Titelthema
„Das Erlebnis steht im Vordergrund, nicht die Erholung“
INTERVIEW Burkhard Schmidt-Schönefeldt ist seit Februar dieses Jahres Vorstandsvorsitzender von Tourismus NRW e.V. Der Dachverband mit rund 70 Mitgliedern wurde 1997 auf Initiative des Wirtschaftsministeriums gegründet. Der ehemalige Gesellschafter von ruf Jugendreisen aus Bielefeld und Tourismusexperte über ein besonderes Bundesland, veränderte Urlaubsgewohnheiten und den Reiz des Entdeckens.
Herr Schmidt-Schönefeldt, seit einigen Monaten haben Sie das Amt des Vorstandsvorsitzenden von Tourismus NRW inne. Was hat Sie bewogen, dieses Ehrenamt anzunehmen?
Durch meine langjährige Tätigkeit bei ruf Jugendreisen bringe ich natürlich eine Affinität zu Tourismusthemen mit. Ich bin aktiv gefragt worden, ob ich für das Amt des Vorstandsvorsitzenden von Tourismus NRW kandidieren möchte, nachdem mein Vorgänger aufgrund eines beruflichen Wechsels ausgeschieden ist. Meine Amtszeit endet Ende 2025, dann findet turnusmäßig eine Neuwahl statt. Der Landesverband mit Sitz in Düsseldorf arbeitet daran, Nordrhein Westfalen als bedeutende Tourismusdestination zu positionieren und den Standort als Ganzes zu stärken. Die Vielfalt von NRW zu transportieren und dabei möglichst viele Menschen auf diese Reise mitzunehmen, ist eine Aufgabe, die mich reizt.
Bundesländer wie Bayern oder Schleswig- Holstein liegen in der Beliebtheits-Skala vor Nordrhein-Westfalen. Womit kann NRW punkten, und was macht für Sie den Reiz unseres Bundeslandes aus?
NRW ist ein ganz besonderes Bundesland, denn es liegt in der Mitte Deutschlands. Es gibt viele große Städte wie Köln oder Düsseldorf sowie das pulsierende Ruhrgebiet, daneben aber auch viele ländliche Regionen wie die Eifel, das Sauerland, das Münsterland und natürlich den Teutoburger Wald. All diese unterschiedlichen Interessen zu berücksichtigen, macht den Reiz — aber auch den Schwierigkeitsgrad — meines neuen Amtes aus. Für meine Amtszeit habe ich mir vorgenommen, alle zwölf Regionen zu besuchen und in den Austausch mit den örtlichen Akteuren zu kommen. Das ist eine große, aber auch sehr spannende Aufgabe, die ich als persönliche Bereicherung sehe. Noch stehe ich am Anfang und muss zugeben, dass ich einige Regionen noch nicht kenne. Ich freue mich sehr darauf, Neues zu entdecken.
Welche Ziele hat sich der Landesverband, der regionale und städtische Tourismusorganisationen, touristische Einrichtungen und Spartenverbände vereint, mit Ihnen an der Spitze gesteckt?
Wir müssen uns überlegen, was wir tun können, damit noch mehr Menschen Urlaub in NRW machen. Sonne, Strand und Meer können wir nicht bieten und damit keine klassischen Badeurlauberinnen und Badeurlauber bedienen. Aber es gibt hier für alle Zielgruppen — von Familien, Pärchen, Senioren bis hin zu Kindern und Jugendlichen — vielfältige Möglichkeiten, seine Freizeit zu gestalten. Seien es Klassenfahrten, Städtetrips oder Wellness-Wochenenden. Auch für Geschäftsreisende ist NRW aufgrund seiner Flughäfen gut erreichbar und durch die zahlreichen Kongress- und Tagungsmöglichkeiten beliebt. Zudem macht das Deutschland-Ticket der Bahn Kurzreisen attraktiver, denn viele Menschen nutzen es, um Städte im eigenen Land zu entdecken.
Hallt der Corona-Effekt, das eigene Land zu erkunden, noch nach?
Generell wächst das Interesse am Reiseland Deutschland und auch NRW profitiert davon. Dem gegenüber steht aber auch der Nachholeffekt, die Reisen ins Ausland, die aufgrund von Corona verschoben werden mussten, nachzuholen. Um die klassischen Badeziele im Süden zu erreichen, wird die ‚Flug-Scham‘ ausgeblendet. Wir leben in krisenbehafteten Zeiten und die Menschen wollen es sich in ihrer Freizeit gut gehen lassen. Bei Reisen geht es darum, im Hier und Jetzt zu leben und da hat NRW eine Menge zu bieten.
Welchen Stellenwert nimmt das Thema Nachhaltigkeit im Bereich Tourismus ein?
Das Thema Nachhaltigkeit wird auch im Tourismus immer bedeutender. Der Teutoburger Wald Tourismus hat beispielsweise gerade das Projekt „Modellregion Nachhaltiger Tourismus“ (MoNaTour) gestartet und erhält dafür Fördermittel (siehe Seite 32). Das Projekt zielt darauf ab, den Teutoburger Wald als nachhaltiges Reiseziel zu zertifizieren — ein wichtiger Schlüssel für den touristischen Erfolg der Zukunft. In Sachen Nachhaltigkeit geht es um ökonomische, soziale und ökologische Fragen — was kostet die Reise, wie werden die Angestellten in Hotels und Restaurants bezahlt, wie umweltfreundlich ist die Unterkunft. Das sind Themen, die wir als Verband angehen müssen.
Welche anderen Megatrends spielen für den Tourismus eine Rolle?
Im Bereich des Tourismus wird es in den nächsten zehn bis 15 Jahren große Veränderungen geben. Der Klimawandel und damit einhergehende Probleme wie Hitzewellen im Ausland, machen hiesige Sehenswürdigkeiten attraktiver. Zudem hat sich das Reiseverhalten der Deutschen stark gewandelt, die durchschnittliche Urlaubsdauer ist gesunken. Heute steht oft das Erlebnis im Vordergrund und nicht so sehr die Erholung. Das Abschalten über einen längeren Zeitraum hinweg ist nicht mehr die Hauptmotivation, in den Urlaub zu fahren. Dem steht die ständige Erreichbarkeit durch die sozialen Medien im Wege. Für viele geht es auch um die Instagram-ability, es wird ein besonderes Reiseziel aufgesucht, um davon dann Fotos zu posten.
Auch die Digitalisierung und Fragen der Künstlichen Intelligenz spielen im Tourismus eine immer größere Rolle. Für Reisende müssen wir den ‚digitalen Zwilling‘ erschaffen, sie sollten mittels Smartphone oder Tablet alle wesentlichen Informationen finden, um ihren Urlaub zu gestalten. So muss der Landgasthof, den ich beim Wandern ansteuern möchte, im Netz erlebbar und anschließend auffindbar sein. Alle Informationen rund um Sehenswürdigkeiten müssen aktuell sein.
Hätten Sie einen Nationalpark in Ostwestfalen begrüßt?
Aus touristischer Sicht wäre eine Bewerbung sehr begrüßenswert gewesen. Die Eifel beispielsweise profitiert aus touristischer Sicht stark davon, als Nationalpark ausgewiesen zu sein.
Haben Sie einen persönlichen Lieblingsplatz in NRW oder in Ostwestfalen?
NRW bietet eine Vielfalt an Möglichkeiten — sei es die Zeche Zollverein in Essen, das Centro oder die Gasometer-Ausstellung in Oberhausen. Auch das Fußballmuseum in Dortmund finde ich sehr empfehlenswert. Diese sind nur ein paar Beispiele von ganz, ganz vielen. Ich bin gespannt, welche Orte ich im Laufe meiner Rundreise durch die Regionen in NRW noch für mich entdecken werde.
Silke Goller



