Lippe Wissen und Wirtschaft, Ausgabe 1/2022DruckenZurück
Manchmal sind es die berühmten Gegensätze, die sich anziehen. Da passt die alte Villa am Johanniskirchplatz mit parkähnlichem Garten in nächster Nähe zur Jöllenbecker Straße gut zu einer der größten Full-Service-Digitalagenturen in Bielefeld – zur u+i interact. Hohe Decken, imposantes Treppenhaus, Parkett, weiße Flügeltüren und ein Aufenthaltsraum mit gemütlichem Ledersofa, Kicker und Wintergarten. Eine Umgebung, die wie geschaffen ist, um kreativ zu arbeiten. Eike Klein, der alleinige Geschäftsführer, und sein 75-köpfiges Team arbeiten von hier aus an der Digitalisierung von Geschäftsmodellen, Branding und Marketing sowie Künstlicher Intelligenz. Zu den Kunden zählen namhafte Unternehmen wie Arvato, Aldi Süd, Bette oder Miele.
Seit August 2022 ist die Digitalagentur zu 80 Prozent Teil der Gütersloher Hagedorn-Gruppe, einem früheren Kunden. Doch die Geschichte reicht weiter zurück — gegründet wurde u+i interact 2012, als sich zwei seit 2007 bestehende Agenturen zusammenschlossen. „2016 fiel dann die Entscheidung, dass wir beruflich neue Wege gehen und uns trennen“, erzählt Mitgründer Eike Klein. „In der Sache richtig, trotzdem eine schmerzhafte Entscheidung und mit Fehlern verbunden, die man gerne vermieden hätte“, resümiert der 51-Jährige. Während Corona verzeichnete die Agentur starkes Wachstum durch die zahlreichen Digitalinitiativen: „Das war eine verrückte Zeit, wir sind schnell gewachsen und hatten 110 Mitarbeitende“, erzählt der Agenturchef. Seit etwa drei Jahren herrsche eine Rezession am Markt, die die ganze Branche treffe. „Früher kamen die Kunden auf uns zu. Wir mussten den Vertrieb erst lernen“, beschreibt er die veränderte Marktsituation. Aktuell gebe es eine interessante Melange: „Künstliche Intelligenz trifft Rezession. Darin liegt die große Chance, uns weiterzuentwickeln und neue Wege zu gehen“, zeigt sich der Agenturchef optimistisch.
MIT WEBENTWICKLUNG GESTARTET
Der Vater von zwei Töchtern ist in Bielefeld geboren, absolvierte nach dem Abitur am Max-Planck-Gymnasium seinen Zivildienst und zog anschließend nach Berlin — und hat sich immer wieder neu erfunden. „Ich habe Geografie studiert, weil ich Stadtplaner werden wollte. Im Studium kam ich dann mit Webentwicklung in Berührung und baute meine ersten eigenen Websites. Das Wissen dafür habe ich mir autodidaktisch angeeignet“, sagt Klein. Nach seiner Unizeit in Berlin zog er zunächst nach Münster, arbeitete dort in einem Verlag und kehrte für die Selbstständigkeit nach Bielefeld zurück.
Die Agentur u+i interact ist heute auf drei Schwerpunkte fokussiert — zum einen auf Websites und Portale, zum zweiten auf Marketing und Kommunikation und drittens auf Softwareentwicklung und Künstliche Intelligenz. Eike Klein ist es wichtig, seinem Team modernste Arbeitsbedingungen zu bieten. Nicht ohne Grund ist die Agentur von der Stadt Bielefeld mit dem Prädikat „Ausgezeichnet Familienfreundlich“ ausgezeichnet worden. „Bei uns sollen Mitarbeitende Familie und Beruf gut miteinander vereinbaren, Verantwortung übernehmen und mit zeitgemäßen Tools arbeiten können. Dazu gehört auch, dass wir einen klaren und rechtssicheren Rahmen für die Nutzung aktueller KI-Modelle schaffen. So kann mein Team die Möglichkeiten der KI nutzen, ohne dass ungeregelte Schatten-KI entsteht“, betont der Unternehmer.
TRANSFORMATION DURCH KI
Künstliche Intelligenz — auch bei u+i interact ist sie ein wichtiges Thema, das mehr und mehr Raum einnimmt: „KI in unsere Arbeitsabläufe zu integrieren, ist mehr als die Einführung eines neuen Tools. Es ist ein Veränderungsprozess, den wir bewusst gestalten müssen. Mir ist wichtig, dass wir verantwortungsvoll mit den Daten unserer Kunden umgehen und sie schützen. Deshalb setzen wir auf Plattformen, die eine sichere und DSGVO-konforme Nutzung generativer KI ermöglichen.“ Ein großes Projekt, das sein Team derzeit beschäftigt, ist die Transformation der Hagedorn-Gruppe, die als führender Rundum-Dienstleister in den Bereichen Rückbau, Entsorgung, Recycling, Tiefbau, Schwerlastlogistik und Flächenrevitalisierung gilt. „Hagedorn automatisiert mit uns gerade seinen laufenden Betrieb, die KI hält Einzug in den Alltag. So werden Belege automatisch ausgelesen und beispielsweise nicht mehr händisch in Excel übertragen, Entsorgungsstatistiken entstehen automatisch aus mehreren Quellen. Belege, die früher durch fünf Systeme gejagt wurden, landen jetzt an einem Ort und können in Folgeprozesse überführt werden. Unser Anspruch ist es, dass die Entwicklungszeiten solcher Projekte und die daraus resultierenden Einsparpotenziale einen belegbaren Nutzen erzeugen und sich innerhalb von sechs Monaten amortisieren“, macht Klein deutlich. Für Hagedorn sei diese Zusammenarbeit mehr als ein einzelnes Digitalisierungsprojekt. Die Baubranche erwarte in den nächsten Jahren steigendes Auftragsvolumen bei gleichzeitigem Fachkräftemangel. „Mit der KI-Transformation verfolgt Hagedorn das Ziel, die eigene Mannschaft spürbar produktiver zu machen, Routinearbeiten aus dem Tagesgeschäft herauszunehmen und dadurch mehr Aufträge mit der vorhandenen Belegschaft bewältigen zu können, statt an fehlenden Fachkräften zu scheitern“, beschreibt Klein die Vorteile. Sein Credo: Was sich im laufenden Betrieb eines Großkonzerns bewährt, lässt sich oft auch auf mittelständische Unternehmen übertragen.
KI ZUR EIGENEN STÄRKE MACHEN
„Die Befürchtung, den eigenen Job durch KI zu verlieren, kann ich verstehen. Gleichzeitig bin ich sicher, dass es weiterhin einen hohen Bedarf an Fachkräften geben wird. KI kann Zeitfresser wie Listenpflege, Ablage oder das Abtippen von Belegen übernehmen. So bleibt mehr Zeit für Aufgaben, bei denen Erfahrung und menschliches Urteilsvermögen gefragt sind. Wir können uns der Entwicklung nicht verschließen, sondern sollten sie zu unserer Stärke machen.“ Sein Rat: klein anfangen und sich Schritt für Schritt herantasten. Warum er glaubt, dass KI sogar neue Jobs schaffen kann, zeigt für Klein das Beispiel der Softwareentwicklung: „Ich denke, dass durch die KI sogar mehr neue Jobs entstehen. Wenn auch anders als bisher. Programmierer werden mit KI deutlich effizienter. Sie steuern Code-Agenten und achten stärker auf Qualität und Wartbarkeit, statt jede Zeile selbst zu schreiben. Dadurch können wir individuelle Software mit weniger Aufwand entwickeln. Maßgeschneiderte Lösungen werden so auch für Unternehmen wirtschaftlich, für die sie bisher nicht infrage kamen. Wenn mehr solcher Projekte möglich werden, entstehen auch neue Aufgaben und Beschäftigungsmöglichkeiten.“
BENUTZERFREUNDLICHE LÖSUNGEN
Die Philosophie der Agentur beschreibt Eike Klein so: „Wir starten nicht mit einer fertigen Technologie, sondern schauen auf den Arbeitsalltag im Unternehmen. Wo stocken Abläufe, wo entsteht unnötiger Aufwand und was soll sich verbessern? Gemeinsam mit den Teams machen wir den Nutzen möglicher Veränderungen greifbar, etwa durch weniger manuelle Arbeit, kürzere Durchlaufzeiten oder weniger Fehler. Daraus entwickeln wir Lösungen, die zu den Menschen und Prozessen passen. Unsere Stärke ist, dass wir Geschäftsverständnis, Nutzererfahrung und Design mit technischer Umsetzung verbinden.“ Seine Mitarbeitenden eine der Wunsch, Prozesse und Interaktionen einfacher zu machen. So verfügt die Agentur beispielsweise über ein eigenes Teststudio für Softwarelösungen. „Ich ermuntere meine Beschäftigten, sich einzubringen und Verbesserungsvorschläge zu unterbreiten. Wir haben kurze Wege und sind ein Team, das gemeinsam reifer geworden ist. Rund 40 Prozent der Mitarbeitenden sind Frauen, hier herrscht eine kollegiale, offene Atmosphäre.“ Ihm sei es wichtig, seinen Kunden in Zeiten schnellen Wandels Orientierung zu geben und sie proaktiv zu beraten.
ALS BUSINESS ANGEL AKTIV
Eike Klein lebt gerne in Ostwestfalen: „Ich finde die Region toll, mag den Unternehmergeist und den Austausch. Das alles ist hier greifbar geblieben. Mir gefällt die Unaufgeregtheit der Menschen. Auch wenn sich der Erfolg nicht immer sofort zeigt, behalten Unternehmerinnen und Unternehmer die langfristige Entwicklung im Blick.“ Der Agenturinhaber ist niemand, der sich gerne in den Vordergrund drängelt, ein Anliegen ist ihm jedoch die Unterstützung von Gründerinnen und Gründern. Klein ist Mitglied im Teuto Seed-Club und investiert als Business Angel beispielsweise in das Paderborner Tech-Start-up Unchained Robotics, in das Bielefelder Umwelttech-Unternehmen green account, in die Münchner Lernplattform Simpleclub oder die Berliner Tiny Monster GmbH, ein Start-up, das eine kindersichere und bildschirmfreie Audio-Hörspielbox entwickelt hat. Einrichtungen wie die Founders Foundation oder den Pioneers Club in Bielefeld findet der Unternehmer prima: „Diese Form der Unterstützung und des Austausches hätte ich mir früher auch gewünscht.“ Privat findet er Entspannung im Kreise seiner Familie, zudem frönt er zwei unterschiedlichen Hobbys: Boxen und Golfen. Die eher ungewöhnliche Kombination erklärt Eike Klein so: „Beim Boxen bin ich voll im Moment. Es ist anstrengend und ich muss mich komplett konzentrieren. Gerade deshalb kann ich gut abschalten. Beim Golfen genieße ich die Natur und mag es, gemeinsam mit anderen Zeit zu verbringen.“ Klingt nach einem perfekten Match.
Silke Goller