Lippe Wissen und Wirtschaft, Ausgabe 1/2022DruckenZurück
Deutsche Wirtschaft im Wettbewerb mit China
Die Konkurrenz durch chinesische Anbieter wird für deutsche Unternehmen zunehmend zur Herausforderung: Eine DIHK-Sonderumfrage unter rund 1.300 Unternehmen verdeutlicht die Konsequenzen nicht nur für das wichtige China-Geschäft, sondern auch für den Industriestandort Deutschland insgesamt.
Die deutsche Wirtschaft muss sich auf eine neue Wettbewerbsrealität einstellen. Chinesische Hersteller konkurrieren längst nicht mehr nur über den Preis, sondern haben qualitativ und technologisch enorm aufgeholt. Die deutschen Unternehmen stecken deshalb aber nicht den Kopf in den Sand, sondern suchen aktiv nach eigenen Antworten.
Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) hat im Juli und August 2026 rund 1.300 Unternehmen aus Industrie, Handel und dem Dienstleistungssektor zu ihrer Einschätzung der Situation und zu ihren Strategien befragt.
Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick
Breite der Wirtschaft betroffen
Eine wachsende Konkurrenz durch chinesische Wettbewerber verzeichnen zwei Drittel der antwortenden Unternehmen. Besonders hoch ist die Betroffenheit in der Industrie, wo 83 Prozent der Betriebe von zunehmendem Wettbewerbsdruck berichten; 50 Prozent spüren diesen sogar stark oder sehr stark. Im Handel nehmen 73 Prozent eine wachsende Konkurrenz wahr, während andere Dienstleister, Verkehrs- und Logistikunternehmen mit jeweils rund einem Drittel deutlich seltener betroffen sind.
Neben der Branche spielt auch die Art der Geschäftsbeziehung zu China eine Rolle dafür, wie stark der Wettbewerb spürbar ist: Von den Unternehmen mit Investitionen oder eigenen Standorten in China nehmen 88 Prozent Konkurrenzdruck wahr, gefolgt von Betrieben mit Exportgeschäft nach China (86 Prozent) beziehungsweise mit Importgeschäft aus China (82 Prozent). Unter den Betrieben ohne direkte Geschäftsbeziehungen mit der Volksrepublik spüren immerhin 38 Prozent die wachsende Konkurrenz chinesischer Wettbewerber.
Innovation statt Rückzug
Um sich zu wappnen, ergreifen die Unternehmen Maßnahmen zur Stärkung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit: 60 Prozent setzen auf Produktinnovation, 50 Prozent auf Kostensenkung. 39 Prozent suchen verstärkt nach neuen Absatzmärkten. 31 Prozent der Unternehmen kooperieren mit chinesischen Partnern; bei Betrieben, die Waren und Vorleistungen aus China beziehen, sind es sogar 49 Prozent. 19 Prozent der deutschen Unternehmen planen aufgrund der wachsenden chinesischen Konkurrenz eine Verlagerung ihrer Investitionen, unter den bereits vor Ort engagierten Betrieben sind es mit 38 Prozent doppelt so viele. Ein Rückzug aus ihrem bisherigen Geschäftsfeld kommt dagegen nur für 12 Prozent der Betriebe infrage.
Wirtschaft erwartet ein geschlossenes Europa
Die Mehrheit der Unternehmen wünscht sich europäische Handlungsfähigkeit im Umgang mit der wachsenden Konkurrenz aus China und eine Strategie, die Europa resilienter macht: 67 Prozent der Befragten sprechen sich für ein gemeinsames außenwirtschaftliches Auftreten der EU aus. 60 Prozent geben an, die EU sollte strategische Abhängigkeiten reduzieren, 49 Prozent wünschen sich mehr Schutz der kritischen Infrastruktur. Restriktivere handelspolitische Instrumente erhalten demgegenüber weniger Zustimmung: Insgesamt befürworten nur 36 Prozent der Unternehmen einen stärker begrenzten Zugang zum EU-Binnenmarkt — unter den Betrieben, die Druck auf dem Binnenmarkt spüren, sprechen sich allerdings 42 Prozent für eine stärkere Abschottung aus. 31 Prozent der Befragten wünschen sich einen stärker marktbestimmten Renminbi-Wechselkurs, ebenso viele stärkere Handelsschutzmaßnahmen. Zugleich befürworten 25 Prozent den Abbau gegenseitiger Handels- und Investitionshürden, 18 Prozent erleichterte Innovationspartnerschaften. Sieben Prozent lehnen aus Sorge vor Gegenmaßnahmen zusätzliche Markteingriffe ab.
Die bevorzugten Maßnahmen unterscheiden sich dabei je nach Unternehmensausrichtung. Betriebe ohne China-Geschäft plädieren überdurchschnittlich häufig für den Abbau strategischer Abhängigkeiten (64 Prozent) und den Ausschluss chinesischer Unternehmen von kritischen Infrastrukturprojekten (54 Prozent). Unternehmen mit China-Export-Geschäft oder -Investitionen befürworten dagegen öfter den Abbau von Handels- und Investitionshürden (32 beziehungsweise 38 Prozent) sowie einen stärker marktbestimmten Wechselkurs (41 beziehungsweise 43 Prozent).
EU sollte handelspolitisch aktiver sein
Wie sollte die EU Wettbewerbsverzerrungen im Verhältnis zu China begegnen? Während sich 37 Prozent der Befragten stärkere handelspolitische Maßnahmen ablehnen oder eher ablehnen, sprechen sich insgesamt 55 Prozent der Unternehmen dafür oder eher dafür aus — auch dann, wenn sie dabei selbst von negativen Konsequenzen betroffen wären. Am häufigsten findet sich Zustimmung bei Betrieben ohne direktes China-Geschäft (58 Prozent), bei Unternehmen mit Export- oder Importgeschäft sind es 54 beziehungsweise 52 Prozent, bei Betrieben mit Investitionen oder Standorten in China nur 49 Prozent. In der Industrie votieren 59 Prozent für handelspolitische Eingriffe, im Handel nur 51 Prozent. Bemerkenswert: Selbst von den Unternehmen, die keinen direkten Wettbewerbsdruck durch China wahrnehmen, befürworten 46 Prozent stärkere handelspolitische Maßnahmen.
China-Wettbewerb geprägt von Preis- und Kostendruck
Aus den Freitextantworten der Unternehmen geht hervor, dass die Ursache der Wettbewerbsprobleme oft nicht allein in China gesehen wird, sondern auch in europäischen Standortnachteilen wie Bürokratie und Energiekosten. Gleichzeitig haben chinesische Hersteller in vielen Segmenten technologisch aufgeholt. Wo deutsche Unternehmen einen Qualitätsvorsprung haben, reicht dieser oft nicht aus, um den Kostennachteil auszugleichen. Die befragten Betriebe nannten insbesondere diese Punkte:
Weitere Fragen zur Thematik oder zur Region beantwortet Jan Müller, IHK Ostwestfalen, Tel.: 0521 554-101, E-Mail: j.mueller@ostwestfalen.ihk.de