Titelthema
Begleiter des Strukturwandels
175 bewegte Jahre sind vergangen seit der Gründung der Handelskammern in Bielefeld und Minden im Mai 1849. Aus diesen beiden Keimzellen hervorgegangen ist die heutige Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen. Geblieben ist in all der Zeit die Kernaufgabe: die Vertretung der Interessen sowie die vielfältige Förderung der ostwestfälischen Wirtschaft. Dabei wandeln sich aber immer wieder die konkreten Herausforderungen, Rahmenbedingungen und Arbeitsweisen. Das ist vor allem im zurückliegenden Vierteljahrhundert einmal mehr so gewesen - sei es durch die Digitalisierung, das Internet, die Energiew- oder Verkehrswende, die Internationalisierung oder auch die demografische Entwicklung. Ein Rückblick und Ausblick:
Seit dem Festakt zum 150. IHK-Jubiläum im Jahr 1999 haben sich die ostwestfälischen Unternehmen weiterentwickelt und etliche Herausforderungen gemeistert. Mit ihnen hat sich auch ihre IHK verändert. Eine Auswahl – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – zeigt, dass einige der Anforderungen sich durch die vergangenen 25 Jahre hindurchziehen – und wahrscheinlich auch weiterhin bestehen bleiben werden.
FACHKRÄFTEMANGEL IN OSTWESTFALEN
Ein Blick auf die Risiken für die weitere wirtschaftliche Entwicklung zeigt, dass in den IHK-Umfragen seit Jahren konstant eine Sorge auftaucht: der Fachkräftemangel. Er stellt für die ostwestfälischen Unternehmen eine der größten Herausforderungen dar und trifft auf alle Branchen zu – egal, ob Industrie, Handel oder Dienstleistungen.
Die Schere zwischen offenen Stellen und verfügbaren Arbeitskräften geht in naher Zukunft noch stärker auseinander. Die Auswirkungen des demografischen Wandels sind bereits deutlich zu spüren. Laut IHK-Fachkräftemonitor haben wir in Ostwestfalen aktuell eine Lücke von 44.000 Fachkräften, die der Wirtschaft fehlen. Tendenz steigend.
Ein zentraler Baustein bei der Bekämpfung des Fachkräftemangels ist die Berufliche Ausbildung. Sie ist für die Zukunft der Unternehmen von herausragender Bedeutung – und die beste Prophylaxe gegen den Fachkräftemangel. Mit verschiedenen Initiativen, Projekten und Maßnahmen unterstützt die IHK Ostwestfalen ihre Mitgliedsbetriebe dabei, passende Auszubildende und Mitarbeitende zu finden.
Seit vielen Jahren baut die IHK die Berufsorientierung junger Menschen kontinuierlich aus, indem sie auf neue Kanäle setzt und bestehende Maßnahmen und Projekte stetig weiterentwickelt. Aktuell beteiligt sich die IHK Ostwestfalen an der bundesweiten Kampagne, mit der das Image der Dualen Ausbildung gestärkt und jungen Menschen gezeigt werden soll, dass Ausbildung die perfekte Grundlage für eine spätere Karriere ist: „Jetzt #könnenlernen – Ausbildung macht mehr aus uns“.
AUSBILDUNGSMARKT HAT SICH GEWANDELT
Eine weitere Besonderheit der vergangenen zweieinhalb Jahrzehnte ist, dass sich der Ausbildungsmarkt enorm gewandelt hat. Fehlten Anfang der 2000er Jahre noch Ausbildungsplätze, um der großen Nachfrage nach Ausbildungsstellen gerecht zu werden, so mangelt es inzwischen an Bewerberinnen und Bewerbern. Der Ausbildungsmarkt hat sich zum Bewerbermarkt gewandelt: Im Jahr 2021 meldete die Agentur für Arbeit in Ostwestfalen zum ersten Mal mehr unbesetzte Ausbildungsstellen als unvermittelte Bewerberinnen und Bewerber. Durch das Ausscheiden der Baby-Boomer, die große Lücken in den Unternehmen hinterlassen, ergeben sich gerade für Jugendliche attraktive Startchancen für eine vielversprechende Karriere.
Für die Unternehmen ist die eigene Ausbildung eine Investition in die Zukunft und gegen den Fachkräftemangel. Ausbildungsbetriebe sind deshalb essenziell für die wirtschaftliche Entwicklung. Aktuell bilden 4.436 Betriebe im Bezirk der IHK Ostwestfalen aus.
Dass sich die vielfältigen IHK-Aktivitäten zur Unterstützung von Firmen und Jugendlichen lohnen, zeigt sich an der aktuellen Entwicklung: Seit der Corona-Pandemie 2021 steigt die Anzahl der neu eingetragenen Ausbildungsverhältnisse in Ostwestfalen wieder sukzessive an. Die Region ist mit einem Plus von 5,5 Prozent an neuen IHK-Ausbildungsverträgen im Vergleich zum Vorjahr in das laufende Ausbildungsjahr 2023/24 gestartet. Das Wachstum ist zuletzt vor allem in den gewerblich-technischen Ausbildungsberufen generiert worden.
VON DER LIBERALISIERUNG DER ENERGIEMÄRKTE ZUR ENERGIEWENDE
Widersprüchlich ist die Energiepolitik in vielen Bereichen bis heute geblieben. Der Wandel der Themen begleitete auch die IHK. Nach sinkenden Energiekosten als Folge der Liberalisierung ging es sehr schnell wieder um „Energie- und Kosteneffizienz“ – so der Titel des 1. Energieforums OWL, das die IHK Ostwestfalen und die IHK Lippe zu Detmold 2002 gemeinsam organisiert hatten. Das Thema Energie- und Ressourceneffizienz stand über viele Jahre im Fokus und ist bis heute wichtiger Bestandteil der IHK-Arbeit.
ENORMER AUSBAU DER ERNEUERBAREN ENERGIEN
Das EEG und sein Vorgänger, das Stromeinspeisungsgesetz, waren aber auch der Auftakt eines enormen Ausbaus der Erneuerbaren Energien. Lag der Anteil der Erneuerbaren Energien am deutschen Primärenergieverbrauch 1998 noch bei lediglich 2,6 Prozent, stieg er Ende 2022 auf 17,2 Prozent an. In der Bruttostromerzeugung erreicht der Anteil der Erneuerbaren auf Monatsbasis mittlerweile teilweise mehr als 50 Prozent. Auch in Ostwestfalen hat sich das Bild im wahrsten Sinne des Wortes verändert. Als erster Landkreis in Nordrhein-Westfalen ist es dem Kreis Paderborn 2018 gelungen, seinen gesamten Strombedarf „bilanziell“ ausschließlich durch Erneuerbare Energien zu decken. Mittlerweile ist der Ökostromanteil dort auf rund 150 Prozent angestiegen. In Ostwestfalen drehen sich insgesamt 856 Windenergieanlagen mit einer installierten Gesamtleistung von etwa 1.554 Megawatt (Stand: 1. Januar 2023, Quelle: Windenergiekataster Bezirksregierung Detmold). Damit steht fast jedes vierte Windrad in Nordrhein-Westfalen in Ostwestfalen. Der Kreis Paderborn trägt hiervon sowohl bei der Zahl der Anlagen als auch bei der installierten Leistung den Löwenanteil, wie man eindrucksvoll zum Beispiel entlang der A44 erkennen kann. Aber damit sind weder die Bundes- noch die Landesziele erreicht.
THEMEN DER ZEIT:
ENERGIEEFFIZIENZ UND EIGENERZEUGUNG
Bis zum Jahr 2032 muss Nordrhein-Westfalen 1,8 Prozent der Landesfläche (61.402 Hektar) für Windenergie ausweisen. Um die Vorgaben des Bundes zu erfüllen, soll Ostwestfalen-Lippe 13.888 Hektar für Windenergie zur Verfügung stellen. Abzüglich der bereits für die Windkraft genutzten Fläche, werden hierfür zusätzliche 4.500 Hektar gefunden werden müssen. Auch aus Sicht der Wirtschaft ist der Ausbau der Erneuerbaren Energien wichtig; deshalb setzt sich die IHK immer wieder für Beschleunigungen bei Planungs- und Genehmigungsverfahren ein. Wünschenswert wäre, dass die Rahmenbedingungen für Eigenversorgung und Direktstrombelieferungen weiter verbessert werden.
ENERGIEKRISE LÖST UMDENKEN AUS
War das Thema Energie über die vergangenen Jahre technisch und rechtlich immer schon komplex, brach mit dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine im Februar 2022 für die Bundesrepublik Deutschland eine bis dahin beispiellose Energiekrise aus. Gasspeicherstände wurden zum neuen Gesprächsthema. Und die Energiepreise kannten nur eine Richtung: steil nach oben. Die Politik reagierte schnell: mit der Genehmigung und Eröffnung von LNG-Terminals, einer kurzen Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke, dem Hochfahren von Kohlekraftwerken, mit Verordnungen zur Energieeinsparung und direkten Markteingriffen durch Strom- und Gaspreisbremsen. Dank zudem milder Witterung blieb die Versorgungslage über den Winter 2022/23 unkritisch.
Die Energiekrise hat aber den Blick auf die zukünftige Energieversorgung Deutschlands geschärft. Die Energieversorgung ist zu einer Achillesferse des Standorts Deutschland geworden, insbesondere energieintensive Industrien haben ihre Produktion in Deutschland heruntergefahren, Investitionen verlagern sich in andere Regionen der Welt. Die IHK wird sich auch in Zukunft weiter für die Senkung von Steuern, Abgaben und Umlagen im Energiebereich starkmachen, um die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu erhalten.
EINE REGION VERÄNDERT IHR GESICHT
Wie werden die Wirtschaftsflächen in Zukunft aussehen? Schon heute unterscheiden sich Gewerbe- und Industriegebiete von denen Ende des vorigen Jahrhunderts, denn sie bieten einen anderen Anblick – der Trend zur ökologisch orientierten Gestaltung von Gewerbestandorten wird weiter wachsen.
Einige der wesentlichsten Änderungen spielen sich im Untergrund ab: eine leistungsfähige Breitbandinfrastruktur oder eine verlässliche und wirtschaftliche Energieversorgung. Außerdem werden Industriebrachen zunehmend aufbereitet und wiedergenutzt.
In den kommenden Jahren werden Industrieflächen noch viel stärker als bisher auf die Betriebe vor Ort zugeschnitten werden müssen. Der Bau von Industrieimmobilien tendiert zu platzsparender, mehrstöckiger, modularer Bauweise mit möglichst flexibler Nutzung. Die Energieerzeugung erfährt aktuell und bundesweit eine Transformation weg von fossilen Brennstoffen und Atomstrom hin zu regenerativen Energien. Für Gewerbestandorte bedeutet dies, dass Energie künftig am besten direkt vor Ort produziert und verbraucht wird. Das betrifft vor allem Wind und Sonne. Besonders Photovoltaik nimmt auf Gebäudedächern deutlich zu und ist in NRW bereits für Neu- und Umbauten sowie neue Parkflächen vorgeschrieben.
INTERKOMMUNALE ZUSAMMENARBEIT
Seit einigen Jahren tun sich auch in Ostwestfalen immer öfter zwei oder mehr Kommunen zusammen und gründen – in verschiedenen Organisationsformen – sogenannte „Interkommunale Gewerbegebiete“. Die interkommunale Kooperation stellt eine nachhaltige Möglichkeit dar, besonders dringend benötigte Industrieflächen zu sichern und zu entwickeln.
Insbesondere in einer Region mit vielen Grund- und Mittelzentren wie Ostwestfalen können Unternehmen und kommunale Verwaltungen von Synergieeffekten profitieren. Unternehmen wollen verkehrsgünstige Standorte, berechenbare Kosten und wenig Bürokratie mit kurzen Entscheidungswegen. Beispiele sind die GewerbePark OWL GmbH mit Beteiligung von Herford, Bad Salzuflen und Bielefeld sowie der Ravennapark unter Ägide der Stadt Halle mit Beteiligung von Gütersloh und Werther. Bei beiden war die IHK involviert, als es um die bessere Anbindung beim öffentlichen Personennahverkehr und von Mobilstationen ging.
VOM STARTBLOCK BIS ZUR STAFFELÜBERGABE
Von der Gründung bis hin zu Wachstum, Sicherung oder der Nachfolge – Unternehmerinnen und Unternehmer durchlaufen verschiedene Phasen. Maßgeblich beeinflusst werden diese durch konjunkturelle Entwicklungen sowie Megatrends, darunter der demografische Wandel und die Digitalisierung. In den zurückliegenden 25 Jahren hat die IHK ihr Serviceangebot im Bereich Gründung und Unternehmensförderung stets angepasst und erweitert, um die Erfolgschancen von Unternehmensgründungen zu erhöhen und bereits bestehende Unternehmen bei der Bewältigung der jeweiligen Herausforderungen zu unterstützen.
Jedes erfolgreiche Unternehmen in Ostwestfalen wurde irgendwann einmal gegründet. Gründerinnen und Gründer sind also wichtige Impulsgeber für die Region. Aus innovativen und kreativen Geschäftsideen können zukunftsfähige Unternehmen mit neuen Arbeitsplätzen entstehen. Sie zu fördern, ist deshalb traditionell eine Kernaufgabe der IHK.
Dabei können Gründerinnen und Gründer von einer Vielzahl kostenloser Unterstützungsangebote profitieren – und das von Beginn der Planung an bis zum Start in die Selbstständigkeit und auch in der Zeit danach. Im Mittelpunkt des IHK-Gründungsservices stehen die persönlichen Gespräche mit IHK-Gründungsberaterinnen und -beratern. Allein im Jahr 2022 haben mehr als 800 Gründungsinteressierte diesen Service in Anspruch genommen.
IHK-GRÜNDUNGSSERVICE WIRD ZUM STARTERCENTER NRW
Im Jahr 2007 wurde der IHK erstmals das Zertifikat „Startercenter NRW“ verliehen. Das Gütesiegel des Landes steht für ein umfassendes, qualifiziertes und kostenfreies Unterstützungsangebot für Gründerinnen und Gründer. In den Folgejahren konnte in regelmäßigen Überprüfungen die Erfüllung der hohen Qualitätsstandards bestätigt werden, so auch 2023. Grundlage hierfür ist die kontinuierliche inhaltliche Weiterentwicklung und Erweiterung des IHK-Gründungsservices über den gesamten Zeitraum hinweg. So wurde beispielsweise aus den „Ostwestfälischen Gründungstagen“ das inhaltlich optimierte Format „get UP! Gründen in Ostwestfalen“. Veranstaltungen zu aktuellen Themen wie Crowdfunding oder Social Media Marketing runden das Informationsangebot ab. Seit der Corona-Pandemie haben sich ergänzend Onlineformate etabliert.
GENERATIONENWECHSEL BLEIBT EINE HERAUSFORDERUNG
Bereits vor 25 Jahren war der Generationenwechsel in den Unternehmen ein bedeutsames Thema. 1999 hat die IHK erstmalig die Regelung der Unternehmensnachfolge in einem Veranstaltungsformat mit dem Titel „Zukunft sichern – Nachfolge regeln!“ thematisiert. Mit weit mehr als 400 Anmeldungen war die Resonanz überwältigend.
Durch den demografischen Wandel hat die Relevanz der Staffelübergabe in den Betrieben weiter zugenommen. Und auch in den kommenden Jahren wird sich dieser Trend fortsetzen, denn die sogenannten Baby-Boomer gehen vermehrt in den Ruhestand. Dass dieser Generationenwechsel von beachtlichem Ausmaß erfolgreich gestaltet wird, ist für die Betroffenen selbst und für die Wirtschaft insgesamt von großer Bedeutung. Die IHK unterstützt in ostwestfälischen Betrieben und hat deshalb ihren Nachfolgeservice kontinuierlich ausgebaut.
Die IHK-Nachfolgesprechtage, 2006 eingeführt, sind ein wichtiges Instrument, ebenso wie der 2023 gestartete „IHK-Nachfolgepool NRW“. Mit Veranstaltungen wie zum Beispiel „Früher an später denken!“ im Jahr 2022 sensibilisiert die IHK dafür, die Nachfolgeregelung rechtzeitig anzugehen. Denn für eine erfolgreiche Fortführung innerhalb der Familie oder für einen geglückten Unternehmensverkauf müssen wichtige Weichen frühzeitig gestellt werden.
WIE SICH MOBILITÄT UND VERKEHR WANDELN
Grundlage der Verkehrswende ist eine veränderte Verkehrsplanung, vor allem beim Aus- und Neubau von Straßen. Ausreichend Platz für Fuß- und Radwege zu schaffen, hat dabei Priorität. Der motorisierte Individualverkehr ist nicht mehr das Maß aller Dinge. Der Wegfall von Fahrspuren zugunsten des „Umweltverbundes“ – also des Fuß- und Radverkehrs und des öffentlichen Personennahverkehrs – ist vielfach das sichtbare Ergebnis in immer mehr Städten.
Besonders in den Zentren konkurrieren heute alle Verkehrsarten um den vorhandenen Straßenraum. Eine Aufteilung zu finden, die allen gerecht wird, ist herausfordernd. Ein Beispiel für den aktuellen Trend ist der Jahnplatz in Bielefeld: Die Stadt überplante den kompletten Platz, schlug eine von zwei Spuren in jeder Richtung dem Umweltverbund zu und entzerrte die Bushaltestellen. Auch Fuß- und Radverkehr wurden neu geordnet.
EINSATZ FÜR INFRASTRUKTUR BLEIBT WICHTIG
Deutschland ist in Sachen Infrastruktur viele Jahre buchstäblich auf Verschleiß gefahren. Die Folgen machen sich nun auch in Ostwestfalen in Form von Baustellen und Brückensperrungen bemerkbar. Die IHK wird nicht müde zu betonen, wie wichtig die Anbindung der ostwestfälischen Wirtschaft ist – von benachbarten Regionen bis hin zum Weltmarkt.
Auch, und insbesondere, weil die Mobilität von Gütern und Menschen zurzeit im Wandel begriffen ist, gilt es unbedingt, die Leistungsfähigkeit aller Verkehrsträger zu erhalten und zielgerichtet auszubauen. Besonders wichtig ist dabei, die Verkehrswende mit Augenmaß umzusetzen und die Bedeutung des Wirtschaftsverkehrs anzuerkennen, verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen und die Erreichbarkeit der Unternehmensstandorte sicherzustellen.
HANDEL HEUTE: VIELFÄLTIG UND ERLEBNISORIENTIERT
Lebendige Zentren und Innenstädte sind wichtig – für die Region und für die Menschen, die dort leben und arbeiten. Die 54 Städte und Gemeinden Ostwestfalens bieten ein attraktives Spektrum: kulturelle Vielfalt, touristische Besonderheiten und wirtschaftliche Stärke. Je nach deren Größe und Bedeutung gilt es, die bestehende Einzelhandelsstruktur zu erhalten. Vor allem im Hinblick auf den ländlich geprägten Raum in Ostwestfalen. Die Kooperation zwischen Innenstadtakteuren, Immobilienbesitzern, Politik und Verwaltung ist unerlässlich. Städteplanerische Entscheidungen sind genau abzuwägen.
Der Handel in Ostwestfalen hat in den vergangenen Jahrzehnten einen außergewöhnlichen strukturellen Wandel vollzogen. Die Verkehrs- und Klimawende, der Online-Handel, die Digitalisierung oder die Corona-Pandemie mit kompletten Schließungen in verschiedenen Handelsbereichen – all diese Themen haben die Branche geprägt, aber auch verändert.
Schon immer war der Handel einem Wandel unterworfen; das war und ist ein offenes Geheimnis. Dennoch hat ein Phänomen in den vergangenen 25 Jahren den Handel, speziell den stationären Einzelhandel, deutlich verändert – die Rede ist von der Entwicklung des E-Commerce. Lag der Umsatz durch E-Commerce im Jahr 1999 im „B2C“-Geschäft in Deutschland bei gerade einmal 1,1 Milliarden Euro, ist für das Jahr 2024 von einem durch den Onlinehandel geprägten Geschäft mit einem Umsatz von mehr als 90 Milliarden Euro zu rechnen.
Ein weiteres Megathema, das die Branche intensiv beschäftigt und auch zukünftig weiter beschäftigen wird, ist das Thema Stadtgestaltung mit mehr Grün und mehr Aufenthaltsqualität. In Zukunft wird sich der wirtschaftliche Erfolg einer Innenstadt zudem an der Art und Weise messen lassen müssen, wie problemlos diese mit den verschiedenen Verkehrsmitteln zu erreichen ist. Die verkehrliche Erreichbarkeit der Zentren, unter Berücksichtigung ökologischer Aspekte, ist hierfür von entscheidender Bedeutung.
Die Entwicklung des Einzelhandels in Ostwestfalen zeigt einen klaren Wandel vom traditionellen Einkaufszentrum hin zu einer vielfältigen, erlebnisorientierten Einzelhandelslandschaft. Die Kombination aus Handel, Gastronomie, Kultur und innovativen Konzepten trägt dazu bei, den Einzelhandel für die Zukunft zu stärken. Dieser Wandel wird sich voraussichtlich auch in den kommenden Jahren fortsetzen, den Einzelhandel aber deutlich facettenreicher machen. Viele Städte sind dabei, sich neu zu erfinden, und setzen dabei auf einen Mix aus Arbeiten, Wohnen und Freizeit.
INTERNATIONALISIERUNG TREIBER DES WACHSTUMS
Seit Gründung des EU-Binnenmarktes, der seit mittlerweile 30 Jahren besteht, zählt das internationale Geschäft zu den tragenden Säulen der Wirtschaftsstruktur im IHK-Bezirk Ostwestfalen – und ist Treiber der regionalen Konjunktur. In den vergangenen 25 Jahren haben sich die Inlands- und Auslandsumsätze immer weiter angenähert. Während die Unternehmen in Ostwestfalen ihre Auslandsumsätze seitdem vervierfachen konnten, sind die Inlandsumsätze in diesem Zeitraum vergleichsweise um die Hälfte gestiegen.
Durch einen besonders starken Industrie-Dienstleistungsverbund hängt jeder dritte Arbeitsplatz – sogar mehr als im Bundesdurchschnitt – in der Region direkt, indirekt und indiziert von grenzüberschreitenden Geschäften ab, so das Ergebnis der IHK-Studie und Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln Consult aus dem Jahr 2021.
Insbesondere der Mittelstand mit seiner hohen technologischen Innovationskraft sowie die Dienstleistungsbranchen als Vorlieferanten agieren mit Flexibilität immer erfolgreicher im globalen Geschäft.
INTERNATIONALISIERUNGSGRAD WEITER AUSBAUEN
Die Exportquote hat sich in Ostwestfalen, rückblickend betrachtet, nahezu verdoppelt; ein Kraftakt für unsere heimische und international engagierte Wirtschaft. Dennoch ist der Anteil im Vergleich zu Land und Bund immer noch unterdurchschnittlich und kann nur ein Anhaltspunkt für den regionalen Internationalisierungsgrad sein. Infrastrukturell muss Ostwestfalen nachbessern – hier besteht Handlungsbedarf.
Die Anziehungskraft für ausländische Investoren ist nach wie vor begrenzt, internationale Schulen fehlen ebenso wie ein gewachsener internationaler „Business Spirit“, um dringend benötigte ausländische Fachkräfte zu gewinnen. Internationaler Ausbildungsaustausch in beide Richtungen, Duales Studium, intensive Kooperation mit regionalen Hochschulen und Netzwerke sind frühzeitig zu fördern. Es gilt, Vorteile des hohen Industrialisierungsgrades als starke Basis für die ostwestfälische Exportwirtschaft zu nutzen – um auch zukünftig erfolgreich auf den Weltmärkten zu agieren.
UNTERNEHMEN AUF WELTMÄRKTEN BEGLEITEN
Das Auslandsgeschäft hat in den vergangenen 25 Jahren maßgeblich zum Erfolg der regionalen Wirtschaft beigetragen. Mit dem Start der „IHK-Exportoffensive Ostwestfalen“ im Jahr 2000 wurden eine Vielzahl regional konzertierter Initiativen und Aktivitäten gemeinsam mit den Mitgliedsunternehmen des IHK-Außenwirtschaftsausschusses umgesetzt. 2004 haben 600 mittelständische Unternehmen das regionale „Forum Ost-Initiative zur Erschließung neuer Märkte in den osteuropäischen EU-Beitrittsländern“ genutzt. Erfolgreich war auch der „IHK-Exportberatungsservice“. In den Jahren 2003 bis 2005 führten erfahrene, ehemalige Geschäftsführer ostwestfälischer Unternehmen 750 Orientierungsberatungen zum Einstieg in das Auslandsgeschäft durch.
Mit jährlich durchschnittlich 1.000 Teilnehmenden ist es gelungen, die „Internationale IHK-Begegnungswoche: Ostwestfalen meets …“, die 2002 ins Leben gerufen wurde, als Marke für Ostwestfalens Exportwirtschaft zu etablieren. Jährlich wird gemeinsam mit regionalen Playern über Auslandsmärkte in diversen Ländern informiert.
Highlight-Veranstaltungen der deutschen Kammerorganisation mit überregionaler Resonanz wie der „Deutsch-Chinesische Wirtschaftstag“, der „IHK NRW-Außenwirtschaftstag“ und der „Deutsch-Amerikanische Wirtschaftstag“ fanden mit insgesamt 1.600 Teilnehmenden in Bielefeld statt. Mit Blick auf die „China plus x Strategie“ steht aktuell die Neujustierung der Geschäftsmodelle in Asien auf der Agenda. Der „NRW-ASEAN Summit 2024“ in Bielefeld bot dazu gerade erst im April Informationen und neue Geschäftskontakte nach Südostasien. Das Ziel, mehr regionale Unternehmen für das internationale Geschäft zu sensibilisieren und auf ihren Wegen in die Weltmärkte zu unterstützen, bleibt eine bedeutende IHK-Aufgabe.
VOM MÜLLNOTSTAND ZUR IHK-KLIMAINITIATIVE
Versetzt man sich gedanklich zurück in die 1990er Jahre, ergibt sich für die Region Ostwestfalen in Bezug auf die damalige umweltpolitische Situation folgendes Bild: In der Müllverbrennungsanlage (MVA) Bielefeld ging nichts mehr. Sie war völlig überlastet, ein Entsorgungskollaps drohte. Ein ähnliches Bild bot sich auf den regionalen Deponien. Diese Entwicklung war die Initialzündung für die Gründung der Bielefelder Umweltinitiative. Engagierte Unternehmerinnen und Unternehmer schlossen sich zu einer Interessengemeinschaft zusammen und verhinderten so einen regionalen Entsorgungsnotstand. Durch ihr Engagement gelang es schnell, die an die MVA gelieferten Abfallmengen um 30 Prozent zu verringern – ein erster wichtiger Schritt zu mehr Umweltschutz in der Bielefelder Wirtschaft. Daraus entwickelten sich eine ganze Reihe weiterer betrieblicher Maßnahmen, die zum damaligen Zeitpunkt wegweisend waren. Die Unternehmen erstellten zunächst auf freiwilliger Basis Abfallbilanzen, um ihre Stoffströme und ihren Recyclinganteil zu ermitteln und fortlaufend zu verbessern. Später wurden derartige Bilanzierungen im nordrhein-westfälischen Abfallgesetz rechtlich bindend.
Noch viel weiter ging der eigens für die Mitglieder der Umweltinitiative erstellte „Umwelt-Kodex“. In zehn Grundsätzen und Zielsetzungen wurden verbindliche „Spielregeln“ formuliert, die alle Mitglieder darin unterstützen und motivieren sollten, zu einem ganzheitlichen Handeln im Sinne von umweltverbessernden Maßnahmen zu gelangen.
Dazu gehörten unter anderem das Einsetzen eines Umweltbeauftragten oder die Verpflichtung, die Umweltverträglichkeit der eigenen Produkte und Produktionsverfahren stetig zu verbessern.
Doch das war erst der Anfang. Der Grundstein für diese vorausschauenden betrieblichen Umweltmaßnahmen war zwar gelegt, konzentrierte sich zunächst aber nur auf Bielefeld. Mit Unterstützung der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen wurde die Idee der Umweltinitiativen auf den gesamten Kammerbezirk ausgerollt. In allen Kreisen Ostwestfalens entstanden weitere Umweltinitiativen der Wirtschaft.
IHK GRÜNDET EIGENE UMWELTSTIFTUNG
Für dieses über viele Jahre sehr erfolgreiche unternehmerische Engagement wurde den ostwestfälischen Umweltinitiativen der Wirtschaft für ihre herausragenden Umweltstandards sowie ihre Vorbildfunktion 1994 als einem von drei Preisträgern der renommierte „Deutsche Umweltpreis“ der Deutschen Bundesstiftung Osnabrück verliehen. Mit dem Preisgeld als Grundlage entstand ein Jahr später die von der IHK Ostwestfalen geführte Umweltstiftung der ostwestfälischen Wirtschaft, die bis heute zahlreiche regionale Umweltprojekte gefördert und hierfür knapp 300.000 Euro ausgeschüttet hat.
OWL-KLIMASCHUTZINITIATIVE INS LEBEN GERUFEN
Aktuell sind Maßnahmen im Kontext des nachhaltigen Wirtschaftens und insbesondere des Klimaschutzes stark gefragt. Nachhaltigkeit mit all ihren Facetten hat sich somit zu einem Megatrend herauskristallisiert. Wie hat die IHK darauf reagiert? Ein neues „Produkt“ ist die OWL-Klimainitiative „Gemeinsam klimaneutral 2030“. Im Jahr 2022 haben die beiden regionalen Industrie- und Handelskammern diese Initiative gegründet. Ziel ist es, die interessierten Unternehmen dabei zu unterstützen, bis zum Jahr 2030 klimaneutral zu werden.
OSTWESTFALEN IST NACH WIE VOR INDUSTRIELL GEPRÄGT
Wirtschaftsstark, nach wie vor industriell geprägt, Heimat vieler Weltmarktführer, eine hohe Dichte an familiengeführten Unternehmen, innovativ, robust und krisensicher – das sind Eckpunkte, die mit der Region Ostwestfalen verbunden werden. Das Platzen der „Dotcom-Blase“, die internationale Finanzkrise 2008/2009, die Corona-Pandemie 2020/2021 oder die jüngste Energiekrise, ausgelöst durch den Krieg Russlands gegen die Ukraine, zeichnen die Tiefpunkte im Konjunkturverlauf. Doch die ostwestfälische Wirtschaft hat es in den vergangenen 25 Jahren immer wieder geschafft, aus Krisen gestärkt hervorzugehen.
„Ostwestfalen – eine Region mit wachsender Bevölkerung“, so lautete noch 2005 eine Überschrift für das damalige Impulspapier der IHK Ostwestfalen. Grundlage für diese Aussage war eine Bevölkerungszunahme um 200.000 Einwohner seit dem Jahr 1980. Diese Entwicklung hat sich natürlich auch in Ostwestfalen nicht mehr in dem Maße fortgesetzt. Der demografische Wandel wirft seine Schatten auch über Ostwestfalen. 1.734.743 Menschen lebten Ende 2022 in Ostwestfalen - immerhin 3,2 Prozent mehr als vor 25 Jahren (1.683.757).
Trotz der insgesamt nur bescheidenen Bevölkerungszunahme in Ostwestfalen stieg die Zahl der Beschäftigten seit 1999 sehr deutlich an. Zum 30. Juni 2022 gab es in Ostwestfalen 756.849 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Das sind 29 Prozent mehr als 1999. Die Zahl der Beschäftigten mit ausländischer Staatsangehörigkeit hat sich mehr als verdoppelt: von 36.571 auf 88.201 Beschäftigte. Die Quote ist von 6,2 Prozent auf 11,7 Prozent gestiegen. Auch der Frauenanteil unter den Erwerbstätigen ist in den Jahren deutlich gewachsen: Aktuell sind 335.832 Frauen sozialversicherungspflichtig beschäftigt. 1999 waren es nur 243.422 Frauen. Ihr Anteil an allen Beschäftigten ist von 41,4 auf 44,4 Prozent gestiegen. Mit einer höheren Erwerbsbeteiligung der Frauen ist aber auch die Teilzeitquote angestiegen. 28,9 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten arbeiteten Mitte 2022 in Teilzeit. 1999 lag der Anteil der Teilzeitbeschäftigten noch bei 15,3 Prozent. Absolut ist die Zahl der Teilzeitbeschäftigten seit 1999 von 90.210 auf 218.797 (+143 Prozent) und die Zahl der Beschäftigten in Vollzeit von 490.846 auf 538.052 (+9,6 Prozent) gestiegen.
Die Wirtschaftskraft der Region, gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP), steigerte sich von 1999 bis 2021 um 70,8 Prozent auf 72,9 Milliarden Euro. Das BIP Ostwestfalens lag damit über dem der Bundesländer Thüringen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern sowie Bremen und Saarland zusammen. Insbesondere nach der internationalen Finanzkrise 2008/2009 entwickelte sich Ostwestfalen besser als der Landesdurchschnitt. Seit 2010 stieg in Ostwestfalen das BIP um 7,6 Prozentpunkte stärker als im Land NRW. Hierfür zeichnete besonders die Industrie verantwortlich. Die Bruttowertschöpfung des Verarbeitenden Gewerbes stieg von 2010 bis 2021 in Ostwestfalen erheblich stärker als im NRW-Schnitt. Die Bruttowertschöpfung der ostwestfälischen Industrie stieg seit 2010 um 38 Prozent, während die Wertschöpfung der Industrie auf Landesebene nur um 18 Prozent zulegen konnte. Dabei liegt der Anteil der Industrie an der gesamten Bruttowertschöpfung in Ostwestfalen (26,5 Prozent) auch deutlich höher als im Landesdurchschnitt (18,2 Prozent). Ostwestfalen ist also nach wie vor stark industriell geprägt, wie der Vergleich zu Land und Bund zeigt.



