Titelthema
Markt mit Wachstumspotenzial
Indien gehört mit einem Wirtschaftswachstum von 6,5 Prozent zu den sich am dynamischsten entwickelnden Märkten überhaupt. Rund 1,4 Milliarden Einwohner, eine wachsende Mittelschicht, steigender Konsum – der Subkontinent als größte Demokratie der Welt bietet viele Möglichkeiten. Drei Beispiele, wie sich ostwestfälische Unternehmen auf dem indischen Markt behaupten.
NTT DATA Business Solutions
„Indien ist gerade auch im Lichte der aktuellen internationalen Verwerfungen ein überaus interessanter Markt mit spannenden Perspektiven für deutsche Unternehmen“, erklärt Norbert Rotter. Der Vorstandsvorsitzende des Bielefelder SAP-Dienstleisters NTT DATA Business Solutions weiß, wovon er spricht. Sein Unternehmen beschäftigt weltweit mehr als 16.500 Mitarbeitende, davon inzwischen 4.000 allein in Indien – und damit genau so viele wie im Heimatland Deutschland. „Insbesondere in der IT ist Indien mit der guten Ausbildung der Menschen in Mathematik und Informatik ein weltweiter Taktgeber. Und die IT ist in Indien die Wachstumsbranche schlechthin.“ Die zunächst von US-Firmen und inzwischen von Unternehmen aus der ganzen Welt genutzte IT-Kompetenz in Indien trage dort auch zur Entwicklung der gesamten Wirtschaft und Gesellschaft bei. „In Indien wächst zusehends ein Mittelstand und die Mittelschicht. Das macht das Land mit seinen rund 1,4 Milliarden Einwohnern auch für westliche Unternehmen zu einem immer relevanteren Markt“, sagt Rotter. Für Einsteiger in den indischen Markt gebe es dabei, wie in allen Schwellenländern, Chancen und Herausforderungen, betont der Vorstandschef.
KOOPERATIONEN MIT HOCHSCHULEN KNÜPFEN
NTT DATA Business Solutions selbst gründete 2013 seine erste Niederlassung in Indien. Aktuell ist der siebte Standort im Aufbau. „Wir siedeln uns nun auch abseits der Metropolen an, in denen vor allem die großen US-Konzerne bestimmend sind, und versuchen, gezielt Kooperationen mit Hochschulen zu knüpfen“, erklärt Rotter. „Die noch immer deutlich niedrigeren Tagessätze der IT-Fachkräfte in Indien sind aktuell noch ein Faktor. Aber die Perspektive verschiebt sich bei uns zusehends weg vom Kostenvorteil hin zu Qualitätsthemen und zum Know-how.“ Die Einheiten in Indien unterstützten NTT DATA Business Solutions insbesondere technologisch bei der Transformation von Kunden auf die neueste SAP-Unternehmenssoftware S/4 HANA, eine cloudbasierte Technologie, die unter anderem Echtzeit-Datenverarbeitung, die Nutzung von Künstlicher Intelligenz sowie maschinelles Lernen bietet. NTT DATA Business Solutions profitiere dabei auch von der Zeitverschiebung zwischen Deutschland und Indien von dreieinhalb Stunden. Damit ließen sich die für Projekte und Systembetreuungen zur Verfügung stehenden täglichen Arbeitsstunden ausweiten.
Die große Zahl an gut ausgebildeten, jungen, englischsprachigen Fachkräften, ein überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum, immer besser werdende Infrastruktur und das vergleichsweise noch niedrigere Lohnniveau nennt Rotter als Vorteile des Standorts Indien. Bei Compliance-Themen und Bürokratie mit Meldepflichten auf lokaler, bundesstaatlicher und nationaler Ebene gebe es derweil Herausforderungen. Und bei Wertschöpfung und Produktivität sei Indien noch nicht auf Augenhöhe mit Deutschland. „Mit unseren 4.000 Beschäftigten in Indien erlösen wir aktuell insgesamt rund 100 Millionen Euro im Jahr, die Hälfte davon entfällt auf den lokalen Markt. Unsere 4.000 Mitarbeitenden in Deutschland setzen rund 600 Millionen Euro um“, sagt Rotter. Er sieht großes Potenzial sowohl auf dem indischen Markt selbst, wo vor allem produzierender Mittelstand und Töchter internationaler Konzerne zu den Kunden zählen, als auch für Indien als Offshore-Standort für globale Projekte.
VERTRAUENSPERSON WICHTIG
Für einen erfolgreichen Einstieg in Indien sei eine Vertrauensperson, die sich mit den lokalen Gegebenheiten und der Kultur auskennt, von großer Bedeutung. „Unser Indien-Geschäft hat ein inzwischen ehemaliger, aus Indien stammender Mitarbeiter aufgebaut, der zuvor jahrelang für uns in den USA tätig war“, erläutert Rotter. Er sieht einen stetig und stark wachsenden Einfluss Indiens und indischer Experten insbesondere in seiner Branche. „Indien ist der Motor in der IT-Welt.“ Das zeigt sich auch bei NTT DATA Business Solutions. „Wir wachsen dort mit deutlich zweistelligen Raten. Das gilt auch für das Personal, sodass die Mitarbeiterzahl in Indien die in Deutschland in den kommenden Monaten übertreffen wird“, sagt Rotter. Apropos: „Deutschland insgesamt muss dringend aufwachen, sonst werden wir wirtschaftlich links und rechts von immer mehr Ländern überholt“, warnt der CEO und fordert mehr Wettbewerbsfähigkeit des hiesigen Standortes ein.
SUBKONTINENT ALS FOKUSMARKT
Indien ist derweil für die Zukunft gesetzt: „Der Subkontinent ist für uns und den ganzen NTT-Konzern ein Fokusmarkt“, erklärt Rotter. Die Konzernmutter des Bielefelder IT-Dienstleisters investiere allein in weitere Rechenzentren in Indien rund zwei Milliarden Dollar. Auch NTT DATA Business Solutions baut auf Indien – und auf weiteres Wachstum.
HETTICH
Von den Vorzügen des Subkontinents als Markt für ostwestfälische Familienunternehmen ist André Eckholt, Geschäftsführer des in Kirchlengern ansässigen Möbelbeschlagherstellers Hettich, überzeugt: „Indien bietet unserem Unternehmen vielfältige strategische Vorteile. Zum einen stellt der Markt mit über 1,4 Milliarden Einwohnern und einer wachsenden Mittelschicht ein enormes Absatzpotenzial dar. Darüber hinaus profitieren wir von den vergleichsweise niedrigen Produktions- und Personalkosten sowie von einer gut ausgebildeten technischen Fachkräftebasis. Dies ermöglicht eine wirtschaftlich effiziente Fertigung bei gleichzeitig hohem Qualitätsstandard.“ Eckholt teilt damit eine ähnliche Sichtweise wie CEO Rotter von NTT DATA.
Ein weiterer wesentlicher Standortvorteil sei die geostrategisch günstige Lage Indiens: Als Drehscheibe für Exporte in die SAARC-Region, den Mittleren Osten und Afrika spiele der Standort eine zentrale Rolle in der internationalen Hettich-Wachstumsstrategie.
STARK FRAGMENTIERTER MARKT
Dabei zeichne sich die Möbel- und Beschlagbranche in Indien durch mehrere besondere Merkmale aus. „Der Markt ist stark fragmentiert und wird nach wie vor von kleinen und mittelständischen Handwerksbetrieben dominiert“, sagt Eckholt. Gleichzeitig sei ein struktureller Wandel hin zu mehr Organisation, Markenbewusstsein und industrieller Fertigung zu beobachten.
Ein wesentlicher Wachstumstreiber sei die zunehmende Urbanisierung und der damit verbundene Ausbau von Wohn- und Gewerbeimmobilien. Diese Entwicklung führe zu einer steigenden Nachfrage nach funktionalen, qualitativ hochwertigen und platzsparenden Beschlags- und Möbellösungen – insbesondere im mittleren und gehobenen Marktsegment.
„Indische Kunden sind traditionell preisbewusst, jedoch steigt parallel das Interesse an komfortorientierten und designorientierten Produkten wie Soft-Close-Systemen oder modularen Lösungen. Besonders in den urbanen Zentren gewinnt das Premiumsegment zunehmend an Bedeutung“, beschreibt Eckholt das Marktumfeld.
Ein weiterer wichtiger Aspekt sei die Notwendigkeit der Lokalisierung: Produkte müssten an klimatische Bedingungen – beispielsweise hohe Luftfeuchtigkeit oder Staubbelastung – und lokale Nutzungsgewohnheiten angepasst werden. Lokale Produktion, technische Anpassung und Servicestrukturen seien daher ein entscheidender Erfolgsfaktor.
Nicht zuletzt gewinne das Projektgeschäft – etwa mit Bauträgern, Architekten und Hotelketten – stetig an Bedeutung. Hier sei die Nachfrage nach integrierten Systemlösungen besonders hoch.
FRÜHZEITIG IN LOKALE PRÄSENZ INVESTIEREN
Potenziellen Markteinsteigern empfiehlt der Hettich-Manager, den indischen Markt nicht mit einer rein exportorientierten Denkweise zu betrachten, sondern frühzeitig in lokale Präsenz, Partnerschaften und Marktverständnis zu investieren. „Indien ist kein homogener Markt, sondern äußerst vielfältig in Bezug auf Regionen, Sprachen, Mentalitäten und Geschäftsgepflogenheiten. Daher ist ein gutes Verständnis lokaler Kundenbedürfnisse, Entscheidungswege und Preissensibilität entscheidend.“
Erfolgreiche Markteintritte basierten häufig auf starken lokalen Partnern – sei es in Vertrieb, Fertigung oder Projektgeschäft. Gleichzeitig sollten Unternehmen bereit sein, Produkte und Lösungen an einheimische Anforderungen anzupassen, sei es in puncto Funktionalität, Design oder Preis-Leistungs-Verhältnis. Zudem seien langfristiges Denken, Geduld und persönliche Beziehungspflege im Geschäftsaufbau unverzichtbar. Wer bereit sei, in den Markt zu investieren und ihn ernsthaft zu verstehen, werde langfristig davon profitieren.
Indien wird nach Ansicht Eckholts auch in den kommenden Jahren zu den wichtigsten Wachstumsmärkten weltweit gehören. „Wir rechnen mit einer weiterhin dynamischen wirtschaftlichen Entwicklung, getragen durch mehrere strukturelle Faktoren: Zum einen wird das hohe Bevölkerungswachstum in Kombination mit Urbanisierung, einer wachsenden Mittelschicht und steigendem Konsum die Inlandsnachfrage weiter ankurbeln – insbesondere in Sektoren wie Bau, Infrastruktur, Wohnen, Mobilität und Digitalisierung. Zum anderen fördert die Regierung aktiv die Industrieentwicklung im Land – etwa durch Programme wie ‚Make in India‘, gezielte Produktionsanreize sowie Reformen zur Verbesserung des Geschäftsklimas.“ Diese Maßnahmen stärkten die Republik nicht nur als Absatzmarkt, sondern auch als wettbewerbsfähigen Produktionsstandort.
Hinzu komme, dass der Subkontinent zunehmend auch in globalen Lieferketten an Bedeutung gewinne – als Alternative oder Ergänzung zu bestehenden Standorten wie China.
Insgesamt erwartet der Hettich-Manager ein robustes Wachstum mit Chancen für technologieorientierte, qualitätsbewusste Unternehmen – insbesondere, wenn sie langfristig denken und lokal verwurzelt agieren.
Hettich ist seit dem Jahr 2000 offiziell in Indien vertreten. Seitdem habe sich das Unternehmen von einer Vertriebsniederlassung zu einem umfassend aufgestellten Anbieter mit eigener Produktion, landesweitem Vertriebsnetz, regionalen Büros sowie Showrooms in allen Metropolregionen entwickelt. „Mit kontinuierlichen Investitionen in Fertigung, Logistik und Service hat Hettich India heute eine Schlüsselrolle innerhalb der globalen Hettich-Gruppe und ist der führende Anbieter für Möbelbeschlagslösungen im indischen Markt“, beschreibt Eckholt die Entwicklung. Der Hauptsitz befindet sich in Mumbai, im Bundesstaat Maharashtra. Die Produktionsstätten liegen in Vadodara (Gujarat) und Indore (Madhya Pradesh). Rund 2.000 Mitarbeitende werden insgesamt in dem Land beschäftigt.
„SOWOHL-ALS-AUCH“
Eckholt plädiert dafür, China und Indien als Märkte im Blick zu behalten. Aus seiner Sicht gehe es weniger um ein „Entweder-oder“ zwischen den beiden Staaten, sondern vielmehr um ein „Sowohl-als-auch“ – mit jeweils unterschiedlichen Stärken.
China bleibe kurzfristig ein starker Industriestandort mit ausgezeichneter Infrastruktur, hoher Fertigungstiefe und global integrierten Lieferketten. Allerdings führten geopolitische Spannungen, steigende Lohnkosten und eine zunehmende Abkehr westlicher Märkte von Abhängigkeiten zu einem Umdenken.
„Indien hingegen bietet langfristig enormes Potenzial – nicht nur als Wachstumsmarkt mit einer jungen Bevölkerung und wachsender Mittelschicht, sondern auch als attraktiver Produktionsstandort. Politische Stabilität, Reformen und Programme wie ‚Make in India‘ schaffen zunehmend investitionsfreundliche Rahmenbedingungen“, so Eckholt.
Aus seiner Perspektive entwickele sich das Land aktuell zu einem starken strategischen Partner – insbesondere für Unternehmen, die nah an dynamischen Absatzmärkten wie Südostasien, dem Mittleren Osten oder Afrika agieren möchten. In vielen Bereichen – etwa bei industrieller Lokalisierung, Digitalisierung und Technologietransfer – sieht er Indien auf einem vielversprechenden Weg. „Langfristig trauen wir Indien zu, eine ähnlich bedeutende Rolle im globalen Wirtschaftsgefüge zu übernehmen wie China – jedoch mit eigenem Charakter und Entwicklungspfad.“
BÖLLHOFF GRUPPE
Auch für die Böllhoff Gruppe bietet die größte Demokratie der Welt als Standort zahlreiche strategische Vorteile: „Erstens ermöglicht uns die Internationalisierung, Indien als einen eigenständigen Kontinent und Markt zu betrachten. Dies eröffnet uns die Möglichkeit, unsere globale Expansion weiter zu diversifizieren. Indien ist einer der am schnellsten wachsenden Märkte weltweit und bietet Zugang zu einem breiten Netzwerk von qualifizierten Fachkräften und innovativen Unternehmen. Diese Faktoren machen Indien zu einem lohnenden Standort für Böllhoff, um unsere internationale Präsenz zu stärken und unsere Geschäftstätigkeiten nachhaltig auszubauen“, sagt Wilhelm A. Böllhoff. Gemeinsam mit seinem Bruder Michael W. Böllhoff leitet er die in Bielefeld ansässige Böllhoff Gruppe in vierter Generation. Das auf Verbindungstechnik spezialisierte Familienunternehmen ist aktuell mit 43 Standorten in 25 Ländern, verteilt auf fünf Kontinente, vertreten. Dazu zählt seit 2007 auch der Standort mit eigener Produktion im indischen Gurugram, der „Bollhoff Fastenings Private Ltd.“. Von den weltweit 3.400 Beschäftigten arbeiten dort etwa 100. Der Standort hat 2024 rund zehn Millionen Euro zum Gesamtumsatz der Böllhoff Gruppe von 754 Millionen Euro beigetragen.
STABILES WACHSTUMSPOTENZIAL
Als eine Marktbesonderheit nennt Wilhelm. A. Böllhoff die kulturelle Vielfalt, die sowohl neue als auch bestehende Kundenbeziehungen beeinflusst. „Indien bietet ein enormes Wachstumspotenzial, das zwar im Vergleich zu China etwa 15 bis 20 Prozent der industriellen Größe ausmacht, jedoch weiterhin vielversprechend ist.“ Er rechne mit einer positiven wirtschaftlichen Entwicklung, jedoch mit einer anderen Dynamik als in China.
Potenziellen Markteinsteigern in Indien empfiehlt er, zunächst klein anzufangen. Es sei wichtig, erste Erfahrungen zu sammeln und darauf aufzubauen, um erfolgreich zu sein und nachhaltig zu wachsen. „Ein entscheidender Erfolgsfaktor ist die Gewinnung von lokalem Management, das gleichzeitig internationale Erfahrung mitbringt“, sagt Böllhoff.
Auf die Frage, ob China oder Indien wirtschaftlich das Rennen machen wird, ist Böllhoff – ähnlich wie Hettich Geschäftsführer André Eckholt – überzeugt, dass beide Länder ihre eigenen Stärken ausspielen werden: „Aus unserer Perspektive ist es entscheidend, in beiden Märkten vertreten zu sein.“ Beide böten einzigartige Vorteile. China werde voraussichtlich noch lange der größere Markt bleiben. Böllhoff abschließend: „Allerdings ist die weitere Entwicklung aufgrund des globalen Zoll-Kriegs möglicherweise unsicherer. Indien hingegen bietet ein stabiles Wachstumspotenzial.“
Oliver Horst, Silke Goller



