Titelthema
„Wir brauchen jeden einzelnen jungen Menschen“
INTERVIEW Dr. Svenja Ohlemann ist Bildungsforscherin und eine der beiden Keynote-Speakerinnen bei der „10. IHK-Fachtagung für Personalmanagement“. Von der Förderung nach dem Gießkannen-Prinzip hält sie nicht viel, von individueller umso mehr. Berufliche Entwicklung passiert nicht an einem Tag, lautet ihr Credo. Unternehmen rät sie, jungen Erwachsenen mehr zuzuhören.
Frau Ohlemann, „Catch me if you can – Azubi-Marketing neu gedacht!“ lautet der Titel der diesjährigen IHK-Fachtagung für Personalmanagement. Womit lassen sich potenzielle Azubis „fangen“?
Es kommt ganz darauf an (lacht). Wir haben keine homogene Gruppe vor uns, wenn wir von Azubis sprechen. Unternehmen müssen vielmehr verschiedene Individuen und deren Bedarfe sehen. Unter den Jugendlichen gibt es unterschiedliche Wünsche, beispielsweise nach sozialem Aufstieg, nach Sicherheit oder nach der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns. Somit sind junge Erwachsene über unterschiedliche Dinge zu ‚fangen‘: über das Thema persönliche Erfüllung, gesellschaftliches Engagement, Nachhaltigkeit oder eine Übernahmegarantie nach der Ausbildung.
Praktika sind nach wie vor die günstigste Marketingstrategie, um potenzielle Azubis kennenzulernen. Die Frage ‚Was möchte die Person und kann ich als Unternehmen das bieten?‘ muss ehrlich beantwortet werden.
Gibt es besondere Anforderungen je nach Branche oder auch nach Region?
Das ist ein schwieriges Thema, eine Patentlösung gibt es nicht. In Ballungsgebieten gibt es noch eine große Nachfrage bei Unternehmen, die potenzielle Auszubildenden-Dichte ist hoch. In ländlichen Regionen suchen die Unternehmen in der Regel händeringend. Dort spielen Themen wie Erreichbarkeit eine wichtige Rolle. Ausbildung im ländlichen Raum setzt auf beiden Seiten eine hohe Motivation voraus, für solche ‚Erschwernisse‘ eine Lösung zu finden. Aus wissenschaftlichen Studien wissen wir, dass Jugendliche im ländlichen Umfeld eher in ihre schulische Karriere investieren als in Ausbildung, je näher das Oberstufenzentrum zur bisherigen Schule liegt. Sie setzen auf vertraute Strukturen.
Die aktuelle Situation auf dem Azubi-Markt ist ein Bewerbermarkt – was bedeutet das für Unternehmen?
Unternehmen müssen heute beim Azubi-Marketing mehr und anderes leisten: Sie müssen zuhören und überlegter, zielgerichteter handeln. Sie müssen dafür sensibilisiert sein, dass sie nicht mit einer Schlüsselnachricht alle potenziellen Azubis erreichen. Wichtig sind ebenfalls Weiterbildungsmöglichkeiten. Unternehmen müssen Aufstiegsmöglichkeiten aufzeigen, dazu zählt auch die Umorientierung innerhalb der Firma. Mitarbeitende aus der Fertigung könnten sich fürs Marketing oder den Vertrieb qualifizieren – wer kennt schließlich das Produkt besser als derjenige, der es jahrelang produziert hat? ‚Sich verwirklichen‘ ist ein wichtiges Motiv für Mitarbeitende, um im Unternehmen zu bleiben.
Wechseln wir die Perspektive: Vor welchen Herausforderungen stehen junge Erwachsene heutzutage bei der Berufswahl?
Grundsätzlich stehen sie vor den gleichen Herausforderungen wie die Generationen vor ihnen. In den Zeiten der Pubertät und Post-Pubertät geht es um die Ablösung vom Elternhaus, um die Verortung in der Peer-Group, um den ersten Liebeskummer. Der Unterschied liegt in den Nachwirkungen der Pandemie, und zwar auf der individuellen und der Berufswahl-Ebene. Junge Erwachsene haben mehr mit Zweifeln und Ängsten zu tun, es fehlten in einer kritischen Phase die berufswahlorientierenden Aktivitäten.
Die heutigen multiplen Krisen, der Klimawandel, Kriege, wirken sich auf die Leichtigkeit bei Entscheidungen aus. Junge Erwachsene stehen vor der Aufgabe, aktuelle wirtschaftliche und gesellschaftliche Krisen mit den eigenen Zielen und Wünschen in Einklang zu bringen. Das ist unglaublich schwierig. Erfolgreiche nachschulische Übergänge passieren nicht von selbst. Das muss man immer wieder aufs Radar bringen.
Welche Rolle spielen Schule und das Elternhaus bei der zukünftigen Berufswahl?
Eltern bringen den notwendigen emotionalen Support in den Prozess ein: sie motivieren, trösten, stehen als Ansprechpartner bereit. Eltern sollten nicht bei der Berufswahl beraten, aber sie sollten die weiterführende Beratung sicherstellen, Türen öffnen, dabei helfen, den Info-Berg zur Berufswahl in kleine Stücke aufzuteilen.
Schulen sind der zentrale Dreh- und Angelpunkt, die berufliche Orientierung steht und fällt mit der Schule. Dort können junge Erwachsene über den eigenen Horizont hinaus Orientierung bei der Berufswahl bekommen, Interessen und Talente entdecken. Schulen können Kontakte zu Unternehmen herstellen.
Wie kann ein guter Übergang in den Beruf oder ins Studium gelingen?
Wichtig sind eine frühzeitige Begleitung und Kontakte in die Arbeitswelt. Jugendliche sollten sich ohne Druck für einen Beruf entscheiden können. Individuelle Unterstützung ist dabei sehr wichtig.
Mit welcher weiteren Entwicklung rechnen Sie in den kommenden fünf Jahren?
Der Fachkräftemangel wird sich noch massiv verstärken. Unternehmen müssen deshalb noch stärker ‚out-of-the-box‘ denken, um Fachkräfte zu gewinnen und zu halten. Die Babyboomer, die jetzt vor der Rente stehen, können noch so viel weitergeben. Warum Azubis nicht mit diesen erfahrenen Personen zusammenbringen, in einer Art ‚Buddy System‘? So bleibt Wissen erhalten und der Nachwuchs kommt schnell auf die eigenen Füße.
Als Gesellschaft und Wirtschaft können wir es uns nicht leisten, auch nur eine Person zu verlieren. Pro Jahrgang verlassen etwa sieben Prozent die Schule ohne Abschluss. Unternehmen müssen sich fragen, in welche Richtung sie Bewerberinnen und Bewerber entwickeln können, auch wenn beispielsweise die Rechtschreibung nicht perfekt ist oder noch Mathe-Nachhilfe benötigt wird. ‚Wenn die Motivation da ist, entwickeln wir‘, muss der Anspruch sein. Wir brauchen jeden einzelnen jungen Menschen.
Heiko Stoll



