Lippe Wissen und Wirtschaft, Ausgabe 1/2022DruckenZurück


Unternehmen + Märkte

NTT Data sieht „KI-Revolution“ – Megathema birgt Chancen und Unsicherheit

Bielefelder SAP-Dienstleister mit Rekordzahlen

Der IT-Dienstleister NTT Data Business Solutions AG spürt die geopolitischen Spannungen und die konjunkturell herausfordernde Lage vieler Kunden. Trotzdem erreichte der Bielefelder SAP-Partner für den globalen Mittelstand im zurückliegenden Geschäftsjahr 2025/26 per 31. März neue Höchstwerte bei Umsatz und Ergebnis. Die Erlöse wuchsen — auch durch zwei Zukäufe — gegenüber dem Vorjahr um 2,9 Prozent auf 1,91 Milliarden Euro. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebita) stieg um 9,0 Prozent auf 150,7 Millionen Euro. Zunehmend in den Fokus rückt das Megathema Künstliche Intelligenz (KI).

„Das Umsatzwachstum ist eines der niedrigsten unserer Geschichte, in den vergangenen 20 Jahren hatten wir durchweg zweistellige Raten“, sagt CEO Norbert Rotter. Die Wachstumsdelle führt er auf mehrere Faktoren zurück. Auch der KI-Boom wirke derzeit nicht nur positiv. „Zumindest aktuell besteht bei vielen Kunden auch Unsicherheit. Sie wollen erst einmal abwarten, was die weitere Entwicklung bringt“, sagt Rotter.

Generell ist der Chef des IT-Dienstleisters davon überzeugt, dass KI seinen Kunden und dem eigenen Unternehmen vor allem Chancen biete. „Wir befinden uns inmitten einer technischen Revolution und einer Zeit des Umbruchs. Auch wir investieren massiv in KI-Lizenzen, allein zehn Millionen Euro im vergangenen Jahr, und entwickeln neue Produkte. Wir arbeiten an entsprechenden Lösungen und Anwendungen, die aber noch nicht in der Breite im Markt sind“, sagt Rotter. Das Potenzial der Kunden, aus ihren Unternehmensdaten weitere Erkenntnisse zu ziehen, wachse damit.

„Allgemein wird von Produktivitäts­gewinnen durch den Einsatz von KI in einer Größenordnung von 20 bis 30 Prozent gesprochen“, erklärt Rotter. Dieses Versprechen gelte es nun in der Realität zu erreichen. „Dies wird nicht bedeuten, dass im gleichen Umfang Personal reduziert wird, es kann aber zu Verschiebungen kommen“, betont der CEO. Das gelte auch für NTT Data Business Solutions selbst. „Es braucht mit KI weniger Programmierer, das wird insbesondere auch unsere Near- und Offshore-Standorte mit mehreren tausend Mitarbeitenden in Indien oder Rumänien treffen und viele gute Jobs kosten. Gleichzeitig werden wir aber mehr Menschen im Vertrieb und Projektmanagement benötigen sowie KI-Spezialisten.“

Datensicherheit und Schutz vor Cyberattacken gewinnen zudem weiter an Bedeutung. Rotter: „Hier entstehen neue Aufgaben, es geht um sensible Daten. Geschäftskritische Software lässt sich nicht einfach durch KI ersetzen und sitzt auf einem Datenschatz, der gut behütet sein will.“ In diesem Kontext steht auch ein Geschäftszweig des IT-Dienstleisters im Fokus: „Es stellt sich die Frage, in welchem Umfeld ich die KI nutze — in der öffentlichen oder geschützten Cloud oder auf eigenen Servern“, sagt Rotter. „Hier bekommen auch unsere Rechenzentren wieder eine stärkere Bedeutung.“

Ein Gedanke, der Rotter umtreibt, ist eine mögliche Monopolisierung bei KI ähnlich wie bei Suchmaschinen und in anderen Tech-Branchen: „Am Ende droht es, wieder nur einen oder zwei große Player zu geben, gegen deren Finanzkraft andere Wettbewerber chancenlos sind.“ Vor diesem Hintergrund sei es von besonderer Bedeutung, auf europäischer Seite ein Gegengewicht zu US-Konzernen zu haben. Das französische Unternehmen Mistral sei hier aktuell aussichtsreich unterwegs, NTT Data habe mit Mistral auch jüngst eine Partnerschaft besiegelt.

Für das im zurückliegenden Geschäftsjahr relativ geringe Wachstum des früher als Itelligence AG bekannten Unternehmens führt Rotter mehrere Gründe an. Die konjunkturell schwierige Lage führe auch im Kundenkreis des SAP-Dienstleisters zu einer noch nie dagewesenen Insolvenzwelle: „Mehr als 100 unserer Kunden weltweit haben in den vergangenen zwölf Monaten Insolvenz angemeldet. Das ist eine Größenordnung, die ich in meinen 20 Jahren im Unternehmen noch nicht erlebt habe“, sagt Rotter. Regional gebe es Schwerpunkte in Deutschland und in Großbritannien.

„Unser Geschäft im deutschsprachigen Raum hat sich aber trotzdem sehr stark entwickelt mit einem Umsatzplus von 9,5 Prozent auf fast 800 Millionen Euro. Mit der Energieversorgung und dem Verteidigungssektor haben wir zwei Wachstumsbereiche. Es gibt zudem viele weitere, sehr solide Unternehmen aus allen Branchen, die jetzt in die Zukunft investieren“, sagt der Vorstandschef. Auffallend schwach habe sich dagegen das Amerika-Geschäft entwickelt mit einem Erlöszuwachs von nur rund zwei Prozent. „Die Auswirkungen der Zoll-Politik von US-Präsident Trump dämpfen die Wirtschaft dort, die Unternehmen sind verunsichert und halten sich mit Investitionen zurück“, erklärt Rotter. Die Folgen des Nahost-Konflikts und hoher Inflationsraten in der Türkei sind ebenfalls bereits im Zahlenwerk abzulesen — in der Region sind die Erlöse um mehr als elf Prozent gesunken.

„Wir erleben eine rasante Entwicklung. Die KI gibt dabei das Tempo vor. Ständig entstehen neue Applikationen. In Rekordzeit“, sagt Rotter. Mit der technologischen Revolution werde zudem der Wettbewerb angefacht und kämen weitere Anbieter hinzu neben den etablierten Branchengrößen wie SAP oder US-Konkurrent Oracle. Der Wettlauf um Innovationen und Kunden wird also noch intensiver. Rotter sieht den Bielefelder SAP-Dienstleister dafür mit 19.000 Mitarbeitenden in 35 Ländern gut aufgestellt.

 

Oliver Horst