Page 42 - Ostwestfälische Wirtschaft Mai 2024
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40 Titel | Im Portrait
Gestartet ist sie als Unternehmerin kurz nach- „Zu meinem grössten Bedauern bin ich nicht in
dem Hans-Werner Böhme das 150. Firmenju- der Lage daran teilzunehmen, da wir am gleichen
biläum seines Familienunternehmens gefeiert Tage ebenfalls auf ein hundertjähriges Bestehen
hat. Noch heute lebt der mittlerweile 88-Jähri- zurückblicken können. Leider dürfte aus dem
ge mit seiner Ehefrau Lieselotte, die 40 Jahre selben Grunde meine Einladung an Sie zu unse-
lang in dem Unternehmen im Einkauf und Ver- rem Festkonzert gegenstandslos sein.“
kauf erfolgreich tätig war, in der Wohnung über Hans-Werner Böhme zieht eine Einladung aus
dem Ladengeschäft. Böhme empfängt in seinem seinen Unterlagen, in der ein „Festkonzert mit
Wohnzimmer und hat für das Gespräch histori- dem Stross-Quintett“ angekündigt wird, an dem
sche Artikel, Briefe, Einladungen und Werbeflyer die „Bevölkerung des Amtes Werther“ kostenlos
aus seinem Fundus rausgesucht, eine kurze Fir- teilnehmen konnte. Außerdem: „Wir bitten recht
mengeschichte und eine Übersicht über seinen sehr, die für etwaige, freundlichst zugedachten
Werdegang kopiert, „das können Sie gerne mit- Blumenspenden und Aufmerksamkeiten aufzu-
nehmen“, sagt Böhme. wendenden Beträge dem Krankenhaus St. Jaco-
Gegründet wurde das Textilhaus von seinem Ur- bistift, Werther, für notwendige Verbesserungen
großvater Friedrich Wilhelm Sudfeld, der nach und Erweiterungen, die durch den großen Be-
seiner Lehrzeit und Wanderjahren in Werther völkerungszuwachs notwendig geworden sind,
einen Tuchhandel mit Blaufärberei eröffnet hat. zuzuführen.“ Böhme erinnert sich, dass durch
„Das Geschäft florierte sehr“, hat Böhme in seiner Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Welt-
Chronik notiert, ein erstes Gebäude wurde 1852 krieg rund 25 Prozent mehr Menschen in Wer-
gekauft. Sudfelds Sohn August übernahm 1880 ther lebten als noch vor dem Krieg.
das Unternehmen, 1900 errichtete er das bis heu- Seine eigene Karriere im Unternehmen begann
te genutzte Geschäftshaus. im Jahr 1959, nach seiner kaufmännischen Aus-
Böhmes Vater Horst betrat 1932 die Wertherner bildung und Anstellung im Kaufhaus Beimdieke
Handelswelt, 1939 übernahm er das Geschäft in Brackwede sowie einer weiteren Station in
von seinem Schwiegervater. In den gegenseiti- Soest. Als prägendes Ereignis beschreibt Böhme
gen Glückwunschschreiben von IHK und Böhme die Zusammenarbeit mit seinem Vater: „Er hat
zum jeweiligen 100-jährigen Bestehen aus dem mich nicht eingeengt, mich einfach machen las-
Mai 1949 wurde auch das Bedauern ausgedrückt, sen. Das war nicht üblich.“ Das Angebot war da-
dass man nicht an den geplanten Festveranstal- mals sehr breit gefächert. Zusätzlich zur Damen-
tungen des jeweils anderen teilnehmen könne. und Herrenbekleidung sowie Wäsche gehörten
„Wie Sie so erinnern auch wir als gleichaltrige auch Schirme, Kurzwaren oder Sargwäsche zum
Körperschaft der selbständigen Kaufleute uns Sortiment. Angeboten wurden ebenfalls Betten,
des Jahres 1849 und der schweren Krise, in der Bettenreinigung, Matratzen sowie Stoffe. Böh-
sich unser heimisches Leinengewerbe zu jener mes beschäftigten eine eigene Näherin und eine
Zeit befand, und des bitteren Notstandes unter Hutmacherin. Während der gemeinsamen Tä-
unseren Spinnern und Webern. Die Krise wurde tigkeit wurde die Ladenfläche in zwei Schritten,
damals überwunden, aber immer wieder kamen 1965 und 1971, von 120 auf 500 Quadratmeter
und kommen in der Wirtschaft nach Jahren des vergrößert. Nach dem Tod seines Vaters im Jahr
Wachstums und des Aufstiegs 1979 leitete Hans-Werner Böhme das Geschäft
wie in allem Geschehen Still- allein weiter. Seine Liste ehrenamtlichen und
stand, Rückschläge und Nie- berufsständigen Engagements ist lang, so war
dergang. Ihre Firma kann er unter anderem 20 Jahre lang Prüfungsaus-
stolz darauf sein, heute 100 schuss-Vorsitzender „Einzelhandelskaufmann/-
Jahre nach Gründung des frau“ für den Altkreis Halle.
Geschäfts so gesund und Zum 150-jährigen Geschäftsjubiläum wurde
kräftig dazustehen“, heißt ein „Großer Jubiläumsverkauf“ organisiert. Als
es im IHK-Glückwunsch- „Dankeschön“ gab es „20 Prozent auf Alles, sogar
schreiben. In seiner Ant- reduzierte Ware“. Die drei Kinder Böhmes sind
wort auf die Einladung in anderen Berufen erfolgreich tätig, eine fami-
zur IHK-Veranstaltung lieninterne Nachfolge gab es nach 150 Jahren
schrieb Horst Böhme: nicht.

