Politik und Standort
Gemeinsam etwas bewegen
INTERVIEW Clara Bickmann und Katharina Himmerich stehen an der Spitze der regionalen Wirtschaftsjunioren-Kreise Paderborn + Höxter beziehungsweise Ostwestfalen. Im Doppelinterview erläutern die Sprecherinnen, warum Netzwerken für Nachwuchsführungskräfte so wichtig ist, sprechen über Unternehmertum, Nachfolge, politische Interessenvertretung und weshalb sie sich zusätzlich zu Beruf und Familie ehrenamtlich engagieren.
Frau Bickmann, Frau Himmerich, für zwei Jahre beziehungsweise ein Jahr stehen Sie an der Spitze Ihrer Wirtschaftsjunioren-Kreise. Was liegt bereits erfolgreich hinter Ihnen, was steht noch auf Ihrer Agenda?
Bickmann Im Hochstift werden wir für zwei Jahre gewählt. Darüber bin ich froh, denn Veränderungen brauchen Zeit. Im ersten Jahr haben wir tolle Veranstaltungen auf die Beine gestellt. Besonders wichtig war für mich aber, dass wir auch als Gruppe näher zusammengerückt sind. Wir treffen uns als Vorstand inzwischen sogar privat, beispielsweise zum Kochen. Dadurch sind mehr Vertrauen, Verbindlichkeit und Freude an der gemeinsamen Arbeit entstanden. Das merken wir jetzt deutlich: In unseren Projektgruppen werden Ideen aufgegriffen und mit neuer Energie umgesetzt. Darauf möchte ich im zweiten Jahr aufbauen. Wir wollen neue Formate ausprobieren und auch schwierige Themen offen miteinander besprechen. Was auf uns zukommt, wissen wir noch nicht alles. Aber ich habe das Gefühl, dass wir es als Team gut angehen können.
Himmerich Wir sind im Januar mit unserem Neujahrs-Jour-Fixe im Ringlokschuppen gestartet — mit über 130 Gästen. Mir war wichtig, gleich zu Beginn zu zeigen, was für ein starkes und wertvolles Wirtschaftsnetzwerk wir sind. Und als ich dann auf der Bühne stand und in den Raum geschaut habe, habe ich diese besondere Energie gespürt. Das hat mich wirklich tief beeindruckt. Diese Energie begleitet uns seitdem durch das ganze Jahr: bei unseren monatlichen Jour fixes in Unternehmen oder den Kaminabenden mit Persönlichkeiten aus Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Wir tauschen uns über aktuelle Themen, unternehmerische Herausforderungen, Unternehmenskultur und Leadership aus. Dazu gab es spannende Betriebsbesichtigungen, unseren Familienunternehmerstammtisch zur Unternehmensnachfolge und eine gemeinsame Wanderung mit IHK-Hauptgeschäftsführerin Petra Pigerl-Radtke zu Nachhaltigkeit und neuen Ideen.
Unsere Mitglieder bringen sich ein, öffnen Türen zu ihren Unternehmen und entwickeln eigene Ideen und neue Formate. Und deshalb freue ich mich sehr auf die kommenden Wochen und Monate. Für 2026 haben wir noch einiges vor.
Welche Themen treiben Ihre Mitglieder am stärksten um?
Bickmann Viele fragen sich, worauf sie sich als Unternehmerinnen und Unternehmer noch verlassen können. Politische Entscheidungen, Bürokratie und die wirtschaftliche Lage machen Planung schwierig. Hier in der Region kennt man Betriebe, die über Jahre erfolgreich waren und nun unter großem Druck stehen. Man kennt auch die Menschen dahinter. Gleichzeitig kommen neue Interessierte zu uns, die gerade jetzt gründen und andere Ideen mitbringen. Ich möchte, dass wir ihnen zuhören und voneinander beziehungsweise miteinander lernen.
Himmerich Es sind insbesondere zwei Themen: Unternehmertum und Nachfolge. Viele unserer Mitglieder haben gerade gegründet oder stehen vor der Herausforderung, den Familienbetrieb zu übernehmen. Und dann kommen Fragen auf, die in keinem Lehrbuch stehen: Wie führe ich Menschen, die schon länger im Unternehmen sind als ich? Wie finde ich meinen eigenen Führungsstil? Wie entwickle ich das Unternehmen weiter, ohne das, was meine Eltern aufgebaut haben, infrage zu stellen? Und wie setze ich dabei meine eigenen Fußabdrücke?
Das sind sehr persönliche Fragen, über die wir uns auch innerhalb der Wirtschaftsjunioren offen austauschen. Gerade dieser Austausch auf Augenhöhe ist unglaublich wertvoll, weil man merkt: Mit vielen dieser Herausforderungen ist man nicht allein.
Wo und wie können Sie den Anliegen der jungen Wirtschaft Gehör verschaffen?
Bickmann Oft beginnt es damit, dass ein Mitglied ein Thema anspricht, das ihm wirklich wichtig ist. Dann können wir weitere Menschen aus unserem Kreis zusammenbringen und das Gespräch mit Verantwortlichen aus Politik oder Wirtschaft suchen. Beim Know-how-Transfer tauschen sich unsere Mitglieder auch direkt mit Abgeordneten im Landtag oder Bundestag aus. Unser Netzwerk kann einer Stimme mehr Gewicht geben. Dafür braucht es Mitglieder, die ihre Themen einbringen und etwas daraus machen wollen.
Himmerich Dort, wo Entscheidungen getroffen werden — und am liebsten im persönlichen Gespräch. Das beginnt für mich bei den Unternehmen, die wir besuchen, aber natürlich auch bei den Unternehmen, die wir selbst führen und gestalten. Denn dort entstehen die Themen, die uns beschäftigen und die wir weitertragen wollen. Eine besondere Möglichkeit bietet dabei der Know-how-Transfer: Wirtschaftsjunioren begleiten Abgeordnete im Landtag in Düsseldorf und im Bundestag in Berlin und bekommen dadurch einen direkten Einblick in politische Arbeit. Gleichzeitig können wir unsere Perspektiven und Erfahrungen aus der Wirtschaft einbringen. Dabei ist auch die IHK Ostwestfalen eine wichtige und verlässliche Partnerin. Wir dürfen dort zu Gast sein, in der Vollversammlung für die Wirtschaftsjunioren sprechen, und engagierte Mitglieder bringen ihre Sicht und ihre Erfahrungen in die IHK-Ausschüsse ein.
Warum engagieren Sie sich ehrenamtlich bei den Wirtschaftsjunioren – und wie würden Sie potenzielle Neumitglieder überzeugen, sich ebenfalls einzubringen?
Bickmann Ich engagiere mich, weil ich selbst erlebt habe, wie viel man bei den Wirtschaftsjunioren zurückbekommt. Vor einigen Jahren hat mich im WJ-Mentoringprogramm ein Unternehmer ein Jahr lang begleitet. Damals habe ich eher kleine Aufgaben übernommen. Er hat mir gezeigt, was darüber hinaus möglich ist, und mir Mut gemacht, große Projekte anzugehen. Dadurch habe ich in kurzer Zeit unglaublich viel gelernt und war auch wirtschaftlich erfolgreicher. Als ich später meine erste Führungsaufgabe übernommen habe, habe ich mich bewusst noch einmal für das Mentoringprogramm entschieden. Ich wusste inzwischen, wie sehr mir der Blick eines erfahrenen Menschen helfen kann. Führung war für mich neu und viel komplexer, als ich erwartet hatte. Die Begleitung hat mir sowohl im Beruf als auch als Vorsitzende geholfen, schneller in diese Verantwortung hineinzuwachsen. Neuen Mitgliedern sage ich deshalb: Bringt euch ein und nutzt die Erfahrung der Menschen hier. Was ihr dabei lernt, kann euch persönlich und beruflich Jahre voranbringen.
Himmerich Weil hier Menschen zählen — nicht Visitenkarten und nicht Titel. Und weil hier eine Haltung gelebt wird, die ich sehr mag: einfach machen. Ein schönes Beispiel dafür ist unser neues Event „Junior Beats“. Felizitas Hettlage vom Bielefelder Unternehmen bsb-bentlage GmbH hatte die Idee und ist einfach losgelaufen. Mit vielen Menschen, Ideen und Unterstützern ist daraus ein neues Festival der Wirtschaftsjunioren Ostwestfalen entstanden, das am 19. September in der Hechelei mit 110 Gästen Premiere gefeiert hat. Das mitzuerleben und begleiten zu dürfen, macht einfach Freude.
Gleichzeitig geht es bei unserem Engagement auch darum, etwas zurückzugeben. Wir begleiten junge Menschen auf ihrem Weg in die Ausbildung und üben mit ihnen Vorstellungsgespräche. Studierende können sich bei uns für ein Rookie-Jahr bewerben und so erleben, was die Wirtschaftsjunioren ausmacht. Wer neugierig ist, dem sage ich: Du bekommst so viel zurück, wie du einbringst.
Und den Unternehmerinnen und Unternehmern möchte ich sagen: Geben Sie Ihren jungen Führungskräften die Zeit für ein solches Engagement. Sie sammeln dabei Erfahrungen, übernehmen Verantwortung, bauen Netzwerke auf und entwickeln sich persönlich weiter. Eine bessere Führungskräfteentwicklung werden Sie kaum finden.
Vor welchen Herausforderunge steht eine Organisation wie die Wirtschaftsjunioren?
Bickmann An neuen Mitgliedern und Interessierten fehlt es uns nicht. Schwieriger war es, daraus ein echtes Miteinander entstehen zu lassen. Wir hatten gute Veranstaltungen und viele Ideen, aber zwischen den Terminen fehlte manchmal die Verbindung zueinander. Dann sagt man leichter eine Aufgabe ab oder wartet darauf, dass sich jemand anderes kümmert. Im Ehrenamt kann ich niemandem einfach eine Aufgabe geben und erwarten, dass sie mit Freude erledigt wird. Die Menschen müssen sich kennen und Lust haben, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen.
Himmerich Die größte Herausforderung ist für mich, nicht irgendein Verein zu sein. Hinter unseren Treffen steckt fast immer ein konkreter Anlass, eine Idee oder ein Thema, das jemand voranbringen möchte. Genau das macht für mich den Unterschied. Wer bei uns ankommt und sich einbringen möchte, sollte auch schnell die Möglichkeit dazu bekommen. Das heißt für uns: früh Verantwortung und Chancen geben. Denn wenn jemand erst ein halbes Jahr warten muss, bis er oder sie sich einbringen kann, ist die Begeisterung vielleicht schon wieder weg. Und dann haben wir noch eine ganz besondere Herausforderung: Mit 40 endet die aktive Zeit bei den Wirtschaftsjunioren. Leider auch meine (lacht). Wir können uns nicht auf dem Erreichten ausruhen. Es kommen ständig neue Menschen, neue Ideen und neue Perspektiven dazu. Das hält uns jung — und sorgt dafür, dass wir uns immer wieder neu erfinden müssen.
Was nehmen Sie aus Ihrer Amtszeit als prägende Erfahrungen mit?
Bickmann Mich hat am meisten geprägt, dass ich gelernt habe, Menschen für eine Aufgabe zu gewinnen, die sie freiwillig und unbezahlt übernehmen. Umso mehr freut es mich zu sehen, mit wie viel Freude und Qualität unser Team heute Dinge auf die Beine stellt. Auf dem Weg dahin habe ich selbst unglaublich viel über Führung gelernt und Menschen kennengelernt, zu denen echte Freundschaften entstanden sind. Dass wir diese Veränderung zusammen geschafft haben und ich heute so ein starkes Team an meiner Seite habe, macht mich einfach glücklich.
Himmerich Mein Motto für dieses Jahr ist Sichtbarkeit — nach innen und nach außen. Nach außen, damit die junge Wirtschaft in der Region gehört wird. Und nach innen, damit jedes Mitglied sieht, was wir gemeinsam bewegen und wo es selbst gebraucht wird.
Als Unternehmerin und Mutter möchte ich auch zeigen, dass ein Ehrenamt kein Hindernis sein muss. Wenn man etwas wirklich möchte, findet man Wege, vieles miteinander zu verbinden.
Und dann gibt es noch etwas, das mich besonders glücklich macht: wenn aus Begegnungen Freundschaften entstehen — einfach, weil man sich gemeinsam engagiert und etwas miteinander bewegt. Ich nehme aus diesem Jahr vor allem mit, dass Haltung und Herzlichkeit wunderbar zusammenpassen. Dass man klare Ziele haben und trotzdem menschlich bleiben kann.
Heiko Stoll



