Lippe Wissen und Wirtschaft, Ausgabe 1/2022DruckenZurück


Titelthema

Der Geschmackspolizist

Timms Einrichtungshaus in Werther – klingt nicht nur persönlich, ist es auch. Inhaber ist Tim Oberwelland, dem das Möbel-Gen quasi in die Wiege gelegt worden ist. Seine Eltern Klaus (72) und Doris (71) führen das Familienunternehmen „Werther – Die Möbelmanufaktur“ bereits in dritter Generation, gegründet wurde sie 1919. Seine Schwester Lea Oberwelland und er bilden die vierte Generation. Während die 36-Jährige in die elterliche Polstermöbelmanufaktur eingestiegen ist und dort ihre Expertise aus ihrem Studium des internationalen Business einbringt, hat Tim Oberwelland vor rund fünf Jahren einen neuen Weg eingeschlagen und ein eigenes Geschäft gegründet, das autark am Markt agiert.

„Das Markenzeichen von uns sind handgefertigte und langlebige Unikate, für deren Verkauf wir auf gute Händler angewiesen sind. Leider stellt sich die Marktsituation jedoch so dar, dass immer mehr dieser Händler schließen oder Showrooms zugemacht werden“, beschreibt der 41-Jährige die aktuelle Lage in der Möbelbranche. Während Corona ein „Segen für die Möbelbranche“ gewesen sei und viele Menschen sich neu eingerichtet hätten, stagniere nun die Kauflaune: „Für Einzelhändler gibt es immer mehr Hürden, das reicht von Bürokratie, Fachkräftemangel bis hin zur negativen Grundstimmung in der Gesellschaft“, sagt Oberwelland.

NACH NEUER STRATEGIE GESUCHT

Gemeinsam habe der Familienrat zusammengesessen und nach neuen Strategien gesucht, in Zeiten, in denen das alte Umfeld wegbreche. „Polstermöbel allein reichen nicht zum Einrichten, man benötigt auch Lampen, Tische, Stühle oder Betten. So kam die Idee auf, ein eigenes Einrichtungshaus zu eröffnen. Wir haben also die Karte ausgerollt und überlegt, wo ein geeigneter Standort sein könnte. Ostwestfalen ist ja eine Region, in der viele Industriebetriebe ansässig sind. Gute Einrichter gibt es hingegen wenig, da muss man schon nach Düsseldorf oder bis Münster fahren“, erklärt der gelernte Industriekaufmann. Nach seiner Ausbildung hat Tim Oberwelland in Köln an der Fachhochschule des Möbelhandels BWL studiert und anschließend viele Jahre im Vertrieb von „Werther — Die Möbelmanufaktur“ gearbeitet. Dann habe ein Zufall den Plänen der Familie in die Karten gespielt — für ein Gebäude an der Engerstraße in Werther wurde per Zeitungsanzeige ein Nachmieter gesucht für rund 700 Quadratmeter Fläche. „Hier war vorher ein Getränkehandel. Wir sitzen gerade in der Cola- und Fantaecke, früher lagen hier Pflastersteine auf dem Boden und es roch nach abgestandenem Bier“, erzählt der Vater von zwei Kindern und lacht. Ein Bild, das man sich heute, wenn man das Einrichtungshaus besucht, kaum noch vorstellen kann. Von außen rot verklinkert, betritt man innen eine Welt, die in der Zeitschrift „Schöner Wohnen“ abgelichtet sein könnte — hier trifft erstklassiges Design von führenden Einrichtungsmarken wie COR, Schramm Betten, rodam, B&B Italia oder KFF auf Sofas und Stühle Made in Werther. Vitrinen, Regalboards, Lampen, Bilder und Teppiche runden das Angebot ab. 

NAH AN DEN KUNDEN

Inzwischen beschäftigt Tim Oberwelland ein Team aus drei Vollzeitmitarbeitenden, einer Teilzeitkraft und drei Aushilfen, darunter zwei Studentinnen der Innenarchitektur. Auch eine Küchenplanerin zählt dazu. Wenn es personell mal eng wird, springen seine Eltern ein, umgekehrt hilft er bei Bedarf in der Produktion mit. „Wir wohnen in einem Mehrgenerationenhaus auf unserem Werksgelände in Häger. Bis zu ihrem Tod hat auch meine hundertjährige Oma bei uns gelebt. Es ist schön, dass immer jemand da ist. Aber leider ist auch immer jemand da“, sagt Oberwelland und schmunzelt. Er nimmt es gelassen, dass die Firma allgegenwärtig ist in seinem Leben und dem der gesamten Familie: „Ich bin durch meine Vertriebstätigkeit nah an den Kunden. Ein Bereich, der meiner Schwester nicht so liegt. Deshalb war es auch eine bewusste Entscheidung, dass ich die Geschäftsführung des Einrichtungshauses übernehme“, freut er sich über die gute Lösung für beide Seiten.   

EXPERTISE SPRICHT SICH HERUM

„Als Vertriebler habe ich tolle Einrichter kennengelernt, und es sind viele berufliche Freundschaften entstanden. Viele haben einen selektiven Vertrieb, und ich habe ne Menge Klinken putzen müssen, um manche Hersteller von meinem Konzept zu überzeugen. Besonders die Italiener haben sich anfangs geziert. Die konnten sich nicht vorstellen, dass aus einer ehemaligen Getränkebude ein hochwertiges Einrichtungshaus werden soll“, blickt Tim Oberwelland auf holprige Anfangszeiten zurück. Inzwischen haben er und sein Team einen festen Kundenstamm aufgebaut, die Expertise hat sich herumgesprochen. „Viele unserer Kunden sind so um die 40 Jahre, da ist die Erstausstattung meist durch. Auch die Boomer kurz vor der Rente, die eigentlich alles haben, möchten dann nochmal was Neues und qualitativ Hochwertiges anschaffen. Klipp- und Klapp gibt es bei uns nicht und wir generieren unseren Hauptumsatz mit individuellen Planungen, nicht mit dem Verkauf von Einzelstücken. Der Stückverkauf ist schwer und gegen die Giganten wie XXXL Lutz oder andere möchte ich nicht kämpfen“, sagt Oberwelland selbstbewusst.

GEMEINSAM AN NEUEM ZUHAUSE ARBEITEN

Zu einer guten Beratung und zu seinem Konzept gehöre es, Interessenten zu Hause zu besuchen. Den Grund erklärt er so: „Unsere Kunden müssen Vertrauen zu uns haben, Einrichtung ist ein Nasengeschäft. Einige haben eigene Ideen und gemeinsam erarbeiten wir dann das neue Zuhause. Ich schaue, wie die Menschen leben und möchte es nicht aufgeräumt haben. Mir sind die lebensrealistischen Szenen wichtig. Zunächst fertigen wir ein Moodboard an und gehen dann in die Planung. Das kann ein einzelner Raum wie ein Ess- oder Wohnzimmer sein, eine Küche oder aber auch ein ganzes Haus.“ Inzwischen sind seine Lösungen auch bei Restaurants oder Arztpraxen gefragt — durch Nutzung und Bespielung der Social-Media-Kanäle macht er bundesweit auf sich aufmerksam.

INVESTITIONEN IN DIE ZUKUNFT TÄTIGEN

 Es gibt einige Dinge, die den Unternehmer stören und dabei nimmt er die Politik in den Blick: „Es gibt zu viele Regularien. Ich bin überzeugt, dass vieles besser laufen würde, wenn man die Wirtschaft sich selbst regulieren lässt. Es gibt so viele Unternehmen, die beispielsweise in Sachen Nachhaltigkeit selbst viel anschieben, um durch Photovoltaik, durch Sanierung ihrer Gebäude oder Umstellung des Fuhrparks auf E-Mobilität ihre Kosten zu minimieren. Die wissen von selbst, was sie tun müssen, um wirtschaftlich zu arbeiten“, macht Oberwelland seinem Unmut Luft. Einen Weg, um in der Welt des Einzelhandels überleben zu können, sieht der Geschäftsführer darin, Investitionen zu tätigen: „Wir haben viel in unsere EDV-Programme investiert, ins Warenwirtschaftssystem, in Planungstools, die unsere grafischen Anforderungen erfüllen. Sicherlich kann man auch mit alten Programmen weiterarbeiten, aber eines Tages kommt der Zeitpunkt, wo man abgehängt wird. Wir aber sind vorbereitet und blicken daher beruhigt in die Zukunft.“

EINKAUFEN ZUM ERLEBNIS MACHEN

Tim Oberwelland glaubt fest an den stationären Einzelhandel. Unter bestimmten Voraussetzungen: „Man muss mit der Zeit gehen, das Einkaufen zum Erlebnis machen. Produkte anfassen, fühlen, riechen können. Und etwas Besonderes anbieten. Als Einzelhändler ist es meine Aufgabe, die Kunden ins Geschäft zu locken und Begierde auf bestimmte Produkte zu erwecken. Vor allem sollte der Kunde nicht das Gefühl haben zu stören.“ Auch den Onlinehandel sollte man seiner Meinung nach nicht außer Acht lassen und sich als Einzelhändler durch Dienstleistungen ein weiteres Standbein schaffen. Neben dem Möbelgeschäft betreibt der ehrenamtliche IHK-Prüfer eine kleine Boutique mit Geschenkartikeln wie Wein, Porzellan, Olivenöl sowie Wohnaccessoires. Immer beliebter werden auch die Koch-Events, die er in seinen Räumlichkeiten anbietet und die unter einem bestimmten Motto stehen: „Es ist ein Koch vor Ort, die Getränke sind inklusive und das gemeinsame Zubereiten des Menüs steht im Fokus. Das kommt gut an.“

IMMER NEUE AKZENTE SETZEN

Ansonsten wird die Ausstellung zwei- bis dreimal im Jahr gedreht. Aktuell machen die Gartenmöbel Platz für die kommende Weihnachtsdeko, zudem steht ein Open-Day an. Dafür wurde gerade eine Wand in der Farbe Berry gestrichen, davor thront ein riesiges Sofa im selben Farbton. „Man muss sich bewegen und bemühen. Immer neue Akzente setzen und bei den Kunden das Vertrauen aufbauen, dass man das richtige Einrichtungshaus ist“, verrät Tim Oberwelland sein Erfolgsrezept. Dazu gehöre auch gut geschultes Personal, denn viele Kunden kämen bereits vorinformiert ins Geschäft: „Wir müssen ehrlich sein, schließlich sind wir eine Art Geschmackspolizei. Und wir dürfen auch mal Nein sagen, wenn etwas nicht harmoniert“, sagt er und lacht. Er selbst hat sein Lieblingsmöbel übrigens selbst kreiert — das Sofa im Baukastenprinzip kann je nach Bedarf erweitert und umgebaut werden. Es trägt den Namen „Timeline“ — wie passend, setzt sich die Familiengeschichte der Oberwellands nun schon über vier Generationen erfolgreich fort.

Silke Goller