Titelthema
„Musik ist die wichtigste Brücke für Toleranz“
INTERVIEW Sängerin CassMae baut eine musikalische Brücke zwischen Deutschland und Indien. Die aus Duisburg stammende Fusion-Pop-Sängerin ist auch schon vor Indiens Premierminister Modi aufgetreten. Aktuell studiert die 23-Jährige an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln.
CassMae, Ihre Musik vereint westliche und indische Klänge. Woher stammt Ihre Verbindung zur indischen Musik und wie wird diese Fusion in beiden Ländern wahrgenommen?
2017 erhielt ich ein Stipendium für das Summer-Performance-Program am Berklee College of Music in Boston, USA. Dort habe ich mich regelrecht „schockverliebt“ in indische Musik, denn dort entstanden gerade die Anfänge des indischen Ensembles, das mich sehr gefesselt hat. Seitdem habe ich versucht, die indische Musik immer mehr in mich aufzunehmen, unterschiedliche Sprachen zu entdecken und die Kultur und Spiritualität in meinen Alltag zu integrieren. Musik ist in Indien heilig und ein großer Teil der Kultur; ein wichtiger Teil, bei dem viele Traditionen noch genauso erhalten sind, wie sie über die Jahrhunderte praktiziert wurden. Deshalb finde ich es so spannend, diese uralten Sprachen und Musikstile mit modernem westlichem Pop zu mischen.
Sie sind sowohl in Deutschland als auch in Indien erfolgreich. Welche Unterschiede und Herausforderungen sehen Sie in der indischen Musikbranche im Vergleich zur deutschen?
Indien ist ein riesiges Land mit völlig unterschiedlichen Kulturen. Die nordindische Musikindustrie arbeitet ganz anders als die südindische. Der Fokus liegt hierbei immer noch sehr auf dem Filmgeschäft. Dies befindet sich aber im Wandel, da junge Leute zunehmend mehr Musik konsumieren wollen, als sich die Filme mit der Filmmusik anzuschauen.
Es gibt noch sehr große Lücken in Bezug auf das Musikrecht. Ich finde es sehr positiv, dass Indien daran arbeitet, diese Lücken zu schließen. Deutschland ist im Bereich Musikrecht viel weiter. Meiner Meinung nach wird aber sehr darauf geachtet, was ausschließlich für den deutschsprachigen Markt funktioniert. Kulturübergreifende Projekte sind selten kommerziell.
Die Veranstaltung „Ostwestfalen meets India“ bringt deutsche und indische Wirtschaftsakteure zusammen. Inwieweit kann Musik ein Katalysator für wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen zwischen beiden Ländern sein?
Kulturell ist Musik natürlich immer ein großer Gewinn, sie hat die Kraft, Kulturen zu verbinden, sie schafft Bewusstsein für unterschiedliche Kulturen, und sie weckt vor allem Neugierde. Ich finde, dass Musik die wichtigste Brücke für Toleranz darstellt. Je mehr Menschen in Deutschland über die indische Musik erfahren, desto offener und toleranter können sie sich darauf einlassen.
Wirtschaftlich ist es auch zunehmend interessant, weil mehr und mehr Leute weltweit reisen, um Konzerte und namhafte Festivals zu besuchen. In letzter Zeit sind vermehrt große westliche Künstler und Künstlerinnen, beispielsweise auch in Indien, vor einer stetig wachsenden Anzahl an Konzertbesuchern aufgetreten. Die spirituelle Musik wächst seit Jahren in den verschiedensten Communities weltweit.
Westliche Streamingportale spielen erst seit kurzem eine Rolle in Indien und wachsen nun dort auch, durch soziale Medien finden sich Künstler und Künstlerinnen aus beiden Kulturen und arbeiten zusammen an Projekten.
Sie setzen sich für Inklusion und persönliche Selbstbestimmung ein. Wie erleben Sie diese Themen in der Musikbranche in Deutschland und Indien, und welche Impulse können aus dem wirtschaftlichen Austausch beider Länder entstehen?
Inklusion ist ein Thema, worüber leider weltweit immer noch sehr wenig gesprochen wird. Auch hier kann man durch Musik Brücken bauen und Bewusstsein schaffen. Ich habe in beiden Ländern das Gefühl, dass man sich immer wieder hinterfragen muss, was eigentlich die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen sind, was sie von der Gesellschaft brauchen. Generell sehe ich auch, dass in Indien noch sehr viel aufgearbeitet werden muss, immer noch sehr viel Angst herrscht, über Behinderungen zu sprechen. Ich unterstütze den Austausch beider Nationen, über gemeinsame Projekte nachzudenken. Auch Künstler und Künstlerinnen mit Einschränkungen können zu Role Models werden, Familien motivieren, ihre Kinder zu fördern, sich mehr zuzutrauen und in die Öffentlichkeit zu treten.



