Ostwestfälische Wirtschaft

Herausgeberin
Industrie- und Handelskammer
Ostwestfalen zu Bielefeld

Verlag, Anzeigenvermarktung und Layout
durch amm GmbH & Co. KG



LogoEin Service der amm GmbH & Co. KG

Titelthema

Auszeit vom Alltag

Das Kulturangebot in der Region ist abwechslungsreich und bietet für jede Zielgruppe etwas. Eine Herausforderung für alle Beteiligten: Wie lässt sich Publikum gewinnen?

An einem Donnerstagnachmittag Ende November biegt auf der Stadtheider Straße in Bielefeld eine schwarze Limousine nach der anderen ab in Richtung Lokschuppen. Dort angekommen, steigt von Ski Aggu über Nico Santos bis Zoe Wees ein Celebrity nach dem anderen aus, schreitet den extra vorm Haupteingang der Location verlegten roten Teppich graziös entlang, gibt den zig TV-Sendern und sonstigen Medienvertretern Interview um Interview und lässt sich von den zahlreichen Fotografen in unzähligen Posen ablichten. Showtime in Bielefeld: Die Verleihung der „1LIVE Krone“, nach Aussage des ausrichtenden Westdeutschen Rundfunks Deutschlands größter Musikpreis, findet erstmals in Bielefeld statt.
Eine neue Großveranstaltung in Ostwestfalen-Lippe, die in ganz Deutschland große Beachtung fand und live im WDR-Fernsehen übertragen wurde. „Mehr als 1.000 Hotelzimmer wurden für die Veranstaltung allein in Bielefeld reserviert“, schätzt Bielefeld-Marketing-Chef Martin Knabenreich. Darüber hinaus sei neben dem Lokschuppen auch die Stadthalle Bielefeld für die „1LIVE Krone“ angemietet worden. Nach Bielefeld geholt werden konnte diese Großveranstaltung, die aufgrund der jungen Stars und Sternchen insbesondere Jugendliche und junge Menschen anspricht, weil der WDR nach der Bochumer Jahrhunderthalle als Austragungsort in den Vorjahren eine neue Location für die Preisverleihung gesucht habe. Davon habe Bielefeld Marketing vor geraumer Zeit in Gesprächen mit dem WDR erfahren, Kontakte zwischen Köln und Bielefeld hergestellt und als eine Art Vermittler fungiert. „Mit Erfolg“, freut sich Knabenreich.

BIELEFELD KANN ROTEN TEPPICH
Dass Bielefeld roten Teppich kann, hat die erfolgreiche Verleihung der „1LIVE Krone“, dem Musikpreis des WDR-Radioprogramms 1LIVE, somit eindrucksvoll bewiesen. Seit dem Jahr 2000 werden die „Kronen“ an Sängerinnen und Sänger in acht Kategorien vergeben. Stand bislang mit Oberhausen, Köln und Bochum das südwestliche NRW als Veranstaltungsort im Rampenlicht, erfolgte mit der Verleihung in Bielefeld, der 24. übrigens, mehr als ein Ortswechsel: „Mit dem neuen Standort und der neuen Location wurden insbesondere zwei Ziele verfolgt: Zum einen die Weiterentwicklung der Show, zum anderen sollte das Spotlight auf eine neue Region gelenkt werden. 1LIVE hat den Anspruch, ganz NRW — den gesamten Sektor, wie 1LIVE ihn nennt — zu bespielen. 1LIVE ist ein junges Programm, das sich ständig verändern muss und will“, begründet Luis Hartmann, Redakteur in der WDR-Kommunikation, das neue Konzept.
Etwa 660 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vom WDR und externen Dienstleistern waren an der Produktion beteiligt. Auch ostwestfälische Firmen trugen zum gelungenen Abend bei, wie die Bielefelder Unternehmen Fast4ward, Dr. Kurt Wolff GmbH & Co. KG, Dr. August Oetker Nahrungsmittel KG oder die Zeppelin Rental GmbH, die Zäune zur Verfügung stellte. Hinzu kamen MBG International Premium Brands GmbH aus Paderborn oder das Crew- und Künstler-Catering durch M&M Prime Catering GmbH aus Rheda-Wiedenbrück. Für den Sanitätsdienst wurde der Malteser Hilfsdienst e.V. — Stadtgliederung Bielefeld —, engagiert und die Brandsicherheitswachen wurden von der Feuerwehr der Stadt Bielefeld übernommen.
Die Frage nach den Kosten pariert der WDR elegant: „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns zu den Etats von Einzelproduktionen grundsätzlich nicht äußern.“
Ein wenig vage bleibt Hartmann ebenfalls bei der Frage, ob auch die 25. Verleihung in Bielefeld über die Bühne gehen wird: „Ob die 1LIVE Krone auch 2024 in Bielefeld stattfindet, können wir noch nicht sagen. Fest steht für uns nur: Bielefeld war ein herausragender Gastgeber, der Wechsel hat sich gelohnt. Die Show war intimer, clubbiger und moderner. Und auch von unserem Publikum haben wir viel Zuspruch erhalten.“

VON LEUCHTTÜRMEN UND LAGERFEUERN
Für Dr. Jana Duda gehören Leuchttürme und Lagerfeuer zusammen, zumindest im übertragenden Sinn: Die Leiterin des Kulturbüros der OstWestfalenLippe GmbH attestiert der Region einen guten Mix aus kulturellen Highlights, die in die Region hinein- und darüber hinausstrahlen, beispielsweise die Theater in Bielefeld, Gütersloh und Detmold, das Marta in Herford, die Musikhochschule in Detmold oder die Kunsthalle in Bielefeld. Hinzu kommen die „wärmenden Lagerfeuer“: Kulturangebote, die von Vereinen organisiert und getragen werden, die freie Theaterszene aber auch die touristischen Ziele, bei denen unter anderem ebenfalls historischer Kontext vermittelt werde. „Ich denke, dass es bei uns viele spannende kulturelle Angebote gibt, die nicht genügend wahrgenommen werden, denen die Sichtbarkeit fehlt. Nicht alle Kulturveranstalter haben ein großes Marketingbudget und können sich Großflächenplakate in der Region für die Bewerbung ihres Angebots leisten“, beschreibt sie das Dilemma, vor dem die regionale Kulturbranche steht. Mit einem digitalen Veranstaltungskalender, „OWL live“, solle diese Sichtbarkeit hergestellt werden. „Leider haben wir ordentlich mit den Tücken der Digitalisierung zu kämpfen und arbeiten noch an den ‚Kinderkrankheiten‘ der Software. Deswegen konnten wir noch nicht genug Werbung für dieses neuen Service für die Region machen, das holen wir aber in diesem Jahr nach. Über ‚OWL live‘ lassen sich buchstäblich tausende von Kulturveranstaltungen in der Region finden und selbst ich als Kulturexpertin bin von der Vielfalt des Angebots in der Region beeindruckt.“

PUBLIKUMSGEWINNUNG ALS HERAUSFORDERUNG
Duda, gebürtige Bielefelderin und nach beruflichen Stationen in Berlin und Münster seit 2019 bei der OWL GmbH tätig, widerspricht der Frage, ob es besondere Herausforderungen für Kulturschaffende in der Provinz im Vergleich zu Ballungszentren gebe. „Tatsächlich sind die Herausforderungen ähnlicher als gedacht. Die wichtigste ist die Frage der Publikumsgewinnung.“
Die typischen ostwestfälischen Kulturgänger beschreibt sie als „grauhaarig“ und zeigt dabei lachend auf ihren eigenen Schopf. Die Menschen aus Ostwestfalen würden oft als bodenständig, sparsam, heimatverbunden, naturliebend, ehrlich und zurückhaltend charakterisiert — „Und da ist auch sicherlich was dran.“ Kulturelle Veranstaltungen, die solch‘ einen Menschenschlag interessierten, hätten wahrscheinlich mit regionaler Geschichte und Bräuchen zu tun, hätten ein gutes „Preis-Leistungs-Verhältnis“, wären wahrscheinlich Outdoor-Veranstaltungen, können mit Familie und Freunden besucht werden und bezögen lokale Künstlerinnen und Künstler mit ein. „Spannend wird es, wenn sich Bodenständigkeit mit Innovationslust vermengt, und auch dafür ist die Region Ostwestfalen-Lippe ja bekannt. Deswegen würde ich sagen, dass ein typischer ostwestfälischer Kulturgast Lust auf eine Neuinterpretation des bereits Bekannten hat, dass er oder sie also Interesse an neuen Blickwinkeln auf unsere Welt hat“, charakterisiert die Leiterin des Kulturbüros OWL die potenzielle Kulturzielgruppe.
Allerdings habe sich während der Corona-Pandemie das Publikumsverhalten insgesamt verändert. Die Menschen blieben auch nach den Lockdowns öfter zuhause oder hätten sich ein anderes Freizeitverhalten angewöhnt: „Da fallen Museums-, Theater- oder Konzertbesuche öfter weg als vor der Pandemie. Diese ‚Publikumskrise‘ hat dazu geführt, dass intensiv über Publikumsgewinnung nachgedacht wird. Wie gehen wir mit der Überalterung des Publikums von klassischen Kulturangeboten um? Wie gewinnen wir junge Menschen als regelmäßiges Publikum? Wie schaffen wir Angebote für Menschen außerhalb der akademischen Gesellschaftsschicht? Müssen sich ‚Unterhaltung‘ und ‚Anspruch‘ automatisch ausschließen? Das ist viel Gesprächsstoff, der in den großen Städten als auch den kleineren Orten gleichermaßen relevant ist. Antworten werden nur durch Experimente gefunden — Experimente mit digitalen Angeboten, mit einer neuen Preisgestaltung, mit der Öffnung der Häuser für die Stadt- oder Dorfgesellschaften, beispielsweise durch Kooperationen mit Kulturorten und ehrenamtlichen Vereinen oder kulturaffinen Unternehmen.“

NEUE FORMEN DER BEGEGNUNG
Besondere Bedeutung komme in diesem Zusammenhang den sogenannten „Dritten Orten“ zu. Der Begriff des „Dritten Ortes“ geht auf den amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg zurück, der diesen Ende der 1990er Jahre prägte. Demnach sei der erste Ort das Zuhause, der zweite Ort der Arbeitsplatz und der dritte Ort ein (halb-)öffentlicher Raum, der im weitesten Sinne der Freizeitgestaltung zuzurechnen sei. Das NRW-Ministerium für Kultur- und Wissenschaft fördert die Einrichtung solcher „Dritten Orte“ und nennt zehn Punkte, die diese erfüllen müssen: ein physischer, auf Dauer angelegter Ort; gute Erreichbarkeit; niedrigschwelliger, barrierefreier Zugang; geeignete Öffnungszeiten; einladende Atmosphäre und Gestaltung; kulturelle Angebote, Vernetzung verschiedener Nutzungen; nachhaltige Verantwortungsstruktur; technische Grundausstattung; Beteiligungsprozess; Einbindung in die Stadt-/Dorf- beziehungsweise Regionalentwicklung. „Wichtig ist, dass es an solchen Orten keinen Konsumzwang gibt, da der Zugang sonst wieder sehr exkludierend ist. Bibliotheken haben das Konzept des ‚Dritten Ortes‘ schon sehr weit umgesetzt. Der ‚Kulturort Wilhalm‘ im ehemaligen Gasthof Wilhalm in Harsewinkel ist ein weiteres gutes Beispiel dafür, wie ein solches Konzept funktionieren kann“, sagt Duda. Auf der Website des von der Stadt betriebenen Wilhalms finden sich unter anderem Angebote der Volkshochschule, Konzertankündigungen oder die Möglichkeit, die Räume für eigene Veranstaltungen zu buchen. Für Duda zeigt sich an solchen Angeboten auch der Wandel „von der Hochkultur zur Soziokultur. Das Beharren auf einem exklusiven, westlichen Kulturkanon wird nicht mehr lange aufrechtzuerhalten sein.“
Für die Zukunft rechnet die Kulturexpertin damit, dass sich auch der Kulturbereich vermehrt mit Themen wie generativer künstlicher Intelligenz und den damit zusammenhängenden Copyrightfragen beschäftigen wird. Sicherlich werde der Klimawandel noch stärker als bisher zum Thema der Kunst werden.
Außerdem geht sie davon aus, dass es bald Empfehlungen für Honoraruntergrenzen für Kulturtätige durch das Land NRW geben wird, an die sich all jene Kulturveranstalter halten müssen, die ihre Projekte mit Mitteln des Landes gefördert bekommen. „Freiberufliche Künstlerinnen und Künstler gehören zu den am schlechtesten honorierten Berufsgruppen. Auch das hat die Corona-Pandemie erst sichtbar gemacht, als nämlich diese Berufsgruppe durch alle Corona-Hilfsprogramme gerutscht ist.“ Allerdings gebe es auch die Befürchtung, dass es im Zusammenhang mit Honoraruntergrenzen weniger Kulturveranstaltungen geben werde.
„Ich hoffe, dass zukünftig nicht zu sehr an den öffentlichen Kulturetats gekürzt wird. Denn gemeinwohlorientierte kulturelle Angebote sind insbesondere auf der regionalen Ebene eine der besten Präventionsmaßnahmen gegen Radikalisierungen jeglicher Art. Die Hauptsache ist, dass sich die Leute und deren unterschiedlichen Sichtweisen noch kennenlernen.“ Egal, ob am Leuchtturm oder am Lagerfeuer.

KULTUR FÜR ALLE
„Kino ist Kultur für alle.“ — Auf diese Aussage können sich Ursula Hofmann, Jens Köhring und Matthias Goßmann sofort einigen. Seit August 2023 sind die drei angestellte Geschäftsführerin und Geschäftsführer der beiden Bielefelder Arthouse-Kinos Lichtwerk und Kamera.
Wie zum Beweis türmen sich an einem Dezembervormittag Kinderjacken und Schulranzen im Foyer, wuseln Grundschulkinder durch das Kino. „Von den 50 Kindern, die heute da waren, waren 20 zum ersten Mal im Kino“, sagt Goßmann und freut sich, dass sie mit ihrem speziellen Angebot für Schulklassen auch solche Kinder erreichen, für die ein solcher Besuch nicht selbstverständlich ist.
Dabei kann sich das Angebot sehen lassen. Rund 300 verschiedene Filme zeigen sie in den beiden Kinos pro Jahr, etwa zwei bis drei Filmstarts pro Woche stehen auf dem Programm. Um Publikum gezielt ansprechen zu können, bieten die drei zusätzlich zum regulären Programm noch Besonderes an: unter anderem gemeinsam mit der Deutsch-Französischen Gesellschaft die Reihe „Cinéma Français“, aktuelle Dokumentarfilme oder unter der Rubrik „L.T.N.S — long time no see“ Filmklassiker, die schon länger nicht mehr über die Leinwand geflimmert sind.
Die Aussage von OWL Kulturbüroleiterin Dr. Jana Duda, dass sich das Freizeitverhalten durch die Corona-Pandemie verändert habe, trifft auch auf die Arthouse-Kinobetreiber zu. 2019 lösten noch 120.000 Gäste eine Eintrittskarte, „eine gute, komfortable Zahl“, betont Köhring. Den Umsatz beziffert er auf einen hohen sechsstelligen Euro-Betrag. Aktuell bewegten sie sich auf einem Niveau von etwas über 70 Prozent im Vergleich zu den Vor-Corona-Zahlen. Dabei handele es sich um ein branchenweites Phänomen. Von den Eintrittsgeldern würden 40 bis 50 Prozent an die Filmverleiher überwiesen, erläutert Köhring die Abrechnungsstruktur, die den meisten Kinogängern nicht bekannt sei.
Der Rückgang bei den Besucherzahlen ließe sich laut einer Analyse der „Arbeitsgemeinschaft Kino — Gilde deutscher Filmkunsttheater“, der Interessenvertretung der Arthouse-Kinos, übrigens nicht ausschließlich mit den Streaming-Anbietern erklären. „Filmfans konsumieren auf vielen Kanälen. Im Gegenteil, Streaming-Anbieter produzieren Filme extra fürs Kino. Sie veredeln damit ihre Produktion, da Kinofilme für höherwertige Qualität stehen“, ordnet Goßmann die Entwicklung ein. Ihr Ziel sei es, mindestens wieder die Besucherzahlen von 2019 zu erreichen.

IN EINE GESCHICHTE ENTFÜHREN LASSEN
Der Optimismus speist sich aus der steten Veränderung, die Kinos bislang schon durchlaufen haben. „Der Impuls kam immer von außen. Mit dem Fernsehen fiel die Nachrichtenfunktion weg, die Wochenschauen verschwanden aus dem Programm. Mit Aufkommen der VHS-Kassette wurden die Kinos modernisiert, die Leinwände wurden größer. Mit den Streaming-Anbietern zogen die Dolby-Surround-Effekte und noch bessere Leinwände in die Kinosäle ein. Beim Kino geht es nicht nur um ein reines Abspielen von Bild und Ton, sondern es bietet Raum, über den Film nachzudenken, sich auszutauschen, auszugehen. Sie können sich in eine Welt, in eine Geschichte entführen lassen, die sich jemand ausgedacht hat.“ Ein weiteres Plus: „Wir haben Programmfreiheit, wir können zeigen, was wir wollen. Dabei wollen wir niemanden erziehen, aber ein Angebot an vielfältigen Filmen zur Verfügung stellen“, sagt Goßmann. 2023 wurden die beiden Bielefelder Lichtspielhäuser mit dem Kinoprogrammpreis NRW der landeseigenen Film- und Medienstiftung ausgezeichnet. In der Region ging noch eine weitere Auszeichnung an das „Bambi & Löwenherz“-Kino in Gütersloh.
Film ist für Hofmann, Köhring und Goßmann „allgemeines Kulturgut“. Deshalb sind sie überzeugt, dass es Kino auch noch in 50 Jahren geben wird: „Es ist der Ort, an dem Geschichten gehört und gesehen werden, die erzählt werden müssen.“

NACHHOLBEDARF VORHANDEN
„Die Leute wollen wieder raus, sie wollen etwas nachholen, wieder etwas erleben. Wir waren vor Corona ein gesundes Unternehmen und sind es jetzt wieder“, sagt Olaf Stegmann, einer von drei Geschäftsführern der GOP Entertainment Group GmbH & CO. KG mit Sitz in Bielefeld. Sieben Varieté-Theater — Hannover, Essen, Bad Oeynhausen, Münster, München, Bremen und Bonn — bespielt das Familienunternehmen, ein Cateringangebot rundet das Portfolio ab. Knapp 700.000 Gäste besuchen die Shows pro Jahr, eine Quote von 95 Prozent im Vergleich zum Vor-Pandemiejahr 2019. Die Mitarbeitendenzahl beläuft sich auf etwa 950.
Infolge der Pandemie habe sich die Online-Buchungsquote noch einmal erhöht, sie liege bei 70 Prozent. Die übrigen 30 Prozent der Tickets würden telefonisch geordert oder persönlich in den Varieté-Theatern gekauft. Vor der Pandemie verteilten sich die Quoten genau andersherum. Verändert habe sich zudem der Buchungsvorlauf. 90 Tage bevor sich der Vorhang hebt, können Karten für die Programme und Shows erworben werden. Aktuell seien es im Schnitt 54 Tage. „Unser Fokus liegt ganz klar auf der Show, kombiniert mit einem hochwertigen Gastroangebot zu einem erschwinglichen Preis“, erläutert Stegmann das Erfolgsrezept. Die Auslastung der Häuser betrage über das gesamte Jahr etwa 85 Prozent.
„Wir haben unser Glück selber in der Hand. Wir verkaufen ein Produkt, das niemand braucht, aber viele gerne hätten. Wer schöne Stunden bei uns verlebt, kommt wieder. Deshalb haben wir auch keine Angst vor Digitalisierung und KI“, beantwortet der Diplom-Kaufmann die Frage nach möglichen Herausforderungen. Angesprochen auf Wachstums- oder Übernahmepläne beispielsweise im Cateringbereich sagt Stegmann, dass die Schwierigkeit bei neuen Standorten in fehlenden Fachkräften liege. „Für neue Standorte ist das fast noch wichtiger, als andere Parameter wie Kaufkraft oder Erreichbarkeit.“

FÖRDERUNGEN BÜNDELN
Der gebürtige Bielefelder, der schmunzelnd von sich sagt, dass „einem Ostwestfalen eine Arbeit in der Eventbranche nicht in die Wiege gelegt ist“, arbeitet seit 2002 für das GOP-Team, ab 2007 als Geschäftsführer. Die Verbindung von Gastronomie und Kunst reize ihn nach wie vor.
Neu für ihn ist seine Funktion im Beirat des Kulturbüros OWL. Auch hier unterstreicht der 58-Jährige, wie wichtig Kulturangebote für eine Region seien: sei es als Standortvorteil, um Fachkräfte anzulocken, oder auch, weil Gastronomie oder Hotellerie von Kultur-Besuchern profitierten. Und dennoch spricht er auch von einer „anderen Welt“. Wenn öffentliche Gelder bei Weitem nicht mehr ausreichten, alle Aufgaben zu erfüllen, beispielsweise für die Sanierung von Schulen und Infrastruktur, dann müsse auch im Kulturbereich geschaut werden, was noch finanzierbar sei. „Ich bin nicht gegen Fördergelder für eine gewisse Zeit. Ziel muss es aber sein, dass sich das Kulturangebot von öffentlichen Förderungen abnabelt.“ Stegmann schlägt vor, dass Kommunen und das Kulturbüro es privaten Spendern erleichtern sollten, sich zu engagieren. Sie könnten beispielsweise Möglichkeiten für Unternehmen aufzeigen, wie und wo solch ein Engagement stattfinden könne.
Eine weitere Frage, die Stegmann aufwirft, ist die, ob Förderung nach dem Gießkannenprinzip oder gebündelt erfolgen soll, um größere Projekte zu ermöglichen. „Wir strahlen noch nicht so intensiv gemeinsam“, sagt er mit Blick auf die Region und lässt Sympathie für den zweiten Ansatz durchscheinen: „Warum soll es in zehn Jahren kein Künstlernachwuchsfestival geben, das über die Grenzen Ostwestfalens hinaus bekannt ist?“

 Jörg Deibert, Heiko Stoll

     

KONTAKT

Marco Rieso, Referatsleiter Handel und Dienstleistung, ist bei der IHK Ostwestfalen Ansprechpartner für die Kultur- und Kreativwirtschaft in der Region.

Zusätzlich leitet er den Arbeitskreis Kultur- und Kreativwirtschaft der DIHK in Berlin und ist stellvertretender Vorsitzender des Beirates des Kompetenzzentrums Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes.
Er ist bei der IHK erreichbar unter Tel.: 0521/554-197, oder per E-Mail: m.rieso@ostwestfalen.ihk.de

Das Netzwerk Kreativwirtschaft Ostwestfalen ist auch bei Facebook zu finden: www.facebook.com/kreativwirtschaft.ostwestfalen

Die aktuelle Ausgabe zum Durchblättern