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Im Porträt

Der Hygge-Experte

Wenn die Ladentür hinter einem zufällt, entsteht der Eindruck, ein Ferienhaus an der dänischen Nordseeküste zu betreten: helles Holz, viel Licht und ausgewähltes Design. Die Marken, die Simon Klünder in seinem Geschäft „Aarhus 80“ anbietet, lesen sich wie ein Auszug aus dem Who-is-Who moderner skandinavischer Möbel- und Leuchtenhersteller: Muuto, Montana, String oder Carl Hanson & Son, um einige zu nennen. „‚Weniger ist mehr‘, dieses skandinavisch-puristische Designprinzip sagt mir zu. Auch wenn ich viel im Laden untergebracht habe“, sagt Klünder und lächelt. Und auch von außen fällt sein Gebäude auf: die Holzverschalung aus Lärche vergraut, als Vorbild für die Dachform dienten die „Eisberg-Häuser“ in Aarhus, einem ausgezeichneten Wohnbauprojekt in Eisberg-Form in der zweitgrößten Stadt Dänemarks. „Mir gefällt die Stadt sehr gut, deshalb habe ich mich auch dafür entschieden, mein Unternehmen so zu nennen. In Skandinavien gibt es viele Möbelhersteller, die ihre Firma nach dem Ort nennen, in denen sie ihren Sitz haben.“ Die „80“ habe er aus drei Gründen ergänzt: zum einen, ganz banal, ist es die Hausnummer in der Herforder Waltgeristraße, zum anderen sein Geburtsjahrgang und „8000 ist die Postleitzahl von Aarhaus“. So viel steht fest: Klünder ist Fan.

MÖBELBAU ALS AUSGLEICH

Dabei ist der zweifache Familienvater „Seiteneinsteiger in die Möbelbranche“. Der heute 45-Jährige ist in Herford geboren, sein Elternhaus steht ebenfalls in der Waltgeristraße.

Nach der zwölften Klasse an der August-Griese-Schule hat er eine Ausbildung zum Industrieelektroniker in einem Herforder Unternehmen begonnen und abgeschlossen, das Regelungstechnik herstellt. „Schon im zweiten Ausbildungsjahr habe ich in der Entwick­lungsabteilung mitgearbeitet“, blickt er zurück, auch konnte er im Unternehmen „immer aufsteigen“. Insgesamt 23 Jahre habe er in seinem Beruf gearbeitet, aber dann „hat mich meine Arbeit nicht mehr berührt“. Als Hobby habe er schon immer Möbel gebaut, „mein Ausgleich zum Bürojob“, ebenfalls Spielsachen für seine beiden Söhne. „Holz war immer mehr mein Material als Elektronik“, räumt er ein.

Seine zweite Leidenschaft für Skandinavien speist sich aus mehreren Quellen: zum einen habe seine Frau im Auslandssemester im norwegischen Bergen studiert, Klünder sie dort besucht und gemeinsam mit ihr die Gegend erwandert. Außerdem gehören Familienurlaube im nördlichen Nachbarland seit der Geburt der Kinder zum Programm. „Mittlerweile verreisen wir mit vier Generationen.“ Jedes Jahr gehe es ebenfalls mit seiner Frau und seinen Söhnen zum Wandern nach Österreich. „Natur ist uns wichtig. Wir sind auch schon transalpin gewandert“, schwärmt Klünder.

Als er sich beruflich neu orientieren wollte, war es aus seiner Sicht fast zwingend, Möbel und Skandinavien auf einen Nenner zu bringen.

MÖBELBOUTIQUEN ALS VORBILD

Inspiration für sein Ladenkonzept hat er dabei auf Reisen gesammelt: „In Dänemark gibt es viel mehr Möbelboutiquen, auch in kleineren Städten.“ In einer solchen, untergebracht in einer alten, ehemaligen Apotheke, ist er dann auf einen Kleiderhaken gestoßen, der ihm so gut gefallen hat, dass er die Firma kontaktiert hat. Deren Verantwortliche waren zunächst skeptisch, da Klünder seine Konzeption auf lediglich 40 Quadratmeter Fläche ausgelegt hat. Der dänische Hersteller setze eigentlich auf „Shop-in-Shop“-Konzepte. Der deutsche Außendienstler schaute trotzdem vorbei — und traf auf Klünder, als der gerade mit einem geliehenen Bagger die Baugrube für sein Ladengeschäft aushob. Schlussendlich konnte er ihn überzeugen, hinzukam, dass die Marke in Ostwestfalen noch nicht vertreten war.

Klünders Laden steht auf einem Supermarktparkplatz, umgeben von einem Friseur, einer ortsbekannten Bäckereikette, einem Blumenladen und einem Lebensmittel-Discounter. Das Grundstück gehört seinem Vater, der das ehemalige britische NAAFI-Gelände gekauft und verpachtet hat. Auf der gegenüberliegenden Seite haben eine Drogeriemarktkette und ein weiterer Discounter eröffnet. Er habe das Potenzial des Standortes erkannt, sagt Klünder. Der damalige Bäckereibesitzer habe ihm „vier bis fünf Parkplätze“ Fläche angeboten. Gut ein Jahr habe er selbst an dem Haus gebaut.

WANDEL

Vor vier Jahren konnte Klünder dann zum ersten Mal das „Åben“-Schild — also „Geöffnet“ — an die Ladentür hängen. Sein ursprüngliches Konzept, auch viele Accessoires in Nachbarschaft zum Blumengeschäft und Supermärkten zu verkaufen, ging allerdings so nicht auf. „Die Leute trauen sich nicht in einen kleinen Laden rein, vielleicht weil sie denken, sie müssten etwas kaufen. Etwa ein bis zwei ‚Laufkunden‘ habe ich pro Tag, die übrigen kommen gezielt.“ Sein Konzept habe er deshalb erweitert und biete nun auch Raumplanung an.

An seinen dänischen Geschäftspartnern schätze er, dass sie sehr nahbar seien, einen sehr herzlich empfangen würden, es keine Hierarchien gebe und sie sehr serviceorientiert seien. „Sie können aber auch sehr gut verhandeln und wissen, dass sie ein gutes Produkt haben.“

Als Klünder zum ersten Mal die „3 Days of Design“ in Kopenhagen besucht hat, eine Messe, an der sich rund 200 Firmen beteiligen, hatte sich sein „kleines Konzept“ schon rumgesprochen. „Mittlerweile ist es gar nicht mehr so schwer, neue Hersteller ins Programm aufzunehmen.“

Von außen betrachtet würden die nördlichen Nachbarn viel mehr Wert auf Nachhaltigkeit legen. „Die Wertschätzung der Skandinavier für Möbel ist sehr hoch. In Dänemark werden sehr viele geseifte Möbel verkauft, die jedes Jahr mit einer entsprechenden Lauge behandelt werden müssen. So etwas macht bei uns keiner.“ Die höhere Wertschätzung, die Dingen entgegengebracht werde, zeige sich für Klünder auch an der „ausgeprägten Second-Hand-Kultur“.

Als ihm eine größere Fläche für seine Ausstellung angeboten wurde, hat er nach einiger Bedenkzeit abgelehnt. „Das hier bist Du“, hätten seine Freunde zu ihm gesagt. Wachstum realisiere er im Objekt- und Projektgeschäft. Kürzlich habe er ein Unternehmen in Enger ausgestattet, die Büros, den Empfang und die Bäder. Zukünftig wolle er noch stärker mit Planern und Architekten zusammenarbeiten. Einen Online-Shop betreibe er nicht, denn seiner Meinung nach müsse er „Sachen zeigen, die Kunden müssen Material und Stoffe spüren können“, erläutert er vor einem Moodboard. Im Ladenfenster klebt das Logo der IHK-Initiative „Heimat shoppen“.

Und einen weiteren, unbezahlbaren Vorteil biete sein 40-Qudratmeter-Konzept darüber hinaus: „Ich muss nur das ausstellen, was ich persönlich mag.“

Heiko Stoll

 

     

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