Titelthema
Eine Herkulesaufgabe
Es klingt wie ein Schildbürgerstreich, ist aber Alltag: Laut Hygienevorschriften müssen Gastronomiebetriebe die Temperaturen ihrer Kühlschränke täglich per Hand in ein Formulareintragen und dieses ein Jahr lang aufbewahren. Und das selbst dann, wenn sie über ein automatisches und digitales Mess-System verfügen. Dieses Beispiel für Aufbewahrungs- und Dokumentationspflichten stammt aus einer Umfrage der beiden regionalen IHKs Ostwestfalen und Lippe sowie der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld zur Bürokratiebelastung regionaler Unternehmen.
Es ist ein Beispiel für den sprichwörtlichen roten Faden, der sich durch viele IHK-Umfragen und Statements zieht: Unternehmen leiden unter überbordender Bürokratie.
Im aktuellen Unternehmensbarometer der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK),an dem sich bundesweit rund 4.000 Unternehmen, davon 36 aus Ostwestfalen, beteiligt haben, gaben 95 Prozent der Befragten an, dass sie beim Thema „Bürokratieabbau“ den größtenund dringendsten Handlungsbedarf sehen. Auch die Blitzumfrage der IHK Ostwestfalen im Dezember, an der sich mehr als 850 Unternehmen beteiligten, zeigt: Ein „zu viel“ an Regeln, Verordnungen und Gesetzen verursacht Kosten und bindet insbesondere im Mittelstand Arbeitskraft.
„Bürokratie belastet die Unternehmen erheblich. Die Initiative der EU zum Abbau übermäßiger Berichts- und Offenlegungspflichten ist begrüßenswert, sie muss nun zügig und spürbar für die Unternehmen umgesetzt werden. Das gilt auch auf nationaler und kommunaler Ebene“, unterstrich IHK-Präsident Jörn Wahl-Schwentker bei der Vorstellung der aktuellen IHK-Konjunkturumfrage (siehe dazu auch Seite 34).
Ideen und Vorschläge, in welchen Bereichen und mit welchen Reformansätzen der Wirtschaftsstandort Deutschland wieder wettbewerbsfähiger werden kann, gibt es viele. Die wichtigsten im Überblick.
Weniger Bürokratie
Der „Draghi-Bericht zur Zukunft der Wettbewerbsfähigkeit der EU“ des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten und ehemaligen Präsidentender Europäischen Zentralbank Mario Draghi aus dem Jahr 2024 untermauert den Handlungsbedarf. Hat der US-Kongress von 2019 bis 2024 rund 3.500 Gesetze erlassen und rund 2.000 Resolutionen verabschiedet, hat die EU im selben Zeitraum 13.000 Rechtsakte erlassen. Der Nationale Kontrollrat schätzt die jährlichen Bürokratiekosten der Wirtschaft auf 67 Milliarden Euro und fordert, diese Kosten in vier Jahren um 25 Prozent zu senken.
In ihrem Papier „5-Power-Punkte für Wachstum — Damit Deutschland wieder ein Land wird, in dem Zukunft entsteht“ fordert die DIHK unter anderem, den im vierten Bürokratieentlastungsgesetz (BEG IV) eingeschlagenen Weg konsequent fortzusetzen. Als „Bürokratiebremse“ bezeichnet das Papier die „One-in-one-out“-Regelung, die reformiert und auch auf EU-Gesetzgebung angewendet werden soll. Zitiert wird in dem Papier das Bundesjustizministerium, nach dessen Angaben mehr als die Hälfte der Bürokratielasten auf EU-Gesetzgebung zurückgehen.
In den „Wirtschaftspolitischen Positionen der DIHK — Gute Interessenvertretung in Berlin und Brüssel“ wird unter anderem gefordert, dass „sowohl die deutsche als auch die europäische ‚one-in-one-out‘-Regelung (…) in eine ‚one-in-two-out‘-Regel weiterentwickelt werden (sollte)“. Anderenfalls bliebe es bei der gegenwärtig hohen Belastung, da bei der Anwendung der „one-in-one-out“-Regel lediglich einzelne Belastungen durch andere ersetzt würden. Wirklicher Bürokratieabbau setze voraus, dass mehr alte Regeln abgebaut werden als neue hinzukommen (siehe dazu auch das Interview auf Seite 32).
Ein Abbau von unnötiger Bürokratie umfasst unter anderem den Abbau doppelter und unverhältnismäßiger beziehungsweise nicht sinnvoller oder nicht notwendiger Berichts- und Informationspflichten, die vollständige Automatisierung von (statistischen) Meldepflichten und schnelle, verbindliche sowie digitale Verwaltungs- beziehungsweise Antragsverfahren, heißt es dazu weiter in den Wirtschaftspolitischen Positionen.
In der eingangs zitierten gemeinsamen Umfrage der beiden regionalen IHKs und der Handwerkskammer, an der sich rund 250 Betriebe beteiligt haben, kam heraus, dass bürokratische Anforderungen knapp 25 Prozent der betrieblichen Tätigkeiten beanspruchen. In der Gastronomie und der Lebensmittelproduktion lag der Wert sogar bei über 30 Prozent.
Als besonders belastend eingestuft worden sind Aufbewahrungs- und Dokumentationspflichten von 70 Prozent der Betriebe, die Datenschutzgrundverordnung (64 Prozent) und statistische Meldepflichten (53 Prozent). Auch die Vielfalt der Zuständigkeiten wird von mehr als jedem zweiten Betrieb beklagt. In der Gastronomie und Lebensmittelbranche liegen die durchschnittlichen Bürokratiekosten laut regionaler Umfrage pro Jahr bei rund 126.000 Euro, in der Metall- und Maschinenbaubranche bei circa 98.000 Euro. Das entspreche durchschnittlich rund zwei Vollzeitarbeitskräften, die sich nur mit der Bewältigung bürokratischer Anforderungen befassen. „Die Belastung durch Bürokratie zieht sich durch alle Unternehmensgrößen und die verschiedenen Branchen. Die Belastungspalette ist umfassend und reicht von A wie Arbeitszeitverwaltung bis Z wie Zollverfahren“, unterstreicht Petra Pigerl-Radtke, Hauptgeschäftsführerin der IHK Ostwestfalen.
Bezahlbare Energie
In Deutschland zahlen Unternehmen im Schnitt mehr als doppelt so viel für Strom wie ihre Wettbewerber in den USA oder China. Insbesondere für die chemische- oder die metallverarbeitende Industrie ist das ein großer Standortnachteil. Im IHK-Energiewende-Barometer geben 40 Prozent der Industrieunternehmen an, darüber nachzudenken, ihre Produktion ins Ausland zu verlagern.
Die DIHK schlägt vor, die Strompreise durch weniger staatliche Abgaben zu senken. So soll die Stromsteuer für alle Branchen auf das europäische Mindestmaß von 0,1 Cent pro Kilowattstunde heruntergesetzt werden. Momentan beträgt die Steuer in Deutschland noch 2,05 Cent pro Kilowattstunde. Netzentgelte könnten durch einen staatlichen Zuschuss deutlich verringert werden.
Damit die Energiewende in Deutschland gelingen kann, fordert die DIHK verlässliche und effiziente Rahmenbedingungen. Sie seien die Grundvoraussetzung, um notwendige Investitionen der Unternehmen in die Transformation schultern und Chancen ergreifen zu können. Der Transformationspfad zur Klimaneutralität biete auch nachhaltige Wachstumsperspektiven, weil die deutsche Wirtschaft eine technologische Vorreiterrolle auf weltweit wachsenden Märkten einnehmen kann. Es mangele auch nicht am Willen der Betriebe oder an Konzepten. Es fehle vielmehr das Vertrauen der Politik in die Effizienz des Marktes, und es fehle das Vertrauen der Unternehmen in die Steuerungsfähigkeit der Politik. Ein hohes Maß an Bürokratie bindet dringend benötigte Kapazitäten und Ressourcen für die praktische Umsetzung der Energiewende, heißt es dazu bei der DIHK. Sie sieht den marktwirtschaftlichen Wettbewerb als den „Schlüssel zum Gelingen der Energiewende“. Zentrales Steuerungsinstrument sollte dabei der CO₂-Preis sein, unter anderem kombiniert mit einer konsequenten Vereinfachung und Entschlackung des ordnungsrechtlichen Rahmens. In diesem Kontext seien steuerliche Transformationsanreize, wie beispielsweise Investitionsprämien, detailreichen und zugangsbeschränkten Förderungen vorzuziehen.
„Ohne eine deutliche Entlastung bei den Energiekosten ist die Abwanderung von Produktionsstätten ins Ausland nicht aufzuhalten. Günstigere Strompreise bieten zudem einen stärkeren Anreiz, von fossilen auf erneuerbare Energieträger zu wechseln, um betriebliche Klimaschutzkonzepteerfolgreich umzusetzen“, heißt es dazu in den „5-Power-Punkte für Wachstum“.
Fachkräftemangel bekämpfen
Zu den großen Herausforderungen für die deutsche Wirtschaft zählt trotz konjunktureller Schwächephase auch der Fachkräftemangel, von dem mittlerweile nahezu alle Branchen betroffen sind — von der Industrie über das Gastgewerbe bis zur Logistik. Fehlende Arbeitskräfte führen zu Einschränkungen bei Produktion, Dienstleistungen und Innovationen. Nach DIHK-Zahlen können 43 Prozent der Betriebe ihre offenen Stellen nicht besetzen. Zur Umsetzung der Energiewende werden bis zum Jahr 2030 mehr als eine halbe Million Fachkräfte benötigt — das sind 350.000 Personen mehr als aktuell in diesem Bereich arbeiten. Die Logistikbranche leidet nach eigenen Angaben unter einem Mangel an Berufskraftfahrern — es fehlen 120.000. Dies führe zu Lieferproblemen und steigenden Kosten. Gegengesteuert werden könne beispielsweise durch eine bessere Berufsorientierung. In Ostwestfalen unterstützt das Projekt „Kooperation IHK-Schule-Wirtschaft“ dabei, dass Schülerinnen und Schüler frühzeitig Einblicke in die Arbeitswelt bekommen. „Mit dem Projekt fördern wir die Zusammenarbeit weiterführender Schulen und ausbildender Unternehmen in Ostwestfalen, um eine stärkere Vernetzung der Partner zu erreichen. Derartige Kooperationen sind ein Gewinn für beide Seiten: Einerseits erhalten Schülerinnen und Schüler praxisnahe Einblicke in die Arbeitswelt des Partnerunternehmens, andererseits können die Partnerbetriebe frühzeitig potenzielle Nachwuchskräfte kennenlernen und dem Fachkräftemangel entgegenwirken“, erläutert Ute Horstkötter-Starke, Geschäftsführerin Berufliche Bildung bei der IHK Ostwestfalen, die Zielsetzung. Zudem will die IHK ihre Mitgliedsunternehmen dabei unterstützen, sich mit dem Schulalltag vertrauter zu machen und den Schulen die Wirtschaftswelt näherzubringen. Nicht zuletzt wegen des demografischen Wandels gebe es nach wie vor einen hohen Bedarf der Wirtschaft, Auszubildende einzustellen. „Deshalb vermitteln wir allen allgemeinbildenden Schulen in Ostwestfalen, sofern sie dies wünschen, einen Kooperationspartner“, erklärt Horstkötter-Starke. Seit 2002 sind inzwischen 274 Kooperationen in der Region zustande gekommen. Mit dem jährlichen „Azubi-Speed-Dating“ gebe es ein weiteres Veranstaltungsformat, bei dem sich potenzielle Auszubildende und Unternehmen kennenlernen können (www.ausbildungschance-owl.de).
Eine gut gesteuerte Arbeits- und Fachkräftezuwanderung trage ebenso zur Wettbewerbsfähigkeit bei, allerdings müsse die administrative Umsetzung des Zuwanderungsverfahrens schneller, transparenter und einfacher werden.
Auch Weiterbildung unterstütze dabei, dem Fachkräftemangel zu begegnen, indem Beschäftigte für neue Anforderungen qualifiziert werden.
Um insbesondere Mütter aus der Teilzeit-Beschäftigung zu holen, müssten Betreuungsangebote ausgebaut werden, um so Voraussetzungen für längere Arbeitszeiten zu geben.
Steuerentlastungen und Investitionsanreize
Steuerhöhe und Wettbewerbsfähigkeit sind ein weiteres „Themen-Tandem“, das viel über den Standort aussagt. Und dabei schneidet Deutschland schlecht ab, denn die Steuerbelastung hierzulande gehört mit rund 30 Prozent zu den höchsten weltweit. Im OECD-Durchschnitt liegt sie bei etwa 23 Prozent, in den EU-Staaten sind es sogar nur 21,1 Prozent. International tätige Unternehmen, die über mehrere Standorte verfügen, investieren aufgrund der besseren Bedingungen verstärkt im Ausland.
Der dringende Reformbedarf in Deutschland macht sich auch daran fest, dass die letzte größere Steuerreform 17 Jahre zurückliegt — sie datiert aus dem Jahr 2008.
Aus Sicht der DIHK muss die Unternehmenssteuer auf maximal 25 Prozent gesenkt werden. Dadurch wird Spielraum für Investitions- und Innovationsprojekte geschaffen. Mit der Abschaffung des Solidaritätszuschlags und verbesserten Abschreibungsbedingungen oder der Einführung von Investitionsprämien erhalten die Unternehmen darüber hinaus Anreize, hierzulande in Digitalisierung, Zukunftstechnologien oder Transformationsprozesse zu investieren.
Kontraproduktive kommunale Verpackungssteuer
Das Bundesverfassungsgericht hat die Zulässigkeit einer kommunalen Verpackungssteuer festgestellt. Dieser Beschluss veranlasst bundesweit Kommunen, die Einführung einer solchen Abgabe nach Tübinger Vorbild zu erwägen — ein kontraproduktives Signal für Bürokratieabbau und Entlastung der Betriebe. Auch in Ostwestfalen haben einige Städte bereits Interesse an der neuen Steuer signalisiert. Die IHK Ostwestfalen, der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband Ostwestfalen (Dehoga) sowie Unternehmen lehnen die Einführung einer Verpackungssteuer auf Einwegbecher, -verpackungen oder auch -besteck ab und setzen auf eigenständige umweltbewusste unternehmerische Entscheidungen.
IHK-Präsident Jörn Wahl-Schwentker betont: „Es ist richtig und wichtig, Abfall so gut es geht zu vermeiden und ordnungsgemäß zu entsorgen. Eine kommunale Verpackungssteuer ist dazu nach unserer Überzeugung aber ein ungeeignetes Instrument, das erhebliche wirtschaftliche und bürokratische Belastungen nach sich zieht, ohne den gewünschten Umwelteffekt sicherzustellen.“ IHK-Hauptgeschäftsführerin Petra Pigerl-Radtkeergänzt: „Wenn Politik es ernst damit meint, die Wirtschaft voranbringen zu wollen, verbieten sich zusätzliche bürokratische und finanzielle Belastungen. Schon jetzt ist überbordende Bürokratie eines der immer wieder von Unternehmen beklagten Themen.“
Regine Tönsing, Hauptgeschäftsführerin Dehoga Ostwestfalen, warnt vor weiteren Belastungen des Gastgewerbes: „Unsere Mitgliedsbetriebe können jetztschon sehr schwer vor ihren Gästen ihre Preise vertreten, um die hohen Preissteigerungen bei Lebensmitteln, Energie und Personal aufzufangen. Wenn nun noch die Kommunen zusätzlich eine regionale Steuer einführen und auch wieder neue Kosten in der Umsetzung für den Gastronomen hinzukommen, wird die Luft zum wirtschaftlichen Überleben immer dünner. Deshalb sollte auf Maßnahmen, die diesen Druck noch vergrößern, unbedingt verzichtet werden.“ Bestätigt wird dies von Ivo Klumpp, Betreiber mehrerer Gastronomiebetriebe in Bielefeld: „Die Einführung einer kommunalen Verpackungssteuer würde zahlreiche Unternehmen mehrfach benachteiligen und zu weiteren, nicht erklärbaren Preissteigerungen für unsere Gäste führen. Bereits jetzt muss die Gastronomie Lizenzentgelte gemäß dem Verpackungsgesetz entrichten und weitere Gebühren bedrohen dann die Existenzen dieser Betriebe.“
Auch Unternehmen der so genannten Vending-Branche, die Getränke- und Verpflegungsautomaten betreiben, sehen eine solche Abgabe äußerst kritisch. Andrea Visser, Geschäftsführerin des in OWL tätigen Unternehmens Bredehorst, gibt zu bedenken: „Die geplante Einführung einer kommunalen Verpackungssteuer würde nicht nur eine drastische finanzielle Belastung für die Betreiber von Verpflegungsautomaten darstellen, sondern gefährdet insbesondere auch eine kostengünstige und damit sozialverträgliche Versorgung von Mitarbeitenden in Betrieben mit Speisen und Getränken. Denn durch die Steuer wären nicht nur To-Go-Verpackungen in der Systemgastronomie betroffen, sondern auch die betriebliche Mitarbeiterversorgung durch Kantinen und Automaten. Und das, obwohl der Verzehr ausschließlich innerbetrieblich erfolgt. In den Betrieben würde die Steuer den Kaffeebecher oder die Salatschale deutlich verteuern und sich damit negativ auf diese wichtige Versorgungsform auswirken.“
Arndt Heiderich, Betreiber mehrerer McDonald's-Filialen in Ostwestfalen, verweist ebenfalls auf Negativeffekte: „Die Einführung einer solchen Steuer sorgt für eine weitere Verteuerung des Lebensalltags der Menschen. Bereits jetzt ist für viele Menschen das Außer-Haus-Essen zu einem schwierig finanzierbaren Luxus geworden. Weitere Preissteigerungen bedingt durch die kommunale Verpackungssteuer würden diese Situation noch verschlimmern.“
Nach Überzeugung von IHK und Dehoga wirkt sich eine Verpackungssteuer negativ auf eine Vielzahl gastronomischer Betriebe und weiterer Branchen aus. Diese litten bereits unter hohen Kosten, einer schwachen Konsumlaune und zu viel Bürokratie. Zudem drohe ein regionaler Flickenteppich, der auch Wettbewerbsverzerrungen begünstige. Statt auf eine kommunale Verpackungssteuer zu setzen, sollten bestehende gesetzliche Regelungen in Kombination mit einem Ausbau der Kreislaufwirtschaft und der Förderung umweltfreundlicher Technologien ökologische und ökonomische Ziele im Sinne der Nachhaltigkeit vereinen.
Schneller werden
Deutschland hat insgesamt einen hohen Nachholbedarf bei Investitionen in seine Infrastruktur. Private Investitionen und wirtschaftliche Aktivitäten werden dadurch zunehmend behindert, Planungs- und Genehmigungsverfahren und eine zu langsame Digitalisierung führen zu erheblichen Verzögerungen bei wichtigen Projekten. Die DIHK fordert, dass „die Ausnahme zur Regel“ gemacht wird. Für bestimmte Projekte — LNG, Windenergie und Solarpaket — wurden bereits Beschleunigungsgesetze beschlossen. Die darin vorgesehenen Fristverkürzungen und Stichtagsregelungen müssen Standard für alle Verfahren werden.
Netzwerke nutzen
Bei aller berechtigten Kritik an Bürokratie und hoher Regelungsdichte sollten die Stärken des Standorts nicht aus dem Blick geraten. So können die ostwestfälischen Unternehmen auf ein dichtes Netzwerk an Initiativen und Forschungskooperationen zurückgreifen: Die Netzwerke sichern die Zukunftsfähigkeit der Region. „Ostwestfalen-Lippe ist (…) ein Beispiel dafür, dass das Potenzial von Netzwerken erkannt und immer intensiver genutzt wird“, hieß es schon in der IAT-Studie „Die Netzwerkregion OWL“ der Initiative für Beschäftigung OWL e.V. aus dem Jahr 2007.
„Heute verfügt Ostwestfalen über eine Vielzahl etablierter Branchennetzwerke, eine vielseitige Hochschullandschaft, eine lebhafte Start-up-Szene und ist spätestens seit 2012 — mit der Gründung des Technologie-Netzwerks ‚it’s OWL‘ und dessen Auszeichnung im Spitzencluster-Wettbewerb — eine Region, die es in sich hat“, sagt Uwe Lück, der bei der IHK Ostwestfalen als Referatsleiter für Technologie und Innovation sowie als Hochschulbeauftragter die Region im Blick behält. So entwickeln beispielsweise im Technologienetzwerk „it's OWL“ rund 200 Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Organisationen Lösungen für die digitale und nachhaltige Transformation im Mittelstand.
Das Fraunhofer Institut für Entwurfstechnik Mechatronik (IEM) in Paderborn bereichert ebenso die Forschungslandschaft wie der Innovation Campus for Sustainable Solutions der HochschuleBielefeld im Themenfeld der Circular Economy. Mit der Gründung der Medizinischen Fakultät an der Universität Bielefeld eröffnen sich für Unternehmen aus der Medizintechnik neue Chancen. Aktivitäten zum Technologietransfer bündeln die beiden großen Bielefelder Hochschulen gemeinsam mit der Stadt und der IHK Ostwestfalen im „Bielefeld Research + Innovation Campus“. Und auch die Start-up-Szene in der Region wird von der IHK Ostwestfalen unterstützt.
Insbesondere Letztere kann von einer neuen Entwicklung profitieren — dem sich in Gründung befindenden ersten Venture Capital Fonds für Ostwestfalen.
Wettbewerbsvorteil Industrial AI
Dem Thema Wettbewerbsfähigkeit nähert sich Dominik Lohle aus einer anderen Perspektive — aus der Perspektive des Risikokapitalgebers mit einem speziellen Fokus auf Ostwestfalen. Gemeinsam mit Maximilian Derpa hat der Volkswirt, der seit knapp zehn Jahren in Start-ups investiert, den Venture-Capital-Fonds „May Ventures“ gegründet. „Unsere Zielregion ist Ostwestfalen-Lippe, das Münsterland, und der Raum Osnabrück. Hier gibt es gute, gründungsstarke Universitäten und eine entsprechende Inkubator- und Accelerator-Infrastruktur“, sagt Lohle, der in Osnabrück aufgewachsen ist und demnächst in Bielefeld lebt.
„Wir investieren in zukünftige Technologieführer in unserer Heimatregion. Damit fördern wir die Wettbewerbsfähigkeit der Region, indem wir mit dem Fonds eine wichtige Lücke in der Start-up-Infrastruktur schließen — die der Finanzierung.“ Für Start-ups sei es so attraktiver, in der Region zu gründen und auch zu bleiben, so Lohle. Kämen klassische Unternehmensgründer „gut mit einer Bank als Kapitalgeber zurecht“, benötigten Start-ups „einen größeren Anschub“. Sie müssten ihr Produkt noch entwickeln und produzieren zunächst nur Kosten, Lohle spricht vom „negativen Cashflow“. Ziel ist es, über fünf Jahre in etwa 25 bis 30 Start-ups zu investieren. Das Zielvolumen von May Ventures liege bei 40 bis 50 Millionen Euro. „Mit der relevanten Größe sind wir wettbewerbsfähig und können auch mit den größeren Fonds aus Berlin oder München mithalten und die Start-ups lange unterstützen“, sagt Lohle. „Für das First Closing sind wir bereits auf der Zielgeraden.“
Bislang konnten die beiden Fonds-Gründer schon regionale Banken als Kapitalgeber gewinnen. „Wir suchen jetzt vor allem noch weitere Unternehmerinnen und Unternehmen aus der Region. Damit haben wir ein attraktives Angebot für unsere Portfolio-Start-ups“, erläutert Lohle.
Als Investitionsschwerpunkte nennt er Künstliche Intelligenz, Industrieinnovation und den Bereich „für die Menschheit“. „Bei der Consumer-facing-AI, der endkundenorientierten Künstlichen Intelligenz, ist das Rennen bereits gelaufen. Dort ist der Kuchen zwischen den USA und China verteilt.“ Der Kompetenzvorsprung für Ostwestfalen liege im Bereich der Industrial-AI. „Damit können wir Automation auf das nächste Level bringen. Um im Bild zu bleiben: Hier ist der Kuchen noch im Ofen und wir wissen noch nicht, wie weit er aufgehen wird.“
Lohle ist davon überzeugt, dass jeder Markt der Zukunft über kurz oder lang durch KI verändert wird. „Unternehmen, die sich anpassen, KI als Chance und die strategische Ausrichtung als entscheidende Aufgabe des Managements sehen, werden wettbewerbsfähig bleiben.“ Start-ups übernehmen dabei eine wichtige Rolle. „Sie sind Problemlöser, gerade im B2B-Umfeld.“
Im ostwestfälische Kompetenzfeld der Automatisierungstechnik könne durch die Nutzung von Künstlicher Intelligenz „noch viel Potenzial gehoben werden“, ist Lohle überzeugt. Unter dem Punkt „für die Menschheit“ fassen Derpa und LohleIdeen zu den Bereichen demografischer Wandel und Klimawandel zusammen.
„Venture Capital Fonds gehen mit den Gründern eine Ehe auf Zeit ein. Diese ‚Ehe‘ endet mit dem Unternehmensverkauf.“ Oft würden Industrieunternehmen zugreifen, sie seien vom Produkt der Start-up-Gründer überzeugt, wollten die jungen Talente ins eigene Unternehmen einbinden oder das Know-how nicht der Konkurrenz überlassen. „Etablierte Unternehmen können so ihr Produktportfolio verjüngen.“ Lohle ist überzeugt, dass durch KI „eine riesige Welle auf uns zu kommt und wir diese Welle entweder surfen und davon profitieren oder sprichwörtlich von ihr erfasst werden, wenn wir uns darauf nicht einstellen“. Der 34-Jährige vergleicht die Umbrüche mit denen der industriellen Revolution. „Wir werden eine komplett andere Welt haben.“
Heiko Stoll



