Lippe Wissen und Wirtschaft, Ausgabe 1/2022DruckenZurück


Unternehmen + Märkte

Westfalen Weser mit rund 1,2 Milliarden Euro Umsatz – verlässliche Rahmenbedingungen notwendig

Energiewende weiter voranbringen

Jürgen Noch und Andreas Speith sind zufrieden: Die beiden Geschäftsführer der Westfalen Weser Energie GmbH & Co. KG mit Hauptsitz in Paderborn blicken anlässlich der Bilanzpressekonferenz auf ein erfolgreiches Geschäftsjahr 2025 zurück. So kletterten die Konzernumsatzerlöse auf 1.156 Millionen Euro, ein Plus von 59 Millionen Euro im Vergleich zu 2024. Die Investitionen stiegen um 25,7 Millionen Euro auf 178,4 Millionen Euro und die Anzahl der Mitarbeitenden erhöhte sich um 150 auf 1.337, davon sind 100 Auszubildende. An die 57 Gesellschafter des kommunalen Energieunternehmens wurden 55,7 Millionen Euro ausgeschüttet. „Die Energiewende hat Einzug gehalten“, kommentiert Noch die Entwicklung. Seit 2023 befinde sich Westfalen Weser auf dem Weg vom klassischen Netzbetreiber hin zum ganzheitlichen Energiesystem-Manager. Durch den Einstieg in neue Geschäftsfelder und den Ausbau bestehender Aktivitäten decke das Unternehmen mittlerweile die gesamte Wertschöpfungskette ab, von der Erzeugung und Handel über Speicher und Netze sowie Wärme und Energielösungen. An dem klaren Bekenntnis, die Energiewende regional weiter voranzubringen, lassen die beiden Geschäftsführer keinen Zweifel aufkommen.

Ein weiterer Schritt auf diesem Weg ist der für November dieses Jahres geplante Baubeginn eines zehn Megawatt-Elektrolyseurs in Lichtenau im Kreis Paderborn. Mit dem Wasserstoffprojekt „Schlafender Riese“ soll überschüssige Windenergie zur Erzeugung von grünem Wasserstoff genutzt werden, um die lokale Industrie und Wasserstofftankstellen zu versorgen. Außerdem soll die Speicherung erprobt werden, um eine Abregelung lokaler Windkraftanlagen Schritt für Schritt zu verringern. Dafür werde eine bestehende Erdgashochdruckleitung mit einer Länge von rund sechs Kilometern Länge zur Wasserstoffnutzung umgerüstet. Ende 2027 soll das Projekt ans Netz gehen. Die Investitionssumme beläuft sich auf rund 30 Millionen Euro, das Land NRW fördert das Projekt mit zirka 11,2 Millionen Euro.

Kritik äußert Noch daran, dass sich bei der Energiewende in der Vergangenheit „zu stark auf die Dekarbonisierung“ konzentriert wurde. „Die Energiewende muss systemisch gedacht werden, sektorenübergreifend“, fordert er stattdessen. Die Energiewende verlaufe derzeit in den Sektoren Strom, Verkehr und Wärme „asynchron“. Während bereits 55 Prozent des in Deutschland produzierten Stroms aus erneuerbaren Energien stammen, hinken die Sektoren Wärme mit 19 Prozent und Verkehr mit acht Prozent hinterher. Hinzu komme, dass das energiepolitische Dreieck, bestehend aus Klimaschutz, Bezahlbarkeit und Versorgungssicherheit, wieder stärker in den Fokus genommen werden müsse. „Die Bezahlbarkeit führt zu einem riesigen Akzeptanzproblem in der Bevölkerung“, mahnt Noch.

Duch die „Fluktuierung der Stromerzeugung“ werde das Stromnetz viel intensiver beansprucht. „Wir müssen mit den gleichen Kapazitäten mehr Strommengen managen“, bringt Noch die Herausforderung auf den Punkt. Im vergangenen Jahr wurden 44 weitere Windenergieanlagen in Betrieb genommen (690 Anlagen insgesamt), 14.731 neue Photovoltaikanlagen (97.379 Anlagen insgesamt) ans Netz angeschlossen. Die Gesamtleistung der installierten Anlagen regenerativer Energie betrug 3.115 Megawatt in 2025, ein Zuwachs von 444 Megawatt, „ein halbes Großkraftwerk“, kommentiert Speith die Entwicklung. Zum Vergleich: Als Jahreshöchstlast des Stromnetzes, also die maximal gelichzeitige Stromnachfrage im Netz während eines Jahres, nennt Speith 888 Megawatt.

Über die Beteiligung am Windparkprojektierer „Westfälisch-Niedersächsische Energie“ engagiere sich Westfalen Weser für den weiteren Ausbau der Windenergie. Bis zum Jahresende 2026 sollen 36 neue Windräder mit einer Gesamtleistung von 192 Megawatt entstehen. Vermarktet werde der Ökostrom mit dem Joint-Venture-Partner Westfalenwind.

Der Stromabsatz ging im vergangenen Jahr im Vergleich zum 2024 um 1,4 Prozent zurück, es gebe „sehr viel Eigenverbrauch im Netz“. Der Gasabsatz blieb stabil. Die Kunden würden Energie insgesamt sparsamer nutzen, den Energieverbrauch und -einsatz über Apps optimieren.

Um das Netz zu flexibilisieren, würde beispielsweise in den Bau von sogenannten netzdienlichen Batteriespeichern — Speichern, die das Stromnetz bei Überkapazitäten stabilisieren — investiert, unter anderem in Blomberg, Würgassen und Kirchlengern. Des Weiteren fließen Gelder in die Digitalisierung, um — so das Ziel — das Stromnetz „in Echtzeit managen zu können“. Gas werde als Brückentechnologie weiterhin relevant bleiben. Für die kommenden fünf Jahre rechnet Speith mit Investitionen in Höhe von rund einer Milliarde Euro in der Region: „Wir trauen uns das zu.“

Die Nachfrage nach grünem Wasserstoff von Unternehmen aus Ostwestfalen, ­beispielsweise Benteler, sei vorhanden, betont Speith. Auch er fordert vernünftige politische ­Rahmenbedingungen, um in den Ausbau der Gasnetze zu investieren. Etwa 500 Kilometer des 3.500 Kilometer langen Gasnetzes müssten für die Nutzung von grünem Wasserstoff umgerüstet werden. Beliefert werden sollen ausschließlich Industriekunden, eine Versorgung von Privathaushalten sei nicht vorgesehen. 

Auch im Wärmesektor machen die beiden Geschäftsführer akuten Handlungsbedarf aus. Anhaltende politische Diskussionen und unklare Vorgaben führten aktuell zu einer starken Verunsicherung bei Kommunen und Kunden. „Das Förderprogramm muss konsistent sein.“ Etwa zehn Millionen Euro hätten sie bislang in Wärmenetze investiert, die Wärmewende sei jedoch ins Stocken geraten. Der aktuelle Entwurf des Gebäudemodernisierungsgesetzes bremse neue Wärmenetze als wichtigen Erfolgs­faktor für eine Dekarbonisierung der Wärmeversorgung aus. 

Im Bereich der E-Mobilität sei dem kommunalen Unternehmen eine strategische Neuausrichtung gelungen: Vom Einzelladesäulenbetrieb erfolgte die Umstellung auf skalierbare Lösungen für Busbetriebe und den Schwerlastverkehr in der Region. Sie würden Anlagen für Dritte errichten, sagt Speith. Mit diesem Ansatz trage Westfalen Weser „zur weiteren Dekarbonisierung des Verkehrssektors und letztendlich zur so wichtigen Sektorenkopplung bei“.

Im Pkw-Bereich würden sie als Konsortialpartner der „Autostrom plus GmbH“ aus Hannover in den Ausbau der Schnellladeinfrastruktur an Autobahnen investieren. Bestehende Ladesäulen für Pkw würden weiterbetrieben.

„Wir sind bereit, weiter in die Energiewende zu investieren“, blickt Noch auf das laufende Geschäftsjahr, wenngleich wahrscheinlich auf einem niedrigeren Niveau als 2025. Dafür brauche es einen Rechts- und Regulierungsrahmen, der Investitionen fördere, statt sie auszubremsen sowie klare politische Rahmenbedingungen, um die Energiewende verlässlich gestalten zu können. „Wir investieren für 20 bis 30 Jahre“, betonen die beiden Westfalen Weser-Geschäftsführer.

Heiko Stoll