Lippe Wissen und Wirtschaft, Ausgabe 1/2022DruckenZurück


Politik und Standort

IHK-Delegationsreise des Handels- und Dienstleisterausschusses nach Taiwan

Von einer der innovativsten Volkswirtschaften der Welt lernen

Fünf Tage, zahlreiche Unternehmensbesuche und unzählige Gespräche — doch die wichtigste Erkenntnis der Delegationsreise des Handels- und Dienstleisterausschusses der IHK Ostwestfalen zu Bielefeld nach Taiwan lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Zukunft entsteht dort, wo Innovation, Geschwindigkeit und Zusammenarbeit konsequent zusammengedacht werden.

Wenn in Deutschland über Taiwan gesprochen wird, stehen meist Halbleiter oder geopolitische Spannungen im Mittelpunkt. Vor Ort zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Taiwan versteht sich als Technologie- und Innovationsstandort, an dem Wirtschaft, Wissenschaft und Staat eng zusammenarbeiten, um neue Ideen möglichst schnell in marktfähige Produkte und Dienstleistungen zu überführen. Genau diese Geschwindigkeit war beeindruckend bei den Besuchen in Unternehmen, Forschungsinstituten und Technologiezentren. Das Programm reichte von Gesprächen mit dem Deutschen Wirtschaftsbüro Taipei (AHK Taiwan) über Unternehmensbesuche bei Beckhoff, HTC, Merck und BenQ bis hin zur Taiwan Tech Arena, dem Taiwan Design Research Institute und dem Besuch der Computex, einer der weltweit bedeutendsten Technologie- und KI-Messen.

Eine Aussage während des Besuchs bei Beckhoff Automation brachte einen zentralen Unterschied zwischen Taiwan und Deutschland auf den Punkt: „Nobody waits.“ Entscheidungen werden schnell getroffen, Entwicklungszyklen verkürzt und Innovationen zügig in den Markt gebracht. Geschwindigkeit wird nicht als Gegensatz zu Qualität verstanden, sondern als entscheidender Wettbewerbsfaktor.

Deutschland genießt weltweit weiterhin einen hervorragenden Ruf für Ingenieurskunst, Präzision und Zuverlässigkeit. Taiwan zeigt jedoch, dass diese Stärken künftig noch stärker mit einer höheren Umsetzungsgeschwindigkeit verbunden werden müssen, um im internationalen Wettbewerb erfolgreich zu bleiben. Besonders deutlich wurde während der Reise, dass Innovation in Taiwan kein Zufallsprodukt ist. Im Taiwan Design Research Institute wird Design nicht als gestalterisches Element verstanden, sondern als strategisches Instrument zur Förderung von Innovation und Wettbewerbsfähigkeit. Die Taiwan Tech Arena verdeutlichte, wie eng Start-ups, Investoren, Hochschulen und etablierte Unternehmen zusammenarbeiten, um neue Technologien zu entwickeln und zu skalieren. Im Central Taiwan Science Park arbeiten Unternehmen aus den Bereichen Halbleiter, Robotik, Optoelektronik und Präzisionsmaschinen in einem eng verzahnten Innovationsnetzwerk zusammen.

Ob bei HTC, Taiwan AI Labs oder auf der Computex — Künstliche Intelligenz war allgegenwärtig. KI wird dabei nicht isoliert als Softwarelösung betrachtet, sondern als Basistechnologie verstanden. Sie steckt in Robotern, intelligenten Produktionsanlagen, Medizintechnik, Mobilität, Halbleitern und digitalen Assistenzsystemen. Entscheidend ist die Frage: Welches konkrete Problem wird gelöst? Die wichtigste Erkenntnis dabei ist, dass die Künstliche Intelligenz ihren größten Nutzen nicht als Selbstzweck entfaltet, sondern dann, wenn sie konkrete Geschäftsprozesse verbessert, Fachkräfte entlastet oder neue Geschäftsmodelle ermöglicht.

Die Reise hat eindrucksvoll gezeigt, dass Ostwestfalen den Vergleich mit internationalen Innovationsregionen keineswegs scheuen muss. Im Gegenteil: Viele Erfolgsfaktoren Taiwans finden sich bereits heute in unserer Region wieder — die enge Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Wissenschaft, eine starke industrielle Basis sowie zahlreiche innovationsstarke mittelständische Unternehmen.

Taiwan liefert jedoch wertvolle Impulse für die Weiterentwicklung dieser Stärken. Dazu gehören schnellere Entscheidungsprozesse, eine noch stärkere Vernetzung aller Akteure und die Bereitschaft, neue Technologien frühzeitig in die Praxis zu überführen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass wirtschaftlicher Erfolg nicht allein auf Technologie basiert. Vertrauen, persönliche Netzwerke und internationale Partnerschaften bleiben entscheidende Erfolgsfaktoren. Wenn es gelingt, diese Stärken mit der Dynamik und Umsetzungsgeschwindigkeit Taiwans zu verbinden, entstehen neue Chancen für die Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen — und damit auch für den Wirtschaftsstandort Ostwestfalen.

Marco Rieso, IHK