Titelthema
„Wir stehen mit anderen Regionen im Wettbewerb um Menschen und Unternehmen“
INTERVIEW Heinz-Günter Koßmann, Regionalratsvorsitzender der Bezirksregierung Detmold, über die Chancen des Regionalplans, der 2023 fertiggestellt wurde. Dieser ermöglicht den Städten und Gemeinden eine gewisse Flexibilität in der Flächenentwicklung, denn Flächen sind rar. Der Experte sieht Kooperation und Zusammenarbeit als Schlüssel für eine zukunftsfähige und nachhaltige Regionalentwicklung.
Herr Koßmann, der neue Regionalplan für Ostwestfalen-Lippe ist jetzt gültig. Herrscht damit „Planungs-Ruhe“ für die kommenden 20 Jahre?
Ruhe kann in der Regionalplanung auch schnell als Stillstand gesehen werden. Das wird zum Glück mit Blick auf die dynamischen Entwicklungen in unserer Region und die sich derzeit vollziehenden grundlegenden gesellschaftlichen, ökonomischen und ökologischen Veränderungen sicher nicht eintreten. Trotz der im Regionalplan OWL angelegten Flexibilisierungsinstrumente wird es zukünftig darum gehen, Entwicklungen in der Region im Auge zu behalten und diesen Chancen zu bieten. Wir müssen uns regelmäßig fragen, ob wir noch auf dem richtigen Weg sind, um bei Bedarf frühzeitig nachsteuern zu können. Schon in diesem Jahr folgt das erste Änderungsverfahren zur Umsetzung der im Landesentwicklungsplan NRW angelegten Ausbauziele für die Windenergie. Der Regionalplan OWL mit den vom Regionalrat beschlossenen Leitlinien ist so angelegt, dass er auf dynamische Prozesse flexibel reagieren kann. Regelmäßige Überprüfungen und Anpassungen auf veränderte Rahmenbedingungen sind dort fest verankert.
Umgesetzt wird die Planung von den Städten und Gemeinden. Welchen Entwicklungsspielraum haben sie bei der Ausweisung von Gewerbe- oder Industrieflächen?
Der rechnerische Bedarf an neuen Wirtschaftsflächen wird im Regionalplan OWL für die Planungsregion mit rund 3.540 Hektar festgelegt. Erstmals erhalten die Kommunen Flexibilität bei der räumlichen Umsetzung ihrer Kontingente für Wirtschaftsflächen: Sie können aus den zeichnerisch festgelegten Gewerbe- und Industriebereichen (GIB) bedarfsgerecht auswählen. Die im Regionalplan OWL angelegte Entkopplung der Standort- und der Mengensteuerung war ein großer Wunsch der kommunalen Familie und der Wirtschaft. Neu ist auch die Differenzierung zwischen lokalen Flächenangeboten für GIB und regional bedeutsamen GIB, die in interkommunaler Zusammenarbeit zu entwickeln sind. Aber auch in den festgelegten Allgemeinen Siedlungsbereichen (ASB) sind gewerbliche Entwicklungen und Ansiedlungen möglich.
Aktuell wird viel über die Ansiedlung von Intel in Magdeburg berichtet. Wäre ein solcher Firmenstandort auf einer 400 Hektar großen Fläche auch in Ostwestfalen möglich?
Ein einzelner GIB in dieser Größenordnung ist im Regionalplan OWL nicht festgelegt. Dort sind gut geeignete Wirtschaftsstandorte mit bis zu 120 Hektar planerisch gesichert, das entspricht dem aktuellen Bedarf und den derzeit absehbaren Ansiedlungsinteressen der Wirtschaft. Ein GIB in der Größenordnung von 400 Hektar wäre zudem in unserer zum Teil dicht besiedelten Region nur sehr schwer raumverträglich zu verorten. Notwendig wäre dazu auch ein breiter regionaler Konsens. Zur Realisierung eines solchen Standortes ist dann ein Verfahren zur Änderung des Regionalplans OWL erforderlich.
Welches Entwicklungspotenzial für die Region sehen Sie in den kommenden 20 Jahren?
Der Regionalplan OWL gibt den raumplanerischen Rahmen für Wachstum und Entwicklung. In OWL liegen große Potenziale in den Bildungs- und Hochschulstandorten, in der Weiterentwicklung und Stärkung unserer zentralen Orte, aber auch und insbesondere in der grünen Infrastruktur. Das einzigartige Beieinander von Wohnen, Lehre, Arbeiten, Kultur, Erholung und Natur birgt für Arbeitgeber, neue Fachkräfte, Tourismus und Erholung enorme Perspektiven. Unsere Region gibt uns die Chance, Fachkräften ein einmaliges Lebensumfeld zu bieten, um so eine nachhaltige und starke Wirtschaft zu sichern und auszubauen.
Woran sollten die Planerinnen und Planer für den Regionalplan 2044 schon heute denken?
Mir ist es wichtig, dass wir gemeinsam die Entwicklungen in der Region im Auge behalten und bei Bedarf frühzeitig nachsteuern. Dazu haben wir mit dem Regionalplan OWL kluge Mechanismen und Instrumente geschaffen. Immer wichtiger werden sicher Nachhaltigkeitsaspekte wie Klimaschutz und Klimaanpassung. Im Regionalplan OWL haben wir zum Beispiel dem Hochwasserschutz und der Hochwasservorsorge besondere Beachtung geschenkt. Ein weiterer Punkt ist das Zusammendenken von Siedlungsentwicklung und Mobilität. Wir stehen mit anderen Regionen im Wettbewerb um Menschen und Unternehmen. Um hier weiter erfolgreich zu sein, müssen wir über alle Planungsebenen und Institutionen hinweg gut und eng zusammenarbeiten. Kooperation und Zusammenarbeit ist der Schlüssel für eine zukunftsfähige und nachhaltige Regionalentwicklung. An dem Ausbau und der Verstetigung der Zusammenarbeit in der Region sollten wir alle zusammen täglich arbeiten.
Heiko Stoll



