Politik und Standort
Auf zum urbanen Lebensraum
Die Zukunft unserer Stadtzentren steht im Zeichen des Wandels: Wie können Innenstädte lebendig, attraktiv und wirtschaftlich stark bleiben — trotz sich verändernder Konsumgewohnheiten, wachsender Anforderungen an Mobilität und dem Wunsch nach mehr Aufenthaltsqualität? Diese Fragen standen im Zentrum einer Delegationsreise des Handels- und Dienstleistungsausschusses der IHK Ostwestfalen. Ziele der Reise: Inspiration, Austausch und Erkenntnisgewinn aus einem Land, das für seine progressiven und integrierten Stadtentwicklungskonzepte bekannt ist — die Niederlande. Besucht wurden Nijmegen, Veenendaal, Utrecht, Amsterdam und Rotterdam.
Nijmegen
Mut zur Vielfalt und kreativen Konzepten
In Nijmegen hat die 13-köpfige IHK-Reisegruppe zentrale Einkaufsstraßen erkundet, die eine Mischung aus großen Marken, kleinen Läden und innovativen Shopkonzepten aufweisen. Der Versuch, dem Kunden Individualität, Erlebnis und Aufenthaltsqualität zu bieten, war deutlich zu spüren. Besonders eindrucksvoll war der Austausch mit Vertretern der Gemeente Nijmegen. Sie zeigten auf, wie Stadtentwicklung hier ganzheitlich gedacht wird — von nachhaltigen Mobilitätskonzepten bis hin zu gemeinwohlorientierter Quartiersentwicklung. Die Innenstadt ist nicht mehr nur ein Handelsort, sondern ein urbaner Lebensraum.
Veenendaal
Digitale Infrastruktur als Standortfaktor
Der Besuch beim Clusterverband ICT Valley und dem Unternehmen Info Support offenbarte, welche Bedeutung digitale Lösungen für die Zukunft von Handel, Infrastruktur und Smart Cities haben. Beeindruckend war, wie stark die Verzahnung zwischen Wirtschaft, Bildungseinrichtungen und Kommunen hier gelebt wird. Innovationsfreude trifft auf pragmatische Umsetzung.
Utrecht
Stadtentwicklung trifft Mobilitätswende
In Utrecht, mit seinem dynamischen und urbanen Zentrum, stand der Besuch bei de Bijenkorf auf dem Programm, einem in den Niederlanden bekannten Warenhaus, vergleichbar mit dem KaDeWe in Berlin — ein spannendes Beispiel für moderne, hochwertige Handelsformate mit erlebnisorientierter Kundenansprache.Ein weiterer, interessanter Programmpunkt war die Entwicklung rund um den Haupt-bahnhof Utrecht Centraal. Was dort ent-standen ist, ist ein urbanes Gesamt-kunstwerk aus Mobilität, Wohnen, Arbeiten und Einkaufen — nahtlos verbunden, architektonisch hochwertig und vor allem: menschenzentriert gedacht. Stadtplanung wird hier zur integrativen Zukunftsaufgabe. Bemerkenswert war auch die Einstellung der im Bahnhof arbeitenden Belegschaft: Gemeinsam für den ankommenden und abreisenden Kunden — in allen Belangen.
Amsterdam
Innovation und Internationalität
In der niederländischen Hauptstadt ging es um die Transformation von Arbeit, Digitalisierung und rechtliche Rahmenbedingungen für Unternehmensgründungen. Beim Besuch von Miele X, dem Digital Hub des ostwestfälischen Traditionsunternehmens, gab es spannende Einblicke in globales Innovationsmanagement. Die Coworking-Konzepte bei Tribes zeigten, wie neue Arbeitswelten Flexibilität und Kreativität fördern. Juristische Einblicke in die Gründungspraxis der Niederlande bot die Kanzlei HEUSSEN.
Rotterdam
Erlebnisräume neu denken
In Rotterdam drehte sich alles um die Zukunft des Einzelhandels. Der MediaMarkt Tech Village bietet erlebnisorientierten Handel mit digitalen und interaktiven Elementen. Das Konzept: Der Kunde soll nicht nur einkaufen, sondern entdecken, ausprobieren und sich inspirieren lassen. Den Abschluss bildete der Besuch des Sommerfests der Deutsch-Niederländischen Handelskammer (AHK Niederlande) — eine gute Gelegenheit zum Netzwerken und Austauschen.
Was bleibt?
Die Niederlande zeigen eindrucksvoll, wie Städte den Wandel als Chance begreifen können. Mit Mut zur Veränderung, partizipativer Stadtplanung und innovativen Formaten gelingt es, Stadtzentren als lebendige Räume neu zu gestalten — nicht gegen die Trends der Zeit, sondern mit ihnen. Innenstadt steht bei unseren Nachbarn für eine engere Verzahnung von Handel, Dienstleistung und Stadtentwicklung — und für eine Wirtschaft, die gemeinsam mit Kommunen Zukunft gestaltet. Wer Stadtzentren zukunftsfähig machen will, muss bereit sein, Bestehendes zu hinterfragen, neue Wege zu gehen — und gelegentlich auch den Blick über nationale Grenzen hinweg wagen.
Marco Rieso, IHK



