig prüfen. Die Unternehmensreise hat dafür wertvolle Einblicke und persönliche Kontakte ermöglicht. Dies ist eine wichtige Grundlage, um Chancen realistisch einzuschätzen und mögliche Kooperationen gezielt weiterzuentwickeln. Nun gilt es, aus den geknüpften Kontakten konkrete Geschäftsmöglichkeiten entstehen zu lassen.
Luisa Griese, IHK



