Ostwestfälische Wirtschaft

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Titelthema

Auf alte Stärken besinnen

Die deutsche Wirtschaft steckt in einer Krise. Ob strukturelle Probleme, die wirtschaftspolitische Ausrichtung oder die in vielen Bereichen anstehende Transformation – all diese Themen werfen Fragen nach der wirtschaftlichen Perspektive auf. Auch die Unternehmen in Ostwestfalen blicken in eine unsichere Zukunft. Professor Gerald Willmann, Ökonom an der Universität in Bielefeld, nimmt Stellung und wagt einen Ausblick. Und rät zur Experimentierfreude.

Die deutsche und somit auch die ostwestfälische Wirtschaft steht derzeit vor enormen Herausforderungen. Das jahrzehntelang praktizierte Erfolgsmodell, technologisch führende Produkte in alle Länder dieser Welt zu exportieren, stößt plötzlich auf Hindernisse. Die Gründe dafür sind vielschichtig: die Corona-bedingte Abkehr davon, alles günstiger aus dem Ausland beziehen zu wollen, das geostrategisch problematische Verhältnis zum chinesischen Handelspartner, der aufgrund seiner imperialistischen Aggression sanktionierte Energielieferant Russland. 

Da scheinen normale ökonomische Widrigkeiten wie der in jüngster Zeit anti-inflationäre Kurs der Europäischen Zentralbank (EZB) oder die mögliche Wiederwahl eines Donald Trump kaum mehr der Rede wert.  Und die derzeitige Wirtschaftspolitik der Ampel leistet ebenfalls wenig planbare, konstruktive Unterstützung, wobei die der Klimakrise geschuldete Transformation hin zu Erneuerbarer Energie sicher eine zusätzliche Herausforderung darstellt.  Als schwacher Trost sei angemerkt, dass die Fokussierung auf Exporte – Stichwort Exportweltmeister – immer einseitig erschien, denn schließlich sind Exporte kein Selbstzweck, sondern dienen dazu, Importe zu bezahlen, und vielleicht (risikobehaftete) Auslandsvermögen anzusparen. Nur sind unsere Energieimporte in jüngster Zeit teurer geworden, und unsere Forderungen gegenüber Griechenland können wir getrost abschreiben.

Wie nun reagieren auf derart große, vielfältige Herausforderungen? Die Zuversicht und das Besinnen auf alte, bekannte Stärken ist sicherlich ein guter Ansatz. Unternehmen stehen seit den Frühzeiten der Industrialisierung für technologische Innovation und erstklassige Qualität. Dies gilt insbesondere auch für die vielen mittelgroßen Firmen aus Ostwestfalen, denen der Economist vor Jahren ein Feature gewidmet hat mit dem Titel "greetings from Bielefeld". Es gilt, diese Tugenden zu bewahren – technisch fortschrittliche und qualitativ hochwertige Produkte finden immer einen Markt, und bringen in der Regel einträgliche Margen. Ob in einem abgelegenen dänischen Ferienhaus, oder dem Wohnheimkeller einer amerikanischen Elite-Uni; da stehen sie, die Waschmaschinen eines bekannten Anbieters aus der Region Ostwestfalen. Nicht, weil sie besonders günstig wären. Dabei ist es nicht das Produkt alleine, das überzeugt. Auch der Service muss stimmen; die digitale Einbettung ebenso. Den chinesischen Luftreiniger in unserer Küche kann ich per Internet starten, unsere lokal produzierte Waschmaschine leider nicht – vielleicht weil sie bereits seit 20 Jahren verlässlich ihren Dienst tut.

Unternehmen brauchen zum Erfolg natürlich auch verlässliche und sinnvolle Rahmenbedingungen. Da hat die deutsche Politik durchaus eine Bringschuld. Wie man ohne überbordende Bürokratie vernünftig lebt und wirtschaftet, kann man sich in anderen Industrieländern abschauen. Die Umsetzung und Anwendung von nötigen Regeln geht um einiges effizienter. Man muss nicht immer nur von Digitalisierung reden, sondern sie einfach mal umsetzen, und am besten nicht mit jahrzehntelanger Verspätung. Ein besonders wichtiger Aspekt im Hinblick auf langfristig angelegte Investitionen ist die Verlässlichkeit und langfristige Perspektive von wirtschaftspolitischen Vorgaben.  Wie möchte man eigentlich die Transformation hin zu klimafreundlicheren Autos, Heizungen und Produktionsformen bewältigen, wenn man kurz mal übers Wochenende die Politik ändert. Da erwarten die Bürgerinnen und Bürger sowie Unternehmen zu Recht eine stetigere Hand.    

Unabhängig von der Politik sollten wir die internationale Orientierung unserer Geschäftsinteressen nicht zur Disposition stellen. Deutschland und insbesondere die Wirtschaft auch in Ostwestfalen hat sehr von der europäischen Integration im Rahmen der EU und von Handelsbeziehungen außerhalb Europas profitiert.  Das mag bei dem einen oder anderen Absatz- oder Herkunftsland in Zukunft schwieriger werden, beziehungsweise ethisch weniger erstrebenswert erscheinen, aber die generelle Ausrichtung auf den Weltmarkt und das Bestehen im globalen Wettbewerb bleibt der Goldstandard.

Nur wer dort erfolgreich ist, wird es auch im Heimatmarkt sein. Angesichts rückläufiger Bevölkerungszahlen – und in der Konsequenz bedeutet das Fachkräftemangel – brauchen wir eine pragmatische, von eigenen Interessen geleitete Einwanderungspolitik, wie sie von anderen Einwanderungsländern seit vielen Jahrzehnten praktiziert wird. Und auch in der lokalen Verwaltung und den Unternehmen vor Ort brauchen wir eine Willkommenskultur, die qualifizierte Einwanderer mit offenen Armen empfängt. Dazu gehört sicherlich auch eine großzügigere Verwendung der englischen Sprache, vielleicht sogar als Unternehmenssprache in kleineren Betrieben. Nur so werden wir weiterhin genügend Fachkräfte für die Entwicklung herausragender Produkte finden, und unserer umlagefinanziertes Rentensystem vor dem Kollaps bewahren können.

Insgesamt ist der Ausblick also nicht so trüb, wie er aufgrund der vielen derzeitigen Krisen zunächst scheinen mag. Man muss nur frohen Mutes und mit einer Prise Experimentierfreude nach Problemlösungen suchen – und mit Zuversicht unser aller Zukunft gestalten wollen.

     

ZUR PERSON

Gerald Willmann ist Inhaber des Lehrstuhls für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Bielefeld. Zu den Schwerpunkten des Professors zählen Handelspolitik, internationale Politikkooperationen und Handelsabkommen. Der 55-Jährige stammt gebürtig aus Bünde.

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